Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Oberlehrer Jekel in Frankfurt/M. v. <?>11.1839 (Blankenburg)


F. an Oberlehrer Jekel in Frankfurt/M. v. <?>11.1839 (Blankenburg)
((a) Entwurf in BlM X,9, Bl 126, 1 Bl 4° 2 S.; b) Abschrift Luise Fröbels, 4 ½ S. ebenfalls BlM F 1058/34/1; Absenderort und Datumsjahr von anderer Hand später eingefügt. Teiledition der Reinschrift in: Rh. Blätter 26 (1872), 158-161; Editor vermutl. Lange. Der Teiledition fehlen Einleitung und Briefschluß. Außerdem liegen vielfache kleinere Kürzungen vor. Lange hat diese Edition mit dem Titel versehen: „Aus einem Briefe vom November 1839“. Den Adressaten nennt er nicht.)

a) Entwurf

Herrn Jekel Oberlehrer an der Dreykönigsschule zu Frankfurta/m


Wohlgeboren Hochgeehrtester Herr

Ob ich gleich nicht die Ehre habe, Ihnen persönlich bekannt zu seyn
so hoffe ich doch daß ein Zweyfaches mich bey meiner schriftl Einkehr
bey Ihnen entschuldigen wird einmal unser beyderseitiges lehrendes u erziehendes
u somit collegiales Verhältniß, wenn Sie anders mir einem privatwirkenden eine
gleichlaufende Zusammenstel[l]ung mit Ihnen einem angestellten erlauben wollen - dann eine erfreul[iche]
Mittheilung meines Freundes dH Dr. v Leonhardi welcher mir in
seinem jüngsten Briefe an mich schreibt daß ohne Zweifel durch Ihre thätige
wohlmeynende Vermittel[un]g u Mitwirkung in einer der Jungen Anstalten Frkfurths in einiger Zeit demnächstens die Einführung der von mir dafür
[er]stellten Spiel- u Beschäftigungs[-]
mittel besonder[s] für vorschulfähige kleinere Kinder bis zum schulfähigen Alter {bewirkt werde[n]/ statt finde[n]}
komme komm[en] würde.
Denken sich Ew. Wohlgeb nun einen Mann welcher wohl schon seit 1/2 Jahr[-]
hundert theils u zuerst in Beziehung auf sich, dann später in Beziehung auf andere sich
mit Auffindung von der, der Menschennatur entsprechenden Lehr[-], Erziehungs[-] u Bildungs[-]
Mitteln u Wegen beschäftigt, und der nun für sich u andere zu der d[urc]h alle Läut[erun]gs[-]
u prüfungsstufen des Lebens hind[urc]h zu der Überzeugung gekommen ist, daß er nicht ver[-]
gebens suchte, forschte, zweifelte u glaubte, dachte u handelte, sondern d[a]ß
ihm wenigstens für die Pflege der Kindheit ein leitender Lebensstern aufgegangen ist
u stellen Sie sich an die Stelle eines solchen Mannes, so werden Sie ganz gewiß empfinden
[wie ihm] ist, wie er sich und nach seiner Überzeugung eben im Interesse der Kinder freuen muß, wenn
die Ergebnisse seiner Forschungen u Lebensbeachtungen wenigstens zunächst wieder zu einer prüfenden Anwendung
An im Bereiche der Kinderwelt Anerkenntniß finden. Es erscheint mir nun aber
ebenfalls im Interesse der Kinderwelt u Kindheit {dieses /eines solchen} Mannes Pflicht jedes win[-]
zige und aufkeimende Vertrauen zu seiner Erstarkung, u zu seinem Wuchs allgem Entwickelung
mit dem Quell vieljähriger Lebenserfahrung in unmittelbare Verbindung zu setzen
um so unmittelbar aus ihr vielleicht die Lösung nach stattfinden[dem] Zweifel zu schöpfen; dieß der Grund meines Kommens zu Ihnen
mögen Sie mir darum als ein für Erziehung thätiger Mann mir mit dem aufkeimenden Geschl[echt] wohl[s]orgender Mann, einem
in gleicher Beziehung thätigen u wohl[s]orgenden [Manne] verzeihen.
II 53 [Archivsignatur]/
[126R]
Seit der Anerkenntniß welche die von mir aufgestellte Pflege[-] u Erziehungs-
Bildungs[-], Spiel[-] und Beschäftigungsmittel u Weisen bei der israel Schule zu Frkfurt und besonders
durch Errichtung einer eignen SpielAnstalt für kleine Kinder fanden [;]
Seit jener Zeit haben sie - und nicht ohne eine strenge oft vom Zweifel <begonnene>
u geleitete Kritik hind[urc]h gehen müssen - besonders auch in dem Gemüthe
der fürstl deutschen liebend erziehen[den] lebenserfahren[en] Frauen[-] u Mütterwelt die lebensvolledige Achtung u Anerkenntniß ge-
wonnen, solche Theilnahme daß sie sich selbst in ihrem Kreise fortgehender zunächst die prüfende
Anwendung Beachtung des Gegenstandes dann die fördernde Theilnahme darin zu wecken
sucht. Hat sich auch diese Theilnahme bis jetzt auch nur auf einzelne Förderung
des Gegenstandes die namhaft bis jetzt noch unbedeutend sind doch immer auf Personen
zur Wirksamkeit u Einführung der Sache bezogen, so ist sie um so allgemeiner
u eine mir im Fortgang der fraul Mittheilungen darüber mir selbst unbe-
kannte Zahl edler Frauen der verschiedensten Stände nimmt daran Antheil[.]
Denn wenn der Stand der obigen Entwickelung u meines Unternehmens Ihnen ohne Zweifel
wie immer im Allgemeinen ein Standpunkt seyn wird, so ist dadurch
diese selbst in ihrem Zusammenwirken mein[en] Freunden in Frankfurt wenig in ihrem
Zusammenwirken bekannte
Thatsache ist es nun zunächst die ich Ihrer Theilnahme mit[-]
theilen wollte, mittheilen zu müssen glaubte; denn dad[urc]h ist die Sache nun vor
ihre rechte Gerichtstätte gekommen u hat d[urc]h die That d[urc]h die lebensvolle Theilnahme selbst ihr
Urtheil erhalten. Denn über die Pflege und Erziehung der Kindheit bis zum vorschul-
fähigen Alter, das dürfen wir nicht leugnen, das müssen wir anerkennen hat vor
allem die selbstdenkende u lebenserfahrene die ächt menschl fühlende Mutter eine Stimme und gestehen
müssen wir, daß aller Erfolg, der kommt [alle] gute Erziehung aller in dieser solcher immer unter solcher Mutterpflege verlebte
ihre Wurzel aller rechte gute Unterricht darin säen fruchtbaren Boden hat. In Handlungen
ehrlicher Pflege E[rziehe]r
in der Kindheit müssen wir begründen zu begründen suchen was wir heilsames
u segensreiches für die Jugend u das Mannesalter des Menschen u der
Menschheit zu erstreben wünschen. Gewiß ist es tief begründet. Hochgeehrtester
Herr, wollen wir unsere Schüler fördern erheben, wollen wir in und d[urc]h Darstellung
unserer Schüler in Übereinsti[mmun]g mit der steigenden Bildung des Menschenge[schlechts] fortbilden u ihr entgegen [bilden] [Text bricht ab]

b) Reinschrift/Abschr.

[1]
Herrn Jäkel, Oberlehrer an der Dreikönigsschule in Frankfurt a/m


Blankenburg 1839


Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr!

Ob ich gleich nicht die Ehre habe, Ihnen persönlich be-
kannt zu sein, so hoffe ich doch, daß ein zweifaches meine
schriftliche Einkehr bei Ihnen entschuldigen wird. Einmal
unser beiderseitiges lehrendes, erziehendes und so mit colle-
giales Verhältniß, wenn Sie anders mir als einem nur pri-
vatwirkenden eine Zusammenstellung mit Ihnen, einem
öffentlich Angestellten erlauben wollen; Dann eine erfreuliche /
[1R]
Mittheilung meines Freundes, Dr. von Leonhardi, jetzt in Frank-
furt, welcher mir schreibt, daß durch Ihre Vermittlung und
thätige Mitwirkung in einer oder zwei Anstalten Frankfurts
die Einführung der von mir aufgestellten Spiel- u Beschäftigungs-
mittel geschehen werde.
Denken Sie sich, geehrter Herr, einen Mann, welcher seit
einem halben Jahrhundert, zuerst in Beziehung auf sich,
und dann später in Beziehung auf andere, der Menschen-
natur entsprechende Bildungsmittel suchte; der nun für sich
und andere, durch alle Läuterungsstufen des Lebens hindurch,
zu der Ueberzeugung gekommen ist: daß er nicht vergebens
suchte und forschte, zweifelte und glaubte, dachte und handelte,
sondern daß ihm wenigstens für die Pflege der Kindheit
ein leitender Lebensstern aufgegangen ist; setzen Sie sich an
die Stelle eines solchen Mannes: so werden Sie empfinden, wie er
sich im Interesse der Kinder freuen muß, wenn die Ergebnisse
seiner Forschungen im Bereich der Kinderwelt Anwendung
finden.
Es erscheint mir als Pflicht eines solchen Mannes, im Interesse
der Kinderwelt, jedes in dieser Beziehung junge, aufkeimende
Vertrauen zu seiner wahren Erstarkung und allgemeinen
Entwicklung gleich im ersten Beginne mit dem Quell vieljäh-
riger Lebenserfahrungen in unmittelbare Verbindung zu set-
zen, um vielleicht noch stattfindende Zweifel zu lösen.
Dies ist der eigentliche Grund meines Schreibens. Mögen
Sie darum als ein für Erziehung thätiger und es mit dem auf-
keimenden Geschlecht wohlmeinender Mann mir verzeihen.
Seit der Anerkenntnis, welche die von mir
aufgestellten Erziehungs- und Bildungsmittel bei dem israelitischen
Schulrat in Frankfurt, besonders durch Errichtung einer eignen
Spielanstalt fanden, seit jener Zeit haben sie durch eine /
[2]
strenge, oft vom Zweifel geleitete, Kritik hindurchgehen müssen.
Aber auch im Gemüthe der deutschen, lebenserfahrenen Frauen[-] und
Mutterwelt lebenvolle Achtung und Aufnahme gewonnen, solche
Teilnahme, daß edle Frauen in ihren Kreisen fortwährend die
prüfende Beachtung dieses Gegenstandes und seine Förderung
zu wecken suchen.
Hat sich nun aber diese Teilnahme bis jetzt nur auf die Pflege
der Sache im einzelnen bezogen, doch aber immer auf Personen
zur Einführung und Wirksamkeit in derselben, so ist sie doch um
so allgemeiner im Fortgang der fraulichen Mitteilungen
besprochen und anregend dafür gewirkt worden. –
Durch die förderliche Teilnahme der Frauen und Mütter ist
die Pflege der Kindheit im vorschulpflichtigen Alter vor die
rechte Gerichtsstätte gekommen und hat hier durch die That
ihr Urtheil erhalten. Denn über die Pflege und Erziehung des
bezeichneten Alters haben vor allem die selbstdenkenden und
lebenserfahrenen Mütter eine Stimme, wie wir erkennen, daß
alle gute Erziehung ihre Wurzel und jeder gute Unterricht in der sorglichen
Kindheitspflege der Mutter seinen fruchtbaren Boden hat.
In, hochgeehrter Herr, in der Kindheit müssen
wir begründen, was wir Heilsames und Segensreiches für die
Jugend und das Mannesalter der Menschen erstreben. Gewiß
ist es tief begründet, wollen wir unsre Schule fördern, wollen
wir in uns das Bewußtsein erringen und von andern anerkannt
sehen, unsre Jugend in Uebereinstimmung mit der steigen-
den Entwicklung des Menschengeschlechtes fort[-] und ihr ent-
gegen zu bilden; so müssen wir streben, unsre Kinder all-
seitig
zu kräftigen, allseitig zu entwickeln um sie für einen
Schulunterricht, wie der ist, der sie jetzt erwartet, vorzubilden,
zu befähigen. - Denn weder durch zu frühen eigent-
lichen Unterricht, vor allgemeiner Erstarkung der Glieder- /
[2R]
Sinnen- und Geistesthätigkeit, - noch durch späteres Ueber-
häufen desselben, durch geistigen und moralischen Zwang, erlangen
wir das Ziel, wonach wir streben: zeitgemäßes Fortrücken unsrer
Schulen, zeitgemäße Ausbildung unsrer Schüler; sondern einzig
und allein durch entsprechende Vor- und Ausbildung des Menschen in den
Jahren der Kindheit.
Ich bin erstaunt, in dem, beinahe vor fünfzig Jahren er-
schienenen Gesundheitskathechismus von Dr. Faust in Bücke-
burg fast das Gleiche zu lesen und mir nun sagen zu müssen,
daß es ein halbes Jahrhundert bedurfte, ehe diese Wahrheit,
noch nicht einmal allgemein, sondern nur erst begonnen
wird in einzelnen Punkten das echte Erziehungs- das echte
Schulwesen darauf zu bauen; und Heil und Segen denen, die es
thun so spricht schon dortmals der alte Veteran wiederholt
aus. Doch diese Wirkungen auf die intellectuelle Ausbil-
dung des Menschen sind noch immer die geringeren. Wichtiger
ist noch die dadurch erreichte und wahrhaft tief begründete mora-
lische und religiöse, ja ich möchte in mancher Beziehung sagen,
kirchliche Ausbildung. Ich meine nämlich: das Kind wird
durch die in Frage stehende Pflege- und Beschäftigungsweise
in allen seinen Thun zur Selbstbeachtung und Selbstprüfung,
zur Prüfung und Beachtung anderer Gegenstände auf den letzten
Lebensgrund hingeführt, und wird so reich, wie an äußeren,
so an inneren Lebenserfahrungen. An nichts geht es achtungs-
los und ohne Beziehung auf sein besseres Innere und dessen
Pflege vorüber; und so muß es nothwendig geschickt werden,
dasjenige, was ihm später die Geschichte, was ihm fremdes
Nachdenken, was ihm die verschiedenen Lehrstufen und Lehr-
weisen sagen, reiner und lebenvoller aufzufassen und bestimmter
im Leben und auf's Leben anzuwenden.
Ich wollte anfangs für alles dies aus dem Reichthum meiner /
[3]
jüngsten Kinderpflege Belege hinzufügen; aber Zeit und Raum ge-
statten es nicht. Doch schon einige Beachtung einer nach diesen Grund-
sätzen geleiteten Kinderpflege wird Ihnen bald selbst Ergeb-
nisse bringen.
Gewiß aber werden Sie schon ahnend empfangen, was klar vor
meiner Seele steht; daß dem menschenliebenden, wie berufstreuen
Manne außerhalb seines Berufswirkens nichts reinere Freuden,
höheren Frieden geben kann, als das Wirken dafür, daß die Kindheit sich
ihrem und dem Wesen der Menschheit entsprechend entfalte,
und demgemäß allseitig leiblich und geistig früh erstarke,
und zu dieser Erstarkung bethätigt werden möchte. Jene
Freude, jener Friede wird erhöht durch den Dank und durch das
Anschauen glückseliger Kinder und dankbarer Eltern; nicht zu
gedenken des segnenden Bewußtseins erster Mitarbeiter
einer neu erstehenden, menschlich-guten Sache gewesen zu
sein.
Nicht um Ihre Ausdauer in dem begonnenen Werke zu er-
höhen, sondern vor allem, um Ihnen zu zeigen, daß eine
innige Theilnahme des Herzens Ihrem Wirken folgt,
erlaubte ich mir Ihnen Vorstehendes auszusprechen; besonders
aber auch um pflegend eine, wenn auch unbekannte Schuld, gegen
Frankfurt abzutragen; dort schenkte man mir Vertrauen und
ich verdanke meinem dortigen Aufenthalte die erste Grundlage
meiner Erzieher- und Lehrerbildung.
So wirkt schon das Gute, besonders das auf Verallgemeinerung
einer entsprechenden Erziehung weckende [sc.: wirkende] Gute, was der einzelne
erfährt, wohlthätig und segensreich auf viele zurück; wie viel mehr
muß nun ein Wirken wie das Ihre, welches segensreiche von Ihnen
als einzelner auf viele aus- und übergeht, unendlich vervielfacht
auf Sie zurück wirken.        Mit wahrer Hochachtung mich
unterzeichnend                   Ew Wohlgeboren
           Ergebenster
           FrFröbel.