Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Auguste Ritter in Bergedorf v. 2.12.1839 (Blankenburg)


F. an Auguste Ritter in Bergedorf v. 2.12.1839 (Blankenburg)
(BN 610, Bl 2-4, Reinschrift 1½ B 8° 6 S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 2. Dec. 1839.


Meine treusinnige Nichte, liebe Auguste.

Daß mich Dein lieber Brief, besonders was Du mir von
Deiner gesunden kräftigen Kinderwelt, Deinen muntern
Knaben und Deinem gesammten Familienglücke schreibst,
gar hoch erfreut hat, brauche ich Dir wohl kaum aus-
zusprechen, denn was ist das Ziel alles meines Wir-
kens und Strebens: es ist friediges und freudiges Fa-
milienleben im Festhalten des höchsten und reinsten
Menschheitszieles, wie sollte ich nun da, wo ich Blüthen
selbst Früchte eines solchen Lebens sehe, mich nicht innigst freuen?-
Du siehest also liebe Nichte, daß Du in mir noch den alten
gleichgesinnten Oheim findest, wie ich mich so sehr gefreut
habe, in Dir wieder die einfache, aufrichtige, wohlmey-
nend treue Seele gefunden zu haben, mit welcher Du vor
Jahren in Keilhau von mir schiedest. In solcher heiteren
Herzenstreue bleibt das Leben immer frisch, immer
grünend und blühend, auch wohl fruchtend und manche Frucht
zur Reife bringend, welches alles so liebe Lebensgaben sind,
daß ich mich gar sehr erfreue, daß das Schicksal Dich so
schön damit bedenkt.
Mich aber haben des Lebens Schicksale, besonders durch
den so frühen Verlust meiner nun verkl. l. Frau, Deiner
Dir stets bleibend in Liebe zugethanenen [sc.: zugetanen] Base, - gar sehr /
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schmerzlich getroffen, zwar hat sich mein äußeres
Leben als der Kindheit, der Pflege der Menschheit in
der Kindheit hingegeben in etwas beruhiget; allein
um so tiefer und stilltraue[r]nder empfinde ich den
herben Verlust je mehr das äußere Leben freudig
sich und genügend enwickelt je mehr mir nun die fehlt
die es gleich innig pflegend und mit mir, in sich trug; Oft
sehr oft kann ich den Schmerz darüber in mir kaum
unterdrücken; dann kann mich nur das Bewußt-
seyn erfreuen, ermuthigen, erheben, daß ich das pflege,
was ihr selbst im Leben so theuer war - entsprechende
Beachtung der frühesten Kindheit des Menschen -
und daß ich mich, zur solchen Pflege und solchem Leben
bleibend Ihres Seegens versichert halten darf.-
Ja so ist es. Du wirst vielleicht gehört haben daß
ich schon vor dem Hinscheiden meiner l. Fr., eine Anstalt
zur frühesten genügenden Pflege der Kindheit besonders
durch entsprechende Spiel- u Beschäftigungsmittel u
Weisen öffentlich angekündigt hatte. Da es jetzt nichts
ausmacht, ob ich diesem Briefe ein Blatt mehr oder
weniger beyschieße, so lege ich hier die Anzeige
bey, welche noch bey Lebzeiten meiner theuren Seelenfreun-
din u Frau, ja zu ihrer Freude, erschien.- Dieser Anzeige
zur Folge wurde Anfangs Juny dieses Jahres die Anstalt
so wie die dazu gehörige Kleinkinderpfleg- Spiel-
und Beschäftigungsschule errichtet. Da öffentliche Blätter /
[3]
sich bestimmt genug über den Fortgang der Anstalt aus[-]
gesprochen haben so kann ich hier, mich auf diese beziehend
mich kurz fassen. Einige Aufsätze im Allgem. Anz. d. D.
will ich Dir in dieser Beziehung, wenn solche Dir noch nicht zu
Gesicht gekommen seyn sollten, besonders erwähnen; sie
stehen in Nr. 276 von 10. Oktbr und in Nr. 290 von 24.
dess. Monats. Sie sind beyde aus zwey verschiedenen
sehr achtbaren hiesigen Beamtenfamilien hervorgegangen,
deren Kinder sehr fleißigen Antheil an der Spiel- und
Beschäftigungsschule nehmen.- Du wirst diese Blätter
gewiß bekommen können, so wie Du nach deren Lesung, was
Dir wohl lieb seyn wird, ein klares Bild von dem hiesigen
Leben bekommen wirst. Zur Vervollständigung lege ich
Dir hier noch zwey Nrn. aus der von der Fräulein Luise
Marezoll
in Jena herausgegeben werdenden Frauen[-]
zeitung Nr. 142 und 143 bey in welchen sich abermals
ein Aufsatz über das hiesige Leben befindet, dessen Grund-
lage die Mittheilungen einer geistreichen und gemüthvollen
Frau (welche längere Zeit sich, hier mit dem Ganzen innig
lebend, zur Prüfung desselben hier aufhielt) - an die
Fräulein Luise Marezoll ausmachen. Luise Mare-
zoll ist eine Tochter des bekannten Predigers Marezoll
in Jena.- So könnte ich also meine Mittheilungen über
mein hiesiges Wirken, welches Herr Middendorff höchst
förderlich theilt, schließen; das Weitere was ich sonst
wohl noch erwähnen könnte z.B. daß ich jetzt auch eine /
[3R]
Einrichtung zur Bildung von Kindermädchen begonnen habe.
In Beziehung auf die Frauenzeitung wollte ich noch erwäh-
nen, daß sie ein sehr geachtetes Blatt ist und daß es viel[-]
leicht geschickt seyn könnte einem Bedürfniß nach belehren-
der Unterhaltung unter den Frauen Bergedorfs abzu-
helfen; dann wollte ich es Dir empfehlen, um es dazu
in Vorschlag zu bringen. Fräulein Marezoll schreibt
mir darüber, daß das Blatt von künftigen Neujahr
in einer verbesserten Gestalt d.i. in Vierteljahrheften
erscheinen würde, um größere Aufsätze aufnehmen
zu können.
Sollte Dein lieber Mann welchen ich herzlich von mir
zu grüßen bitte, in Hamburg Lebensfreunde haben,
von welchen er glauben könnte, daß es für sie Interesse
habe, von meinem Wirken Kunde zu bekommen, so lege
ich für diese noch ein zweytes Exemplar, sowohl der
Anzeige als der Frauenzeitung, bey. Sey so gut mir
gelegentlich durch Malchen zu schreiben, ob Ihr einen
und welchen Gebrauch Ihr davon gemacht habt.- Es
würde mich gar sehr erfreuen, wenn der Gegenstand
meines Lebens, die Sache der Kindheit und so der Mensch-
heit auch in Eurer Gegend und besonders auch unter
den Frauen Eures und Deines Kreises - und so
namentlich durch Dich und Deinen Mann Wurzel
fassen könnte. Vielleicht würde mir dadurch auch die
Freude Euch in Eurer schönen Wirksamkeit zu sehen.- /
[4]
Wie sehr ich für Malchens Deiner lieben Schwester häus-
lichen Hülfe dankbar bin, brauche ich Dir wohl nicht erst
auszusprechen. Ihre Herzensgüte kennst Du und Ihr
redliches Streben denen sich gefällig zu zeigen die sie
liebt und achtet, so wirst Du mir leicht glauben daß
ich oft Ursache habe von diesem ihren Sinn und Streben
gerührt zu werden. Leider wird sie aber diese
meine Gesinnung nicht immer vor manchem Schmerz be-
wahren, welchen ich gern von ihr nähme wenn es mir
möglich wäre; und ich zweifle auch gar nicht daran
daß es noch geschehen kann da Offenheit zwischen uns
herrscht. Zu diesem Zwecke wünsche ich nur noch das Eine,
daß die Überzeugung recht tief in ihr Wurzel fasse,
daß jeder meiner Wünsche in Beziehung auf sie, auch
nur ihr Bestes bezweckt. Eines bedaure ich in dieser
Beziehung gar sehr, daß es die Verhältnisse nicht ge-
fügt haben, daß Malchen nur ein oder ein paar Mo-
nate unter der Leitung meiner, für Bildung zur Haus-
wirthschaft seltenen Frau, bey uns leben konnte.
Genug mein Wunsch ist der: - daß unser liebes Malchen
in meinem Hause und Wirken immer mehr Freude
finden möge.-
Von Keilhau und wie Malchen da von allen, ich
mag Niemanden, selbst nicht einmal den Oheim u die
Base herausheben geliebt u geachtet wird, wird sie
Dir hoffentlich selbst geschrieben, so wie Dir alles /
[4R]
Neue von dort berichtet haben. Ich lasse also alles
dieß an der Seite liegen, so wie auch alle Nach-
richten von Ferdinand und Herr Langethal aus
der Schweiz. Aussprechen will ich nur daß es
überall nach Maaßgabe des wechselnden mensch-
lichen Lebens recht gut geht. Daß Herr Barop
gestern nach 4 wöchentlicher Abwesenheit aus seiner
Heymath wohin er seine Mutter u Schwester brachte
mit 3 neuen Zöglingen zurückgekehrt ist, so daß die
Zahl derselben in Keilhau nun 30 ist, dieß alles
wird sie Dir geschrieben haben. In Beziehung auf
hier will ich nur erwähnen, daß meine Anstalt
hier außer vielen gebildeten und achtbaren Besuch
sie auch noch zum öfteren fürstlichen Besuch gehabt hat
so der Frau Fürstin Mutter Durchl. zu Schw. Rudolst.,
Ihrer Durchl. Schwester der Frau, Prinzeß Karl
zu Schw. Rudolst[a]dt; - der reg. Frau Herzogin von Dessau; -
der Frau Erbgroßherzogin von Mecklenburg - (Stiefmutter
der einstigen Königin von Frankreich) - der Frau Prinzeß
Albert zu Schw. Rudolst. (einer Tochter der Königin von Hannover)
Zwey Prinzessin[nen] zu Schaumburg-Lippe wovon die eine
die Schwester die andere die Tochter des jetzt reg. Fürsten
zu Schaumburg-Lippe ist; endlich die kleine Prinzeß Elisabeth
von Schwarzburg-Rudolst.- Alles geht zu Ende, Papier
und Zeit darum nochmals die herzlichsten Grüß[e] an Dich deinen
lieben Mann und wackern Knaben. In Liebe u Treue Dein Oheim
FrFröbel.

Karl Fröbel hat jüngst mir auch einen Gruß gesandt.