Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Verwandte in Berlin v. 6.12.1839 (Blankenburg)


F. an Verwandte in Berlin v. 6.12.1839 (Blankenburg)
(Es handelt sich wohl um Verwandte Wilhelmine F.s; genannt werden "Cousin u. Cousine"; „Emma“, „Hermann“, „Auguste“, -ein Adressatenkreis, der bereits im Brief F.s vom 27.9.1836 angesprochen wurde. Das Reinschriftfragment des Briefs liegt im BlM IX,6, Bl 58-61 2 B 8° gr 8 S. Dazu gehören 2 Abschriften BlM IX,6, Bl 53-54 [1 B 8°gr 4 S.] und BlM IX,6, Bl 62 [1 Bl 8° 1 ½ S.] von F.s Hand als Beilagen. Beilage 1: Aus einem Schreiben einer Unbekannten [= Anna von Mannsbach] an Karl Hermann Scheidler in Jena v. 1839 [erwähnt auf 60R]; Beilage 2: Brief des Schulrats der israelitischen Gemeinde in Frankfurt/M. an F. v. 2.12.1839 [erwähnt auf 61V]. Zur Beilage 1: In BN 183, Bl 25-25a gibt es ein weiteres Abschriftfragment des Schreibens an Scheidler, mglw. von Barops Hand und textlich mit dem hiesigen übereinstimmend. Am Fuß von Bl 25aR wird es als "Auszug aus einer Berichterstattung über die Blankenburger Anstalt von Frau von Mannsbach" identifiziert. Zur Beilage 2 siehe auch F.-Brief an Witz v. 4.12.1839. - Am Ende von 61R setzt F. zum Briefschluß an, daher fehlt wohl nur ein Blatt [oder Briefende auf Umschlag?].)

Blankenburg bey Rudolstadt am 6en Decbr 1839.


       Theure, hochgeachtete Familie,
Hochgeehrtester Cousin und liebe Cousine.

Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, ich würde es Niemanden
glauben, daß es möglich wäre, Menschen, ja eine ganze Familie
innig hochzuachten, ja zu lieben und doch Jahre lang gegen sie
schweigen zu können, wenn man überdieß während dieser
Zeit so oft die sprechendsten Beweise fortdauernder Freundschaft
von ihnen erhalten hat; - wie dieß nun doch alles mir mit Ihnen,
geliebten Menschen und Freunden geschehen, alles so wahr ist.
- Weit lieber ich nun als ich Ihnen allen, Eltern und Kindern
dieses schreibe, käme ich darum selbst persönlich zu Ihnen,
sagte und bäte: - verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir
um des großen Verlustes willen der mich in dieser Zeit ge-
troffen hat; - denn was soll ich zu meiner Entschuldigung
sagen!- Mehr als 3 Jahre sind verflossen seit ich nach dem
Empfange so vieler Freundschaft von Ihnen schied; mehr
als 3 Jahre sind verflossen, seit Sie alle mir noch fortgeh[end]
und brieflich so liebe Beweise Ihrer mir bewahrten Freund[-]
schaft gaben und in all dieser langen Zeit empfingen Sie kein
Wort dankbarer Erwiederung von mir.- Ich will es nicht
entschuldigen, es läßt sich nicht entschuldigen; nur meine
Bitte um gütevolle Verzeihung kann ich wiederholen. Doch
eines nur erlauben Sie mir: Ihnen nur anzudeuten
wie dieß bey meiner treubewahrten innigen Liebe u.
wahrer Hochschätzung Ihrer aller, auch keines nicht aus[-]
genommen, dennoch zu geschehen möglich war. Also
keine Entschuldigung, nur treue Erzählung.
Während meines mehrmonatlichen letzteren Aufenthaltes
mit meiner nun verklärten Wilhelmine in Berlin, lebte nicht nur ein /
[58R]
neuer eigenthümlicher Gedanke der Erziehung durch entsprech-
ende Beachtung und Pflege des Thätigkeitstriebes der Kind-
heit in meiner Seele, sondern, wie es mir mit solchen allge-
meinen und umfassenden Gedanken - ehe ich sie in mir ganz
klar durchgearbeitet und für äußere Darstellung im Leben
völlig sicher habe, - geht: dieser Gedanke nahm alles mein
Denken und Thun so in Anspruch, daß ich zur Verwirklichung
desselben in mir getrieben wurde, mir das Liebste zu entziehen,
ja demselben für den Augenblick um so mehr entsagen konnte,
als ich in mir hoffte durch baldige Erringung des Preises auch
dieses Liebste zugleich unmittelbar damit wieder zu gewinnen,
und zwar nun in innigerer Lebensverknüpfung. Sehen Sie,
Hochgeehrte, Liebe! so ging es mir nach meiner Abreise von
Berlin und nach Empfang Ihrer so werthen Briefe. Ich konnte
in dem Augenblick die mir dadurch gewordene liebe Gabe
nicht gleich mit etwas Anderem, mir gleichwerthigen er-
wiedern, hoffte aber durch baldige Entwickelung meines neuen
Lebensplanes dazu Stoff zu erhalten; so verschob sich mein
Schreiben, verschob sich von einer Zeit zur anderen, und so
war jener kleine unbedeutende äußere Umstand Schuld,
daß ich während länger als 3 Jahren das Vergnügen ent-
behrte mit Ihnen, liebe Verwandte und Freunde, wenigstens
in schriftlichen Lebensverkehr zu stehen; denn je länger der Zeit-
raum meiner Briefschuld dauerte, je weniger wollte mir das,
was ich Ihnen als Lebensentwickelungen zu schreiben hatte, genügen,
dagegen erschien mir das nächstwichtigere bald erreicht
und so verfloß denn ein Monat, so gar ein Jahr nach dem
anderen. Dieses für mich so verhängnißvolle Jahr erschien.
Zwar mit der ganz bestimmten Aufforderung meiner nun
verklärten Frau, - denn nichts lag ihr mehr am Herzen und
war ihr innigerer Wunsch, als das Gelingen meines Lebens-
planes, welcher so ganz ihren Beyfall hatte, - dennoch mit /
[59]
mit wirklicher Herzensangst verließ ich Blankenburg Ende vorigen
Jahres durch die Nothwendigkeit bestimmt, welche mich zur Be-
gründung meiner Unternehmung nach Dresden rief; denn der
Gesundheitszustand Wilhelminens wurde immer bedenklicher.
Mit erhöhter Angst kehrte ich Anfangs dieses Jahres von Dresden
und Leipzig hierher zurück und mein höchster einziger Wunsch
war nun nur noch, daß das treueste, pflegendste, das, mein Le-
ben so sehr veredelte und verschönte Weib, vor ihrem Scheiden
aus demselben einen in demselben und durch dasselbe errung-
nen Preis sehen möchte; gleichsam einen Schlußpunkt des Ganzen,
und doch auch wieder einen Anfangspunkt eines neuen.-
Dieß geschah durch die Ankündigung der hier nun errichteten Anstalt
zur Bildung junger Mädchen und Jungfrauen zu Führern und Er-
ziehern der Kinder früheren Alters und der in Verbindung damit
hier ausgeführten Spiel- und Beschäftigungsanstalt kleinerer
Kinder bis zum schulfähigen Alter; und ich halte die hohe be-
glückende Beruhigung, daß ihr das Gewonnenhaben dieses Wir-
kepunktes und Zieles die innigste Freude machte; sie sprach mir
bestimmt aus, daß dieser Gegenstand ihr innerstes Wesen
erregen würde, und wenn alles übrige im Leben zurückgetreten
sey, und so sehr auch wirklich ihre Lebenskräfte schon geschwunden waren.
Wie sie, die Theure nun den geseegneten Fortgang meiner
Unternehmung wünschte, so sehr ersehnte ich den ersten Baum
blühen zu sehen; denn ich trug, wegen des so häufigen Wechsels des
Wohlbefindens doch noch immer die Hoffnung in mir: - würde
die geliebte Frau nur nochmals die Baumblüthe erleben und
eigentlich glücklich überleben, dann würde sie wenigstens noch
bis zu diesem Herbste mir Lebensgefährtin bleiben. Doch das
Schicksal hatte es anders beschlossen; wohl sahe sie die Bäume blühen
und die schönsten Zweige der Kirschblüthen umdufteten stets ihr Lager
doch mit ihrem schönsten Seegen zum Gedeihen meines Wirkens
und Wollens entschlummerte sie, gleich einem Engel, unter jenen. /
[59R]
- Daß ich Ihnen, den doch stets so treusinnig theilnehmenden Freun-
den und Verwandten auch dann noch nicht schrieb?-- Ja,
wie viel hätte ich jetzt darum gegeben, wenn mein Brief-
wechsel mit Ihnen nicht unterbrochen gewesen wäre, welch
eine Beruhigung würde dieß jetzt für mich gewesen seyn;
allein ihn jetzt erst wieder anzuknüpfen war mir ganz un-
möglich, ich war zu gedrückt um selbst meine Schuld gegen
Sie, Ihnen aussprechen zu können. Und nun trifft mich
auch der zweyte oder vielmehr dritte Schlag: auch unsere
hochverehrte Tante geht aus der Welt, ohne daß ich we-
nigstens noch als ein treuer Sohn mit dankbarem Gemüth
an ihrem letzten Geburtstage an ihrem Krankenlager er-
schienen wäre.- O! ich fühle jetzt die Folgen der Täusch-
ung tief, wenn man glaubt die Redlichkeit und Treue innerer
Gesinnungen, nothwendig an äußere Erscheinungen knüpfen
zu müssen und sich nicht mit dem reinen Ausdrucke der
Empfindung des Herzens genügt.-
Darum, ob mir nun auch das auf meinem bisherigen
Lebensweg und in meinem jetzigen Streben Errungene, zur
Mittheilung an Sie und als Gegengabe für die vielen Be-
weise Ihrer Liebe und Theilnahme genüge, darnach will
ich nun nicht mehr fragen, sondern nur eilen, daß Sie noch
vor Ablauf des Jahres den einfachen Ausdruck meiner
stets treuen liebenden Gesinnung erhalten, und Sie bitten,
mir Ihre Freundschaft und Liebe ferner wieder zu schenken,
zu schenken um der uns allen so lieben und theuren Verklärten
willen.- Ja, sie hatte Sie alle so achtend innig lieb; sie
sprach mir mehrmals den Wunsch aus, doch einmal Jeman-
den von Ihnen hier zu sehen, und da sie glaubte daß es von
Niemanden anderm aus Ihrem Kreise, als, irre ich nicht
sehr von Emma würde geschehen können, so hatte sie wohl
einmal den bestimmten Gedanken, diese nur für einige Zeit /
[60]
von Ihnen zu erbitten, und ich glaube bestimmt daß es ge-
schehen seyn würde, wenn ihr Gott noch diesen Sommer das
Leben gefristet hätte. Auch an einen Besuch von Hermann
hatte sie gedacht, und wie einmal früher die Hoffnung gemacht
worden war, erwartet; ebenso auch oft der lieben Augusten theil-
nehmend erwähnt.-
Doch was soll ich Ihnen nun von meinem jetzigen Leben schrei-
ben?- Wie sich dasselbe bisjetzt entwickelt hat, werden
Sie, wie ich hoffe, durch die Güte der lieben Muhme Wil-
helmine Pochhammer
erfahren haben.- Die jüngste, ich
glaube 28-30jährige Tochter meiner vor vielen Jahren
(wo dieß Mädchen noch kleines Kind war) verstorbenen Schwe-
ster führt mein Hauswesen. Sie ist schwerhörig, doch ist sie
eine treue, gute Seele, nur wünschte ich, daß es ihr die Ver-
hältnisse früher einmal möglich gemacht hätten, einige Mona-
te unter der Bildung meiner Frau bey uns dem Hauswesen
zu leben, so kann es nun nicht anders seyn, als daß ich vieles
vermisse, darum ist auch im äußeren Leben eine stete Erinnerung
an den großen Verlust welcher mich getroffen hat.
Auch darüber, wie sich meine Wirksamkeit äußerlich gestaltet
hat wird, - schmeichle ich mir nicht zu viel, - Ihnen die theilnehmend
gütige Muhme W. Pochhammer wohl einige Mittheilungen ge-
macht haben. Öffentliche Blätter haben sich darüber klarer
und bestimmter ausgesprochen, als ich es selbst würde thun
können, und ich habe mir erlaubt von einigen derselben der l[ieben]
Muhme Abschriften zu senden, welche sie, erwarte ich nicht zu
viel, Ihnen wohl mitgetheilt haben wird.
Seit meinem jüngsten Briefe an dieselbe ist jedoch wieder
ein neuer Aufsatz - hervorgegangen aus dem Geiste u.
Gemüthe einer, sich seit längerer Zeit zur Prüfung des hie-
sigen Lebens hier aufgehalten habenden Frau - in der Frau-
enzeitung durch die Herausgeberin derselben, Luise Mare- /
[60R]
zoll
, veröffentlicht worden. Sie sehen hier wieder, wie es von
einer so geistreichen als gemüthvollen Frau, als die Verfasserin
ist, auch nicht wohl anders seyn kann, das Leben zwar im ver-
schönenden Spiegel, doch wahr; und ich freue mich Ihnen ein so
warmes als lichtvolles Bild von meinem jetzigen Wirken geben
zu können.-
Ich bin so frey Ihnen zwey Exemplare dieses Aufsatzes hier beizule-
gen; das eine geben Sie als Gegengabe für das gewiß Ihnen
früher mitgetheilte an die l. Muhme W. P.- Macht es
Ihnen nicht zu viel Mühe und zeigt sich Gelegenheit Ihr Blatt
noch namentlich der verwittw[eten] Fr: Prediger Wilmsen nebst
meinem Herzensgruß mitzutheilen, welcher meine verkl[ärte] Fr[au]
in der letzteren Zeit ihres Lebens so oft gedachte und sich wirklich
sehnte dieselbe im Leben noch einmal zu sehen. Der Frau Pred[iger]
Wilmsen ist dieser Aufsatz vielleicht deswegen lieb, weil
er am Schluß in wörtlicher Äußerung die Gesinnung er-
wähnt, die meine Frau über dieße Unternehmung in sich heegte.
Noch lege ich Ihnen abschriftlich zum besondern Gruß für
unsern l. Hermann einen Auszug aus einen berichterstat-
tenden Briefe derselben Frau bey, aus welcher jener Aufsatz hervor-
ging, dieser Brief wurde an einen gewissen Herrn Prof. Scheidler
in Jena geschrieben um demselben besonders von dem Geiste
der hiesigen Wirksamkeit Rechenschaft zu geben.-
Zu all diesem habe ich nun nichts weiter zu erwähnen,
als daß - außer dem Besuche der vier hohen Fürstenfrauen:
aus dem Hause Hessen-Homburg: - der Fürstin Mutter
und der Prinzeß Karl von Schwarzburg Rudolstadt,- der
regierenden Frau Herzogin von Dessau, und der Frau Erbgroß-
herzogin von Meckenburg-Schwerin
, - (:sämtlich Schwestern
der Frau Prinzeß Wilhelm von Preußen:) die hiesige An-
stalt ganz kürzlich noch anderen fürstlichen Frauen Besuch gehabt
hat; nemlich den der Frau Prinzeß Albert von Schwarzb[ur]g R[ud]olstadt /
[61]
(:einer Tochter der jetzigen Königin von Han[n]over aus ersterer Ehe:)
mit Ihrer Prinzeß Tochter der kl: Prz: Elisabeth, - dann den
der Prinzessin Mathilde zu Schaumburg-Lippe (:Tochter des
jetzt regierenden Fürsten von der Lippe:). Ihres Vaters
Schwester, die Frau Prinzeßin Caroline zu Schaumb[urg-]Lippe
welche schon früher wiederholt mich hier besucht hatte, wurde
jetzt durch Krankheit abgehalten beyde zu begleiten.-
Von der Frau Prinzeßinn Albert höre ich daß es ihr und
ihrem lieben Töchterchen gar wohl gefallen haben soll. So
viel ist es gewiß, alle Personen dieses fürstlichen Besuches
mischten sich in die frohen Spiele der Kinder, selbst freudigen
Antheil daran nehmend. Die Fr[au] Fürstin Mutter läßt hier einen jungen Mann für ihre Kinderschule zu R[udolstadt] - erziehen.
Während dem ich Ihnen nun diesen Brief schreibe empfange
ich eigentlich den Schlußstein meines dießjährigen Wirkens
zur Beachtung und Erziehung der Kinder in dem vorschulfähigen
Alter besonders durch Pflege ihres Thätigkeits- und Beschäftigungstrie-
bes. Es ist dieß ein diese meine Bemühungen und
Wirken betreffendes Schreiben des israelitischen Schulrathes
zu Frankfurt a/m an mich. Dieser Schulrath ließ nemlich, wie Sie
aus den verschiedenen Aufsätzen ersehen werden, einem seiner
ersten erziehenden Lehrer während fast 2 Monaten sich hier
aufhalten um sich mit dem Geiste und der Führung einer
solchen Anstalt bekannt zu machen, in der Absicht nach dem
Vorbilde der hiesigen eine gleiche in Frankfurt a/m auszu-
führen; dieß ist nun geschehen und gedachtes Schreiben meldet
mir dankend und anerkennend die Ergebnisse davon.
Das Leben meiner nun verkl[ärten] Wilhelmine oder gleich
viel Henriette war Ihnen allen zu achtungsvoll theuer,
als daß ich in mir nicht ganz gewiß wäre, es sey Ihnen und
allen Freundinnen meiner verewigten Frau sehr lieb, klar
zu wissen: welchem Lebensgrundgedanken, welchem Lebens-
Beruf- und Zwecke, sie mit solcher unsäglichen aufopfernden /
[61R]
Hingabe und treusinniger Ausdauer sie ihr Leben widmete; da-
her erlaube ich mir, keine Mißdeutung befürchtend Ihnen auch
dieß Schreiben hier in Abschrift bey zulegen. Sollten Sie glau-
ben, daß das Lesen desselben auch unserer theilnehmenden
W. Pochhammer und der verw[itweten] Fr[au] Pred[iger] Wilmsen in der
gedachten Beziehung Freude machen könnte, so bitte ich Sie
es auch diesen beyden gelegentlich mitzutheilen. Wie glück-
lich wäre ich, lebten nun alle unsere schon dahin geschiedenen
Lieben und Theuren, lebte auch unser Herr Prediger Wilmsen,
welcher so innigen Theil an meinem Leben nahm, und welcher
so herzlich als geistvoll die Lebensverbindung mit meiner
verewigten Gattin einsegnete, lebten alle diese noch.
Dieß war das Ziel wornach ich strebte und was ich wünschte,
daß alle die vorangegangenen Theuren noch erleben
möchten: ein Eingreifen meines Lebensgedankens in das
Leben, ein Bewegen und Erneuen des Kinderlebens und
eine lebensvolle Anerkenntniß desselben aus dem Leben
selbst. Wie so sehr freue ich mich, ja wie glücklich bin ich
nun noch Ihnen allen, der hochachteten W. P. und
der theuren Freundin meiner Fr[au] der Fr: Pred. Wilmsen
dieß noch mittheilen zu können.
So habe ich denn endlich einmal nach Jahren wieder Ihnen
hochgeachteten lieben Freunde, Ihnen geehrtester lieber Vetter
und Ihnen wertheste liebe Muhme! mein eigenstes Leben
in seinem innern Wesen, wie in seiner äußeren Er-
scheinung vorgeführt; möge Ihnen diese Darlegung nicht
ganz gleichgültig gewesen seyn. Ist es Ihnen nun möglich
mich in diesem Jahre noch mit einigen Zeilen freundlicher
Erwiederung zu erfreuen, so thun Sie es ja; vergelten
Sie mir nicht Böses mit Bösem. Vor allem schreiben
Sie mir recht viel von all ihren lieben Kindern, wie es
mit deren Gesundheit steht, welcher Bestimmung jedes der-
selben

1. Beilage zum Brief an die Berliner Verwandten v. 6.12.1839:
Aus einem Schreiben von Anna von Mannsbach an Prof. Dr. Scheidler in Jena v. 1839 (Abschrift von Fröbels Hand)

[53]
Abschrift.
Auszug aus einer Mittheilung über den Geist und
Zweck der Kinderbeschäftigungsanstalt zu Blankenburg
an den Herrn Professor Dr Scheidler in Jena,
von einer Augenzeugin.
(:Beginnt mit der Beschreibung derselben; bloße Berichterstattung.[:)]
Wie es unverletzliche Menschenrechte giebt, giebt es auch
unverletzliche Kinderrechte. Das erste Kinderrecht ist, glücklich
zu seyn. Glück ist der Boden auf dem allein in der Kinderseele
alles Gute gedeiht. Da die Blankenburger Kinder von den
Leiden, die in gewöhnlichen Kinderstuben hausen, befreyt sind,
so finden sich auch bey ihnen die Übel nicht, die im Gefolge jener
Leiden gehen, als Eigensinn, Heftigkeit p.p. Sie sind ganz
glücklich, folglich auch gutartig; sehr lebhaft aber nie unge-
zogen. Das Glück öffnet das Kinderherz; Es hat das Bedürf-
niß zu lieben und schließt sich mit voller Hingebung an
Lehrer und Gespielen. Diese Liebe will sich auch bethätigen;
sie zeigt sich bey den größern Kindern in der sorgsamsten
Pflege der Kleinen, die diese mit sanften, heitern Lächeln
sich angedeihen lassen, bey allen in Eintracht gegenseitiger
Hülfsleistung und dem gläubigsten Vertrauen zu dem
Lehrer. Der Ausdruck der Zuneigung der Kinder ist wahr
und unbefangen, bald derber, bald zarter; von Übertrei-
bung, Sentimentalität p.p. kann nicht die Rede seyn, die Kin-
der kennen nichts als das Wahre, den unmittelbaren
Ausdruck ihres Innern.
So dürfte man ohne Übertreibung diese reine Kinder-
welt einen Kinderhimmel nennen. Es weht eine so reine
geistige Lebensluft unter diesen Kindern, daß die eigene
Seele sich klar darinn spiegelt und ihre Flecken viel deut-
licher und heller sieht, als sonst irgendwo. Die Kinder sind
meine Richter und Ankläger geworden, sie haben mich
vor die Untiefen meines eigenen Innern geführt. Ich /
[53R]
hatte sonst oft sagen hören, die Kinder führten am sichersten
zur Selbsterkenntniß; ich habe nicht daran geglaubt, nun habe
ich's erfahren.- Eine besondere Wohlthat noch hat mir das Kinderle-
ben gewährt; ich konnte dort ganz mich selbst vergessen u. mein beschwer-
liches Ich los werden, u. grade dadurch wurde ich erst fähig etwas zu seyn[.]
Ich war nach B.- gereist um mich zu prüfen ob ich denn wirkl[ich] rein unfäh-
ig wäre für Kinder zu leben, wie ich so oft glauben mußte. Die Kinder
in B.- haben mich gelehrt, daß sich das nicht methodisch prüfen läßt, daß
auch keine specielle Fähigkeit dazu gehört (:ob schon Gaben sehr förderlich
sind:) - sondern -: "werdet wie die Kinder!" Das ist das ganze Geheimniß: Kind
seyn -; denn nur das Kind versteht das Kind, und zwischen Gleichen nur
knüpft sich ein Band; Aber: Kind seyn, dem unmündigen Kinde, als mündi-
ges entgegentreten.-
Wenn Sie mich fragen wie Fröbel es anfängt, daß s[eine] Kinder so
glücklich sind!- Ob der Ball wirklich ein Talisman ist?- Auf
Letzteres sage ich Ihnen Ja! u. auch Nein! - "Wasser thuts freyl[ich] nicht!["]
Was ist denn Glück?- Finden dessen, was man sucht; befrie-
digt werden in dem, was man bedarf.
Sind wir vorher darin einig, daß das geistige Leben sich schon im früh-
esten Kindesalter regt, sich kund thun will, u. daß man dem unbehülf-
lichen Kind entgegen kommen muß durch ein Mittel an dem das regen-
de Leben sich kund thut, so ist es befriedigt, glücklich, indem wir ihm
dieß Mittel reichen. Welches ist nun das geeignetste Mittel an
dem des Kindes Leben sich kund thut?- Das Einfachste, wie das
Kind selbst einfach, einfaltig ist. Das Leben geht von Einem Punkt
aus, dieser Eine Punkt, kann wieder nur eine Einheit verstehen, fassen,
sich damit befreunden. Dieß einfachste Ding ist der Ball.
Wie der Eine Punkt von dem das Leben ausgeht, wächst aus sich und sich
nach allen Seiten entfaltet, so muß das Eine Mittel, an dem das Leben
sich bethätigt, (das den ThätigkeitsTrieb befriedigt) aus seiner Einfachheit
eine Mannichfaltigkeit entwickeln lassen. Diese Mannichfaltigkeit
sind die vielen Spiele u. Vorstellungen, die sich mit dem Ball ausführen lassen /
[54]
(:Folgt die Wichtigkeit der Sprache, des Worts beym Spiel und die noth-
wendige stufenweise Entwickelung, in der ein Spiel aus dem an-
dern hervorgeht, eines durch das andere vorbereitet u. bedingt wird:)
So erscheint und wirkt die Sache in der Praxis. "Der Geist macht lebendig."
Der Geist scheidet auch alle Pedanterie u. Handwerksmäßigkeit aus. Dieser
Geist aber ist nicht blos Fröbels Geist u. von seinem Geiste gehoben u. getra-
gen, sondern er ist aus Fröbel hervorgegangen, in sich wahr für Alle,
also auch der individuellsten und eigenthümlichsten Behandlung fähig.
Der Ball thuts freylich nicht! aber der Geist, der nach des Kindes Be-
dürfniß forscht, es versteht, dem Einfachen das Einfache reicht, der
wird auch consequent, der Einfachheit des Balls entsprechend,
alle anderen Umgebungen des Kindes gestalten.-
Wir dürfen uns nicht wundern, daß Fröbel das Spielen so ernst nimmt, eine
so innige Freundschaft zwischen Kind und Spiel herstellt u. aus einer inner[en] Verwandt-
schaft beyder entwickelt. Ist von einem höhern Auge geschaut, nicht alles Menschen-Thun,
auch Spiel? - und bedürfen wir, um das rechte Thun zu üben, nicht auch dieser
innern Verwandtschaft zwischen uns und unserm Thun?- (:Weiter aber
in der Berichterstattung heißt es:) Die Kinder genießen voller Freyheit:
aber sie fühlen sich eines Schutzes bedürftig und deßhalb haben sie nicht Lust
der eigenen Willkür zu folgen und sich aus dem Gesichtskreis des Lehrers
zu entfernen.- Sie empfinden keine Freude für sich allein; sie bleiben
am liebsten in der Nähe des Lehrers, weil sie wissen, daß da ihre Freude
erst recht lebendig wird. Nie werden Edicte erlassen, Ge- oder Ver-
bote ausgeschrieben. Die Kinder sind von einer unsichtbaren Macht,
ihnen unbewußt geleitet, der sie sich mit unbedingtem Vertrauen hin
geben. Sie wissen aus Erfahrung daß diese unsichtbare Macht ihnen
das gewährt, was sie suchen und das, selbst zu finden, sie zu unbehülfl. sind.
Als Lebensnerv in Fr[ö]b[e]ls Lehre erscheint mir: das geistige Leben des Menschen
geht einen folgerichtigen Entwickelungsgang. Jeder Gedanke trägt den Keim
zu einem neuen in sich. Jeder Gedanke läßt sich im wirklichen Leben nieder-
legen, abspiegeln, bethätigen
, u. diese Bethätigung ist dem Geiste zum Reifen für
eine höhre Stufe wesentlich nöthig
.- Fröbels Spiele sind eine solche Verwirk- /
[54R]
lichung des geistigen Entwickelungsganges.- Lassen Sie mich Ihnen ein Bey-
spiel anführen in dem 2 mal getheilten Würfel (No 5). Die Spiele, die damit ausgeführt
werden, zerfallen in 3 Arten, Erkenntniß-, Schönheits-, u. Lebensformen. Die Erkennt-
nißformen sind die einfachen Urformen, auf die jede Gestalt, auch die zusam-
mengesetzteste, sich zurück führen läßt, z.B. Linie, Viereck Würfel pp
(:verzeihen Sie meiner mathematischen Unkenntniß, wenn ich nicht folge-
richtig bin). Jede dieser Formen hat die Eigenthümlichkeit, daß die zu-
nächst über ihr stehende schon in ihr liegt und sich im Spiel als die zunächst
liegende erweist indem sie durch die möglichst geringste Veränderung
der vorhergehenden entsteht. Also sind die dargestellten Formen nicht
willkührlich an einander gereiht, sondern gehn im innersten Zusammen-
hang aus einander hervor. Wie die einzelnen Erkenntnißformen noth-
wendig zusammenhängen, so besteht auch zwischen den Spielen selbst, von
dem Balle aufsteigend, der innerste Zusammenhang.- Allen Gestalten liegen
diese Erkenntnißformen zum Grunde. Ergreift sie die Fantasie, so gewinnen
sie zwar nicht anderes Wesen, aber andern Zweck, sie werden Schönheits-
formen. Dienen sie dem tägl. Bedürfniß Nutzen, so heißen sie Lebensformen.
Das Wesen dieser Spiele ist nicht blos dem Wesen der geistigen Entwickelung
äußerlich ähnlich, copie derselben, sondern es ist Spiegel und ihre That, und
darinn liegt ihre rückwirkende, entfaltende Kraft; folglich sind es wahre
Spiele (:ernstes Spiel u. spielender Ernst:) - Wie alles Wahre auch nützlich
ist, so geht aus der Wahrheit dieser Spiele nebenher von selbst hervor, daß
sie das Gemüth nähren, den Kopf klar machen und zurecht setzten; also
auch auf den Unterricht im Ganzen und Einzelnen (hinarbeiten) vorbe-
reiten. Aber das ist nicht der eigentliche Zweck; Hier handelt es sich
dürfte man wohl sagen: "Die Gottseeligkeit ist zu allen Dingen nütze." Es
findet kein einzelner Zweck statt, sondern es handelt sich um Darstellen
des Innern, es soll das Unsichtbare zum Selbstbewußtseyn gelangen,
dadurch daß es sichtbar wird.- Fröbel will weder Willkühr noch
methodischen Zwang; Er will dem Geiste naturgemäße Nahrung geben.
Vor dem Ersterem schützt er sich, weil der Geist frey ist und, wie die Praxis beweist,
sich in seiner Theorie frey bewegen kann; Willkühr aber wäre der ärgste Zwang[.]

2. Beilage zum Brief an die Berliner Verwandten v. 6.12.1839:
Brief des Schulrats des israelitischen Gemeinde in Frankfurt/M. an F. v. 2.12.1839 (Abschrift von Fröbels Hand)

[62]
Abschrift.
Der Schulrath der israelitischen Bürger- und Realschule zu Frankfurt a/m
an Herrn Friedrich Fröbel in Blankenburg.
Wir statten Ihnen mit Vergnügen unsern innigsten Dank ab, für
die, unserem He. Hochstädter bey seiner Anwesenheit in Blankenburg
auf die uneigennützigste Weise ertheilte Unterweisung in
Ihrer Unterrichtsmethode.
Der Ruf Ew: Wohlgeboren als ausgezeichneter Pädagog
ist in Deutschland zu sehr anerkannt, als daß es nöthig wäre,
solchen besonders hervorzuheben. Aber die von Ihnen ins
Leben gerufene Idee, der Kindheit, fast von ihrem Erscheinen
an, eine gemüthliche, diesem zarten Alter zusagende Beschäfti-
gungsweise zu verschaffen, sie dadurch an Thätigkeit des
Geistes und des Körpers zu gewöhnen, und ihre physischen
und intellectuellen Kräfte auf angenehme Weise zu ent-
wickeln, zeugt von Ihrem klaren Blick in die Tiefe des mensch-
lichen Gemüths und wird Ihnen in den Annalen der Erzieh-
ungskunde eine unvergängliche Stelle verschaffen, so
wie in den Herzen aller Menschenfreunde der Mit- und
Nachwelt ein dauerndes Denkmal gründen.
Nach dem von Ihnen aufgestellten Musterbilde, haben
wir bereits versucht in dem uns zugewiesenen Kreise
eine Anstalt zu errichten, die gegenwärtig etliche zwan-
zig Kinder zählt, und, wie wir hoffen, sich des schönsten
Fortgangs erfreuen wird. /
[62R]
Wir schmeicheln uns, daß Ew. Wohlgeboren uns
fortwährend Ihren gütigen Rath ertheilen werden,
und haben die Ehre hochachtungsvoll zu zeichnen
Ew. Wohlgeboren
         gehorsamste:
der Schulrath der israelitischen
Bürger- und Real-Schule
Bernhard Beer-Eskeles,
der Zeit Präsid.
Frankfurt a/M
den 2 Dezember
1839.
Sr Wohlgeboren
dem Herrn Friedrich Fröbel
       in
Blankenburg
bey Rudolstadt