Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. / Wilhelm Middendorff an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.12.1839 (Blankenburg)


F. / Wilhelm Middendorff an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.12.1839 (Blankenburg)
(UBB 87, Bl 287, Brieforiginal 1 Bl 8° 1 ½ S. - Es gibt zwei F.-Briefe v. 12.12.1839 an Langethal; hier handelt es sich um den zweiten, da F. ihn am Abend schreibt. Dieser Brief ist um eine Nachschrift Wilhelm Middendorffs erweitert.)

Freytags am 12' Decbr. Abends. 1839


Guten Abend lieber Langethal.

Diesen Nachmittag kann [sc.: kam] Middendorff von Keilhau. Er läßt Dich besonders
grüßen. Wir hatten heut Bustag, deßhalb hatten wir keine Spielstunde
und so hatte er noch Zeit meinen Brief an Dich zu lesen. Er machte mich darauf
aufmerksam, daß wie es schiene ich Dir noch nicht zwey Documente, zwey
thatsächliche Beweise des Standes und der Fortentwickelung des hiesigen d.i[.]
des deutschen Lebens in Beziehung auf unser Streben gesandt habe: nemlich
erstlich ein Urtheil von dem Director Dr Vogel in Leipzig über dasselbe an den
Herrn Director Manitius in Dresden ausgesprochen; - dann ein anerkenn-
nendes Schreiben des israelitischen Schulrathes in Frankfurt a/m an mich in
Betreff meines thätigen und förderlichen Antheiles an der reichen nach meinen
Grundsätzen durch Herrn Hochstädter daselbst ausgeführten Kinderspiel- und
Beschäftigungsanstalt. Ich fühle nun selbst daß diese beyden Documente Dir in
Beziehung auf das von mir Dir in meinem heutigen Brief ganz unerläßlich nothwen-
dig sind und so eile ich Dir solche noch nachzusenden; denn durch diese Documente
bekommst Du das Ganze zur Selbstbewegung - so dünkt es mich in Deine Hand - und
so den Rücken frey. Die Sache spricht sonst ganz für sich selbst. Mich dünkt ihr [sc.: Ihr] hättet
nun schöne Sachen zum Gebrauch für die Volkshalle. Aber lieber Langethal, schon
diesen Nachmittag ist mir eingefallen daß die <Volkshalle> wie der Braga in Deutsch[-]
land irre ich nicht verboten, wenigstens verpönt ist. Es fragt sich nun ob nicht
vielleicht durch eine Aufnahme dieses Gegenstandes in jenem Blatte unserer
Sache in Deutschland - wo sie jetzt so hoffnungsvoll keimt und grünt - mehr geschadet
wird als ihr durch ihre Aufnahme in der Schweiz genutzt wird; ich habe <nicht> Lust
daß unsere rein menschliche Angelegenheit und Sache, die man überall auch
als eine solche würdigt zu einer Partheysache herabgewürdigt werde. Allein
ich kenne das Blatt: die Volkshalle und den Ton in welchen sie geschrieben ist
gar nicht. Also seht Euch vor seit [sc.: seid] Ihr nicht in Euch überzeugt durch die Aufnahme der
Sache in der Volkshalle in der Schweiz sie ganz wesentlich zu fördern, so laßt es lieber
sein, denn in Deutschland kann es mir nichts nützen, wohl aber schaden, weil mein
Wollen und Streben als Partheisache erscheinen könnte. Jetzt nehmen unsere Re-
gierungen freylich keine Notiz von der Sache, daß sie aber politische Notiz nähmen,
das könnte wieder einen Winterfrost in meine schöne Saat bringen. Doch nun
zu etwas anderem. Mein Grundsatz ist seit Langen jedem klar zu sagen wie ich seine
Stellung zu meinen Bestrebungen ansehe und es ihm dann anheim zu stellen, die
Sache sich von seinem Gesichts- und Standpunkte aus zu recht zu legen darum Dir
und Deiner lieben Frau noch das Eine.- Durch Euer Hierherkommen bekäme
ich wieder ein klares geordnetes selbstständiges Hauswesen. Eine Hausfrau
wäre um mir [sc.: mich], meine Thätigkeit und Wirksamkeit zur Bildung von Pflegerinnen und
Erzieherinnen würde dann wieder ganz anders; auch Deine und Ernestinens Wirk[-]
samkeit würde wieder eine allgemein menschliche. Fändest Du Dich mit Fröhlich
zusammen und Ihr wolltet beyde hier bleiben für Euch beyde gäbe es Wirksamkeit genug
und die Kräfte wollten wir schon productiv machen.- Dr Weber ist in Eslingen
bey Stuttgardt beym Musikdirector Frech. Schreibe Du ihm doch er möge doch ja suchen
die Sache hier fest zu halten. Ich glaube ihm im Fortgang der Entwickel[un]g hier wohl Unter-
stützung verschaffen zu können. Künftigen Mittwoch giebt die Fürstin Mutter meinen Kindern ein Fest. DFrFr /
[287R]
Carl Clemens wird Dich vielleicht um die Spielgaben bitten; Ist dieß der
Fall so gieb ihm zunächst auf meine Rechnung No 1.-5 d.i[.] 1ste bis 5e
Gabe zum Neujahr- oder schöner noch zum Weyhnachtsgeschenke.-
Durch Carl kannst Du auch die beyden Hauptlieder erhalten welche
wir am Kinderfest welches am 11 Dec. die Prinzeß Karl hier 100 Kindern
gab.- Das Eingangs- oder Anfangslied ist nach der Weise: Seht den Himmel
wie heiter - das Gemeinsame Lied hat die Weise: Heil Dir in [sc.: im] Siegerkranz[.]
Vielleicht kannst Du zum Weyhnachts[-] oder bey Dir zum Neujahrfest im An-
denken an uns mit einigen Veränderungen davon Gebrauch machen.-
Middendorff trägt mir zum Schluß noch auf Dir l. L. zu schreiben:
Du möchtest doch, wenn es Dein, Ernst sey ganz in Deinem jetzigen Ver[-]
hältnisse wirkend zu bleiben, doch dahin wirken, daß noch ein Dritter
Lehrer angestellt würde; damit Du mehr zur Bearbeitung des Ganzen in
und außer Dir frey würdest, sonst könntest Du schwerlich das Ganze in Deine Ge-
walt bekommen und ihm in der steigenden Macht seiner Entwickelung folgen; denn
wie Middendorff u ich welche doch der Sache ganz leben können den Forderungen ihrer Ent-
wickelung schlechterdings eigentlich nicht nachkommen, indem Du wennn Du Dir vorliegende
Thatsachen in Beziehung auf ihren innersten Grund prüftest, Du erkennen würdest, daß
in wenigen Jahren die Entwickelung also auch die Erziehung der Menschheit von der richtigen Erschaffung und Pflege
des Thätigkeitstriebes aus eine ganz andere Gestalt gew[innen] würde.

[Rand, 287V]
[Nachschrift Wilhelm Middendorffs:]
Gern schriebe ich Dir l. L. selbst, u viel, doch weiß ich nicht ob es wird. Darum einen Gedanken noch jetzt gleich, den ich aus eigner Erfahrung
habe, u jetzt wieder in der Entwickl[un]g Frankfurts so wichtig erkenne: - nicht nur H[.] Hochstädter sond[ern], wie Du jetzt hier siehst, so gar der isra-
elitische Schulrath setzt sich in organischer Fortentwickel[un]g mit hier - - d[urc]h d[.]h. mit der wahrhaft lebendigen Quelle, des in sich einigen
u alles einigenden Menschheitsgedankens, sich in That darstellend zutiefst in d[er] Kindheitpflege [auseinander]. Dieß auch für Fröhlich. DWM. /
[287R]
[Adresse, Poststempel Rudolstadt, 14.12.1839:]
Herrn Heinrich Langethal,
Vorsteher der Waisenhaus Erziehungsanstalt
zu
Burgdorf
Kanton Bern
Schweiz