Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Fürstin Karoline Luise u. Prinzessin Albertine von Schwarzburg-Rudolstadt v. <23.>12.1839 (Blankenburg)


F. an Fürstin Karoline Luise u. Prinzessin Albertine von Schwarzburg-Rudolstadt v. <23.>12.1839 (Blankenburg)
(BN 648, Bl 15-16, undatierter Entwurf 2Bl fol 4 S. Datierung: Im Entwurf wird auf einen Aufsatz vom 15.11.1839 im ”Allgemeinen Anzeiger der Deutschen” verwiesen. Der Brief muß daher Ende November oder im Dezember 1839 geschrieben worden sein. Der Inhalt legt eine Abfassung am 23.12.1839 nahe.)

Durchlauchtigste Fürstinnen
Gnädigste Fürstinnen u Frauen.

{Durch die /Während der} längern Dauer der u vielseitigen Beschäfti-
gung mit der ersten Kindererziehung, mit der Er
ziehung und
Pflege der Kindheit des Menschen muß
ich mich immer mehr von der höchsten hohen Wichtigkeit der-
selben überzeugen, u muß finden u erkennen, daß alles
dasjenige, was der Mensch in sittlicher u bürgerlicher
(Hinsicht) wie (in Beziehung auf Religion) in religiöser
Hinsicht von der Glückseligkeit, von dem Frieden und
Freuden des Lebens erwartet, darin in derselben
bedingt ist (seinen Grund hat). Allein je länger ungetheilter u all-
seitiger ich mich mit ihr (mit der ersten Kinderpflege)
beschäftige hingebe, desto mehr sehe ich auch klar u unwiderleglich unwider-
sprechlich
ein: daß dasjenige, was nothwendig für
die erste Erziehung des Menschengeschlechts, also für die Kindh[ei]t, des
Kindes
geschehen muß, daß dieß am wenigsten durch
den Mann u am wenigsten besonders nicht durch ihn vereinzelt gesche-
hen kann, sondern daß ihm vor allen der weiblich müt-
terliche Sinn, das weiblich mütterliche die weibl mütterliche Liebe
der Frauen, ihr Leben u Wirken zur Seite stehen muß, so daß sie
nun zwar wieder nicht allein, sondern mit dem männ-
lichen Leben Streben gemeinsam das Leben des Menschen im
Kinde, die Menschheit in der Kindheit erfassen.
Da nun aber der Mensch , u besonders zumal die Frauen
in der mittleren, noch weniger aber der Mensch u besonders
die Frauen in der niedern Stände etwas für die innere u alls[eitige] Erziehung
ihrer Kinder etwas thue, ja zum Wohl u Gabe desselben u weder für sich, noch als Glieder ihrer Familien als ein Ganzes u Zusammenhängendes thun in sich thun,
noch weniger aber für die
noch seltner für sie die Erziehung ihrer Kinder als
als lebendige Glieder größerer bürgerlicher u mensch-
licher Ganze etwas thun wagen <bieten wollen> wagen, wozu sie nicht dazu durch eine gewisse /
[15R]
Gewalt u Macht der Menge, oder durch die allge-
meine Gewohnheit gezwungen werden. So drängt sich
in meinem Gemüthe der Gedanke sehnend hervor
daß eine Mehrheit edler, hoher, menschl. u mütterlichge-
sinnter deutscher Frauen, auch wahrhaft weiblicher
ebenso nicht minder hoher edelgesinnter
Jungfrauen sich, wie sie es eigentlich schon (der Sache) wegen
ihrem Gefühle u Streben nach sind, so nach innerlich schon geeint
auch äußerlich
zu einem großen deutschen Frauen Ganzen, zu einem
deutschen Frauenvereine: - für wahre Pflege u
entsprechende Pflege der Kinder, der Kindheit,
wenigstens bis zum vorschulfähigen Alter, zusammentreten
finden, zu einem solchen Vereine zusammentreten
möchten
.
[Randnotiz:] so läugne ich doch nicht daß ich wünschte, diese
Frauen zu einem Gestirn zu einem <Danon [sc.: Diadem]> aus gülden Licht
hin weisen zu können, welche sie erhebe u ermuthige der in dem Aufsatz an sie
erziehenden Aufforderung entgegen zu kommen. Erwähnen will ich
nur noch daß in No 312 des Allg. Anz. d Deutschen v. 15 Nov eine ähnl
Aufforderung an deutsche Frauen zur thätigen zu geeinter thätiger
Mitwirkung zur Ausbildung von Kindermädchen steht[.]
Im Bereiche dieses deutschen Frauenvereines, dieses durch
Gemüth Geist u Wirken in sich einigen Frauen-
ganzen würde es nun liegen, sowohl alle[s] das mit
herbey zu führen
, was eine dem Wesen dMenschen und der Allseitig-
keit der Allseitigk[ei]t seiner Verhältnisse genügende Er-
ziehung der Kinder befördern; mit herbeyzuführen so wie alle[s] das zu besei-
tigen
, was sie diese hemmen könne, mit zu beseitigen. So würde es z.B.
wie im Einzelnen dieses sich auch schon angebahnt findet
ihre Sorge besonders dahin gehen den Müttern die Bedingung[en]
u Mittel zu verschaffen
ganz besonders in dem Bereiche dieses Frauenver-
eines liegen, dahin zu wirken
,
daß die Mütter befähigt
u ihnen Mittel gereicht
würden
diese frühe
Kindererziehung zu bewirken;
besonders aber wohl dadurch zur
daß viele weiter Töchter u.
Mädchen sich zu guten Kinderwärterinnenpfle-
gerinnen, zu Erzieherinnen bestimmten, sich durch Be-
lehrung u Übung zu wahren Kinderwärterinnen
u Führerinnen, ja Erzieherinnen heraufzubilden könn[en]
durch indem sie Belehrung erhielten über das Wesen des Menschen,
besonders in seiner Erscheinung als Kind [in] seinem Kindesalter, u Belehrung
über das, was zur Erreichung einer guten Erzie-
hung desselben geschehen muß; so wie Übung u. Ge-
brauch
und Umgang u Anwendung der Mittel zur Förderung
desselben
, welche dieselbe bezwecken. Und Aber dadurch ließe sich
vielleicht auch rein aus der Sache, d. h. aus dem
Leben und den Forderungen der
Kindheit u Familie diese so
höchst wichtige Lebensthat-
sache erreichen: daß Jüng-
linge die sich dem Volksschul-
wesen zu widmen gedächten,
nun auch Gelegenheit verschafft
würde sich durch Kleinkinderpflege,
die durch Thätigkeit in Heimatvereinen früh erste Kinderpflege
durch Mitwirkung in Kleinkinder[-] schulen Bewahranstalten
üblichen
Spiel[-] Beschäftigungsanstalten
in sich den ächten Grund zu einer künftigen allseitigen Lehrerausbildung u Wirksamkeit zu legen.
[16]
Die Erscheinung Die Ausführung eines solchen umfassenden
deutschen Frauenvereines erscheint mir nun so wohl der Gesammt-
entwicklung des Menschengeschlechtes als dem gesammte[n] ganzen
Stande der Lebensverhältnisse, also dem gesammten mensch-
heitlichen Streben nach ganz jetzt an Zeit u Ort zu seyn.
Doch da dieß ein Gegenst[an]d ist, über welchen eigentlich
nur das deutsche mütterliche Frauengemüthe eine
entscheidende Stimme hat: so wage ich es Durchlauchtigste Fürstliche
Frauen u Mütter 3 wage ich es diesen Gedanken Höchst Ihnen hier-
mit im reinsten menschl Vertrauen zur Prüfung vorzulegen,
und in tiefster Ehrerbietung zugleich Sollten Ew Ew. [2x] Hochfürstl
Hochfürstl [2x] Durchl Durchl [2x] einen solchen Verein zweck- u
zeitgemäß finden, zugleich in herzlichster Ehrerbietung
anzufragen: Würden Ew Hochfürstl Durchl. die men-
schenfreundl Huld haben, sich nicht nur zu Gliedern dieses
Vereines zu bestimmen sondern vielmehr, durchdrungen von dessen
hohen Wichtigkeit für die Erziehung zunächst der deutschen
wie der allgemeinen u der ganzen künftigen Menschheit,
diesen Verein (ihn) durch Ihren Willen u Beyspiel ins Leben zu rufen
u sich so an die seine Spitze zu stellen? seine Spitze zu treten
<Relig.Sache ? ?>

[Randnotiz:*-*] [*]Es ist eine Sache des Lebens
aber in seiner tiefsten u wichtigsten
Angelegenh[ei]t u so ein Werk
wahrer Religiosität <die ja>
auf das die Frauen erklärte
Frauen - des hohen Fürstenhauses,
die ihrem Publikum ja dem deutschen
Lande in frommer wahrer Thätigkeit
vorangeleuchtet haben mit <reinstem>
<Friede> u Segen herabblicken <werden> [*]
Ja Ich hätte diesen den Gedanken eines solchen Vereins, der ob-
gleich erst seit wenigen Tagen in mir in der Geistigkeit meines Innern entkeimt ist, doch schon
meine ganze Seele erfüllte, so überaus wichtig, ich halte ihn
so in der innigsten Übereinstimmung mit unserer Religion
und mit den Forderungen des Stifters derselben, welche
so mehrseitig u stets so tief ergreifend u so eingreifend auf die sorgsame Pflege Beachtung
der (frühesten) Kinder u Pflege der frühesten Kindheit hinweist, daß ich wohl tief mit wünsche
diesen Verein Einigung edler Frauen (dieser deutsche Frauenverein zu
ächter u allgemeiner Kindheitpflege), möchte zur Erschei-
nung des Heils
zum Heil der Menschheit der Kindheit, möchte zunächst
wenigstens unter drey edlen deutschen mütterlichen Frauen
in die Erscheinung treten, u wirklich werden, denn wie
Jesus dem gesammten Menschengeschlechte, der M[ens]chheit das
wahre Leben, das reine Licht u die ächte Liebe brachte /
[16R]
so würden durch einen solchen Verein auch diese hohen Gaben u Güter frühe dieses in
der Kindheit gepflegt werden, denn dieses eben das würde
ja der eigentliche u letzte Zweck jenes solchen dieses mütterlichen u pfle-
genden Frauenvereins für erste Kindheitpflege seyn.
Darum trage ich auch in mir die klare Über-
zeugung, daß von der Verwirklichung dieses deutschen
Frauenvereins u seiner Thätigkeit wie sie so einfach
u lebenvoll meinem Geiste u Gemüthe vorliegt, g[an]z ge-
wiß eine neue Aera
der Menschheitserziehung u so des Menschenlebens beginnen wird.
(Nun aber scheinen es mir) Drey große Lebensthatsachen
(zu seyn) scheinen mir unausweislich dafür zu sprechen.
Die erste ist Erstlich, daß dasjenige was ursprünglich, d.i. dem Wesen nach
nothwendig für den Menschen geschehen soll, eben deßhalb auch
in seiner frühesten Lebenszeit, in den Jahren seiner Kindheit,
für ihn geschehen muß.
Die zweyte ist Zweytens, daß durch das zu vereinzelt u. alleinstehende Wirken
schlechter dings nichts genügendes mehr für die wahre Erziehung
des Menschen gethan werden kann. Ich möchte sagen, die Ver-
ziehung des Menschen hat sich so verallgemeinert, daß es selbst
in den edelsten, würdevollsten u gewähltesten Verhältnissen kaum
mehr möglich ist, die Kinder in den ersten Jahren innern stets so rei-
nen Einwirkungen hinzugeben, wie es doch das edle u reine
Mutterherz wünscht, bedarf u erstrebt.
Die dritte ist Drittens aber, daß dieß alles nur durch das eigentliche
Thun mütterlicher Frauen geschehen kann, welchen wir
Erzieher nur dienend u helfend, durch Sinnen u Überschau-
[en] des Ganzen u dessen Forderungen sowie durch Darreichung
von Erziehungs- und Bildungsmitteln u Anwendung derselben
in der Gesammtheit hülfreich zur Seite stehen sollen.
So sehe ich das Ganze, und Ich wage unbefangen dieß mein
Einzelnsehen Ew so Hochfürstl Durchl vertrauensvoll zur Prüfung vorzu-
legen. Sollte es sich nun aber in dieser bestätigen, daß ich richtig ge-
sehen, u was ich erstrebe, wahr u die Sache tief gegründet ist
so wage ich in rein menschlichem Vertrauen wiederholt auszusprechen
die dießjährige deutsche Weihnachtsfeyer möchte zugleich, sey es auch
nur in dem stillen Entschlusse dreyer edelmüthiger u Hochherziger
Frauen, der Stiftungstag dieses deutschen Frauenvereins zur
Pflege der frühen Kindheit, zur Pflege der Menschheit in der Kindheit
nach den Willen u den Forderungen Jesu u in dem Sinne werden, in welchem
ein von Humanität durchdrungener edler deutscher Mann [sc. Herder]
von den Frauen sagt u singt:
Dir vertrau ich mein Heiliges an, die Keime der Schöpfung
Deiner Pflege die kommende glückliche Nachwelt.
Ehret die Frauen, ihr Nam ist Befreyung
Schauet ihr Retterinnen.,verehret
Reichet den Faden der Labyrinthverwirrten Menschheit
NB Sinnt u erzieht (Ihr könnt es allein) die glückliche Nachwelt,
Verzeihen Durchlauchtigste Frauen Sie einem diesem Vertrauen welches zu seiner Entschuldigung
u Rechtfertigung nichts hat als die höchste Achtung des Menschenwesens u d Menschenwürde in
allen Ständen; verzeihen Sie HöchstSie dem Gemüthe, welches dem Menschen auch die
in seinem wahren Wesen, seiner innersten Würde erkannt u Hoheit erkannt u
anerkannt, geschaut sehen möchte, wo erst umgeben von äußerer Würde Glanz
u Hoheit dasteht. Verzeihen Ew Ew Hochfürstl. Durchl Hochf. Durchl daß
einem Erziehenden der gern wahrhafter Erzieher seyn möchte
[Rand 15]
NB [u P.S.]
P.S. In dem Augenblicke, als das Vorstehende bis zur Absendung (von mir) beendigt ist, erhalte ich die Abschrift eines Aufsatzes, welcher von einer edlen Kinderfreundin einem denkenden u wissenschaftlchen u patriotischen Manne zur Redaction übersandt wurde, um ihn [in] ein allgemein gelesenes Blatt einrücken zu lassen u welche. Dieser Aufsatz welchen ich mir dFreyheit nehme auch hier in Abschrift beyzu legen bestätigt merkwürdiger Weise das<gerade>, was ich in dieser vor allem sogleich ich mir schon erlaubte in dem Vorstehenden vertrauensvoll anzudeuten, nämlich daß wirklich im deutschen Frauengemüthe das Bedürfniß liegt [bricht ab]
NB. Sollte der Gedanke von Ew Hochfürstl Durchl Genehmigung finden so sollte würde es mir Pflicht schuldige Pflicht seyn einer Aufforderung die Grundzüge des solchen Planes eines solchen Vereines zu nachweisen, baldigst nachzukommen wenn mir die Aufforderung dazu käme.- bedingt sich deutsche Frauen zur genügenden ersten Kinderpflege vereinigen wünschten.