Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.1./14.1.1840 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 13.1./14.1.1840 (Blankenburg)
(UBB 91, Bl 291-294, Brieforiginal 2 B 8° 8 S.)

Blankenburg am 13en Decbr Jenner 1840.


Lieber Langethal.


           Die klare Erkenntniß des Wahren, die ächte des Rechten und
      die freye Erkenntniß des Nothwendigen, wie ein dieser Dreyeinheit
      gemäßes frisches gesundes und einiges Handeln Dir und Deiner
                     Ernestine zum Seelengruß
                          im neuen Jahr.

Dein jüngster Brief mein theurer Langethal hat mich einmal wieder
recht erfreut und beglückt so sehr ich ihn auch vielleicht anders betrachte
und andere Folgen aus demselben d.h. aus seinem Inhalte ziehe als Du.
Daß war doch einmal wieder ein Brief von dem alten und ganzen Langethal
die paar, in der Schweiz freylich spärlich zugemessenen Fest- und Feyertage sind Dir (ich
urtheile einzig nach den vor mir liegenden Briefen[)] zu ein paar Auferstehungs- oder
vielmehr zu ein paar Wiedergeburtstagen Deiner selbst geworden. Gott gebe
nun nur, daß Du Dich in dieser Wiedergeburt in Dir selbst im Stehen zu Dir, zu Dei-
nem Berufe und zur Menschheit nicht nur klar erkennst, begreifst u erfassest,
sondern auch festhältst.- Doch ich bin genöthigt tiefer einzugehen, denn nach dieser
Einleitung müßtest Du mich schwerlich, sondern müßtest Du mich wohl gar mißver-
stehen; denn ich will es nun gleich im Beginne gestehen meine Schlußfolge ist eine ganz
andere als Du vielleicht meynest, daß ich sie aus Deinem Briefe ziehen würde.
Also allem zuvor meine recht innige Theilnahme an all dem Lieben Guten u Schönen
welche[s] Dir des Jahres Schluß und Beginn brachte, von dem Briefe der Fr: Prof. Vogt
diesem geistigen Frühlingsveilchen, durch das wirkliche Veilchensträußchen Deiner
Kinder und den es begleitenden ächten Kindersinn hindurch, bis zu den Geschenken
welche Du andeutest, alles würdigend und in seinen wohlthätigen Einfluß, erhebenden
und stärkenden Einfluß auf Gemüth, Geist und Leben erkennend; alles dieß nun
in seiner höchsten Reinheit auch ohne einen Hauch von Trübung und in aller Fülle
des Lebens anschauend, so kenne ich doch noch ein Höheres als alles dieß was aber
nichts von allem dem ist und nichts von all dem reicht und giebt, ja gar nichts ist
als ein einfaches ganz naktes Bewußtseyn wie ein ungeborenes Kindlein.
Sieh, Langethal! Alles handelt sich um die klare Erkenntniß des Wahren u[n]d Rechten
ja Nothwendigen und ein, dieser Dreyheit gemäßes freyes Handeln, einem Thun
aus unabhängiger Selbstbestimmung. Nach meiner Ansicht fragt es sich nun nur:
Es Ist das Handeln für den Einzelnen und sey er der Edelste u Beste (oder wie Du
ihn sonst bezeichnen willst) der sich aber nicht nur selbst als einzeln Stehender
betrachtet und als solcher nur betrachtet wird; ist dieß Handeln höher oder
ist das Handeln für den höher welcher sich als Glied eines größeren Ganzen betrach-
tet und als solcher erkannt und anerkannt wird?- Sich der Verlassenen an-
nehmen wirst Du sagen, das ist mir das Höchste, alles andere kümmert mich nicht.
Sieh! L. Lgethl Du hast mir durch Deine <Einrede> den Beweis in die Hand gegeben.
Eben den Ver-lassenen wirst und willst Du Dich zuerst annehmen. Was
und wer ist denn aber ein Ver-lassener anders als ein solcher der eben
Glied eines größeren Ganzen ist, in welchem Du das Glied eines größeren
Ganzen Menschheit oder Christenheit ec siehest; welchen aber dieses /
[291R]
Ganze nicht mehr trägt und hält, sondern nicht nur los[-] sondern verlassen
hat wenigstens so meynt, oder so erscheint. Sag l. L. Wenn 2 Arme
zugleich zu Dir bitten, der eine sagt: Siehe wie alt u schwach ich bin rc.
der andere spricht: - Um Gottes Willen, um Jesu Willen thut Barmher-
zigkeit an mir! welcher von beyden will wohl Dein Mitleid am meisten
und am tiefsten erregen der erste oder der zweyte?- und welcher thut es
denn wirklich?- Hörst und läsest Du nicht <täglich>, sagst u schriebest Du es
nicht vielleicht selbst: - ehrt doch in diesen Kleinen die Kindheit, ehrt achtet
doch in diesem und diesen die Menschheit, oder schändet doch nicht in diesem Ge-
schöpfe die Natur?- Was willst Du denn mit diesen Beysätzen Kindheit
Menschheit, Natur?- Willst Du nicht darauf hindeuten daß jenes Glieder
großer Ganzen sind und willst Du dadurch nicht zu dem was Du für sie
willst um somehr die Beystimmung anderer erwecken. Wie hast Du selbst
(mit mir) in Beziehung auf die beyden Luther gehandelt, hast Du gesagt hier ist
ein armer Schweinhirte Georg u ein armer Sohn eines Hirten, Ernst, erbarmt
Euch ihrer? - oder hast Du selbst (mit mir) gesagt erbarmt Euch der beyden Luther?
Was will ich mit all diesem sagen?- Was anders als das ganz allge-
meine Gefühl erkennt es im Fühlen, Erkennen und Thun, Handeln an: das
Allgemeine steht höher als das Besondere ganz besonders ehren und achten
will erkennt man in ihm das Allgemeine an. Ich will Dich den Theologen nicht
auf die Aussprüche der heiligen Bücher hinweisen. Autorität soll so unter
uns nicht gelten sondern blos der Ausspruch der Sache selbst[.]
Siehe Langethal so hat nun auch wieder ein Handeln das um einer und für
eine größere Allgemeinheit willen geschiehet merkwürdiger Weise einen
viel, viel größeren Werth als wenn es um und für eine Besonderheit ja
Einzelheit geschiehet. Was hat größeren Werth wenn Du um eines Menschen
und sey es der ärmste verlassendste handelst oder wenn Du um der Mensch[-]
heit willen handelst also z.B. in diesem einzelnen Menschen wieder dann um
der Menschheit willen. Der Vater, der Pathe, der Oheim handelt für ein
Kind aber er sieht im Kinde den Franz, den Peter, den Otto, der Erzieher
handelt für dasselbe Kind allein er sieht im Peter, Otto Franz, das Kind, die
Kindheit, ja die Menschheit in ihrem höchsten Wesen, Wer handelt höher?-
Nun näher zum Ziele Langethal: wo wird der Erzieher seegensreicher
wirken da wo man im Kinde den Franz, Otto Peter rc rc den Burgdorfer
den Berner, kaum, kaum, kaum den Schweizer noch weniger aber den
Menschen ja die Menschheit siehet.- Wo soll, wo muß sich der Mensch
hinwenden, da wo es das Einzelne oder da wo das Allgemeine gilt?
Du warst Das Leben ist ein Kampf und nicht für und um Einzelnes u Einzel-
ner willen sondern um des Ganzen willen. Du Lgethl warst Freywilliger
im Preusischen Freyheitskrieg <13/15> Körner auch; fragtest Du Einzelnes,
gilt es Dir Einzelnes, galt es dem Körner Einzelnes oder gab er selbst
Einzelnes z.B. seine Liebe u seine Braut selbst für das Ganze, das Allge-
meine?- Es würden und werden noch immer Statuen aufgestellt
von Hutten, von Guttenberg, von Luther u selbst von Hermann, den Be- /
[292]
freyer[n] Deutschlands. Was meynst Du nun Lgethal gelten diese Statuen, so ähnlich
sie sein mögen den Personen Huttens, Guttenberg[s], Luthers, und Hermann[s]?
- Ich glaube nein! Sie gelten dem Gedanken, den Ausdruck, der Lehre, der Dar-
stellung des Gedanken[s], daß das Allgemeine höher stehe als das Besondere, sie
gelten der Aufforderung zur Darlebung des Gedankens; - das Allgemeine
ist der Hingabe des Besonderen werth, die Menschheit ist das Höhere und die Darstellung
und Pflege der Gottheit in der Menschheit das Höchste und Wichtigste.
Also lieber Langethal! Diese Statuen eines Hutten, eines Guttenberg, eines
Luthers, eines Hermann, ja Jesu selbst eines Jesu am Kreuz oder eines
Crucifix [(]selbst bey Jesu am Kreuz, wo nun gar von keiner persönlichen Auffassung die Rede seyn kann[)], als todte Standbilder sollen einen Gedanken, eine Idee nicht
etwa blos darstellen, ausdrücken, nein! sie sollen sie gleich Menschen
und lebenden Wesen aus sich hervor, und in das Leben hinaus und
herein Leben. Der Verwirklichung und Darstellung ja Darlebung der Idee
des Gedankens, daß nur das Ganze und Allgemeine das Wahrhaft Besteh-
ende und Bleibende und Ewige sey und daß eben darum nur der und das Einzel-
ne in dem Ganzen und durch das Ganze sein Bestehen habe, der Offenbarung
und Kundmachung dieser Wahrheit, dieser scheint jetzt alles Wirken zu gelten
alles höhere Streben ob bewußt oder unbewußt gleich viel.
Und was meynst Du nun mein theurer Langethal was kann und sollte diesen
Gedanken lebenvoller auch den ungebildeten einfach natürlichen Menschen
lebenvoller und wirksamer aussprechen der todte kalte Marmor u Stein,
das schwarze harte Eisen oder die lebenvolle Darstellung des Menschen und
noch überdieß nicht eines einzigen, sondern einiger für diesen Gedanken
und zu dessen Darstellung geeinter?-- Ahnest und siehest Du nun wo
ich hin deute l. Langethal?- Die Schweiz ist jetzt und wie es scheint noch für
lange nicht die Pflegerin des Allgemeinen der Kantons, der Bürgerschaft
der Gemeinde und der Zünfte Geist macht dieß unmöglich. Alles ist und
dreht sich um Einzelnes bey allem Anscheine von Gemeinsamkeit; denn die Ge-
meinsamkeiten sind selbst wieder Einzelheiten die sich gegeneinander nicht
miteinander zu erhalten suchen, daher der Dank, der wohl aufrichtige
herzliche und wohlgemeinte bestimmte Dank des Einzelnen. Ich glaube man
kann mit großer Wahrheit und Bestimmtheit sagen: - In der Schweiz, d.h.
in jedem Einzelnen Kanton, wie in jeder Bürgerschaft, als auch wirklich
in der Schweiz als ein Ganzes könnte Gemeinsamheit sich hervor und
darleben allein man will nicht. In Deutschland möchte, ja will sogar
Gemeinsamkeit, Allgemeinheit und so zuletzt Menschheit als ein Ganzes
als ein Einiges sich hervorarbeiten allein es kann nicht; es fehlt das
Gefühl, das Bewußtseyn, das Anschauen der Kraft was der Einzelne und
ganz vor allem was Einige geeint, durchdrungen von dem Gedanken und
der Idee der Einheit können. Die Anschauung nicht nur dieser Kraft
sondern der Wirkung dieser geeinten Kraft oder Kräfte diese ist es
die Deutschland, welche sogar die ganze Menschheit bedarf, die Anschauung
der Wirkung dieser Kraft diese ist es was der Menschheit der Deutschheit
dem und den Deutschen zunächst zu geben Pflicht ist also wieder einmal
lebendigeleib haftige Hutten, Guttenberg, Luther, Melanchton rc ge[e]int.- /
[292R]
Verstehst Du mich mein theurer Langethal oder verstehst Du mich nicht?- Siehe
in der Schweiz kannst Du dieß nicht, hilft Dir auch nichts wenn Du kannst
was hat unser gemeinsames Wirken so herrlich so kräftig in Willisau und
Burgdorf bewirkt. Willst Du Dein jetztiges Anerkanntwerden Langethal
so gewichtig und aber gewichtig es seyn mag in die Wagschaale legen?-
Das zieht nicht zieht kaum, kaum einen Deut; denn nicht weil Du dem
Allgemeinen förderlich bist, nicht weil Dein Wirken seegensreich für das
Ganze und Einige ist, sondern weil der Einzelne eben als Einzelner (:dieses
Einzelne kann freylich wieder eine Gemeinsamkeit z.B. Familie selbst Com[m]u[-]
ne seyn:) Dein Handeln und Dein Leben für sich als Einzelner nutzbar
gefunden hat. Laß Dich nicht durch Dein Gemüth oder durch den Wort-
Ausdruck Einzelner täuschen; allein selbst dieser Wortausdruck ist
klar und sprechend genug. Ließ selbst den so herrlichen warmen gemüth-
willen vollen Brief der Fr. Pr: Vogt: - spricht sich ein allgemeiner Ge-
danke drinn aus?- Ich finde es nicht aber lauter Persönlichkeit Ich u
Mir, die sich noch überdieß hervorhebt; meynst Du uns und ewig
sollten die Allgemeinheiten vertreten?- Uns ist nur ein multiplicirtes
Ich und ewig eine bleibende Einzelheit. Du drischst zwar mit Deiner
Kraft mein Lgthl nicht leeres Stroh, sondern vielmehr recht volle
Ähren aber ich finde keinen Boden wo Du als ächter Baumzüchter Kerne
des Lebensbaumes ausstreuen und pflegen ja wo der einzige und eini-
ge Kern des ächten Lebens- und Menschheitsbaumes, ja zunächst
nur die eine Art desselben der Deutsche wirklich Wurzeln schlagen könnte.
Siehe Langethal! was dieß mein Aussprechen bewirke kann ich nicht
wissen noch weniger sagen, allein aussprechen muß [ich] es Dir als Freund
damit Du nicht später mit vorwerfest: - "So viel u so lange hast Du
"mir geschrieben, ich habe Dir das Innerste meiner Lebensregungen und
"Freuden mitgetheilt, ich habe Vertrauen zu Dir gehabt wie ein Bruder
"und Freund, ja wie ein Kind, doch Du hast mir des Lebens Kern vorbe-
"halten Du hast mir wenigstens das vorenthalten was Dir als des Lebens
"Kern erschien, was Dir des Lebens Kern war." Diesen Vorwurf Lgethl
will ich nicht von Dir hören, noch weniger verdienen; darum Vertrauen
und Herzens- und Geistes Erguß gegen Vertrauen und Geistes- u Herzens-
Erguß.
Siehe Langethal, die Sache, ganz u gar abgesehen von meiner Person und
meinem persönlichen Wollen, ist mir so wichtig, daß könnte ich Dir alles
bieten was Deine jetzige Stelle in Burgdorf Dir giebt u noch mehr ich würde
es thun um dich zurück nach Deutschland zu gemeinsamem Handeln zu
führen. Das Gemeinsame Handeln, das persönliche Zusammenstehen für
Eine Idee, für eine Idee die jeder der Mensch (ganz abgesehen von dem Ort
ihrer Ausführung) als gut, groß u wahr erkennt, dieß Lgethal ist das Große
hohe u edle, <seltene> unseres Lebens. Und diese Idee ächtzt in hundert
verschleyerten Gestalten entgegen wie die Papageyen, Kakadus und
Aras des <Madrolin> in den Mährchen von 1001 Nacht. Und diese Idee
ist: lebt im Kinde der Kindheit, in der Kindheit der Menschheit u in dieser Gotte.-- /
[293]
Diese Idee nun großartig, das heißt so einfach als wahr, so allseitig als vollendet
wenn auch in der kleinsten Gemeinsamkeit für Anschauung, Anerkenntniß und
Nachthun darzustellen - (:denn nur das lebendig und lebenvoll Dargestellte kann
jetzt noch für Beachtung Anerkenntniß u Nachthun wirken:) - dieß zu bewirken würde
ich - wenn ich etwas zu bieten hätte alles aufbieten um Dich zu und für ein solches
Wirken zur Rückkehr nach Deutschland zu vermögen; doch es ist gut daß es nicht so
ist so achtensvoll und ehrenvoll auch Dein Handeln seyn würde, wie auch
jetzt Dein Handeln u Wirken in der Schweiz so hochachtbar und ehrenhaft ist so
so würde es doch der höchsten und allgemein menschlichen Bedeutung in den Augen
Anderer ermangeln welche in ihrer Oberflächlichkeit sagen und meynen würden
:- ein solches Handeln koste eben keine Entsagung und bedürfe keiner Opfer. Also
um der durchgreifenden gar nicht zu beschränkenden Allgemeingültigkeit der
Handlung und des Handelns sowohl für Miß- und Böswillige, als auch blos um
Blöd- und Schwachsinnige willen ist es gut und nothwendig daß ich gar nicht im
Allergeringsten Dein Handeln gar durch irgend etwas Äußeres nicht einmal
durch die Gewißheit eines gemüthvollen und ungetrübt gemüthvollen Zu-
sammenlebens bestimmen; Deine Bestimmung dadurch herbeyführen kann.
Nur die Idee und der Gedanke rein als solcher nur die Früchte der Ausführung
einer solchen Idee eines solchen Gedankens können und sollen Dich bestimmen.-
Du sagst: "Fröbel Du handelst despotisch!"- Glaubst Du mein l. Langethal ich wer-
de um des Gegenstandes dieses Briefes willen dagegen ein Wort erwidern?-
Nein! Ich will im Gegentheil eben um der Sache willen Deine Ansicht so stehen lassen
wie Du sie hinstellst. Ich will nicht <fragen>: Ist der Sommer despotisch daß er den Bäumen
den Schmuck des Frühlings entzieht und ist der Winter despotisch daß er dem Herbste
seinen Reichthum und seine Schönheit raubt, ist er despotisch daß er noch überdieß
seine zarten Zweige u Knospen in Eishüllen deckt und seine Wurzeln mit Stein
umschließt und hundert u tausend solcher Wendungen und Betrachtungen mehr
nicht etwa blos aus dem Reiche der Natur, sondern auch aus dem Gebiete
der sittlichen Welt wenn Dir etwa das zufällig festgehaltene Bild nichts
weniger als treffend erschien. Nein! Durch jede Einschränkung und Milderung
würde ich die Forderung und Dein eigenes freyes Handeln, die Kraft u den
Werth Deines Handelns schwächen. Also lassen wir mich stehen so des-
potisch als ich immer erscheinen mag die Forderung der Zeit u der Menschheit
hat damit nichts zu schaffen; ist meine Forderung als solche gewiß, bewährt
und bestätigt sie sich als solche nach allen Seiten hin, so kann das despotische
Erscheinen meines Handelns das Erfüllen derselben nicht einmal schwächen
noch weniger rückgängig machen. Jesus stieg auch um die Welt von der
Gewalt des Satans zu befreyen, in die Hölle hinab und fesselte dort die
Teufel; das heißt doch wohl mit klaren Worten oder bedeutet doch wohl:
Jesus vermied auch das nicht was ihm selbst sittlichen Tod u Verderben
drohte, er ging ihm kühn entgegen überwandt es d.i. jagte es in sein
Nichts um die Menschen auch von den Hemnissen zu befreyen die in
unerkannter Dunkelheit wohnen in Nacht u Untiefe. An seine ächten Nach-
folger also, an die welche es zu seyn sich bemühen kann also auch keine
andere Forderung ergehen und er selbst sagte "Wollt ihr ein anderes Los /
[293R]
denn ich?"- Um Deinen Blick zur Prüfung zu schärfen erlaube mir Dir zwey
zunächst aber ein Schriftchen zu empfehlen was ich jüngst gelesen und
wieder gelesen habe und noch und wieder lesen werde. Dieß letztere
Schriftchen ist:
Programm zur 400jährigen Jubelfeyer des Guttenbergfestes
von Geo[r]g Stückrad. Offenbach Verlag von C. Wächses-
hausen 1837. Es mag gegen 150 Seiten haben und 1 fl. kosten.
Das zweyte Schriftchen was ich eben jetzt lese ist:
Stimmen der Minorität von demselben Verfasser, in gleichem
Verlage 1837. 8[°] 168 Seiten.
Dieß letztere Schriftchen führt das Motto: <Quamvis> ridenti dicere verum
quid vetat?- Horat: [sc.:  Horaz]
Die Abschnitte haben zur Überschrift: I. Die Wege der Glückseligkeit. II. Zahme
Laster u geschminkte Tugenden. III. Moralische Homöopathie. IV. Geld,
Aristokratie u Judenthum. V. Der Adel. (:Ich habe noch nicht III been-
digt. Allein es lehrt mich die Zeit u die Forderung der Zeit kennen:) Ganz
vorzüglich aber fordere ich Dich auf das erste Schriftchen recht bald kommen
zu lassen. Es mit Aufmerksamkeit zu lesen u wieder zu lesen will ich Dich
gar nicht auffordern, Du wirst Dich schon durch sich selbst bestimmen. Ich
lasse es jetzt zu einem Geschenke für Barop kommen. Schon deßhalb muß
es Dir interessant seyn zu wissen, woran sich Mittheilungen unter uns
besonders knüpfen. Ich habe es selbst eben in Beziehung auf eine ächte
Feyer des disjährigen Guttenbergs Jubiläum mit ein paar Blanken-
burgern gelesen. Und ich mache Dich mit der Frage darauf aufmerk-
sam: - Wie wäre es wenn wir uns zu einer ächten Guttenbergs-
Jubelfeyer in diesem Jahre, Am 24 Junius (es ist der bedeutungsvolle
Johannistag[)] wieder in Deutschland und hier zusammenfänden?- Doch
Du mußt nothwendig das Schriftchen lesen ehe Du diese Frage verstehen
kannst; wie Du mich überhaupt in sehr vieler Beziehung in all dem
bestimmter verstehen wirst was ich in diesem Briefe Dir wiederrum [sc.: wiederum]
ausgesprochen habe.- Und wie ist mir zu Muthe als ich Dein ich Dir dieß
alles nun ausgesprochen habe und wie war mir zu Muthe als ich es Dir mit-
theilte u aussprach?- Darf ich es mit einem großen Bilde allein nicht
wieder wahr bezeichnen?- Wie Luther auf dem Reichstage zu
Worms: hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott stehe mir bey!-
Ich sehe alle die Aufregungen all das Unheimliche will ich sogar
sagen, all das Gewagte wenn Du willst und doch kann ich nicht an-
ders urtheilen wie ich es urtheilte und wie ich Dir aussprach. Warum ich
es dennoch nicht lieber unterdrückte? Warum?- Weil ich nicht weiß
zu welch einer Lebensansicht Du einst kommst; oder vielmehr zuerst: -
Weil ich zu einem Manne sprach der selbstständig lebt, denkt, urtheilt
handelt, der Autorität haßt und sich mit den Seinigen nicht durch Autori-
tät bestimmen läßt; und der mir sagen und vorwerfen könnte: "Was fürch-
test Du Dich mir zu sagen was Deine Überzeugung ist, meynst Du sie müßte auch
danach gleich die meine werden"; und dann wie ich vorhin begann: Weil ich /
[294]
nicht weiß zu welcher Überzeugung Du einst kommst u wann, und Du
dann zu meiner Überzeugung kommen könntest allein zu spät, und Du dann
zu mir sagen könntest: Warum sprachst du nicht zur rechten Zeit und
als Mann zu mir?-
Wir stehen nun zwar auf rein entgegengesetzten Ansichten und
Bestimmungen im Handeln Du, Du machst Dein Handeln, auch nach Deinem
jüngsten Briefe wieder wo Du von nothwendiger gegenseitiger Voll-
kommenheit sprichst - vom persönlichen Stehen und persönlicher Voll-
kommenheit abhängig; ich dagegen dieß anerkennend zuerst von dem
Contact, der Zusammenstimmung mit dem Ganzen. Ein Bild mache klar
wie ichs meyne: was hilft die schönste Ausbildung der Blüthen
wenn ungünstiges Frühlingswetter die Blüthen vernichtet?- Ein
andermal sind die Blüthen lang nicht so kräftig rc allein ein günstiges
Zusammenwirken der Witterung begünstigt ihre Entfaltung und sie
sagen [sc.: tragen] 10 u mehrfältige Frucht. Hast Du nicht gehört dieser Mann
von den seltensten Gaben kam entweder ein Jahrhundert zu früh
oder zu spät er gieng unter im ungleichen Kampfe. Sollten wir
mein theurer Langethal als erfahrene, verständige und vernünftige
Männer nicht alles aufbiethen, daß und <damit> wir in unserm Jahrhun-
dert u in unserm Vaterlande gerad zur rechten Zeit u am rechten
Orte lebten?- sag Langethal?- Und sollen wir d nicht da zu wirken
streben wo wir als ein Ganzes wirken und auf ein Ganzes? Nun
aber die beyden Ganzen scharf. Sieh nun meyne ich eben in der Schweiz
und in Deiner jetzigen Stelle kannst Du beydes nichts. Ich habe oben
gesagt: ich kann Dir nichts bieten gar Nichts - ich hatte Recht, nichts
äußeres nehmlich allein ich habe auch Recht - Etwas, ein Etwas
kann ich Dir wohl biethen.: nemlich die freye Entfaltung, den freyen
Gebrauch, Deines ganzen Selbstes. Nicht einmal einer Spiel-
entwicklung und Vollendung kannst Du in der Schweiz u Deiner jetzigen
Lage leben, so schreibst Du mir ja selbst 100 u[n]d 100 nicht zu um-
gehende Äußerlichkeiten u Bestimmtheiten nehmen Dich in Anspruch;
zu all diesem braucht es nun eben keinen Langethal u keinen aus
der Freundes drey. Ich will Dir etwa dadurch nicht schmeicheln. Gott
wolle mich dafür behüten und ich möchte sagen <meine[r]> Hand <Büs[s]erin [seyn]>
wenn ich so denken ja so handeln könnte. Aber Wahrheit muß der
Mann ertragen in Guten u besten Sinn. Nun wirst Du sagen: - Ich
will einmal annehmen Du hättest Recht, so sage mir nur warum
sind wir dann nur nach der Schweiz gekommen; die Vorsehung hätte
es ja kürzer gehabt wenn sie uns in Keilhau zusammen gelassen
hätte!?- Wohl mein Langethal, wenn wir uns nur erst selbst
gehabt u erkannt in unserer Kraft und gegenseitig erkannt und ge-
habt hätten. Darum und deßhalb mußten wir wandern, daß
jeder sich selbst und wir uns alle als ein Ganzes fanden. Langethal
in Dresden vor den Königl. Hoheiten rc fand ich meine Blkbg Spiel
Anstalt. Und meine theure Frau sagte in Keilhau oft: Dem Langethal u Midden- /
[249R]
dorffen
fehlt nichts als daß sie gereist und gewandert wären und sich all-
gemeine Lebenserfahrungen und Einsichten gesammelt hätten! Ich sagte dann
es wird u soll auch kommen geliebte Frau! Es kam wenn auch auf
eine andere Weise als ich mir dachte als ich sagte: "Es wird auch
kommen["] und auf eine viel dur[ch]greifender Bildende Weise als
ich dort ahnete.-
Nun dachte ich wäre ich mit der Darlegung des Ganzen im Allgem.
abermals zu Ende so viel ich Dir auch noch im Besonderen und Ein-
zelnen zu sagen hätte.- Es ist abermals fast Mitternacht wie
gestern. Middendorffen der den ersten Bogen schon gelesen hat sitzt
mir gegenüber um diesen 2n Bogen mit in seine Stube zu nehmen
um ihn früh zu lesen damit das Ganze noch morgen an Dich ge-
lange, darum für heute gute Nacht. Gute Nacht.

Am klaren, lichten duftigen Morgen nach klarem lichten Aufgange der Sonne[.]
Einen so klaren lichten Morgen Dir und uns in allen Lebensbeziehungen.
Eine gute, eine wichtige Sache soll man nach über Nacht wieder in Berathung
ziehen; ich habe es gethan; und nicht nur steht mir alles noch ebenso wie
gestern Abend beym Schluß sondern im gleichen Geiste, in gleicher Über-
zeugung noch viel bestimmter.
Du sagst, um nur noch ein Einziges unter den Vielen herauszuheben: -
Wenn wir persönlich vollkommen sind werden wir uns gewiß zusammen-
finden; ich sage deshalb, der Mensch soll streben in allem ein Ganzer
Mensch zu werden, kannst Du es aber in Deiner jetzigen Lage; d. sowohl
in Beziehung auf Dich, sondern in Beziehung auf Deine Verhältnisse zur Mensch-
heit in Hinsicht auf Deinen Beruf. Du, ich und zunächst wir drey sind
nicht berufen Einzelerzieher, d.h. Erzieher des Einzelnen als Ein-
zelner sondern Erzieher der Menschheit, des Einzelnen <aus dem> und
als Glied der Menschheit zu werden. Unsern Beruf sollen
wir aber ganz vor allem zu erkennen und demselben gemäß,
getreu zu leben zu suchen. Für jedes Einzelne finden sich leicht Men-
schen allein nicht für die Ganzheit, so findet sich am Ende auch ein
recht passendes Individuum für Burgdorfs Waisenhaus als
ein Einzelnes, denn so nur will es sich ja festhalten.
Doch genug die Bothin nach Rudolst. sitzt u wartet, mich
dünkt auch nichts wesentliches <wurde> übergangen. Doch noch ein
Wichtiges. Es ist wahr und ist fast zum Erdrücken wahr. Die Ausführung
der angedeuteten Idee kostet unaussprechliche, unabsehliche Opfer
kostet so große Opfer daß man sie kaum überblicken kann; allein
Langethal, allein wenn dieses nicht wäre so wäre auch die
Sache um die es sich handelt nicht unaussprechl., nicht unabsehlich,
nicht unendlich groß; d.h. sie könnte dann auch keine unabseh-
lich große Wirkung hervorbringen, die es muß wenn der Mensch-
heit als einem Ganzen geholfen werden soll. Alles geht aus
dem Kleinen u Kleinsten hervor wirkt aber dann als Großes d.i. minde-
stens in seiner Vollendung die Du, die ich, die wir alle ersehnen, erstreben[.]
DFrFr

Bey jedem Worte was ich schrieb d dachte ich unserer Deiner Ernestine!- /
[291V, Rand]
(Nachschrift)
Die abschriftl Beylage ist für Dich für Ernestine als Seelen-, als LebensGruß!!! Auch für Fröhlich /