Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 21.1.1840 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 21.1.1840 (Blankenburg)
(UBB 93, Bl 297-300, Brieforiginal/Fragment 2 B 8° 8 S. Der Text bricht auf 300R ab und wird in Briefliste Nr. 926 irrig als (vollständiges) Original geführt.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 21sten Tge
      im Monat des Doppelblickes 1840.


Mein theurer Langethal.

Du kannst wirklich bös darüber sey[n] schon
wieder einen Brief von mir zu erhalten; al[-]
lein so vielen Grund Du auch dazu zu haben
scheinest, so thue es dennoch nicht, denke
nicht einmal schief oder zweydeutig da-
rüber, das heißt nimm es ja um des
Ganzen willen um welches es sich handelt
nicht persönlich; mich im Gegentheil dünkt
es könnten aber nie in ihrer Grundbe-
ziehung wichtigere, Lebenswichtigere Zei-
len geschrieben worden seyn, noch je ge-
schrieben werden als die Briefe welche
ich in den jüngsten Tagen an Dich schrieb
und die Zeilen welche Du jetzt von mir
erhältst. Sie bezogen und beziehen sich et-
wa nicht auf einen einzelnen Menschen
noch weniger etwa nur auf Dich und mich;
nicht etwa blos auf das lebende Menschen[-]
geschlecht, oder die Menschheit innerhalb /
[297R]
ihrer Erderscheinung, sondern auf die
Menschheit in ihrer ganzen ewigen Fort-
entwickelung; denn es ist ja natürlich
daß die Entwickelung welche die Menschheit
auf und in ihrer Erdenstufe errringt
nothwendige Folgen auf die Gesammtheit
ihrer Lebensentwickelung und so zuletzt
selbst auf ihr Verhältniß zu Gott haben
muß.
Nicht Willkühr, nicht ein äußerlich klug
berechneter oder berechnender Verstan-
des Entschluß bringt mich zu diesem Han-
deln, sondern eine innere Geistes- und
Gemüthsnothwendigkeit, welche mir
ebenso in der Entwickelung des großen
Lebensganzen insofern sie sich im In-
dividu[u]m bedingt ist, wie irgend ei-
ne Jahreszeit welche sich in der klein-
sten Blüthe oder in der Reise der un-
scheinbarsten Frucht ausspricht. Oder
sage mir l. Langethal welch eine Be-
deutung hat es denn mit der Sehnsucht?- /
[298]
Schreibst Du mir doch selbst in Deinem jüngsten
Briefe daß Dich die Sehnsucht getrieben habe
zu schreiben; die Sehnsucht mir alles das Lie-
be und Gute mitzutheilen was Dir das Jahr
d.i[.] der JahresWechsel gebracht habe und
den widrigen, schmerzlichen, mindestens et-
wa unangenehmen Eindruck in mir zu ver[-]
treiben welcher vielleicht Ausdrücke oder
Wendungen in Deinem vorletzteren Briefe
in mir bewirkt haben könnten. Dieß ist nun
alles bey mir jetzt nicht der Fall, nicht Liebes
und nicht Trübes will ich ausgesprochen und
nichts Trübes will ich klären, sondern <blos>
Dir, dem die Forderungen der Zeit und des
Lebens zu erforschen Strebenden um ihnen
nachzuleben, nur Dir will ich, d.h. muß
ich sittlich die Gewalt der Lebensforderungen
aussprechen und mittheilen wie sie auf
mich einwirken, denn solltest Du sie min[-]
der klar und bestimmt kennen lernen wol-
len, solltest Du sie minder männlich er-
tragen können als ich; solltest Du, wenn /
[298R]
schwach, ich möchte sagen eigenmächtig ge-
nug wäre sie Dir vorzuenthalten, soll-
test Du mir nicht einst Vorwürfe machen,
daß ich zu Dir dem Freunde nicht ausgespro-
chen habe was ich doch in mir als nothwen-
dig erkannt; führst Du ja dieß selbst als
den Grund an, daß Du mir aussprechen
mußtest von dem auch Du glauben konntest
daß es mir nicht angenehm wäre.
Also L. L. willst Du der Menschheit durch
Dich und durch die entsprechendsten äuße-
ren Verhältnisse das Entsprechende geben
was sie gerad jetzt zu ihrer steigenden
Vollendung bedarf willst Du ihr Heilbri[n]ger
und ihr Friede u Freudegeber werden, so
giebt es nur einzig den Weg, den der
Wiedervereinigung, den der Wiederver-
einigung jetzt u hier in Deutschland und in Bl[an]-
kenburg.- Gott hat mehrere Wege um
der Menschheit zu helfen sagst Du!- Wer
zweifelt daran und schränkt dieß ein
Gott hat mehrere Wege, allein der Mensch /
[299]
der Mensch, welcher als Wohlthäter der Mensch[-]
heit und sey es auch zunächst nur seines
mitlebenden Geschlechtes wirken will
hat wohl nur Einen Weg, welchen er mit
Klarheit des Bewußtseyns erkennen mit
Festigkeit des Willens in und durch freye
Selbstbestimmung gehen soll.- Siehe Lgthl
prüfe es als Mann, ich kann nicht anders
erkennen und nicht anders aussprechen.
Kannst Du Dir einen Sokrates, Plato, Jesus
Guttenberg, Luther, Herschel, Kant pp an-
ders handeln u wirkend denken als sie han-
delten und wirkten? - kannst Du einen an
die Stelle des anderen setzen?- Nun fordert
die Zeit jetzt ein Ganzes, ein bestimmtes,
ganz bestimmtes Erziehungsganze[s]. Sie
fordert es aber darstellen? - nein! das
kann sie nicht. Es soll ein in sich einiges un[-]
gestücktes und ungestückeltes Ganz leben-
diges Ganze in und mit Freyheit und doch
nicht nur ganz entsprechend der Zeit im
allgemeinen, sondern auch den einzelnen /
[299R]
Verhältnissen und Bildungs- und Lebensstu[-]
fen in der Zeit. Kannst Du dieß Langethal
in Deinem Wirken?- Kannst Du es allein?
Wirst Du es je in der Schweiz im Kanton Bern
und in Burgdorf mit der Gesammtheit Deiner
Freunde können?- Kann Dein Wirken in
Burgdorf u als Burgdorfer, in Bern u als
Berner, ja selbst in der Schweiz und als
Schweizer die Allgemeinheit bekommen
welche das jetzt geforderte Erziehungswirken
verlangt, kannst Du es in der Reinheit
darstellen welche Bedingung ist?- Ich lasse
die Fragen ganz unbeantwortet; allein
das sage ich Dir ich in Deutschland, Midden-
dorff
u ich in Deutschland können es nicht[.]
Warum?- Gebe ich Sachen, so versteht man sie
nicht zu gebrauchen? Man kann das Einzelne
nicht verallgemeineren, das Besondere nicht
in seiner nothwendigen Wehcselwirkung [sc: Wechselwirkung] und
weiteren Entwickelung sehen!- Das Gesprochene
Mißdeutet man! - und das Gelehrte hat
man halb aufgefaßt u schief u einseitig wen- /
[300]
det man es an. Lies den beyliegenden Brief
von Jeckel in Frkfurt a/m in Beziehu[n]g auf Hoch-
städter
, lies ein paar Worte von Leon-
hardi
darüber; Und sieh vor allem den Plan
den Frkenbrg in Dresden hat drucken lassen; wo
ist da Einheit, höhere Idee; alles zusammenge-
würfelt wie es schon oft genug da war, das
soll dann ein stetiges Ganze seyn, wenn es
durch ein paar Schlüsse verbunden ist. Du
hast mir einmal Vorwürfe gemacht, daß
ich Dir dieses Opus Frankenb: - auf welches
er überdieß so großen Werth legt, nicht ge[-]
sandt habe; ich konnte es unmögl. über mich
gewinnen für die Verbreitung eines einer solchen
äußerlichen Auffassung zu wirken. Doch zu
viel darüber; Du siehest es fordert die
Thatsache, der Hinstellung eines in sich einigen
Erziehungsganzen zunächst für die Stufe
der (ersten) Kindheit bis zum schulfähig[en]
Alter. Langethal!!- Die große jetzt als
nothwendig erkannte Thatsache muß aus[-]
geführt muß jetzt ausgeführt werden; und wer soll, wer kann /
[300R]
sie ausführen??- Langethal! Langethal!-
Kein Angestellter Lehrer u Erzieher kann
sie so wie es die Menschheit fordert ausfüh-
ren, nur der kann sie ausführen welcher
nur die geeint können sie ausführen, wel-
che nur der Menschheit gehören. Nun
frage Dich, wer kann sie anders aus[-]
führen wie wir, wo stehen und finden
sich noch Menschen so wie wir.- Lgethl
kannst Du die Überzeugung in Dir haben
und sie mir darlegen daß Du von
wo es sey das Erziehungsganze wie aus[-]
gesprochen als eine eine [2x] That hinstel-
len kannst, Langethal ich will Dir so
eifrig und hingebend dienen wie Dein
Howald oder Antonen, nur daß das
Ganze ausgeführt wird; allein ausge-
führt muß das G[an]ze werden, muß d[urc]h
uns werden sonst laden wir uns die
Verantwortung auf uns, daß das Men[-]
schengeschlecht durch uns mindestens
½ Jahrhundert in seiner Entwickelung zurück
gehalten worden ist. Soll die Morgenröthe [Text bricht ab]