Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Weil in Frankfurt/M. v. 26.1.1840 (Blankenburg)


F. an Heinrich Weil in Frankfurt/M. v. 26.1.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 146-147, datierter Entwurf 1 B fol. 4 S., Handschrift Barops. Es handelt sich um zwei Entwürfe. Der erste Brief ist an Dr. Weil jun. gerichtet, der zweite ab 147R Mitte und als Randtext an Dr. Heinrich Weil sen.)

2. Briefentwürfe 1840
HE Dr. Weil in Frankfurt a/m

Blankenburg d 26 Januar 1840


Hochgeehrter Herr

Sie werden sich, wenn Sie Ihre freundlich dankende Einkehr bey uns
von Ihrem letzten an uns gerichteten Briefe vom 19ten vor. Monats an rechnen,
unsere verspätete dankbare Erwiederung darauf gar nicht erklären
können. Darum müssen wir Ihnen vor allem sagen, daß erst am 13ten d. M.
dieser Ihr freundlicher der mehrfachen Festgabe Bedeutung u Wort gebender
Briefe bey uns eintraf, obgleich der stumme Gast, welcher uns von
seinem Wann Wo u Wie gar keine andere Kunde brachte, als
daß er von Gotha aus für uns verladen, wo schon einige Tage
früher bey uns eingekehrt war. Übrigens sind freylich seit dem Ein-
gang Ihres lieben Briefes auch schon wieder <12> Tage verflossen,
u es würde uns schwer werden uns wegen unserer verspäteten
Rückkunft zu entschuldigen, wenn Sie nicht unser hiesiges Leben ge
kennten, welches eben jetzt in der strengen Tages drängenden Tagesord-
nung die Ihnen bekannt ist seinen Fortgang hat. Ganz wie bey Ihrem Hierseyn, versammelt
uns alle um ½ 9 das Frühstück. Um 9 beginnen
die Stunden bis nach 12. Von 2 ¼ oder 3 bis 5 finden die
Beschäftigungen in der Spielanstalt Statt, worauf dann wieder von ½ 7
bis 8 der Unterricht eintritt, u uns nun erst das gemeinsame
Abendbrod empfängt. Der Abend von nach Tische bis oft nach Mitter-
nacht wird den dringendsten fort entwickelnden brieflichen Mittheilungen über den
Gegenstand unseres Strebens gewidmet, so daß uns zur
eigentlichen Bearbeitung des Gg selben nur die wenigen Morgen-
stunden bleiben, die leider auch dadurch oft beengt werden, daß die weil der
verspätete Nach Tagesschluß auch einen spätern Tagesanfang bedingte.
Die sich noch so herausstellenden wenigen freyen Stunden während des Tages
waren dann häufig der Ausarbeitung neuer Spielmittel gewidmet[.]
Wir erlauben uns dieses freundschaftlich mitzutheilen in einer doppelten
Beziehung, einmal damit Sie unsere verspätete Erwiederung nicht miß-
deuten mögen u dann um Ihnen zugleich ein Bild von unserm innern äußern
Leben zu geben, woran sich die Fortentwickelung auch des innern, für einen
Mann wie Sie, leicht anknüpft.
Was jedoch unsrer Thätigkeit hier eine etwas andre Wendung
u Bedeutung giebt, ist daß zu der Bildung von männlichen Pflegern
u Erziehern der Kindheit sich nun auch d Bildung weiblicher Pflegerinnen /
[146R]
und Wärterinnen gesellt. Drey junge Töchter von 17 bis 19
Jahren, worunter zwey unsers hiesigen HE Raths[-] u Amtmanns u
eine u von außerhalb sich befinden, nehmen fest an dem vollstän-
digen
ganzen Bildungscurs Antheil. <Nun> Drey andere jüngere Mädchen
von hier, die sich später auch vielleicht einmal theils zu Kinder-
wärterinnen theils zu Erzieherinnen herauf zu bilden gedenken, be-
suchen außer den Spielstunden auch noch die, wo wir selbst die
Lieder u Spiele einüben, so daß wir in der dazu gewidmeten Zeit oft
unser zehn zusammen sind. Da diese Mädchen gesangs- und Phanta-
sie reich sind, so haben die Spielübungen dadurch ein sehr reges
Interesse: eben so auch die Spiele in der Anstalt selbst. Eine große
Anzahl neuer besonders aus dem Leben gegriffener Darstellungen
g[an]z namentlich mit d Spiel 4ter Gabe sind erfunden worden
zB. ein Backtrog, ein Waschtrog mit Wäscherinnen, ein
sehr Ar schöner Armsessel, ein Kinderstühlchen, ein
Tisch ein Stuhl u Tisch mit einem Kinde, ein geöffneter Schreib-
tisch, ein verschlossener Schreibtisch, ein Stehpult, eine Mange,
ein Schlitten mit 2 Pferden u einem Fahrenden, eine Gleit-
bahn (waagrechte Ebene), eine Rutschbahn (schräge Ebene) u mehreres andere u.a.
Mehreres wurde von den Erfindenden
selbst mit sehr schönen Liedchen begleitet, wovon ich nur das
neue bey Stuhl, Tisch u Bette erwähnen will: „Mein liebes
Kind, die Mutter spricht, Steig mir nur auf die Stühle
nicht, Das Kind folgt seiner Mutter nicht, Es fällt vom
Stuhl aufs Angesicht. Ein Glück wenn’s einen Arm nicht bricht.“
Andere sind jedoch viel einfacher. Auch die Bewegungsspiele
haben sehr an Einheit wie an Umfang u Ausbildung
gewonnen. Doch können wir dieß nur erwähnen. Allein Wir
sind in der Anwendung unsrer Spiele auch noch weiter gegangen.
Wir haben sie zu gesellschaftlichen Spielen für Erwachsene
hin auszubilden versucht u haben auch hier mit dem
Balle begonnen, der grüßend zu der Gesellschaft kam
u bittend aussprach, jeder derselben möchte von
ihm eine Eigenschaft u Lebens beziehung aussprechen.
Auch hier wurde er bald ein Geisteswecker u ein
Herzenserfreuer. In mannigfachen Reimchen und /
[147]
Liedchen, wurden seine Eigenschaften u Gaben gepriesen
zB die Farben: „Mein Kleid ist wie der Himmel blau
u meins ist grün wie Frühlingsau.“ „Ich blüh wie Veilchen
in dem Moose u ich glüh wie die Purpurrose.“ „Mein Bäll-
chen gleicht dem Flammenglühn, wenn knisternd gelbroth
Funken sprühn. Gelb ist mein Kleid wie Sonnenlicht, wenn
es hervor aus Wolken bricht.“ Oder: „Der Ball schwingt
hier an seiner Schnur – tik tak tik tak – wie der Pendel
an der Uhr Tik tak tak tak“. <Wl> „Der Ball ist auf
der Erde, mein liebster Spielgefährte. Mir immer treu
und ewig neu.“ – Die eigenthümlichsten Beziehungen wurden hierbey
hervorgehoben u durch einige schöne Stimmen <einend einigend> in ein helles Licht
gestellt. Dieß geehrtester Herr Doctor als eine freundl[iche] Gegen-
gabe für Ihr liebes Geschenk u zugleich eine Andeutung, welchen
Gebrauch wir davon zu machen gedenken. Es soll näml[ich] bey einer
unsrer nächsten festl[ichen] Zusammenkunft der Keilhauer u Blan-
kenburger uns zu ähnl[ich] solchen Spielen – Es zielt dieß dahin wie sie
(d Spiele) u g[an]z besonders die Spiele ihren Geist u ihre Wirkung auf das
menschliche Gemüth in dem Leben einzuführen zu <zeigen> u beachten
zu machen - den leuchtenden Witz, den fröhlichen Humor wecken u die heitere
Lebensfreude die gewandte Sprache seiner Geburtsgegend
die ja das liebe Frankfurt auch mit einschließt u von welchen
ersten
wovon er Sie uns ja in Ihrem (einführenden) begleitenden Briefe einen
so schönen Beweis gegeben haben, einführen wobey wir dann <Ihr> wie
<?> mit den herzlichsten <Wünschen> für d Fortgang Ihrer
Unternehmungen alle dankbar gedenken werden; Möchten da-
gegen auch die angedeuteten Spiele namentl[ich] auch die Schönheits-
spiele, wovon wir kürzlich in einer gliederreichen Familie
unter dem Begleiten Gesang der Ihnen bekannten Liedchen Schauet
her, sehet hier – acht sind der Geschwister wir p. Oder: „Acht
sind wir der Brüder p Anwendung machten. – Ihnen im
freundl Familien Zusammenhang eine fröhliche Stunde bereiten.
Was nun den Fortgang des Ganzen betrifft, so zweifle
ich nicht, daß unser HE v Leonhardi Ihnen außer dem oben An-
gedeuteten noch mehreres Andere wie so zB die sich zeigende
Mitwirkung einer Mehrh[ei]t hiesiger und auswärtiger Frauen mit-
getheilt haben wird. Ich erwähne nun nur noch daß sich g[an}z
besonders ein neuer Punkt dafür in Eisenach angeknüpft
hat, wo die Spiele mehrseitig u selbst in die Pflegean-
stalt Kinder armer Arbeits Leute zur allseitigen Be- /
[147R]
thätigung ihrer Menschenkraft eingeführt werden sollen.
So werde ich wir in einem gerade jetzt empfangenen Briefe beauftragt
einen vollständigen Spielapparat von 20 Expl. dahin zu
senden. Auch wird uns angezeigt daß an dem nächst beginnenden
Bildungscurs für Jungfrauen auch eine aus dieser Stadt Antheil
nehmen soll um sich vollständig zu einer Mitführerin für eine
solche Pflegeanstalt daselbst auszubilden.
Haben Sie die Güte, hochgeehrtester Herr Doctor, diesen etw.[as]
ausführl[ich] gewordenen Mittheilungen nicht blos allein als einen achtungsvollen
Dank für die Einkehr Ihres freundl[ichen] Gesandten bey uns, sondern
g[an]z besonders auch als einen sprechenden Thatbeweis anzusehen
wie so sehr gern wir Sie mit unsern erziehenden Bestrebungen und
Leben u dessen Fortentwicklung in Einigung wissen mögen.
Ihrem HErrn Vater werden wir uns d Vergnügen machen
unsern achtungsvollen Gruß u Dank auszusprechen. Bleiben
Sie uns im Wohlwollen u Freundlichk[ei]t gewogen wie wir Ihnen
stets auf gleiche Weise achtungsvoll gedenken.
Haben Sie in Beziehung auf die Fortbildung Ihres Wirkens
Wünsche von denen Sie glauben daß wir zu ihrer Erfüllung mit-
wirken sie erfüllen können, so wird es uns freuen wenn Sie
uns dieselbe aussprechen wollen. (Nun) Jedenfalls bitten wir Sie darum daß
Sie uns von Ihrem Unternehmen u Bestrebungen nach welcher Seite sie sich
auch wenden möge weiter uns gütig Nachricht geben. Den Gedanken, über dKin-
de[r] halten Sie fest, als ein Keim aus dem ein Baum u segensreiche Früchte wächst

(Mitte) Wohlgeboren, Hochgeehrtester HE Doctor (Weil sen.)
Wenn ich Ihnen auf Ihre frühere gütevolle Zuschrift ich Ihnen bis
jetzt eine Antwort schuldig blieb, so bitte ich recht sehr dieß zu ent-
schuldigen, u es nicht als eine Beachtungs<läs[s]igk[ei]t> zu deuten. Im
Gegentheil wurde ich ja durch die mehrseitige Entwicklung welche
die Anwendung dKinds Spielmittel zu gewinnen scheint mehrseitig
dankbar auf Ihr erstes thatsächliches Ergreifen dSache hingeführt.
Nur wollte es mir wirklich an Muße fehlen Ihnen dafür wieder[-]
kehrend meine Anerkenntniß auszusprechen. Denn wenn nur
erst eine wohlthätige Sache kräftig erregt worden ist, so läßt sich wohl auf Fort-
entwicklung derselben hoffen; u so scheint es wie ich höre vernehme
in Frankfurt zu seyn, wo nach den jüngsten Mittheilungen nun auch
<meine> Beschäftigungsmittel u Weise auch für christl[iche] Kleinkinderan-
stalten gebraucht werden sollen. Ich möchte Sie nun nur auch ersuchen
das Ganze in Ihrer Anstalt, wo zuerst d Keim zu dessen prakt. Einführung
in Frankfurt gelegt wurde ja auch ausdauernd zu hoher Entwicklung festzuhalten,
selbst den Fall hin, daß die allgem.[eine] Theilnahme anfangs Ihren Bestrebungen Wünschen u Erwartungen nicht ganz entsprechen sollte. Lassen Sie dann, ich möchte Sie nicht
blos darum bitten, sondern dazu durch die Summe der vorliegenden allseitigen Erfahrungen auffordern, den Gegenstand nicht sinken [zu lassen], sondern halten Sie ihn vielmehr als
ein Ganzes u gestützt auf dessen Eigenschaft fest, daß er eben als in der menschl[ichen] Natur u deren Entwicklungsgang gegründet sich in seinen verschied[enen] Stufen sich auf auch auf
den verschied[enen] Stufen der zu erziehungsbedürftigen enden Jugend förderlich anwenden läßt.
Die von mir aufgestellten Bildungsmittel sind so allgemein u tragen so für die verschiedenen Entwicklungsstufen des Menschen die Keime u Anwendbarkeit Brauchbarkeit in sich, daß sie sich
entweder als reine Spiel- u freye Beschäftigungsmittel; dann als wirkl[iche] Vorbildungsmittel zu Lehr[e] u Unterricht; und endl[ich] drittens als selbst als Unterrichtsmittel behandeln lassen. -
Auf jeder dieser Stufen zeigen diese Beschäftigungsmittel freylich immer einen andern Charakter, wie sie dann auch immer eine g[an]z andere Behandlung [fordern. Sie ] wünschen freylich daß ich, anstatt es Ihnen hier nur schriftlich anzudeuten ich es Ihnen thatsächlich nach den /
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verschied[enen] Seiten hin persönl[ich] vorführen könnte. Lebte ich näher bey Frankfurt, oder wäre es möglich auf einige Zeit in Frankf. zu leben, so würde ich zeigen, wie jede Ihrer Lehr- und Bildungsanstalten aus den aufgestellten Beschäftigungsmitteln gesunde Nahrung ziehen u jede unabhängig von der andern u doch wieder in einer höheren Gemeinsamheit dadurch kräftig hervorwachsen u schöner noch blühen u fruchten würden. - In Beziehung auf Ihr besonderes Unternehmen thut es mir freylich gar sehr Leid, daß die Zeit Aufenthaltszeit Ihres HE Sohnes zu kurz war um d G[e]genst[an]d in den oben angegebenen 3 Beziehungen durchzuführen; denn das Feld was er so zu durchwandern fordert ist dann gar zu groß. Auf den ersten Augenblick scheint (nun) freylich der Aufwand an Zeit und Kosten, die ein solcher Überblick des Ganzen fordert, besonders wenn noch nicht dErfahrung ihre gewichtige Beystimmung dazu ausspricht zu groß. Allein die Kraft der Selbstentwicklung u der Selbstfortbildung, die dadurch in allen Gliedern einer solchen Anstalt, bis auf die jüngsten Zöglinge herunter kommt, ersetzt dieß später alles. Im ersten Falle würde Ihr HE Sohn auch erkannt haben, daß zB auch die Gesangsweise Unterrichtsweise von welcher er uns so schönes schreibt, sich unmittelbar mit unserer begründenden Unterrichtsweise entwickelt u sie in unsern Anstalten ihre Ausübung findet. /
[Rand 146]
Also Hochgeehrtester Herr Doctor, fügen Sie zu der Ihnen gebührenden Ruhe der [sc.: die] praktische Einführ[ung] der allseitigen Bethätigungsmittel der Kinder u dJugend, um auch noch dann sie <ausdauernd> in der Anwendung u dieser seiner Fortbildung festzuhalten. Ich zweifle <?> nicht daß Sie in dieser meiner Mittheilung m[eine] herzlichsten Wünsche für das segensreiche Bestehen Ihres Wirkens u meinen aufrichtigen Dank für Ihre rege Theilnahme an meinen Bestrebungen finden werden. Mit besonderer Hochachtung Grüße von Mdff Brp mich unterzeichnend
Ihrem
Ergebensten

[Rand 147]
P.S. (an den Sohn)
Da in dieser meiner Mittheilung an Sie lieber HE Dr. u an Ihren HE Vater manche Gedanken liegen, die ich auch wohl <manche> v Leonhardi ausgesprochen wünschte, so würde ich Ihnen sehr dankbar seyn wenn Sie die Freundlichkeit haben u ihm beyde Briefe gelegentlich mittheilen wollten.