Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jekel in Frankfurt/M v. 27.1.1840 (Blankenburg)


F. an Jekel in Frankfurt/M v. 27.1.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 148-150, datierter Entwurf 1 B+½ Bl fol 5 S. Die Blätter liegen falsch. Richtige Reihenfolge: 148, 148R, 150, 150R, 149.)

3. Briefentwürfe
Sr Wohlgeboren, Herrn Jeckel an der Dreykönigs-
         schule zu Frankfurt a/m.

Blkbg bey Rudolst[a]dt 27Jan. 1840


Wohlgeborner;
Hochgeehrter Herr!

Für Ihre geehrte Zuschrift vom [Lücke/18.1.1840] bin ich Ihnen
gar sehr dankbar; nicht aber etwa bloß wegen des An-
genehmen u Erfreulichen, welches er enthält, sondern im
Gegentheil vielmehr noch wegen des Unerfreulichen u Unan-
genehmen, ja Schmerzlichen, welches sich mir darin ausspricht.
Denn was könnte von der einen Seite einem Mann,
der als Träger u Pfleger einer Grundidee, eines Lebens-
gedankens auftritt, unerfreulicher u unangenehmer,
ja schmerzlicher erscheinen, als wenn gefunden würde,
daß in der Art u Weise, wie Idee u Gedanke ins Leben
eingeführt werden, sich nicht die Einheit, Klarheit und
Bestimmtheit und der nothwendig gesetzmäßige Weg
der Entwicklung der Mannigfaltigkeit aus der Einheit
darin ausspräche, was doch ganz nothwendig der Fall seyn
muß, wenn gleich wie für die Anerkenntniß so und für die Ver-
breitung jener zugleich als menschheitlich wichtig erkannten
Idee u Gedanken gewirkt werden soll. Darum ist also es
von dieser Seite unangenehm, ja schmerzlich für mich, daß
Sie den Ausdruck jener innern Einheit und den stetig
nothwendigen also innerlich gesetzmäßig bedingten Ent-
wicklungsgang der Mannigfaltigkeit aus der Einheit, und
der klaren u lebenvollen Rückbeziehung jener auf diese
so wie auf die Pflege des Innersten wie des Gesammtlebens des Kindes
in den Spielübungen unsers achtbaren und den Kindern
liebend hingegebenen HE Hochstädter vermissen. Dieser ruhig
und stetig folgerecht sich entwickelnde Gang meiner Spiel-
mittel u Weise, ganz entsprechend dem ruhigen ja im Beginn
langsam stetigen Entwicklungsgange des Kindes, macht ja
eben den Geist u das Wesen, mit einem Worte die Seele
u das Eigenthümliche meiner Kinderpflege u [-]beschäftigung aus.
<------>
So wie mir dieß <also, wie es > leid thut, daß was Sie bey HE Hochstädter was - ich hoffe
durch augenblickliche Mißstimmung hervorgerufen, - was jedoch
nicht nur Sie, sondern auch andere vermissen, so hocherfreulich /
[148R]
ist es mir, daß Sie mir so wohl dieß als auch die folgenden
Zweifel so klar u bestimmt als offen aussprechen. Und ich
reiche Ihnen dafür dankbar Hand u Herz. Denn nun läßt
sich mit ruhiger Besonnenheit u so zum Ziele führend über
den Gegenstand zu gegenseitiger Befriedigung u dessen För-
derung sprechen. Und so will ich denn auch in dieser Beziehung
außer diesem, Eingangs nun abgemachten, auch noch die
beyden andern Punkte Ihres Briefes erwähnen.
Sie sprechen mir in Ihrem Briefe die Hoffnung u den Wunsch aus:
daß durch meine Spiele u Beschäftigungsmittel die
Kindheit sich ihrem Wesen entsprechend entfalte u dem[-]
gemäß allseitig leiblich u geistig früh erstarke.“
Diese Ihre Hoffnung u Wunsch ist meine klare Überzeugung u
festes Streben, wie die Richtschnur u das Ziel meines Wirkens.
Ich bin sicher u froh Ihnen sagen zu können, daß dieser Ihrer
Hoffnung u Ihrem Wunsche das von mir Aufgestellte in
seinen Mitteln u Wegen auch bis in das Kleinste hin entspricht.
[„] Ihre Hoffnungen, schreiben Sie mir ferner, werden jedoch von
Vielen in Zweifel gezogen.“
„Viele zweifeln erstens,“ schreiben Sie, „daß Ihre Spiele
u Beschäftigungsmittel in ihrer ganzen Ausdehnung in solchen
Anstalten benutzt werden können, wo pecuniäre Verhält-
nisse bey einer Schülerzahl von 100 u mehr Köpfen nur
die Annahme eines Lehrers gestatten; oder kann ein Lehrer
nach Ihrer Methode u nach Ihrem Geiste 100 Kinder
beschäftigen?!“ Ich will es Ihnen ganz unumwunden u offen
gestehen, Sie haben hier den wichtigsten u entscheidendsten Prüf-
stein der von mir aufgestellten Kinderführungs- u Bethätigungs-
oder wenn Sie lieber wollen, Bildungs- u Erziehungsweise
hingestellt. Denn wenn dieß nicht bey freyer u doch allseitig ge-
nügender Entfaltung des Kindes nicht möglich wäre, so könnten
diese Bet Spiel- u Bethätigungsmittel für Kindh[ei]t u Jugend,
die verhältnißmäßig billig, dauernd u so vielseitig anwendbar sind; wie
tausend der Art, wohl manches ja vielleicht das allermeiste,
gute u Lebenswerthe aufzustellen haben, ohne dem ohngeachtet das
zu leisten, was nothwendig das Kind, die Kindheit u d Menschheit
nicht nur für die jetzige Entwicklungsstufe der letztern, sondern
ich sage sogar für alle künftigen fordert. Nun freue ich
mich aber Ihnen in völliger Klarheit u besonnenem Über- /
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blick über das Ganze nach Erwägung von Forderungen und
Leistungen aussprechen zu können, daß dieß wirklich die
von mir aufgestellte Spiel- u Bethätigungsweise gewährt;
nur wie alles was je erreicht werden soll an gewisse
nothwendige Bedingungen geknüpft, und so auch hier.
Doch Sie selbst fühlen dieß und erkennen dieß nicht allein,
sondern Sie sprechen es auch bestimmt aus. Sie fragen ob
es ein Lehrer nach meiner Lehrweise u Lehrgang und in meinem Geiste könne.
Was Sie nun meine Lehrweise
(Lehrgang) nennen ist eigentlich nur der in der Na-
tur wie in der Geschichte u in der Seele des Menschen
beurkundete Entwicklungsgang alles Lebenden, an-
gewandt auf die erziehende u bildende Pflege des Men-
schenkindes. Wenn <-> ich Ihnen in dem hier Ausgespro-
chenen verständlich bin, so werden Sie auch einsehen, daß
sobald ein Lehrer (Kindererzieher, Pfleger) davon durch drun-
gen ist, was eigentlich jeder einfache, natürliche Mensch seyn
kann, und sobald dieß die ihm zur Pflege anvertrauten Kinder,
seyen es deren eins oder zehn u endlich gar zehn mal zehn,
in sich wahrnehmen, so werden sie sich liebend u vertrauend sich solchen wohlthätigen
Einwirkungen auf ihr Inneres hingeben, d.h. sich sämmtlich von
der Liebe und d Thätigkeit eines Lehrers leiten lassen. Wird also
dieser Lehrer, wie Sie selbst fordern, in diesem Geiste handeln,
wirken, so wird auch dieser einige Geist in allen sich als
einigend bethätigen. Aber natürlich muß dem Lehrer
nicht gleich in dem ersten Augenblick das ganze hundert,
wie ein Rohrbündel oder ein Schutthaufen übergeben werden,
denn der Mensch u das Kind beginnt nicht damit, gleich
hundert u einhundert als eine Einheit zu erfassen,
sondern es beginnt dann, wie ich andeutete, erst eins,
dann zehn eins als ein zehn, u zehn zehn als einen
hunderter zu erfassen, d.h. mit andern Worten:
der erziehende Lehrer oder eigentlich Kinderführer muß
sich seine Kinder in einem Zeitraume von einigen we-
nigen Wochen zu dieser Mehrheit heraufbilden, so daß er
sich nach u nach mehrere feste u so Festhaltungspunkte ver-
schaffe. J Zwey Beyspiele mögen es erklären. Es sey mit
20 eine gerade Linie zu bilden. Wollen Sie nun damit
beginnen, die herumschweifenden Kinder in gerader Linie /
[150R]
an ein ander zu reihen, schwerlich wird es Ihnen ge-
lingen. Nehmen Sie aber einen heraus u stellen ihn
bestimmt hin, u sagen Sie: Kind, Knabe sey der Kopf, Vormann
Du, sey der Schluß u Du, die Mitte. Glauben Sie mir, die gerade
Linie wird sich so darstellen lassen, denn sie ist ja schon mit
1 u 2 gegeben. Oder Sie sollen mit diesen 20 Kindern ein
Geviert aufstellen. Unmöglich wird es Ihnen, wenn Sie immer
5 Knaben an ein ander reihen wollen; aber leicht wird es Ihnen
möglich, wenn Sie erst 4 kräftige Jungen die Ecken festhalten
lassen u dann die 16 übrigen je 4 in die Zwischenräume ein-
ordnen. Mit andern Worten: Der Lehrer muß sich auch aus
seiner kleinen Kinderschar, wenn auch nicht bleibend, doch für
einzelne Zeit u Forderungen Zugführer heranbilden, wozu sich immer
welche finden. Daß aber bey alle diesem der erziehende Lehrer
nicht nur von dem Geiste des Ganzen beherrscht werde, sondern
mehr beherrsche versteht sich von sich selbst. Auch will ich
nur noch als Beyschluß erwähnen, daß bey einer solchen Anzahl
von Kindern nothwendig eine kräftige Kindermagd seyn muß,
die die andern Dienste besonders die körperlichen Bedürfnisse
der Kinder besorge. Auch will ich als gz ganz wesentlich noch er-
wähnen, daß die äußere Ordnung Größe u Ordnung in Hinsicht
auf Zimmer, auf Stuben u Spielgeräth, Garten u Spielraum
ganz entsprechend seyn muß; so daß die Localordnung die Per-
sonalordnung nicht nur [am] wichtigsten vielmehr sie nicht nur herbey zuführen
sondern auch zu erfüllen helfe.
Nun werden Sie vielleicht oder auch andere wohlmeynende
Gegner einwenden: Wo finden sich nun aber in den ent-
sprechenden Ständen u in der gehörigen Anzahl erziehende
Kinderführer von den Eigenschaften, wie sie aus dem Vorsteh[end]en
hervorgehen? - Ich sage, sie werden sich finden, sobald sie wirk-
lich nöthig sind, wie sich Sonnenschein u Regen für die keimen-
den Gewächse im Frühling finden, wenn diese Menschen
nur wissen, daß sie durch Pflege Gebrauch dieses ihres Talentes und zugleich
zur Pflege desselben nicht nur ihren
Unterhalt sondern auch eine achtbare Stellung in der
bürgerlichen Gesellschaft erringen.
Einem solchen Mann muß freylich auch die nöthige Zeit
nicht nur zur äußern theilweisen Anregung Aneignung
sondern auch zu innerer Durchdringung gegeb[en] w[erden.]
„Viele zweifeln zweytens, schreiben Sie ferner,
daß durch Ihre Spiel[-] u Beschäftigungsmittel eine allseitige /
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2. An HE Oberlehrer Jeckel 27 40
Bildung erreicht werde.“ Ich kann darauf nur erwie-
dern, was ich oben bey Ihrer Hoffnung und Ihrem Wunsch
u zu Eingang des ersten Zweifels aussprach,
und dann: man komme, sehe u prüfe an der Quelle.
Mir haben es noch darüber noch alle u jede diese freu-
dige Überzeugung ausgesprochen, die die Sache nur in
einiger durchgeführten Anwendung sahen. Wenn ich
nun auch meinem eigenen Urtheil schlechterdings auch
gar keine Geltung bey legen will, so kann ich mir doch nicht
denken, daß diese Menschen, die doch fast meistens alle in jeder
Beziehung frey gestellte u wie gebildete so zugleich Lebens-
erfahrene Menschen waren - daß diese sich in einer
so wichtigen Sache als die betreffende ist, eines sich auf Ein-
zelnes u Äußeres beziehendes Urtheil erlauben sollten
die Spiele beschränken sich ja eben nicht auf ein Einzelnes sondern
umfassen, wenn auch im Keime, nun das ganze gesammte Leben
u in der Gesammtheit seiner Verhältnisse. Vom Spielzeug führen
sie zum Menschen, erfassen diesen in der Allseitigkeit
seiner geistigen u Körperthätigk[ei]t in seinen Verhältnissen zum Menschen
u zur Natur, wie sie ihn durch dieselbe an dem Faden seines Gemüthes
zu seinem Schöpfer, zu Gott führen.
Nun aber erlaube auch ich mir eine Frage:-
Woher mag es denn nur kommen, daß man in
einer doch allgemein anerkannt so hochwichtigen Sache
die nun schon so rege seit anderthalb Jahren in Frank-
furt besprochen worden ist, nicht längst schon einen
wahrhaft vorgebildeten als lehrenden Erzieher zugleich
wirkenden u im öffentlichen Urtheil gewichtigen Mann
Mann veranlaßt hat, sich hier an Ort u
Stelle Blankenburg u das hiesige Wirken zu besuchen,
da doch wohl gar mancher solcher Männer im Laufe des
Jahres eine Erholungsreise macht u grade unsere Ge-
gend hier u noch überdieß den die Reise berührenden
Thürger Thüringer Wald mit eingeschlossen, gar viele
erhebende Schö Naturschönheiten darbietet. Möchte was
jetzt nicht geschehen in dZukunft Stattfinden, u vielleicht
durch die jetzige Anwesenheit des HE Schneider herbey ge-
führt werden.
Seyn Sie so gütig, da ich nicht zweifle, daß Sie im freundlichen
Verkehr mit HE Kosel, Director des Taubstummeninsti-
tuts stehen, von dem ich höre, daß er ähnliche Zweifel
hegt, diesen Brief möglichst bald zur Einsicht mit meinem
Gruße mitzutheilen, eben so auch dem HE Dr. von
Leonhardi
, oder wenn Sie es gerathen finden eben
dem ersten durch diesen zweyten. Seyn Sie Haben
Sie die Güte, mich recht bald wieder mit Ihrer so eingehenden
als belehrenden Zuschrift zu erfreuen. Mit wahrer Hochachtung
Ihr aufrichtig ergebener [Unterschrift fehlt]

[149R]
[vakat]