Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jung in Frankfurt/M. v. 9.2.1840 (Blankenburg)


F. an Jung in Frankfurt/M. v. 9.2.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 155R+156R, undat. Entwurf 1 ½ Bl fol 1 ½ S.; BN 735, Bl 1-2 datierter Entwurf 1 B fol 3 ½ S.; ed. EGNF 1885, N 8,1-3. Es liegen also drei Texte, die Reinschrift aber nur in Druckfassung vor. Der undatierte und flüchtig geschriebene Entwurf im BlM stellt die erste Fassung dar, während der datierte Textentwurf im BN zum Großteil der Reinschrift entspricht. Hier werden a) der BlM-Entwurf, b) der BN-Text und c) die Druckfassung wiedergegeben.)

a) Entwurf BlM

[155R]
An den Herrn Oberlehrer Dr. Jung an der Weißfrauenschule zu Frkfa/m


Hochgeehrtester Herr!

Es giebt Menschen, welche unter sich in gegenseitigem innern Lebens- und Wechselverkehr stehen ohne sich
gegenseitig nicht einmal schriftl zu kennen ja nicht einmal schriftl. zu dieser Art Menschen glaube ich gehören nun
wir beyde wenigstens muß ich es von meiner Seite sagen. Ich kann mich gar nicht erinnern wann mir
u von wem mir der Name Ew Wohlgeb zuerst schon in Erziehend[er] Beziehung genannt worden ist; doch
weiß ich daß es schon mehrere Jahre her sind auch weiß ich daß er mir später noch mehrmals
in dieser Beziehung wiederholt worden ist ohne daß mir jedoch je daraus die Ahnung gekommen wäre
daß ich mich in dieser Rücksicht noch selbst einmal schriftl[ich] an Sie wenden würde; doch jetzt
schreibt mir unser gemeinsamer Fr[eun]d dHE Dr. v. L.[eonhardi] daß und zweifellos, daß d[urc]h Ihre Vermittelung u Mittwirkung in einer oder irre ich nicht
gar in zwey verschieden[en] Anstalten Frkfurts die von mir angebahnten Kinder[-]Beschäftigungs Mittel u Wege
bey Kindern des vorschulfähigen Alters in Anwendung u Anbahnung gebracht werden sollte würden.
Dieß erscheint mir nun als eine zu bestimmte Aufforderung den bisherigen Wortlosen Verkehr
zwischen uns wenigstens von meiner Seite zu Ihnen endl[ich] mindestens in einen briefl[ichen] auf<gehoben> [zu haben]
als daß ich derselben wiederstehen könnte, denn der Gegenstand derselben - ich will es
Ihnen offen gestehen, ist für mich zu wichtig als daß ich michr Ihnen nicht die Erlaubniß von Ihnen erbitten sollte
mich Ihnen darüber mitzutheilen. Ja die innere Wichtigkeit welche der Gegenstand in sich trägt gewinnt tägl[ich]
noch mehr auch so an äußerer Wichtigkeit daß es mir [als] unerläßl[iche] Pflicht erscheint dieß zur Er-
k[enn]t[ni]ß jedes auch des scheinbar kleinsten Punktes der Theilnahme u der Anerkenntniß zu
bringen, damit der einzelne u kleine Punkt in Anschauung des Ganzen erstarke u so in Frische u
Kräftigkeit sich entwickele. Und so denn vor allen Ihnen die sich uns bis jetzt ohne Einschr[än]k[un]g
in den verschiedensten Orten u unter den verschiedensten Verhältnissen - ergebende Thatsache: - daß
noch nirgend ein mißlungener Erfolg bis jetzt das Auftreten dieser Spiel[-] u Beschäftigungsweise begleitet
habe noch überall haben sie das Herz für sich gewonnen wo dieß nicht d[urc]h Eigennutz von der
freyen Beurtheilung abgehalten wurde. Darum liegt es uns daran, der Kindheit u ihrer
entsprechenden Pflege der Kind
g[an]z besondere Freunde zu gewinnen um die Kindheit wieder sich selbst u ihr
Beschäftigung u Spielmittel an die u in die Hand gegeben [sc.: zu geben] d[urc]h welche sie sich frey entwickeln kann
Und die Kindheit wird sich bald in einer Kraft- in einer Lebensfülle u Allseitigkeit in einer Liebens-
würdigst[-] u Glückseligkeit finden in der wir erkennen müssen, daß nur in ihr allein alles Gute u Große
Schöne u Wahre der Menschheit wahrhaften Grund und ächtes Gedeihen finden können. Ja so ist es wohlg[eborner]
Hochgeehrtester Herr wollen wir das Wohl der Menschen des Einzelnen wie der Gesammtheit ja der
Menschheit fördern, so müssen wir uns mit unsern Bemühungen u Bestrebungen nothwendig u einzig an
die Kindheit wenden nur in Ihr [sc.: ihr] - alle große Männer u begeisterte Seher bis zu den jüngsten
herab welche als Sonnen in unserm Vaterland auf- u untergingen haben es ausgesprochen - nur
in Ihr [sc.: ihr] in der richtigen Würdigung Pflege u Anerkenntniß der Kindheit ruht die Erhebung die Verj[üngung]
die Veredlung der Menschheit, darum, wem das Streben für das letztere den Busen schwillt, wende
seine Kraft zur erstern hin. In der Kindheit ruht die Menschheit; durch Beachtung der Kindheit
zur reinen Gestaltung der Menschheit [zu gelangen]; und wie so leicht zu Erreichen: den Kindern ihrer Natur u dem Wesen des
Menschen angemessene Beschäftigungsmittel u Wege zu zeigen u zu reichen und sich dazu gemeinsam zu
verbinden wie sie dazu zuvereinen. Es ist höchst merkwü[rdi]g wie so l[an]ge spät längst ausgesproche[ne]
ja anerkannte Wahrheiten brauchen ehe sie zur Ausführung u Anwendung kommen, so habe ich schon
am heut[igen] Tage Veranlassung gefunden eine Stelle des in diesen Tagen mir wieder zur H[an]d gekommenen Faustschen
Ges[un]dheitschatechismus zu nach Frkfurt her[au]szuheb[en] u ich will es hier in der eben ausgesprochen[en] Bezieh[ung]
mit einer zweyten thun. Sie heißt:
[Im Entwurf kein Zitatbeleg. In der zweiten Fassung im BN 735, Bl 3V zitiert F. auf beiliegendem Zettel folgende Stelle aus Fausts Gesundheits-Katechismus]
"Eine vernünftige Erziehung ist die, daß in den Jahren der Kindheit und Jugend alle Kräfte des Körpers und der Seele, übereinstimmend mit der Natur des Menschen, durch Gebrauch und Uebung entwickelt werden; und daß keine Kraft zum Nachtheile der anderen mehr oder zu früh geübt oder vernachlässigt werde. - Die Natur und Beschaffenheit des Menschen in den ersten Jahren ist, daß sein Körper durch Gebrauch und Uebung wachse und sich bilde; daß seine Seele den Körper gebrauchen und durch die Sinne empfinden und erkennen lerne; und daß der Mensch als Kind, in Gesellschaft mit Kindern froh und glücklich sei. - Die Empfindungen und Erkenntnisse, welche des Kindes Seele durch die Sinne empfängt, sind der Grund und Stoff zum Verstande; und je mehr, je deutlicher die Seele in der Kindheit gesehen, gehört und empfunden hat, desto verständiger und klüger wird der Mensch. - In Gesellschaft unter sich lernen die Kinder sich kennen, verstehen, helfen und lieben; und sie legen dadurch den Grund zur Eintracht und zum Frieden, zur Liebe und Freundschaft und zur Glückseligkeit des Lebens."]
Schon dieß allein dünkt mich sollte uns bestimmen auf das angelegentlichste für die erste u gemeinsame
Erziehung u besonders Beschäftigung der Kinder sie zu erreichen arbeiten, wenn es dazu nicht noch höhere Gründe gäbe: die, daß in der Kindheit die Menschheit ruht u daß in dem Maße sich diese entwickelt u ausbildet als die Kindheit gepflegt wird
daß in der Eintracht u Gemeinsamkeit in der Einigkeit das Heil der Menschheit liegt und daß
das Bedürfniß derselben zum Leben des Kindes gehört.
[156R]
Sie sehen darum hochgeehrtester Herr! von dem verschiedensten sowohl von den dem besondersten wie dem allge-
meinsten Forderungen wie so hochwichtig nicht kommt man immer nicht nur auf die Hochwichtigkeit der ersten Erziehung zurück sondern auch darauf
zurück, daß sie selbst wieder nur d[urc]h Gemeinsamkeit d[urc]h gegenseitig[e] u allgemeine Handbietung zu ihr als einem gemein-
samen [Werk] werde erreicht werde[n], dadurch wird die Erziehung eine <allein> deutsche menschliche <Erz[iehung]>.
Namentlich innerhalb einer Stadt die das Herz
eines g[an]zen des unsern lieben deutschen VaterLandes ist auf welcher der Blick eines g[an]zen unsers g[an[z[en] deutschen VaterLandes
einer in so vieler Hinsicht vorleuchtenden deutschen Stadt r[uh]t.

b) Entwurf BN

[1]
6. Briefentwürfe 1840
An den Herrn Oberlehrer Dr Jung an der
Weißfrauenschule zu Frankfurt a/mayn.


         Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr!

Es giebt Menschen, welche unter sich in gegenseitigem innern
Lebens- und Wechselverkehr stehen, ohne sich selbst nicht ein-
mal schriftlich zu kennen. Zu dieser Art Menschen glaube ich
nun, wenn ich mir eine Paral[l]ele zwischen uns erlauben darf,
gehören wir beyde; wenigstens muß ich es von meiner Seite
sagen. Zwar kann ich mich gar nicht erinnern, wann, wo und
von wem mir der Name Ew Wohlgeboren zuerst in erzie-
henden Beziehungen genannt worden ist; jedoch weiß ich, daß
es schon mehrere Jahre her sind, auch weiß ich daß er mir später
mehrmals in dieser Beziehung wiederholt worden ist, ohne
daß mir daraus die Ahnung gekommen wäre mich selbst in
dieser Rücksicht noch einmal schriftlich an Sie zu wenden. Doch Aber
jetzt schreibt mir unser gemeinsamer Freund Herr Dr. von
Leonhardi
, wie ohne Zweifel durch Ihre Vermittlung und
Mitwirkung, in einer oder irre ich nicht, in zwey verschiedenen
Anstalten Frankfurts die von mir angebahnten Beschäftigungs-
mittel und Wege bey Kindern des vorschulfähigen Alters
in Anwendung gebracht werden würden.
Dieß erscheint mir nun als eine zu bestimmte Auffor-
derung den bisher wortlosen Verkehr, wenigstens von
meiner Seite zu Ihnen, endlich mindestens zu einem brief-
lichen zu erheben, als daß ich derselben wiederstehen könnte,
denn der Gegenstand derselben, ich will es Ihnen offen ge-
stehen, ist für mich zu wichtig, als daß ich mir nicht die Er-
laubniß erbitten sollte, darüber mich Ihnen mitzutheilen.
Ja die innere Bedeutung, welche die Sache in derselbe in sich trägt, spricht sich
täglich immer bestimmter aus u gewinnt so auch täglich immer
mehr an äußerer Wichtigkeit, daß es mir als unerläßliche Pflicht
erscheint, dieß dieses auch zur Erkenntniß selbst dem schon jedem selbst
dem scheinbar kleinsten Punkte der Theilnahme zur Erkenntniß zu bringen;
damit so der auch noch einzelnstehende u kleine Punkt im Anschauen
des Ganzen und der Gemeinsamkeit erstarke und in Frische und /
[1R]
Kräftigkeit sich entwickle.
Und so denn vor allen Ihnen die aus in den verschiedensten Orten
u unter den verschiedensten Verhältnissen in sich erhebende Thatsache:
- daß bis jetzt noch nirgend ein mißlungener Erfolg das Auftreten
dieser Spiel- u Beschäftigungsweise begleitet hat, daß noch überall
hat sie das Herz für sich gewonnen, wo dieß nicht durch Eigen-
nutz und beschränkte Persönlichkeit von der freyen Beurtheilung
abgehalten wurde.
Darum liegt es uns nun ganz besonders daran, der Kindheit u ihrer
entsprechenden Pflege wahre förderlich thätige Freunde zu gewinnen,
um der Kindheit sie wieder sich selbst und, ihr zur Entwickelung ihres Bil-
dungs- (Spiel-) Triebes, ihr Beschäftigung u Spielmittel in die Hand
zu geben, durch welche sie freythätig sich entwickeln u erstarken kann.
Dadurch wird sich die Kindheit bald in einer Kraft, in einer Lebensfülle
u Allseitigkeit, in einer Liebenswürdigkeit und Glückseligkeit zeigen
erscheinen, in welcher wir erkennen müssen, daß nur allein in der Kindheit ihr
alles Gute u Große, Schöne u Wahre der Menschheit seinen ächten Grund
und sein lebenvolles Gedeihen finden könne.
Ja so ist es, wohlgeborner, hochgeehrtester Herr! Wollen wir
das Wohl der Menschen, des Einzelnen wie der Gesammtheit, ja
der Menschheit fördern, so müssen wir uns mit unsern Bemühungen
u Bestrebungen nothwendig zuerst an die Kindheit wenden.
Nur in ihr - alle großen Männer u begeisterten Seher von
den ältesten bis zu den jüngsten, welche als Sonnen in unserm
Vaterlande auf- u untergegangen sind, herab, haben es aus-
gesprochen - nur in ihr, in der richtigen Würdigung u Pflege
der Kindheit ruht die Veredlung, ja die wahre Verjüngung u
Erneuung der Menschheit; darum, wem das Streben für das
die letzte den Busen schwellt, der wende seine ganze Kraft
zur ersten hin. In der Kindheit ruht u keimt die ganze fol-
gende Menschheit, darum durch Beachtung u Pflege der Kindheit
zur reinen Gestaltung der Menschheit. Und wie so leicht einfach ist
dieß zu erreichen? O wir haben nur den Kindern die ihrer Natur, u dem Wesen
des Menschen, seinem
und Bildungs- (Spiel-) Triebe entsprechen-
den Beschäftigungsmittel u Wege zu bieten, sich uns selbst aber
gemeinsam dafür zu verbinden, wie sie dazu deren Gebrauch zu ver-
einen.
[2]
Es ist merkwürdig, wie so lange Zeit, längst ausgespro-
chene, ja anerkannte Wahrheiten brauchen, ehe sie zur Anwen-
dung kommen. So habe ich schon am heutigen Tage Veranlassung
gefunden in dieser Beziehung des in diesen Tagen mir wieder
zur Hand gekommenen Faustschen Gesundheitscathechismus
nach Frankfurt am Mayn zu erwähnen u ich will es hier
mit einer bestimmten Stelle thun. Sie heißt:
[3V]
[Die folgende Stelle aus Fausts Gesundheits-Katechismus auf beiliegendem Zettel BN 735, 3V]
"Eine vernünftige Erziehung ist die, daß in den Jahren der Kindheit und Jugend alle Kräfte des Körpers und der Seele, übereinstimmend mit der Natur des Menschen, durch Gebrauch und Uebung entwickelt werden; und daß keine Kraft zum Nachtheile der anderen mehr oder zu früh geübt "oder vernachlässigt werde. - Die Natur und Beschaffenheit des Menschen in den ersten Jahren ist, daß sein Körper durch Gebrauch und Uebung wachse und sich bilde; daß seine Seele den Körper gebrauchen und durch die Sinne empfinden und erkennen lerne; und daß der Mensch als Kind, in Gesellschaft mit Kindern froh und glücklich sei. - Die Empfindungen und Erkenntnisse, welche des Kindes Seele durch die Sinne empfängt, sind der Grund und Stoff zum Verstande; und je mehr, je deutlicher die Seele in der Kindheit gesehen, gehört und empfunden hat, desto verständiger und klüger wird der Mensch. - In Gesellschaft unter sich lernen die Kinder sich kennen, verstehen, helfen und lieben; und sie legen dadurch den Grund zur Eintracht und zum Frieden, zur Liebe und Freundschaft und zur Glückseligkeit des Lebens."
[2]
Schon dies allein dünkt mich, sollte uns bestimmen, auf das an-
gelegentlichste für die erste u gemeinsame Erziehung u besonders
Beschäftigung der Kinder thätig zu seyn, wenn es dazu auch nicht
noch die schon angedeuteten höheren Gründe gäbe: die, daß in der Kindheit die
Menschheit ruht, daß diese in
dem Maaße sich entwickelt u ausbildet, als die Kindheit
beachtet u gepflegt wird; und daß in der Eintracht u Ge-
meinsamkeit, in der Einigkeit das Heil der Menschheit liegt
und daß darum das Bedürfniß derselben zum Leben Wesen des Kinder-
lebens gehört.
Sie sehen darum, hochgeehrtester Herr, von den verschiedensten
Seiten, sowohl von den besondersten wie von den allgemeinsten For-
derungen des Lebens mit in seiner Ganzheit kommt man
immer nicht nur auf die Hochwichtigkeit der ersten
Erziehung
sondern auch darauf zurück, daß diese selbst
wieder nur durch Gemeinsamkeit, durch gegenseitige
und allgemeine Handbietung zu ihr dafür zu ihr als einem gemeinsamen
Werke
erreicht werde, u daß die Er-
ziehung nur so und nur dadurch werde, was sie uns werden
soll: eine menschliche, eine deutsche, eine christliche. eine menschliche
Da nun zu dieser dreyfachen Ausbildung des Menschen
als Kind, zu welcher Sie noch, wenn Sie wollen, obgleich
schon mit jener gegeben
die persönliche oder individuelle
rechnen können, die Grundbedingung oder Elemente
klar in den von mir angebahnten Spiel- und Beschäfti-
gungsmitteln ausreichen liegen, so lassen Sie uns wenig-
[2R]
stens zunächst zur weitern prüfenden Anwendung derselben
damit immer bestimmter die klaren Erfahrungen sprechen und
man an ihren Früchten ihr Wesen erkenne
, als Menschen, als
Deutsche als Christen und zur klärenden Ausbildung unserer eige-
nen Ueberzeugung als Männer die Hand bieten,
In Erreichung dieses Wunsches damit immer bestimmter
die Erfahrung spreche, und man an ihren den Früchten ihr Wesen
erkenne, und so endlich das in sich ewig Wahre als solches
nur schon erkannt kund sondern auch angewandt werde daß <weiter mehr>
wahr als falsch werde muß werden
So werden der Menschheit endlich
die wahresten lang ersehnten Güter: Friede, Freude, Glückseeligkeit
mindestens in der Kinderwelt kommen, und wohl dem,
der dazu in seinem Kreise <gebracht>, zumal in einer so großen,
der dazu mit als in den in seinem
in vieler Hinsicht vorleuchtenden deutschen Stadt, zuerst
Lande dazu zuerst mit gewirkt und sich das Bewußtsein eines Wohl-
thäters der Menschheit erworben hat.
Mit der vorzüglichster Hochachtung unterzeichne ich mich
Ew Wohlgeboren
Ergebenster.

c) Druckfassung

[1]
An den Oberlehrer Dr. Jung in Frankfurt a. M. 1840.


Hochgeehrtester Herr!

Es giebt Menschen, welche unter sich in gegenseitigem inneren Lebens-
und Wechselverkehre stehen, ohne sich zu kennen. Zu dieser Art gehören wir
beide; wenigstens muß ich's von meiner Seite sagen. Ich kann nicht sagen,
wann mir zuerst Ihr Name in erziehender Beziehung genannt wurde, doch es
war schon vor mehreren Jahren und in letzter Zeit sehr oft, doch noch dachte
ich nicht daran, mich schriftlich an Sie zu wenden. - Jetzt aber schreibt mir
unser gemeinsamer Freund von Leonhardi: daß durch Ihre Vermittelung und
Mitwirkung in zwei verschiedenen Anstalten in Frankfurt die von mir ange-
bahnten Beschäftigungsmittel bei Kindern des vorschulfähigen Alters in An-
wendung gebracht werden würden.
Dies ist mir eine bestimmte Aufforderung, den bis dahin wortlosen
Verkehr wenigstens von meiner Seite zu Ihnen in einen brieflichen zu ver-
wandeln. Denn der Gegenstand desselben ist für mich zu wichtig, als daß ich
mir nicht Erlaubniß erbitten sollte, mich Ihnen darüber mitzutheilen. Ja, die
innere Bedeutung, welche derselbe in sich trägt, spricht sich immer bestimmter
aus und gewinnt täglich mehr an äußerer Wichtigkeit, so erscheint es mir als /
[2]
unerläßliche Pflicht, dieses auch jedem einzelnen Punkte der Theilnahme zur
Kenntniß zu bringen; damit so der auch noch einzelnstehende und kleine Punkt
im Anschauen des Ganzen und der Gemeinsamkeit erstarke und in Frische und
Kräftigkeit sich entwickele.
Und so denn vor Allem Ihnen die Thatsache: - daß bis jetzt nirgends
ein mißlungener Erfolg das Auftreten dieser Spiel- und Beschäftigungsweise
begleitet hat, noch überall hat sie das Herz für sich gewonnen, wo dies nicht
durch Eigennutz und beschränkte Persönlichkeit von der freien Beurtheilung ab-
gehalten wurde.
Darum liegt es uns nun ganz besonders daran, der Kindheit und ihrer
entsprechenden Pflege wahre förderlich thätige Freunde zu gewinnen, welche ihr
zur Entwickelung ihres Bildungstriebes Beschäftigungs- und Spielmittel in die
Hand geben, durch welche sie freithätig sich entwickeln und erstarken kann.
Dadurch wird die Kindheit bald in einer Kraft, in einer Lebensfülle und
Allseitigkeit, in einer Liebenswürdigkeit und Glückseligkeit erscheinen, in welcher
wir erkennen müssen, daß nur allein in ihr alles Gute und Große, Schöne und
Wahre der Menschheit seinen ächten Grund und sein lebensvolles Gedeihen
finden könne.
Ja, so ist es, hochgeehrter Herr! Wollen wir das Wohl der Menschen,
des Einzelnen wie der Gesammtheit fördern, so müssen wir uns mit unseren
Bemühungen und Bestrebungen zuerst an die Kindheit wenden. - Nur in
ihr - alle großen Männer und begeisterten Seher, von den ältesten bis zu
den jüngsten herab, welche als Sonnen in unserem Vaterlande auf- und unter-
gegangen sind, haben es ausgesprochen: - nur in ihr, in der richtigen
Würdigung und Pflege der Kindheit ruht die Veredelung, ja die wahre Ver-
jüngung der Menschheit; darum, wem das Streben für die letzte den Busen
schwellt, der wende seine ganze Kraft zur ersten hin. In der Kindheit ruht und
keimt die ganze folgende Menschheit, darum durch Beachtung und Pflege der
Kindheit zur reinen Gestaltung der Menschheit. Und wie einfach ist dies zu
erreichen? Wir haben nur den Kindern die ihrer Natur und ihrem Bildungs-
triebe entsprechenden Beschäftigungsmittel und Wege zu bieten, uns selbst aber
gemeinsam dafür zu verbinden, wie sie zu deren Gebrauch zu vereinen.
Es ist merkwürdig, wie so lange Zeit längst ausgesprochene, ja aner-
kannte Wahrheiten brauchen, ehe sie zur Anwendung kommen.
So habe ich eben in dem mir wieder zur Hand gekommenen Faust'schen
Gesundheits-Katechismus folgende Stelle gelesen:
"Eine vernünftige Erziehung ist die, daß in den Jahren der Kindheit
"und Jugend alle Kräfte des Körpers und der Seele, übereinstimmend mit
"der Natur des Menschen, durch Gebrauch und Uebung entwickelt werden;
"und daß keine Kraft zum Nachtheile der anderen mehr oder zu früh geübt
"oder vernachlässigt werde. - Die Natur und Beschaffenheit des Menschen
"in den ersten Jahren ist, daß sein Körper durch Gebrauch und Uebung /
[3]
"wachse und sich bilde; daß seine Seele den Körper gebrauchen und durch
"die Sinne empfinden und erkennen lerne; und daß der Mensch als Kind,
"in Gesellschaft mit Kindern froh und glücklich sei. - Die Empfindungen
"und Erkenntnisse, welche des Kindes Seele durch die Sinne empfängt, sind
"der Grund und Stoff zum Verstande; und je mehr, je deutlicher die Seele
"in der Kindheit gesehen, gehört und empfunden hat, desto verständiger und
"klüger wird der Mensch. - In Gesellschaft unter sich lernen die Kinder
"sich kennen, verstehen, helfen und lieben; und sie legen dadurch den Grund
"zur Eintracht und zum Frieden, zur Liebe und Freundschaft und zur Glück-
“seligkeit des Lebens."
Schon dies, dünkt mich, sollte uns bestimmen, auf das angelegentlichste
für die erste und gemeinsame Erziehung und besonders Beschäftigung der Kinder
thätig zu sein, wenn es dazu nicht noch die schon angedeuteten höheren Gründe
gäbe, die, daß in der Kindheit die Menschheit ruht, daß diese in dem Maaße
sich entwickelt und ausbildet, als die Kindheit beachtet und gepflegt wird; und
daß in der Eintracht und Gemeinsamkeit, in der Einigkeit das Heil der Mensch-
heit liegt und daß darum das Bedürfniß derselben zum Wesen des Kindes-
lebens gehört.
Sie sehen darum, hochgeehrter Herr, von den verschiedensten Seiten, so
wohl von den besondersten wie von den allgemeinsten Forderungen des Lebens
kommt man immer nicht nur auf die Hochwichtigkeit der ersten
Erziehung
, sondern auch darauf zurück, daß diese selbst wieder nur durch
Gemeinsamkeit, durch gegenseitige und allgemeine Handbietung erreicht
werde, und daß die Erziehung nur dadurch werde, was sie uns werden soll:
eine menschliche, eine deutsche, eine christliche.
Da nun zu dieser Ausbildung des Menschen, zu welcher Sie noch, wenn
Sie wollen, die individuelle rechnen können, die Grundbedingung oder Elemente
klar in den von mir angebahnten Spiel- und Beschäftigungsmitteln liegen, so
lassen Sie uns wenigstens zunächst zur weiteren prüfenden Anwendung derselben
als Menschen, als Deutsche, als Christen und zur klärenden Ausbildung unserer
eigenen Ueberzeugung als Männer die Hand bieten, damit immer bestimmter
die Erfahrung spreche. An den Früchten wird man dann das Wesen der Sache
erkennen und so endlich das in sich Wahre als solches erkannt und angewandt
werden. So werden der Menschheit die lang ersehnten Güter: Friede, Freude,
Glückseligkeit in der Kinderwelt kommen, und wohl Dem, der dazu in seinem
Kreise, zumal in einer so großen, in vieler Hinsicht vorleuchtenden deutschen
Stadt zuerst mit gewirkt und sich das Bewußtsein eines Wohlthäters der Mensch-
heit erworben hat.
Mit vorzüglicher Hochachtung unterzeichne ich mich
Ergebenst

Friedrich Fröbel.