Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Kern in Eisenach v. 29.2./5.3.1840 (Blankenburg)


F. an Kern in Eisenach v. 29.2./5.3.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 157-159V, 165-174R, mehrfach dat. Entwurf 6 B +1/2 Bl fol. 25 S. von unterschiedlicher Handschrift, 165-167V Mitte Middendorff, sonst F. Im BlM F 1058/37 befindet sich ferner eine zweifach datierte Abschrift, die den zweiten, größeren Teil der Reinschrift dieses Briefs bietet, ohne den Adressat zu nennen. Die Abschrift umfaßt 6 B fol. 24 S. In: KG 1870,161-164 wurde der erste Teil des Briefs ediert. Dieser Editionstext ist knapper als der Entwurf. Beide Texte (Edition + Abschrift) kombiniert bieten so eine Rekonstruktion der nicht überlieferten Reinschrift.)

a) Entwurf (BlM)

8. Briefentwürfe 1840

An Herrn Kern Wohlgeb. Taubstummenlehrer in Eisenach


Blankenbg bey Rudolstdt d 29 Febr 1840


Hochgeehrter Herr!

Ihr lieber von Ihrem ächt erzieherischen Auge u Stimme
Zeugniß gebender Brief vom 21ten d. M. hat mir große
Freude gemacht. Was Sie mir zuerst über die beruhigende
Wirkung des Balles auf ein leidenschaftlich oder schmerzlich
erregtes Kind schreiben, ist nun schon einigemal bemerkt
worden, und ich habe erst an diesem Nachmittage wieder
bey einem etwas mehr als halbjährigen Kinde davon die
Erfahrung gemacht. Es kam mit seiner Mutter in die
Beschäftigungsanstalt u fühlte sich ein wenig gestört wohl
durch die Menge neuer Gesichter, auch war es vielleicht schon
ein wenig müde, denn es hatte merkwürdiger Weise sich
schon längere Zeit auf dem Schooße seiner eingehenden
Mutter ruhig mit dem Bewegen p[p] der Klötzchen beschäftigt.
Ich reichte ihm nun den Ball an dem Faden, und sieh, im
Augenblicke war es, als wenn vor dem Erscheinen der
Sonne ein Gewitter sich vertheilt. Das schon in Schmerz zum
Weinen in sich verzogene Gesicht war sogleich klar und hatte den
Ausdruck eines friedigen vollen Beruhigtseyns. Ich gestehe
Ihnen aufrichtig, daß mir diese Erscheinung selbst auffallend war.
Es war dieß ein Mädchen u ich spielte nachher wohl noch eine
Viertelstunde u länger mit ihm, u zugleich mit einem Knaben
welcher 2 Tage jünger war, u den die Mutter, eine Schwä-
gerin von der Mutter des vorigen Mädchens eben erst vom
Hause geholt hatte, damit er sich mit dem regen Leben der
Kinder, woran er wie sie sagte großen Theil nahm, sich
erfreuen möge. Über die Lebensäußerungen dieser
beyden Kinder u ihr <feines> ohngeachtet ihres noch so zarten
Alters nicht zu viel gesagt ist, sinniges Spiel könnte ich
Ihnen einen ganzen Brief schreiben; besonders merk-
würdig war, daß der Knabe, wenn ich ihm den Ball in
seine kleine Hand gab, [er] mir denselben immer nach einer
gesetzmäßigen Zeit dann wieder in d Hand fallen ließ /
[157R]
ja er hob selbst den Ball aus meinen Händen u ließ ihn
dann nach einiger Zeit in meine Hand zurück sinken. Es
war als habe das Kind eine Ahnung u ein ganz bestimmtes
Gefühl von der Folge des Spieles. Genug es schien mit ganzen
Geist u Seele wie mit seinen Augen u kleinen Armen nur bey dem
Spiel zu seyn. Die Mutter sagte, daß sich das Kind schon viel
mit dem Balle auf dem Tische, besonders mit seinen
ältern Geschwistern, welche seit diesem Sommer meine
Spielanstalt besuchen, spiele. Das Kind hat aber auch wirklich
für sein Alter eine auffallende Selbstständigkeit in
der Bewegung seiner kleinen Arme u Händchen u einen
ruhigen festen Blick in der Beachtung seines beweglichen
Spielzeuges. Ich gestehe Ihnen unumwunden, lieber
HE Kern, daß ich schon theoretisch, also vom reinen Den-
ken aus, verknüpft mit meinen bisherigen Erfahrungen
mir eine bedeutende Wirkung Wirkung d. Balls
auf das Leben d Kindes erwartet habe; allein die Thatsache, welche mir das Spiel
mit mehreren, oft nur halbjährigen bis kaum [ein]jährigen
Kindern seit einigen Monaten zeigt, übertreffen in Beziehung
auf die geeinte u ruhige ich möchte fast sagen sinnige
mindestens wirkl[ich] eingehende Weise des Spieles weit
meine Erwartung. Dadurch ist denn Ihr HE Pädagog
welcher meint, es bedürfe für das Kind des Balles nicht,
u die Mutter könne mit d Schlüssel u jedem andern das
Kind umgebenden [Gegenstand] leicht Bim baum machen, u habe
es vor mir gemacht - hinlänglich widerlegt. Das
Bim baum macht es nicht u noch weniger die Schlüssel
mit ihrem Geklirr u Ringen u Haken, überhaupt nicht
der bewegte Gegenstand, sondern daß das Kind in dem
Balle einen treuen unschädlichen, leicht beweglichen
u in allen Stellungen doch wieder ruhigen u somit
in allen Forderungen des noch zarten u aufkeimenden
jungen Kinderlebens sich schwingenden Balle den Le [einen] lieben
Lebensgenossen hat, zu welchem es mit jeder Forderung
seines noch jungen Lebens kommen u mit Sicherheit
die Erfüllung derselben von ihm erwarten kann. /
[158]
Schlüssel u alles dem ähnliche wirken schon durch ihre
Form, durch ihr Geklirr wie durch ihre sich durch<dringen->
den Bewegungen widrig u störend auf das Gemüth, aber
noch dadurch leidenschaftl[ich] erregend, daß wenn nun das
Kind das Bewegende u Bewegliche selbst erfassen u
damit es nach seinem eigenen Gefallen zu sich u von
sich bewegen will, dieß die sorgsame Kinderpflege
nicht erlauben darf, sondern ihm das wodurch es doch
zur inneren und äußern Thätigkeit aufgefordert würde, nun dasselbe
entziehen, also schlechterdings das Kind
leidenschaftl erregen bringt muß. Nicht einmal das dem
Ball so verwandte Knauel kann Stellvertreter des-
selben seyn, weil das Kind dieses verwirren beschmutzen
pp kann u ihm also anstatt, daß es dem Kinde zur
völligen Befriedigung seines erregten Thätigkeitstriebes
ganz zu eigen gegeben werden könne, nun zur Erregung
seiner Leidenschaftlichk[ei]t u Begierde entzogen werden
muß. Daß in dieser erweckten, angeregten u den-
noch nicht befriedigten innern u äußern Thätigk[ei]t des
Kindes, in dieser erregten u doch nicht zu befriedigen-
den Begierde, in dieser frühen Weckung der Leidenschaft
in dem noch so zarten Herzchen u Gemüthe des eben
kaum aufathmenden Menschchens der, wenn auch
noch so kleine, allein schnell wie eine Schneelawine
sich vergrößernden u alles mit sich fortreißende
Keim später nicht nur einseitiger sondern vielsei-
tiger, ich möchte sagen einzig allseitiger Keim aller
künftigen innern u äußern Unsittlichkeit des Menschen
liege - ist meine so <tiefe> u felsenfeste Überzeugung
u der dazu vor mir liegenden Thatsachen sind
so viele, daß ich ein ganzes Buch darüber schreiben
möchte, u ganz gewiß schreiben würde, wenn das Leben
zu einer so allseitigen Wirksamkeit nur nicht zu
kurz wäre; denn ein Kind, dem von einer andern
Stelle die Sorgsamkeit für ein[en] Gegenstand entzogen
werden müßte, für welchen es vorher leidenschaftlich /
[158R]
erregt wurde wird sich nun früher oder später
gegen den Willen seiner Pfleger oder Eltern denselben
zu verschaffen, u diesen unerlaubt errungenen Besitz
dann zu verheimlichen, ihn auf viele Weise in sich zu
beschönigen suchen. Dadurch kommt Furcht, Zweydeu-
tigkeit, falscher Schein, Unwahrheit; Lüge u wie das
ganze Gefolge der Friedensmörder der Kinder u der
Zerstörer des Kinderhimmels immer heißen mag, in das
Leben des Kindes. Schon
Schon wegen dieser hier nur angedeuteten Wichtigkeit
des Balles u des Spieles desselben für d Kinderleben, von
welcher mir in Ewigkeit nicht weder Unkunde noch Ober-
flächlichkeit, noch Witz ein Dittelchen rauben kann
preise ich mich glücklich, dem frühesten Kindesleben
der sorgsamen Mutter zur sinnigen Pflege desselben, den Ball
in seiner ganzen Bedeutung u Wirksamkeit
nicht etwa bloß in die Hände sondern zum wahrsten
Lebensgenossen gegeben zu haben. Ich halte dieß Gegeben[-]
haben des Balles zum ersten Spielzeug des Kindes
für bey weitem überwiegend wichtiger als Kugel u Würfel
in ihrer hundertfachen Gliederung, welches wirklich lieblich
Schöne, Geist u Herz bildende sich auch durch sie darstellen
läßt.
Bey alle dem, was ich jetzt aussprach, habe ich noch
gar nicht an das vernichtende Laster gberücksichtigt, welches
Sie in Ihrem Briefe erwähnen; ob ich es gleich in meinen
Schriften mehrseitig angedeutet habe, daß ich in einer gleich
dem vorigen, die tiefe Überzeugung in mir trage, daß ich
in dem Balle u in dem sich von ihm aus mit Nothwendigkeit
entwickelnden Spiele der Kinder ein wa[h]res Universal-
mittel gegen jenen Geist u Mark verzehrenden und so schleichend tödtenden Gift u <Werk>
gefunden u auf-
gestellt zu haben glaube. Es ist meine unumwundene
Überzeugung: man sollte, besonders jeder jungen
Mutter am bey der Geburtstage ihres Erstgeborenen einen Ball
in dem werthvollsten Kästchen für ihr Kind zum Weih-
geschenk u zum ersten Spielzeug reichen /
[159]
9. Briefentwurf an Hrn Kern 29/II 40 in Eisenach
einen Talismann, welcher die Kinderstube
zum Kinderhimmel und das Kinderleben ihm
zur Morgendämmerung seines künftigen Erdenhimmels
machen würde. Denn sagen Sie mir selbst, welche
gute Seite in dem allseitigen Leben des Kindes wird
nicht durch den Ball geweckt, gepflegt u gestärkt?
- Aus ihn einem Briefe des Ihnen bekannten HE Hochstädter
vom 26 Oct. v. J. will ich Ihnen doch ein Paar
Mittheilungen machen, welche zum Theil hier-
her gehören. Er schreibt mir: „In Eisenach fand
ich bey dem HE Kanzler Wittig die freundlichste Auf-
nahme. Ich trug dort Ihre Bestrebungen nach meinen
schwachen Kräften vor u fand vielen Anklang[.]
Sein Sohn Dr Alexand. Wittig, ein Pädagog
wird Sie vielleicht einmal in Blankenburg be-
suchen. Auch einem Dr. Schwanitz machte ich
Mittheilungen. Wie Jeder eine neue gute Seite
an Ihren Spielen findet, so sagte HE Kanzler
Wittig gleich: „Da haben wir nun endl[ich] einmal
ein Mittel, das die Kinder von dem vielen die Ge-
sundheit untergrabenden Essen abhält, denn nur
die Langeweile bringt sie dazu.“ Ein anderer
Vorzug wird mir erst seit wenigen einigen Tagen recht
klar: während die gewöhnl Spiele die Leiden-
schaften aufweckt, den Eigennutz, die Eitelkeit
erzeugen, erzeugen Ihre Spiele nur Heiterkeit u so
Gleichmuth. Letzere befällt mich immer wenn ich
mich damit beschäftige[.“] /

[165]
12. Briefentwürfe 1840
Den <2ten> März 1840
Nun nach einer Unterbrechung von einigen
Tagen zur weitern Beantwortung Ihres
lieben Briefes. Wie Sie dem HE Generalsup.
Dr. Nebe
<vor> Mittheilungen aus einem
frühen Briefes an Sie gemacht, so wie dem-
selben bei dieser Gelegenheit meine hoch-
achtungsvollen Grüße, die ich hier wiederhole,
ausgesprochen haben, so ersuche ich Sie mir mit-
zutheilen, wie derselbe mein Gesammt-
unternehmen beurtheilt, und ob derselbe
auf [sc.:auch] Ihren Bestrebungen geneigt ist, oder
nicht.
Der sich nun schon in Ihren Händen befindenden
Sendung von Spiel- u Beschäftigungsmitteln
habe ich mir erlaubt, ein großgedrucktes
„Kommt laßt uns unsern Kindern leben!“
beizulegen, aber allein ich habe in Eile dabei
vergessen, dabei zu bemerken, was
es damit eigentl. für eine Bewandtniß
habe. Dieser bekannte, anerkannte und
nun schon vielfach zur Pflege des Kinderlebens
angewandte Ausspruch ist näml. ganz so ge-
druckt, wie ich ihn Ihnen übersandte, der in
Rahm[en] und unter Glas gefaßte und mit
deutschen Eichenlaub bekränzte Bewillkomm-
nungszuruf an alle Eintretenden in die von
HE Hochstädter geführten Kleinkinder-
Spiel- u Beschäftigungsanstalt der israel.
Bürgerschule zu Frkf a/m <der> nun mir
von dem Letztgenannten, wie zu einem Zeichen/
[165R]
des in derselben Anstalt herrschenden Geistes gegeben,
als Geschenk übersandt wurde. Ich glaubte
nun davon keinen bessern Gebrauch machen
zu können, als Ihnen denselben für Ihre Ihre
zu errichtende Kleinkinderpflegeanstalt
vielleicht zu einem ähnl.[ichen] Gebrauche wie in
Frkft zum Zeichen meiner ganzen Theil-
nahme als freundliche Gabe zu überschicken[.]
Die Worte dieses Zurufes haben nun [bei] Ihnen
so vielseitig anregend gewirkt u werden
auch jetzt wieder bei der ohne Zweifel
in diesem Frühjahre zu Frkft a/M. unter
Leitung des Ihnen Ihnen schon bekannten
HE Karl Schneider ins Leben tretenden
zweiten Spiel- u. Beschäftigungsanstalt
der Bewillkommnungsruf und das Einigungs-
wort aller sich dort versammelnden
Eltern u. Kinderfreunde sein; darum möchte
ich diesen Einigungsgruß in gleicher Form wie
jetzt den Ihrigen, so allein allen im
gleichen Geiste <u zu> gleichem Zwecke
errichteten Kleinkinderpflegeanstalten,
als Segens- und als Friedens- u Freudegruß
und Gabe reichen; damit alle diese
Anstalten sich wieder unter sich als die
fruchtenden Blüthen und den einen, neu zu pflegenden
Lebensbaum der Menschheit u so alle und
unter sich selbst würde als ein großes <för-
derliches> einiges, sich gegenseitig förderndes Lebensganze beachten
<wie betrachten> möchte. Und so komme ich denn
durch die Erwähnung der von dHE. Karl zu errichtenden Schneiderschen
Kinderpflegeanstalt zugleich zur /
[166]
Beantwortung der von Ihnen vorgelegten
5 Fragen.
Erste Frage: „Wo ist bei Kindern von 5 Jahren
u. darüber am zweckmäßigsten mit dem Spiele
anzufangen?“
Es gibt für alle Dinge, welche gründlich
beginnen, und von da aus kräftig und
lebensgesetzig sich fortentwickeln sollen,
nur einen einzigen Anfangs- u. Aus-
gangspunkt, der liegt in den Worten:
„Werdet wie die Kinder!“ d.h. geht
von dem in der Sache selbst liegenden Wesen
d. Bedingungen aus, geht von dem nothwendig
Einfachsten u. Nächsten aus! Deshalb auch
und da der Ball alle allgemeine Eigenschaften der das
Kind zunächst umgebenden und von ihm zu behandelnden
Gegenstände in sich eint, so muß auch
der Ball immer das Nächste Erste sein, nach
welchem alle Pflege des gesammten Lebens- u. Thätig-
keitstriebes des Kindes, alle Bethätigung desselben als
von seinem Keim- und Quellpunkte aus, selbst bei dem
Kinde v. 6 - 8 ½ Jahren ausgehen muß, wenn anders
auch die geweckte Thätigkeit und pflegende Bethätigung des
Kindes von einer in sich selbst einfachen Einheit aus-
gehen u. sich allseitig gesetzmäßig entwickeln soll;
nur die Behandlung des Balles ist für jede Altersstufe verschieden.
Das ist eben das Merkwürdige seines Wesens,
daß er mit dem noch unbehülflichen Säugling ein
ihm ganz entsprechender Spielgenosse <und dann
ganz> dem schon Sinnes und Glieder- und Sinnen-
freithätigen Kinde das ganz gleiche, und
dem schon ganz Glieder- u. Sinnesgewandten
Knaben nicht minder ganz genügender Spiel-
genosse ist. Der Ball soll also in der Hand
durch das Geistige das Gemüth u den Sinn des Kinder-
pflegens und Erziehens mit dem Säugling säuglings-
artig, mit dem Kind kindlich, mit dem Knaben und
Mädchen kräftig knaben- u. mädchenhaft <alles> <-> /
[166R]
[(] dieß in dem reinsten u. besten Sinn dieser Worte)
Spielen spielen; aber auf allen diesen Stufen Stellver-
treter und äußeres Anschauungsmittel der Einheit
alles Lebens u. der sich daraus entwick gesetzmäßig
entwickelnden Mannigfaltigkeit sein. Also Der Aus-
gangspunkt der von mir aufgestellten Spiel- und
Beschäftigungsweisen und wie der Geist derselben bleibt
daher immer der gleiche, nur die Form Art der ErscheiBeschäftigung
in Hinsicht auf Punkt Lage, Kräftigkeit d. Umfang[s],
Mannigfaltigkeit, nur dieses ist verschieden und hierfür ist es
besonders wo die Kinderpflege, Führung und
Erziehung der Kinder die [sc.: der] Belehrung und Erfahrung, und
die [sc.: der] Vorführung des allseitig entwickelten Grund-
gedankens in der Mannigfaltigk.[eit] seiner Anwendung
bedarf. Wenn meine Zeit nicht zu beschränkt ist,
so erhalten Sie noch zur rechten Zeit, vor
Eröffnung Ihrer Schule Anstalt von mir eine Bear-
beitung des Spieles mit dem Ball, worin Sie
den Stoff zur Beschäftigung des Kindes vom
5. bis wohl zum 7<ten> Jahre, vielleicht weiter
noch, finden werden. Das gesetzmäßig ent-
wickelte Spiel mit dem Ball ist für das freithätige,
nach dem eigenen innern Gesetze des Menschen zu
entwickelten [sc.: entwickelnden] Leben des Kindes eben so wichtig, als
für das Rechnen die Kenntniß der Einheit, der
Eins und dem Einer. Der Schüler, der von allem
diesen keine erfassende Anschauung hat, kann
weder aufwärts gründlich, mit Einheiten grö-
ßerer Ordnung, und so in <Einheit wie /positiver> Fort-
schreitung, als absteigend in Brüchen und nega-
tiven Reihen <zählen> ziemlich <in gehöriger> Einsicht rechnen. Eben so
wenig wird das Kind gründlich allseitig auf- und
absteigend in der von mir aufgestellten Weise,
entwickelnd und doch in sich selbst ruhend
ausgebildet werden können, dessen Bethätigung nicht
mit dem Ball begann.
Erwähnen will ich hier nur noch, daß schon das Spiel mit dem Ball wie
alle künftigen Spiele wie in Einzelspiele, in Sammelspiele <Collektionspiel> /
[167]
13. Briefentwurf <?> Brief an Hrn Kern a März 1840.
u in ächt gemeinsame oder Einigungsspiele zer-
fallen. Die letzeren sind dann besonders für das vor-
gerücktere Kindesalter. Mögen Ihnen diese Andeu-
tungen zur Beantwortung der ersten Frage genügen!
Zweite Frage: „Sind Sie mit mir einverstanden,
wenn ich die Trennung der Geschlechter im Kindes-
alter für naturwidrig erkläre?“
Damit bin ich ganz einverstanden, indem ich
glaube, je weniger diese Trennung in der frühen
Kindheit hervortritt, um so kräftiger u. allseitiger
um so einiger wird sich das rein Menschheitliche
in dem Kinde entwickeln; jedoch wird sich der Knabe
sehr früh zu den lärmenden, gewaltsamen und hinaus-
tretenden, Knochen und Muskelkraft beson-
ders in Anspruch nehmenden das Mädchen dagegen
zu stillen, sinnigen, pflegenden Spielen sich
hinneigen. Meine Erfahrung hat mir bis jetzt
nicht gezeigt, daß Mädchen, die unter Knaben,
heraufgewachsen waren begleitet von stets be-
achtenden erziehenden Blicken heraufgewachsen sind, an
Mädchenhaftigkeit u spätere Jungfräulichk.[eit] verloren
hätten; vielmehr habe ich gefunden, daß sie eine
sinnige Jungfräulichkeit entwickelten, dagegen
habe glaube ich aber auch die Erfahrung gemacht zu haben,
daß Mädchen, die ohne Brüder heraufgewachsen
sind, immer selbst bis ins höhere Lebensalter
herauf eine gewisse Befangenheit und Einseitigkeit in der Beur-
theilung männl.[icher] Verhältnisse oder der Verhältnisse
der Männer unter einander äußerten. Ja, Frauen haben
welche nie Brüder hatten, <allein/also> in den frühesten Jahren ohne Knaben herauf wuchsen
haben mir selbst gesagt, daß sie dadurch die Einseitigkeit in ihrer Ausbildung bemerkten.
Dritte Frage: „Welche Unterrichtsgegenstände lassen
sich bei Kinder über 6 Jahre an die Spiel- und Beschäftigungs-
Mittel und Weise anknüpfen und Wie?“
Sie haben ganz recht, werthester HEr Kern, wenn
Sie in Ihrem Brief bemerken, daß die Beantwortung
dieser Frage für briefliche Mittheilung wohl zu weit
führen würde, denn es macht die genügende <Erörterung>
derselben eben einen eigenen ganzen Lehrcursus aus, welcher /
[167R]
mehr oder minder mag begrenzt werden kann [sc.: können]. Um Ihnen
jedoch nicht nur die Möglichkeit einer solchen Anknüpfung,
sondern die Wirklichkeit einer stetigen Fortentwickelung
vom Spiel zur eigentlichen Lehre und Unterricht minde-
stens anzudeuten, will ich Ihnen so will ich Ihnen
von Ball und seinen nächsten Gliedern aus nur einige
Beyspiele geben.
Der Ball ist ein Gegenstand, eine Sache, ein Ding
und zwar in vielen Beziehungen mehr oder weniger
eigenthümlich, deßhalb führt er natürlich auch das
Kind zuerstlich überhaupt zur Beachtung der es um-
gebenden Gegenstände, Sache[n] und Dinge und dann zur
vergleichenden und prüfenden Auffassung ihrer Ei-
genthümlichkeit.
An diese ganz einfache aber ebenso nothwendig fortschreitende Ent-
wickelung in der Geistesthätigkeit, wie in dem Sinnen-
ja Körper- und Gliedergebräuchlichenbrauchs des Kindes z.B.
den Ball kannst ichDu ergreifen, was kannst Du noch ergreifen,
knüpft sich ganz unmittelbar die belehrende und
überwiegend geistig bethätigende Beschäftigung des Kindes an, oder
geht vielmehr unmittelbar daraus hervor.
Also der Ball (aber auch seine Genossen, die Kugel und der
Würfel) ist ein Gegenstand, eine Sache, ein Ding; was
für Dinge umgeben Dich noch?-
Was sind darum auch der Tisch, der Stuhl? rc.
Sie sehen hier, Herr Kern! schon ganz leicht und nach dem
stetigsten Denkgesetze die Kenntniß des Spielenden vom
Spiel aus erweitert. Alles Umgebende kann er unter
einen Begriff, unter einer Anschauung zusammen fassen.
Doch das Gesetz des Gegensatzes fordert sogleich wieder
die Trennung. Die Betrachtung des Balles, der Kugel, des
Würfels bezeichnet dazu wieder leicht den Weg: -
Durch wen? und auf welche Weise entsteht der
Ball, die Kugel der Würfel?
Sind alle Gegenstände der Umgebung Menschen-
oder Kunstwerke? -
Sie werden, werthester Herr Kern! nach diesen
leisen Andeutungen leicht ahnen, wie sich auf diesem
Wege die gesammte Umgebung des Kindes viel-
seitig gliedert, das h. in seinen Theilen, als Ein le-
bensvolles Ganze u so jeden Gegenstand als Gliedganzes darstel- /
[168]
len und das Ganze der Menschenwerke, oder
der Werke des Könnens, als eine zweyte Schöpfung
des Menschengeistes, und als eine Vermittelung
zur Kenntniß und Beachtung der Natur erscheint
ja wie diese Betrachtung den Menschen, das Kind
zur Selbstbeachtung und Selbsterkenntniß führt.
Sollten Sie Näheres und mehr darüber zu wissen
wünschen so dürften Sie nur [in] meiner „Menschen-
erziehung“ I Bd nachschlagen.-
Doch die Gegenstände sind nicht nur ein Verschie-
denes unter sich in der Gesammtheit ihrer Erscheinung
sondern auch in der Eigenthümlichkeit ihrer Wir-
kungen und Eigenschaften: - der Ball läuft
die Kugel rollt, der Würfel steht; ...
Was oder Wer läuft, rollt, steht noch?...
Der Ball, die Kugel sind rund oder einflächig;
was oder wer ist noch rund oder einflächig im Um-
kreis Deiner Umgebung mein Kind? ...
Der Ball ist rauh, wollig, farbig, grün
blau, sprungkräftig rc. rc. rc, welches andere
ist dieß auch? -
Der Ball, die Kugel, der Würfel haben eine
unsichtbare, nie sichtbar zu machende Mitte
als Beziehungspunkt alles seines äußerlich
Erscheinenden; hat jeder Gegenstd, oder
welche Gegenstände haben auch noch solche
unsichtbare und nie sichtbar zu machenden
einigende Beziehungen? -
Sie sehen, daß auf diese Weise das Kind nun schon
herangewachsen wie auch zur allseitigen Beachtung der um-
gebenden Gegenstände so nun schon herangewachsen, auch selbst zur geistigen
Anschauung und Auffassung des Unsichtbaren
und so seines eignen geistigen Wesens und des
geistigen Wesens aller Dinge rc rc hingeführt
wird, so daß unmittelbar und stetig von den /
[168R]
aufgestellten Spiel- und Beschäftigungsmitteln und Be-
thätigungswegen und Weisen aus der
ganz natürliche Fort- und Übergang zur lebenvollen und
so gliedernden Betrachtung der Außen- und Innen-
welt, und ihrer nothwendigen Wechselbeziehung sich
zeigt und sich so bald „Außenweltsbetrachtung“ und
Anschauung des Sprachgebietes“ als zwey verschie-
dene Richtungen der Belehrung oder Unterrichtsge-
genstände, jedoch allein noch innig verwandt, ausscheiden.
Doch auch die Sprache selbst wie nicht minder das
Sprechen und, alles was sich sehr bald mittheilen weiter daran
mit Nothwendigkeit entwickelt, das Schreiben
und Lesen tritt von den Sprachspielen aus in Sprache und <Entwicklung> bald
in belehrender Richtung und so als Unterrichts hervor
zunächst durch das Gleichtönende u Gleichschallende
z B. in Ball tönt all, wo tönt Gleiches? -
in Hall - Schall - Wall - Fall - Knall.
Wo tönt aber oll? - in voll - toll - soll.
Wie die Dinge von den Spiel- und Beschäftigungs-
mitteln und Weisen in Hinsicht auf ihr Wesen,
ihre Eigenschaften und Verhältnisse als besonderer Gegenstand
des Unterrichts und der Belehrung auftreten, so
auch von Seite ihrer Menge oder ihrer Zahl.
Der Ball ist ein in sich einiger Gegenstand
mit einer einzigen Umfläche, einer einzigen, geistig
klar und bestimmt wahrnehmbaren Mitte;
Der Ball ruht nur auf einem Fußpunkt, hat
zeigt klar oder mindestens bestimmt einen Scheitel-
punkt und vor allem durch beyde bestimmt, eine
senkrechte Achse. Der Ball und mit ihm die
Kugel ist so recht die Stelle sichtbargewordener
Einheit, welche aber als solche die Mehr- und Vielheit
und so zunächst die Zwey in
sich schließt: - Zwey Angelpunkte (Pole) rc
Allein hier bald die Drey zeigend in den 3 Punkten
die in jeder Achse liegen nemlich die Mitte u beyde Enden /
[169]
14. Briefentwürfe Brief an Herrn Kern
März 1840
Auch in den 3 Hauptrichtungen tritt noch die Drey
hervor.
Doch noch klarer und bestimmter erscheinen die Zah-
len und Zahlenverhältnisse an dem Würfel. Auch
er ist ein in sich einiger Gegenstand, hat Eine Mitte
rc. Immer 2 Seiten sind gleichlaufend; er hat
3x2 gleichlaufende oder 6 Seiten; er hat aber
auch 3 unter sich rechtstehende Hauptrichtungen;
jede seiner Flächen hat 4 Seiten, hat 4 Ecken, hat
4 Winkel. Der ganze Würfel hat 2x4 oder 8 Ecken
er hat immer 4 unter sich gleichlaufende Kanten,
und zwar 3x4 solcher Kanten also 12 Kanten;
die 3x2 Flächen kann man in der Eckenstellung des
Würfels sehr leicht auch als 2x3 Flächen anschau-
en, folglich ist 3x2 wie 2x3=6. Ebenso lassen
sich die 3x4 Kanten in der Eckenstellung als 4x3
Kanten, auch als 3+6+3 Kanten anschauen
folglich ist 3x4 wie 4x3 wie 3+6+3=12
u.s.w. u.s.w. Was aber ein Würfel einmal
hat, haben 2,3,4 rc bis 8 Würfel (siehe 3e Grad)
8 mal. So also die Erweiterung der Zahlenbetrachtung
u ihrer Verhältnisse. Es ist merkwürdig wie in
der Eins (__) sogleich die 3 (+) liegt und
die 3, in den 3 Hauptrichtungen, des Balles, der Kugel und
(am einfachsten anschaulich) in denen dem Würfel die
8 bedingt; so wird das Kind durch die äußerlich
wahrhaft handgreiflich zu erfassende Zahl zur
innern Anschauung ihres Wesens und ihrer Verhältnisse
hingeführt.-
Der Unmittelbare Übergang von Ball, Kugel
und Würfel zur Auffassung der Form u Größe
als Gegenstand der Belehrung liegt gar zu nahe;
[so]daß Sie mir wohl gern noch jede leise Andeutung
dafür erlassen.
Auf dieser Stufe des Unterrichtes kann ich ohne
den mindestens Nachtheil, ja vielleicht gar zum bestimm-
ten <Gewinn> für das Kind noch gar vieles singen
die Verhältnisse treten durch die Töne wie so häufig die /
[169R]
Formen durch die Farbe -- noch bestimmter hervor.
Die Töne aber steigen und sinken; steigen und sinken
gleichmäßig oder in Sprüngen. Dieses Steigen und
Sinken kann ich aber durch meine Klötzchen (siehe S B.
I B 3e Gabe.) dem Kinde auch sichtbar darstellen:
[Zeichnung] und sogleich durchs Wort, nemlich das Zahlwort
bezeichnen so [Zeichnung], weiter 1,3,5,1, oder
1,3,5,8,1; wodurch das Tonganze in seiner Abrundung
und Vollständigkeit, wie in seiner inneren Gliede-
rung gegeben ist. Durch die vielen kleinen Liedchen,
welche die Kinder <-> wegen der Sachbeziehungen und dem
eigenen Leben, welches sich daran anknüpft, eben so
leicht als gern lernen ist das Gehör wieder an Auf-
fassung, wie das ausführende Organ an Kraft und
Gewandtheit der Darstellung gewohnt, so daß sich
hieran nun leicht ein bestimmter, begründender wie
ausübender, Gesangsunterricht auch schon mit
Kindern von 6 bis 7 Jahren auf diesem Weg anknüpfen
läßt.
Der Übergang von diesen Spielen und Beschäftigungs-
Mitteln und in diesen Bethätigungs Weisen und Wegen zur
Auffassung, Beachtung und Erkenntniß der Natur
und ihrer einzelnen Gegenstände, ist vielseitig.
Schon oben deutete ich einen solchen Übergang bey
der Außenweltsbetrachtung an. Allein ein ande-
rer unmittelbarerer ist der: der Ball, die Kugel
ist rund, was ist in der Natur ursprünglich vor-
waltend rund u rundlich - Erbsen, viele Kohlsaamen, Senf
Wicken, viele andere Saamen, fast alle Saamen sind
mehr oder minder rundlich, die Eyer der Vögel, der
Schmetterlinge, Fische u Amphibien; viele Baumfrüchte
sind rund und rundlich, die Knospen der Bäume;
das Runde und rundliche ist die Grundform alles Be-
ginnenden ersten. Dadurch ist dann in der Naturbe-
trachtung für alles sich Entwickelnde sogleich ein Aus-
gangspunkt gegeben, wodurch das alles Einzelnstehende
u Zerstückelte vermieden wird. Das <Eckige> u Eben-
flächige ist mehr in der Welt der Irden zu Hause /
[170]
das Lineare u Flächige in dem Gliedbau der Pflanzenwelt, in der
Thierwelt und vor allem bey dem Menschen herrscht in seinem
Gliedbau das Runde u Rundliche vor.
Da meine Spiel- und Beschäftigungsmittel u Weisen
selbst noch in sehr unvollkommener Kennniß vor Ihnen
liegen so muß mir diese Andeutung für den <Natur-
geschichtlichen> Unterricht noch mehr genügen.
Wo ich stehe, wenn mein Stand nun einiger-
maßen über den gewöhnlichen und nächsten Gegen-
stande erhoben ist, erscheint mein Gesichtskreis
tafelförmig und rund meine Stellung in der Mitte
desselben, nach seitwärts, vorwärts und rückwärts
unterscheiden sich 2 sich rechtwinklich oder recht durch-
schneidende Richtungen, und über meinem Scheitelpunkt
zeigt sich der Himmel, welcher sich kugelförmig
über meinem Haupte und um mich zu wölben scheint
ein gleicher Punkt von welchem sich durch meinen Schei-
telpunkt hindurch bis zu meinem Fußpunkte eine
gerade Linie ziehen oder denken läßt welche
in der Mitte des Gesichtskreises und wieder recht
auf den schon vorhin gedachten beyden Richtungen steht.
Hierdurch bekommt das Kind feste bestimmte LaagePunkte
und Richtungen auf welches alles was ihm als vereinzelt
auf der Erde und im Himmelsraume steht, beziehen und
so nach und nach auf der Erde wie am Himmel finden,
und den lebenvollen Zusammenhang des scheinbar
vereinzelt stehenden erkennen und so selbst die
Mannigfaltigkeit als ein einziges Lebensganze erfassen kann.
Alles dieß läßt sich auf einem stetig entwickelnden
Wege von der Spiel- und Beschäftigungsstube,
Hof oder Garten ausgehend, einem Kinde ich möchte
sagen handgreiflich klar machen; So bekommt es
aber auch für die mannichfachsten Anschauungen
und Kenntnisse seines Lebens wie einen eignen so einen
einigenden Beziehungspunkt, was dem Kinde dem Schüler
schon jetzt so wie besonders für sein ganzes künftiges
Leben nun Klarheit, Bestimmtheit, so <Reife/Ruhe>, Be-
ruhigung und so wieder nur Friede u Freude geben
kann.
Allein doch noch eine höhere geistige und doch Anschauungs-
erkenntniß geht daraus hervor: Allem Erscheinenden
liegt als nothwendige Bedingung eine unsichtbare Einheit
zum Grunde, was nothwendig seyn muß indem ja alle
Dinge u alle Wesen aus der Ureinheit und dem Ur-
quell alles Lebens, aus Gott hervorgegangen sind u in ihm /
[170R]
nur Leben und Bestehen hat [sc.: haben]. In dem Menschen als
dem sich bewußtem Erdenwesen spricht sich diese Einheit
in einer Dreyheit aus Wahrnehmung Fühlen Denken u Handeln oder
als Empfinden, Erkennen, (Ausführen) Darstellen der harmonischen Ausbildung aus.
Diese 3 begründen des Menschen wahren Lebensfrieden, seine ächte Lebensfreuden.
Auch von dem Menschen abwärts, selbst in dem was
von ihm ausgeht, spricht sich diese in sich einige Dreyheit
in den verschiedenen Erscheinungen auf eigenthümliche Weise aus aus.
Wie zu Alle Dinge haben in sich in dem in sich einigen Wesen Gottes
welches sich in Dreyheit kund that u noch kund thut, in Gott ihren
Urgrund haben, und der Mensch selbst ist ein Tropfen
aus diesem Quelle des ewigen u unendlichen Lebensmeeres ist, wie denn
dieß Jesus den Menschen so menschlich schön, als wahr
und lebenvoll ausspricht und offenbart indem er sagt: Gott ist
der Menschen Vater, sie sind <wahre erkennten>
sie es nur, fühlten, dächten u handelten sie nur demgemäß
- Gottes Kinder; - jeder einzelne Mensch u jedes
einzelne Kind, selbst das noch kleine sich selbst un-
bewußte: - Gottes Kind. Allein was der
Mensch seinem Wesen nach in sich ist, dieß soll er
mit Bewußtseyn nach und nach und zwar auf der
Stufenleiter vom <-> Unvollkommnen zum Vollkommnern
werden. Alles irdische durchläuft diese Leiter und
den Überblick derselben als eines Geschehens, <nennen>
wir seine Geschichte. Jedes Ding hat seine Geschichte,
der Mensch wie die Natur, das innere wie das
äußere Leben, denn beyde entwickeln sich, das Einzelne
wie das Ganze, der Mensch wie die Natur, die Menschen, das Menschengeschl[ech]t
wie die Menschheit haben ihre Geschichte- Die Geschichte
Einzelner, wie die der Gesammtheiten, ist die eigene wie
fremde ist ein Spiegel der zur Erkenntniß des Rechten
wie des Wahren führt; Jeder Mensch muß sich
zum allerwenigsten einen solchen Spiegel in der
Beachtung seines eigenen Lebens und in der Beachtung des
Entwicklungsganges überall, wo sich Leben kund thut,
also vor allem in der Beachtung der Menschengeschichte
zu verschaffen suchen. Einen dreyfache[n] Erkenntnißpunkt
<bringen> Ihnen diese flüchtig hingeworfenen Andeutungen /
[Randnotiz] ist darum auch dem Menschen zur Erkenntniß seines eigenen
Wesens, wie zur Erkenntniß aller Dinge und zur Erkennt-
niß Gottes gegeben: sie quillt in des Menschen eigenem Innersten
sie fließt in allem Geoffenbarten und strömt in dem gesammten
All der Natur; daß sie den Menschen von frühe an nach
Maaßgabe seiner Empfänglichkeit früh allseitig klar fließen möge
dazu sind dem Menschen drey Mittel sein Fühlen, Denken u
Handeln, das einige in sich Eins seyn dieser drey gegeben [;] die harmo-
nische Ausbildung dieser 3 Mittel dZweck meiner Bethät[i]g[un]gsmittel
die wirkliche Ausführung wird Ihnen nun leicht seyn /
[171]
15. Briefentwürfe <?> Brief an HErn Kern März 1840
genügen Ihnen zu zeigen, daß ich nicht nur allein Ent-
wickelung und so alle Erziehung und Unterricht
des Menschen von seinen ersten Lebensäußerungen
an durchs Spiel hindurch nicht nur als ein Einiges
Stetiges betrachte sondern auch wie ich dieß durch
die von mir aufgestellten Spiel- und Beschäftigungs-
Mittel u Weisen zu erreichen und wie ich die
Keimpunkte früher Belehrung und weiteren Un-
terrichtes zu beachten und zu pflegen suche.
Mögen Ihnen diese Andeutungen wenigstens dazu genügen dienen
Ihnen zu zeigen, daß sich Ihre 3te Frage Ihnen zur allseitigen Zufriedenheit
beantworten lassen wird, wenn Sie
der Antwort darauf die nöthige Zeit widmen
wollen.
Mir fällt bey diesen Ihren Fragen in Verbindung mit
dem sich mir, seit wir uns kennen, von Ihrer Seite
bekannt gewordenen ächt erzieherischen Strebens
immer ein, daß es für das Einzelne wie für das Ganze
und so auch für Sie selbst besonders wohl, gut gewesen
seyn würde, wenn Sie im vorigen Jahre meiner Einladung
zur Theilnahme an meinem erziehenden unternehmen
hätten folgen können.
Da nun aber dieß einmal nicht möglich wurde, so
wollen wir wenigstens sehen, wie wir für Ihre Person
und Ihr Wirken diesen Mangel so viel als möglich
ersetzen und ausfüllen; darum wenigstens, und so-
mit in der g[an]z besondern Achtung und Anerkenntniß Ihres
Strebens, HEr. Kern! hat es seinen Grund, daß ich
in die Beantwortung Ihrer Briefe so weit eingehe
als es mir immer mögl ist; <wozu> nun aber auch
sowohl für Sie und Ihr Unternehmen als ganz be-
sonders auch für das Ganze der Kinder[-] und Kindheit-
erziehung und so am Ende für die Menschheit als Ganzes
ein allseitig entsprechendes Ergebnis hervorgeht!
So mit werden Sie nun aber wohl einsehen, daß zu-
nächst viel von den in sich einigen Sinnen, Gemüth, Geist /
[171R]
und Leben von der in sich das heißt durch sich in der höchsten
LebensEinheit ruhenden Kraft des Erziehenden ab-
hängt; doch steht nur einmal das rechte Gewächs in Gesund-
heit, blühend u fruchtend da, dann folgen schon die
schwächeren Gemüther u Geister nach, sich auch solchen
Garten zu bereiten wo solche Gewächse so gedeihen.
Nun meine ich ein solcher <erster> Lebensgarten soll wieder
durch Ihre Pflege und unter Ihrer Hand in Eisenach
entstehen, damit sein alter Ruhm in der neuern Geschichte
der deutschen u europäischen Menschheit neu erblühe und
fruchte zum Seegen der in der Kindheit aufkeimenden Menschheit. -
Vierte Frage. „Wie wäre für Ihre 20 bis 30 Kinder die
äußere Einrichtung des Locales am zweckmäßigsten
zu treffen.“ Zuerst glaube ich muß das Locale ebener
Erde wo nur immer möglich mit seiner Hauptseite gegen Mittag
gesetzt und umgeben von Hof und Garten sein. Für 20 - 30
Kinder ist ein einziges Zimmer ganz hinlänglich; nur
muß es dann nach dem gewöhnlichen Maaßstabe eine
große Stube seyn. Mein Spielzimmer hier ist [Lücke] Rheinisch
Fuß lang u [Lücke] Fuß breit. Sitzend auf Bänken und an
Tischen haben darinn wohl schon 70 Kinder gespielt. Beginnen
die Bewegungsspiele wo dann gewöhnlich durch den Raum
bestimmt die Knaben von den Mädchen sich trennen so
nehme ich erstere in eine besonders unmittelbar daran-
stoßendes durch den Ofen wie das Hauptzimmer geheizt
werdende Stube welche [Lücke] Rheinisch [Quadratzeichnung] Fuß hat und ihren
Ausgang unmittelbar ins Freye hat. In dieser von
allem Geräth außer den <Spiegeln> freyen Stube, spielen
dann oft 20 und etl. Knaben, freylich bey der größeren
Zahl etwas beengt. Allein in dem Hauptzimmer spielen
dann, wenn alle Tische und Bänke ganz dicht an die
Wand gesetzt sind zwischen 30 und 40 Kinder ihre Be-
wegungsspiele. Ja ich habe früher sogar als der Kinder
noch nicht so viele waren Knaben und
Mädchen zugleich in diesem einen
Zimmer ihre Bewegungsspiele und Übungen machen lassen.
Also für 20 bis 30 Kinder wäre ein Zimmer wie mein
größeres vollkommen hinlänglich besonders wenn es einen
verhältnißmäßig großen Vorplatz habe, worin die Kinder ihre Überkleider
u Mützen wenn solche nöthig sind ablegen können und <wo>
man zugleich einge<führt> werde.
Bey den Tischen ist es gut, wenn solche ganz genau
alle gleich hoch, gleich lang und gleich breit sind, alles
nicht in zu großem Maaße. Später werde ich Ihnen
die Maaße mitzutheilen suchen, welche sich dafür in /
[172]
Frkfta/m bewährt haben, die mir im Augenblick selbst
nicht mehr gegenwärtig.
Mit unserm Spiel- und Gartenraum geht es etwas in
In den Kindergarten wo für Kinder Gärtchen jedes
von ohngef. [Lücke] Quadrat Fuß, breite Wege zum Laufen und
rund herum Beete zum allgemein[en] Spielgebrauch ist ist
[?] Fuß lang und [Lücke] Fuß breit; außerdem haben wir dann noch
einen entsprechenden Raum zu Bewegungs- und Bauspielen
durch Sand, Steine u Holzwerk.
Fünfte Frage „Wie wäre der Plan und das zu erstrebende
Ziel der Anstalt in einem Aufsatze wohl ausführlich
darzulegen?“ - In dieser Frage fragen Sie mich selbst
zu viel, denn wie man auch Plan und Ziel ausführlich
darlegte, so würden dadurch schwerlich Mißverständ-
nisse zu vermeiden und wahre Belehrung und Einsicht
zu erreichen seyn; denn fast den meisten mangelt
zum Verständniß des Wortes die Möglichkeit sich
die Sache vorzustellen. Also Sachanschauung und Berufung
auf dieselbe besonders durch Männer welche im Publikum
etwas gelten, zu deren Wort man, ich möchte sagen un-
bedingten Glauben hat. Nur dieß kann, wie ich glaube
die Sache fördern: Vor allem suchen daher auch Sie, sey
es auch im kleinsten Raume und noch so unvollkommen
etwas darzustellen und auszuführen; Sie selbst werden
dann gegenüber dem Kinde ganz andere weit lebens-
vollere Ansichten von dem Ganzen bekommen. Heut war
das 29 Wochen alte Knäbchen (Alexander S.) dessen
ich oben zu Eingang dieses Briefes Ihnen [gegenüber] erwähnte mit
seiner Amme wieder in der Spielanstalt. Die ruhige
klare Besonnenheit möchte ich sagen, mit welcher dieses Kind
mit mir spielte war mir wirklich selbst auffallend, es erfasste
sehr bestimmt den Ball und ließ ihn, aber auch nicht
eher in meine Hand zurück fallen bis ich gesagt hatte:
„Laß den Ball!“ Die Umstehenden – 4 meynten selbst
es sey als verstände mich das Kind. Bisher war der
rechte Arm in den Mantel gehüllt; jetzt gelang es ihm ihn
frey zu machen, man hätte ihn in seiner Freude und der Sicherheit sehen
sollen, mit welcher er [mit] dem nun freyen Arme den Ball zu erlangen suchte /
[172R]
wie er seine Lippen bewegte, um mir von dem, was sein
junge[s] Seelchen in diesem Augenblick alles beachtete, Kunde zu
geben. Es war als wenn man eine Blumenknospe von der
Frühlingssonne beschienen, sich erschließen sahe. Also suchen Sie
so bald als möglich etwas auszuführen. Nachher lassen Sie
andere über das von Ihnen Dargestellte sprechen. Doch
um Ihnen wenigstens <für Sie> zu geben was ich habe lege ich Ihnen
ein paar Bekanntmachungen bey, welche der oft genannte
HErr Schneider jetzt nach Frkfurt zurück gekehrt für sein
Publikum bestimmt hat; später werde ich Ihnen auch
seine darinne erwähnte größere Bekanntmachung mittheilen,
welche jedoch nichts ist als im Wesentlichen blos ein Auszug
aus dem 2en Aufsatze im Allgem. Anz. unterzeichnet L. Sch
ist.
Was übrigens Ihren HErrn Pädagogen mit seinen Pesta-
lozzischen
und Basedowschen Spielwegen betrifft, so sollte
dieser Mann vor allem hören was der gediegene Schwartz
in der Vorrede zu seiner Erziehungslehre 3 Bd sagte über Pestalozzi u Basedow bey Erwähnung <von Pestalozzi> und Basedow sagt: wie auch das Beste durch unzeitige Anwendung pp
verdorben werden könne, und in Beziehung auf Pestalozzi
wie er und Andere kräftig dazu gewirkt habe, daß der Geist
der wahren Erziehung deutlicher erkannt worden
so ist darauf
nicht mit einem Worte zu erwiedern; denn schwerlich wird
dieser Mann zu<billigen>, daß sein erziehendes Wirken eine solche
tiefe begründete Bedeutung für Kindheit u Menschheit erlange
als das Wirken der beyden genannten sich errungen und in der hat.
Hinsichtlich des Ernstes welchen das Spiel der Kinder verrichten soll
mag er wohl ein Schillers-Worte: „Gar hoher
Sinn, also auch Ernst liegt oft im kindschen Spiele“ in ihrer
Gewichtigkeit erwogen haben. - Doch bin ich Ihnen, lieber
Herr Kern für alle diese Mittheilungen - wenn einmal
diese Männer so stehen - gar sehr dankbar, denn es kommt
doch einmal die Zeit, wo man solch oberflächliches Urtheil
abfertigen kann. -/
[173]
16. Bogen Herrn Kern
Noch einem mir mitgetheilten Einwurf wäre zu begegnen
den, die erste und zweyte Gabe wären unnöthig, denn jede
Mutter würde dasselbe von selbst thun. Daß die Müt-
ter es eben nicht von selbst thun, darin liegt es ja eben,
würden Sie [sc.: sie] es selbst thun so bräuchte es meine[r] Spielmittel nicht[;]
nicht einer sondern mehrere Väter, Geschäftsmänner
mit gründlicher Bildung und sehr achtbaren Familien, selbst
wohlhabend, welchen also alle Kaufmannsläden mit
Kinderspielzeug offen standen, sagten mir und baten
mich: - [„]geben Sie unseren Frauen zweckmäßige Kinder-
spiele und lehren sie dieselben, ihre Kinder angemessen
beschäftigen [“] und als ich ihnen spielen[d] die Spielmittel vor-
führte, waren sie nicht etwa blos so obenhin über die
Zweckmäßigkeit derselben mit mir einverstanden, sondern
sie waren wirklich von dem dargelegten Spielganzen ganz
beglückt und dieß waren Väter nicht etwa erst seit gestern
verheyrathet, sondern solche welche ihr[e] Söhne schon wieder
einem bestimmten Beruf entgegen führten, also Männer
reich an Lebenserfahrungen. Doch ich weiß es schon solche
Thatsachen belehren Männer wie Ihren Herrn Pädagog
nicht. Das Klopfen mit der Schere, das Klappern mit
den Schlüsseln, ja wenn es hoch komme das Pimpaummachen
mit einem Knaul und das Rollen des Fingerhutes
das macht es nicht, wie kein Apfelbaum oder sonst ein
anderer entstehen wieder wenn Sie die schöne Fruchthülle
und sey es die süße und saftige eines Pfirsich oder den <hohlen>
Steinkern ohne Saamenkern, oder ein Blatt oder gar einen
Kranz schöner Blüthen, oder die schönen Knospen rc rc in
der Erde versenken wollten; nur der Saame, das Saa-
menkorn thut es, wenn Sie es unter den nothwendigen Bedingungen
und Pflege der Erde anvertrauen, so führt auch nur einzig
die all- und vielseitige wie stetige Beschäftigung des Kindes
mit der absoluten Einheit gleichsam mit dem Inbegriff
alles Räumlichen und dieß ist Ball und später Kugel,
zur wahren Kenntniß alles Räumlichen. Ehe Gott,
der doch hoffentlich in allem unser Meister ist, Bäume
Thiere u Menschen schuf, schuf er Weltenbälle, Sonnenbälle
Erd- und Mondbälle. Doch über die erste Gabe habe ich
mich schon hinlänglich ausgeschwiegen [sc.: ausgelassen], nur ein paar Worte /
[173R]
über die zweyte Gabe. Einzig durch die Verknüpfung des
Gegensatzes kommen wir zur wahren Einsicht in alle Dinge
wie überhaupt zum Bewußtseyn unserm Selbst, darum
verknüpfte wieder Gott nicht nur der Werkmeister des
Weltalls sondern auch unser Schöpfer u Vater unsern äußer-
lich unsichtbaren Geist in [sc.: mit] einem sterblichen sichtbaren
Körper; darum verband Jesus der alles was er lehrte
vom Vater vernahm, das Unendliche mit dem Endlichen das
Größte an das Kleinste, seine die Welt beseeligende sich
über den ganzen Erdball verbreitende und die Menschheit
wieder mit Gott einigende Lehre einem kleinen in sich einigen
Senfkorn. Also so auch kann nur das Runde und Kugliche
im Gegensatz des Geraden und Würflichen, das Einflächige
nur im Gegensatze des Mehrflächigen, das Bewegliche
nur im Gegensatze des Ruhenden, rc, rc, erkannt
seyn werden; allein ein Würfel mußte es seyn, weil man
nur Entgegengesetztgleiches wahrhaft vergleichen kann
so die das Leben in sich tragende u Leben aus sich entwickelnde
Lehre Jesu mit dem Leben in sich tragenden Senfkorn
beyde hervorgegangen aus Gott. Darum kann auch die
Kugel nur mit dem Würfel zunächst verglichen werden
weil er bey größtem Gegensatz von der Kugel wie die
Kugel drey unter sich rechtwinklichte auf einem Drey stehende gleiche senkrechte
Richtungen in sich trägt rc, rc, rc.
Werden Sie Ihren Vorsatz ausführen und in diesem Sommer
einige Monate bey mir leben, so wollen wir alles dieses
auf das Gründlichste erörtern; zu nächst werden Sie hoffentl[ich]
so viel ahnen daß das von mir aufgestellte Spielganze wie
die einzelnen Spielmittel weder aus der Luft gegriffen
noch zusammengestoppelt, sondern daß sie ein in dem Wesen aller
Dinge tiefgegründetes, nach Lebensgesetzen
entwickeltes Ganze sind, die darum auch wieder zur Erkennt-
niß des Wesens des Lebens u seiner Einheit, so das Kind
auf und in sich zurück, also deßhalb auch zu seinem
Schöpfer Vater u Gotte führen. - Wo nun ein solcher
solcher Ausgangs- ein solcher Zielpunkt und ein solcher, gesetzmäßiger
Weg gegeben ist, der hat die Oberflächenhaftigkeit der Beurtheilung
im Ganzen u [am] Ende wenig zu fürchten; freylich muß man
dabey beachten was Jekel in dem abschriftl. beyliegenden Briefe von mir sagt:
- „Die von Ihnen aufgestellten Spiel- und Beschäftigungs-
Mittel scheinen sich <sogleich> nicht bald wie schnell blühende
Samengewächse zu entwickeln. Sie scheinen vielmehr gleich
allen lange ausdauernden Gewächsen viele Jahre nöthig zu /
[174]
haben bis sie ihre Blüthenzeit erreicht haben. –“
Nun aber wenn Gott noch mehrere solche treue und
sorgsame, ausdauernde Gärtner senden wird, wie ich
hoffe daß meine Spiel u Beschäftigungsmittel u Weisen in
Ihnen werther Herr Kern gefunden haben und immer noch
wie ich glaube in Ihnen finden werden, so hoffe ich zu Gott
soll ohne Abbruch der Dauer auch die Blüthenzeit sich
nicht zu weit hinausschieben.
Darum seyn u bleiben Sie uns im kindlichen einfachen
Sinne der Sache treu, darum bitte ich Gott für Sie und
die Sache.
Aber noch eines lese ich am Schlusse Ihres Briefes:
Eine Puppe sollte den Mädchen lieber seyn als Würfel u
Bausteine. Nun ich beschäftige mich seit 1 Jahre tägl mit
mehr als ½ Hundert lebensfrohen Mädchen von 1 bis 7
Jahren aus allen Ständen und diesen ist sind allen die Würfel
u Bausteine lieber als ihre Puppe warum wohl? -
Aus dem Würfel u den Bausteinen machen sie Thiere u
Menschen, Kinder u Eltern, also Puppen und dazu
noch Bettchen u Häuser wo sie wohnen, Treppen die
sie auf[-] und absteigen, Buden in welchen sie verkaufen
Küchen in welchen sie kochen, rc rc. Ja! Kaffee und
Schokoladenkuchen werden meine Mädchen Ihnen
in ihren liegenden Klötzchen mit einer vollen Tasse des lieben Ge-
tränkes in 2 aufrecht stehenden Klötzchen dem Freunde desselben
von beydem darreichen, wenn er so freundlich ist von
der freundlichen Geberin anzunehmen, was ich <jedoch>, ich gestehe
es Ihnen ganz offen nie verschmähe.
Allein aus der Puppe will sich von all diesen lieblichen Sachen nichts
machen lassen es bleibt halt eine Puppe, die man höchstens nur aus- und anziehen,
hinstellen u tragen kann. <Deswegen> sollten Sie gut <sehen> was der Knabe
aus einem Würfel 3en Gabe <-> und immer in der Anschaung als
Wagen oder Schlitten macht, und wie jeder einzelne dadurch sein Prägendes Leben
darstellt – Also, also, also
doch dächte ich mit einem Also sey es genug: -Reines Knaben-
leben wächst und blüht geschützt durch und unter meinen Spiel-
mitteln auf ächt kindliche Weise hervor und ich hoffe
das Leben soll segensreiche Früchte darin in all seinen
Erscheinungen u Forderungen sehen. Dixi [sc.: Ich habe gesprochen]
Nun auch an Sie eine Frage. Haben Sie von den
Spiel- und Beschäftigungsmitteln bey Ihren Taubstummen
noch keinen Versuch gemacht? - Ich verspreche mir
von der Einfachheit der Grunderscheinungen welche
dabey durch so vielseitige Anwendungen hindurch gehen
für solche Beschränktsinnige viel Belehrendes ja Erzieh-
endes. Aus Frankfurt a/m schreibt mir einer meiner
Freunde daselbst: „Dr. Roller Vorsteher des Heidel- /
[174R]
„berger Irrenhauses war vor einigen Wochen
„hier (in Frkfrt). Er hat nun wirklich einen Versuch gemacht
„einige seiner Irren mit Deinen Kästchen zu beschäftigen
„und findet sie brauchbar dazu.“ Ich glaube, daß wegen
der Einheit und Klarheit der Anschauungen und der dadurch ge-
weckten Begriffe der Gebrauch dieser Spiel- u Beschäftigungs-
kästen auch für die Irrsinnigen höchst wie überhaupt für
alle Beschränktsinnigen wesentlich förderlich seyn muß.
Sie sehen wie sich der Gebrauch immer mehr verallgemeinert.
Darüber alles dieß später und wenigstens einmal mündlich.
Herr Middendorff grüßt Sie. Leben Sie recht wohl und schreiben Sie recht bald
Ihrem
         Freundschaftlich ergebenen
Geschlossen am 5. März.

b) Reinschrift

[161]
[Edition]

Geehrter Herr!

Ihr lieber, von Ihrem ächt erzieherischen Auge und Sinn
Zeugniß gebender Brief hat mir große Freude gemacht. Was
Sie mir zuerst über die beruhigende Wirkung des Balles auf
ein schmerzhaft erregtes Kind sagen, ist nun schon einige Male
bemerkt worden, und ich habe erst an diesem Nachmittage wieder
bei einem etwas mehr als halbjährigen Kinde davon Erfahrung
gemacht. Es kam mit seiner Mutter in die Beschäftigungs-
anstalt und fühlte sich ein wenig gestört, wohl durch die Menge neuer Ge-
sichter; auch war es vielleicht schon ein wenig müde. Denn es hatte merk- /
[162]
würdiger Weise sich schon längere Zeit ruhig auf dem Schoße seiner Mut-
ter mit Bauklötzchen beschäftigt. Ich reichte ihm nun den Ball am Fa-
den, und sieh', im Augenblick war es, als wenn von dem Erscheinen der
Sonne ein Gewitter sich vertheilt: das schon im Schmerz zum Weinen
in sich verzogene Gesicht war sogleich klar und hatte den Ausdruck eines
friedigen vollen Beruhigtseins. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß mir diese
Erscheinung selbst auffallend war. Es war dies ein Mädchen und ich spielte
wohl noch eine Viertelstunde und länger mit ihm und zugleich mit einem
Knaben, welcher zwei Tage jünger war, und den die Mutter eben erst vom
Hause geholt hatte, damit er sich an dem regen Leben der Kinder, woran
er, wie sie sagte, große Theilnahme zeigt, sich erfreuen möge. Ueber die Le-
bensäußerungen dieser beiden Kinder und ihr, was ohngeachtet ihres zarten
Alters nicht zu viel gesagt ist, sinniges Spiel könnte ich Ihnen einen gan-
zen Brief schreiben. Besonders merkwürdig war, daß der Knabe, wenn ich
ihm den Ball in seine kleine Hand gab, mir denselben immer nach einer
gesetzmäßigen Zeitdauer wieder in die Hand fallen ließ; ja er hob selbst den
Ball aus meinen Händen und ließ ihn nach einiger Zeit dahin zurück sinken.
Es war, als habe das Kind eine Ahnung und ein ganz bestimmtes Gefühl
von der Folge des Spieles. Genug, es schien mit ganzem Geist und Seele
wie mit seinen Augen und kleinen Armen nur bei dem Spiele zu sein.
Die Mutter sagte, daß das Kind schon viel mit dem Balle auf dem
Tische, besonders mit seinen ältern Geschwistern, welche seit diesem Sommer
meine Spielanstalt besuchen, spiele. Das Kind hat aber auch wirklich für
sein Alter eine auffallende Selbständigkeit in der Bewegung seiner kleinen
Arme und Händchen und einen ruhigen festen Blick in der Beachtung seines
beweglichen Spielzeuges. Ich gestehe Ihnen unumwunden, lieber [Herr Kern],
daß ich schon theoretisch, also vom reinen Denken aus, verknüpft mit meinen
bisherigen Erfahrungen, eine bedeutende Wirkung vom Balle auf das Leben
des Kindes erwartet habe; allein die Thatsachen, welche mir das Spiel mit
mehreren, oft nur halbjährigen bis kaum [ein]jährigen Kindern seit einigen Mo-
naten zeigt, übertreffen in Beziehung auf die geeinte und ruhige, ich möchte
fast sagen sinnige, mindestens wirklich eingehende Weise des Spieles weit
meine Erwartung. Dadurch ist denn Ihr H[er]r. Pädagoge, welcher meint, es
bedürfe für das Kind des Balles nicht, und die Mutter könne mit den
Schlüsseln und jedem Andern das Kind umgebenden leicht bim baum machen,
und habe es vor mir gemacht - hinlänglich widerlegt. Das bim baum
macht es nicht und noch weniger die Schlüssel mit ihrem Geklirr und Ringen
und Haken, überhaupt nicht der bewegte Gegenstand, sondern: daß das Kind
in dem Balle einen treuen unschädlichen, leicht beweglichen und in allen /
[163]
Stellungen doch wieder ruhigen und mit dem in allen Forderungen des noch
zarten und aufkeimenden, jungen Kinderlebens sich schmiegenden Balle einen
lieben Genossen hat, zu welchem es mit jeder Forderung seines jungen Le-
bens kommen und mit Sicherheit die Erfüllung derselben von ihm erwarten
kann. Schlüssel und alles dem ähnliche wirken schon durch ihre Form, durch
ihr Geklirr wie durch ihre sich durchkreuzenden Bewegungen widrig und
störend auf das Gemüth, aber noch dadurch leidenschaftlich erregend, daß,
wenn nun das Kind das Bewegliche selbst erfassen und nach seinem eignen
Gefallen zu und von sich bewegen will, dies die sorgsame Kinderpflege nicht
erlauben darf, sondern ihm das, wodurch es zu innerer und äußerer Thätigkeit
aufgefordert wurde, nun entziehen, also schlechterdings das Kind leiden-
schaftlich erregen muß. Nicht einmal das dem Ball so verwandte Knaul
kann Stellvertreter desselben sein, weil das Kind dieses verwirren, be-
schmutzen kann und ihm also anstatt, daß es dem Kinde zur völligen Be-
friedigung seines angeregten Thätigkeitstriebes ganz zu eigen gegeben werden
könne, nur zur Erregung seiner Leidenschaftlichkeit und Begierde entzogen
werden muß. Daß in dieser erweckten, angeregten und dennoch nicht be-
friedigten inneren und äußern Thätigkeit des Kindes, in dieser erregten und
doch nicht zu befriedigenden Begierde, in dieser Weckung der Leidenschaft in
dem noch so zarten Herzen und Gemüthe des eben kaum aufathmenden
Menschen, der, wenn auch noch so klein, allein schnell wie eine Schnee-
lawine sich vergrößernden und Alles mit sich fortreißenden Keime späterer
innerer und äußerer Unsittlichkeit des Menschen liegen, ist meine felsenfeste
Ueberzeugung. Der dazu vor mir liegenden Erfahrungen sind so viele, daß
ich ein ganzes Buch darüber schreiben könnte und gewiß schreiben würde,
wenn das Leben zu einer so vielseitigen Wirksamkeit nicht zu kurz wäre.
Ein Kind, dem von einer andern Seite der Sorgsamkeit eher ein Gegen-
stand entzogen werden mußte, für welchen es vorher leidenschaftlich erregt
wurde, wird sich nun früher oder später gegen den Willen seiner Pfleger
oder Eltern denselben zu verschaffen und diesen unerlaubten Besitz zu ver-
heimlichen suchen. Dadurch kommt Furcht, Zweideutigkeit, Unwahrheit und
wie dies ganze Gefolge der Friedensmörder der Kinder und der Zerstörer
des Kinderhimmels immer heißen mag, in das Leben des Kindes.
Schon wegen dieser hier nur angedeuteten Wichtigkeit des Balles und
des Spielens mit demselben für das Kindesleben, von welchen mir in Ewigkeit
nicht weder Unkunde noch Oberflächlichkeit ein Titelchen rauben kann, preise
ich mich glücklich, dem frühesten Kindesleben der sorgsamen Mutter zur
sinnigen Pflege desselben den Ball in seiner ganzen Bedeutung gegeben zu
haben. Ich halte dies Gegebenhaben des Balles zum ersten Spielzeug des /
[164]
Kindes für weit wichtiger als Kugel und Würfel in ihrer hundertfachen
Gliederung, wenn auch noch so viel Schönes, Geist und Herz bildende sich
dadurch darstellen läßt.
Bei dem, was ich jetzt aussprach, habe ich noch gar nicht das ver-
nichtende Laster berücksichtigt, welches Sie in Ihrem Briefe erwähnen, ob
ich's gleich in meinen Schriften mehrseitig angedeutet habe. Ich bin über-
zeugt, daß im Ball und in dem von ihm aus mit Nothwendigkeit entwickel-
ten Spielen der Kinder ein wahres Universalmittel gegen jenes Geist und
Mark verzehrende und so schleichend tödtende Gift gefunden ist. Es ist
meine unumwundene Ueberzeugung: man sollte besonders jeder jungen Mutter
bei der Geburt ihres Erstgeborenen einen Ball in dem werthvollsten Käst-
chen für ihr Kind zum Weihgeschenk und zum ersten Spielzeug reichen,
einen Talisman, welcher die Kinderstube zum Kinderhimmel und das Kindes-
leben ihm zur Morgendämmerung seines künftigen Erdenhimmels machen
würde. Denn sagen Sie mir selbst, welche gute Seite in dem allseitigen
Leben des Kindes wird nicht durch den Ball geweckt, gepflegt und ge-
stärkt! –

[1]
[Abschrift BlM]

Den 2ten März 1840
Nach einer Unterbrechung von einigen Tagen
zur weitern Beantwortung Ihres lieben Briefes. ....
Der sich nun schon in Ihren Händen befindenden Sendung
von Spiel- u Beschäftigungsmitteln habe ich mir erlaubt,
ein groß gedrucktes „Kommt laßt uns unsern Kindern leben!“
beizulegen, allein ich habe in Eile vergessen, dabei
zu bemerken, was es damit für eine Bewandtniß habe.
Dieser bekannte, anerkannte und nun schon vielfach zur
Pflege des Kinderlebens angewandte Ausspruch ist nämlich
ganz so gedruckt, wie ich ihn Ihnen übersandte in der von
Herrn Hochstädter geführten Kleinkinder[-] Spiel[-] und Beschäf-
tigungsanstalt der israelischen Bürgerschule zu Frankfurt a.M.,
der in Rahm[en] und unter Glas gefaßte Willkommnungszuruf
an alle Eintretenden, und mir von dem H. H. als ein
Zeichen des in der Anstalt herrschenden Geistes als
Geschenk übersandt worden. Ich glaubte nun davon
keinen besseren Gebrauch machen zu können als
Ihnen denselben für Ihre
zu errichtende Kleinkinderpflegeanstalt zu einem ähnlichen
Gebrauche wie in Frankfurt zum Zeichen meiner ganzen
Theilnahme als freundliche Gabe zu schicken. Die Worte
dieses Zurufes haben nun schon so vielseitig anregend
gewirkt u werden auch jetzt wieder in der in diesem Frühjahr zu
Frankfurt a/m unter Leitung von Karl Schneider ins Leben tretenden
zweiten Spiel[-] u. Beschäftigungsanstalt der Bewillkommnungsruf und das
Einigungswort aller sich dort versammelnden Eltern und Kinderfreunde sein[;]
darum möchte ich diesen Einigungsgruß jetzt Ihnen wie allen
in gleichem Geiste und zu gleichen Zwecken errichteten
Kleinkinderpflegeanstalten, als Segens- Friedens- u Freude- /
[2]
gruß und Gabe reichen. Damit alle diese Anstalten sich wieder
unter sich als die fruchtenden Blüthen und dem einen neu
zu pflegenden Lebensbaum der Menschheit
und so alle unter sich selbst wieder als ein großes einiges,
sich gegenseitig förderndes Lebensganze beachten möchte[n].
Doch nun zur Beantwortung Ihrer Fragen.
1[te] Frage: „Wo ist bei Kindern von 5 Jahren und darüber am
zweckmäßigsten mit dem Spielen anzufangen?“
Es gibt für alle Dinge, welche gründlich beginnen,
und von da aus sich kräftig und gesetz-
mäßig fortentwicklen sollen, nur einen einzigen An-
fangs- u. Ausgangspunkt, der liegt in den Worten:
„Werdet wie die Kinder!“ d.h. geht von dem in der Sache
selbst liegenden Wesen und Bedingungen, geht
von dem nothwendig Einfachsten und Nächsten aus!
Deshalb und da der Ball alle allgemeine Eigenschaften
der das Kind zunächst umgebenden und von ihm zu behandeln-
den Gegenstände in sich eint muß auch der Ball immer das
Erste sein, von welchem alle Pflege des gesammten Lebens-
und Thätigkeitstriebes des Kindes, als Bethätigung
desselben als von seinem Keim und Quellpunkte aus, selbst
bei dem Kinde von 6 bis 8 ½ Jahr[en] ausgehen muß, wenn
anders auch die geweckte Thätigkeit und pflegende Bethäti-
gung des Kindes von einer in sich selbst ruhenden Einheit
ausgehen und sich allseitig gesetzmäßig entwicklen
soll; nur die Behandlung des Balles ist für jede Alters-
stufe verschieden. - - - Das ist eben das Merkwürdige /
[3]
seines Wesens, daß er mit dem noch unbehülflichen Säugling ein
ihm ganz entsprechender Spielgenosse, dem schon Glieder-
und Sinnenfreithätigen Kinde das ganz gleiche, und dem
schon ganz glieder- u. sinnesgewandten Knaben nicht
minder ganz genügender Spielgenosse ist. Der Ball
soll also in der Hand, durch den Geist, das Gemüth und
den Sinn des Kinderpflegens und Erziehens mit
dem Säugling säuglingsartig, mit dem Kinde kindlich,
mit dem Knaben und Mädchen kräftig, knaben- und
mädchenhaft, (alles dieß im reinsten und besten
Sinn dieser Worte) spielen. Auf all diesen Stufen
soll der Ball Stellvertreter und äußeres Anschauungs-
mittel der Einheit alles Lebens und der sich daraus
gesetzmäßig entwickelnden Mannigfaltigkeit sein.
Der Ausgangspunkt der von mir aufgestellten Spiel- und
Beschäftigungsweisen wie der Geist derselben bleibt
daher immer der gleiche, nur die Art der Beschäftigung
in Hinsicht auf Form, Kräftigkeit und Mannigfaltigkeit,
nur dieses ist verschieden und hierfür ist es besonders
wo die Pflege, Führung und Erziehung der
Kinder der Belehrung und Erfahrung, die [sc.: der] Vorführung
des allseitig entwickelten Grundgedankens in der Man-
nigfaltigkeit seiner Anwendung bedarf. Wenn meine
Zeit nicht zu beschränkt ist, so erhalten Sie noch vor
Eröffnung Ihrer Anstalt von mir eine Bearbeitung des
Spieles mit dem Ball, worin Sie dann Stoff zur Beschäf-
tigung des Kindes vom 5 bis wohl zum 7ten Jahre, /
[4]
vielleicht weiter noch, finden werden. Das gesetzmäßig ent-
wickelte Spiel mit dem Ball ist für das freithätige, nach
den eignen innern Gesetzen des Menschen zu entwickelnden
Leben des Kindes eben so wichtig, als für das Rechnen
die Kenntniß der Einheit, der Eins und der Einer. Der
Schüler, der von allen diesen keine erfassende Anschauung
hat, kann weder aufwärts gründlich, mit Einheiten
größerer Ordnung, und so in positiver Fortschreitung,
als absteigend in Brüchen und negativen Reihen mit
gehöriger Einsicht rechnen. Eben so wenig wird das
Kind gründlich allseitig auf- und absteigend in der von
mir aufgestellten Weise, entwickelnd und doch in sich
selbst ruhend ausgebildet werden können dessen Bethä-
tigung nicht mit dem Ball begonnen [hat].
Erwähnen will ich hier nur noch, daß die Spiele mit
dem Balle in Einzelspiele, Sammelspiele (Collectiv) und
in ächt gemeinsame oder Einigungsspiele zerfallen.
Die letzeren sind dann besonders für das vorgerücktere
Kindesalter. Mögen Ihnen diese Andeutungen zur
Beantwortung der ersten Frage genügen.
2te Frage: „Sind Sie mit mir einverstanden wenn ich die
Trennung der Geschlechter im Kindesalter als naturwidrig
erkläre?“ /
[5]
Die Trennung der Geschlechter im Kindes-
alter ist naturwidrig. Je weniger
diese Trennung in der früheren Kindheit
hervor tritt um so kräftiger und all-
seitiger um so einiger wird sich das
rein Menschheitliche in dem Kinde
entwicklen; jedoch wird sich der Knabe
frühe zu den lärmenden und heraus-
tretenden Knochenbau und Muskelkraft
in Anspruch nehmenden, das Mädchen
dagegen zu stillen, sinnigen, pflegenden Spielen
hinneigen. Meine Erfahrung
hat mir bis jetzt nicht gezeigt, daß
Mädchen, die unter Knaben, begleitet
von stets beachtenden, erziehenden
Blicken heraufgewachsen sind, an
Mädchenhaftigkeit und später an
Jungfräulichkeit verloren hätten;
vielmehr habe ich gefunden, daß
sie eine sinnige Jungfräulichkeit
entwickelten, dagegen glaube ich
aber auch die Erfahrung gemacht
zu haben, daß Mädchen die ohne /
[6]
Brüder heraufgewachsen sind, immer
bis ins höhere Lebensalter eine gewisse
Befangenheit und Einseitigkeit in der
Beurtheilung männlicher Verhältnisse
oder dem Verhältnisse der Männer unter
einander äußerten. Ja, Frauen, welche
nie Brüder hatten, also in den frühesten
Jahren ohne Knaben heraufwuchsen
haben mir selbst gesagt, daß sie
dadurch die Einseitigkeit in ihrer
Ausbildung bemerkten.
3te Frage: „Welche Unterrichtsgegen-
stände lassen sich bei Kinder über
6 Jahr[e] an die Spiel[-] und Beschäftigungs-
weise anknüpfen und Wie?“
Sie haben ganz recht, wenn Sie bemer-
ken, daß die Beantwortung dieser
Frage für briefliche Mittheilung
wohl zu weit führen würde, denn
es macht die genügende Erörterung
derselben eben einen eigenen ganzen Lehr-
cursus aus, welcher mehr oder minder /
[7]
eng begrenzt werden kann. Um
Ihnen jedoch nicht nur die Möglich-
keit einer solchen Anknüpfung, sondern
die Wirklichkeit einer stetigen Fort-
entwicklung vom Spiel zur eigent-
lichen Lehre und Unterricht mindestens
anzudeuten, so will ich Ihnen vom
Ball und seinen nächsten Gliedern
aus nur einige Beispiele geben.
Der Ball ist ein Gegenstand, eine
Sache, ein Ding und zwar in vielen
Beziehungen mehr oder weniger
eigenthümlich, deshalb führt er auch
das Kind erstlich überhaupt zur Beachtung der
es umgebenden Ge-
genstände, Sachen und Dinge und
dann zur vergleichenden und prü-
fenden Auffassung ihrer Eigenthüm-
lichkeiten.
An diese ganz einfache aber ebenso
nothwendige fortschreitende Ent-
wicklung in der Geistesthätigkeit wie
in dem Sinnen[-] ja Körper[-] und
Gliedergebrauche des Kindes (z.B. /
[8]
den Ball kannst Du ergreifen, was kannst
Du noch ergreifen?) knüpft sich ganz
unmittelbar die belehrende und über-
wiegend geistig bethätigende Beschäfti-
gung des Kindes an, oder geht vielmehr
daraus hervor.
Also der Ball oder auch seine Genossen
die Kugel und der Würfel ist eine
Sache ein Ding; was für Dinge um-
geben Dich noch? - -
Was sind darum auch der Tisch der
Stuhl? Sie sehen hier Herr Kern
schon ganz leicht und nach dem steti-
gen Denkgesetze die Kenntniß des
Spielenden vom Spiel aus erweitert.
Alles Umgebende kann das Kind unter
einen Begriff unter einer Anschauung
zusammen fassen. Doch das Ge-
setz des Gegensatzes fordert sogleich
wieder die Trennung. Die Betrachtung
des Balles, der Kugel, des Würfels
bezeichnet dazu wieder leicht den
Weg: -
Durch wen? und auf welche Weise ent-
steht der Ball, die Kugel der Würfel?
[9]
Sind alle Gegenstände der Umgebung Menschen[-] oder Kunstwerke?
Sie werden nach diesen leisen Andeutungen leicht ahnen,
wie sich auf diesem Wege die gesammte Umgebung des
Kindes vielseitig gliedert, d. h. in ihren Theilen als Ein
lebenvolles Ganze so jedes als Gegenstand Gliedganzes
desselben und das Ganze der Menschenwerke, oder der
Werke des Könnens, als eine zweyte Schöpfung des
Menschengeistes, und als eine Vermittelung zur Kenntniß
und Beachtung der Natur erscheint, ja wie diese Betrachtung
der Menschen, das Kind zur Selbstbeachtung und Selbster-
kenntniß führt. Sollten Sie Näheres und mehr darüber
zu wissen wünschen so dürfen Sie nur [in] meiner Menschenerziehung
nachschlagen.-
Doch die Gegenstände sind nicht nur ein Verschiedenes
unter sich in der Gesammtheit ihrer Erscheinungen son-
dern auch in der Eigenthümlichkeit ihrer Wirkungen
und Eigenschaften: - der Ball läuft, die Kugel
rollt, der Würfel steht;...
Was oder Wer läuft, rollt, steht? ...
Der Ball die Kugel sind rund oder einflächig; was
ist noch einflächig in Deiner Umgebung mein Kind?
Der Ball ist rauh, wollig, farbig, springkräftigf rc.
rc. welches andere ist dies auch? -
Der Ball, die Kugel, der Würfel haben eine unsichtbare
Mitte als Beziehungspunkt all seines äußerlich Erscheinen-
den, hat jeder Gegenstand oder welche Gegenstände
haben auch noch solchen unsichtbaren nie sichtbar zu /
[10]
machenden einigenden Beziehungspunkt.
Auf diese Weise kann das Kind zur allseitigen Beachtung
der umgebenden Gegenstände und später selbst zur geistigen
Anschauung und Auffassung des Unsichtbaren und so seines
eignen geistigen Wesens und des geistigen
Wesens aller Dinge hingeführt werden. – Es wird
unmittelbar im stetigen Weiterschreiten von den Spiel[-]
und Beschäftigungsmitteln aus der Übergang zur lebenvollen
und so gliedernden Betrachtung der Außen[-] und Innenwelt
und ihrer nothwendigen Wechselbeziehung sich zeigen.
Außenweltsbetrachtung“ und Anschauung des Sprachgebietes
als zwei verschiedene Richtungen
der Belehrung werden hervor treten.
Doch auch die Sprache selbst wie nicht minder das Sprechen und
was sich bald weiter daraus mit Nothwendigkeit entwickelt das
Schreiben und Lesen tritt von den Sprach[-] und Erzählungsspielen
bald in belehrender Richtung und so als Unterrichts hervor;
zunächst durch das gleich tönende u gleich schallende z B.
in Ball tönt all, wo tönt Gleiches? in Hall, Schall,
Wall, Fall, Knall. Wo tönt aber oll? in voll - toll -
soll.
Wie die Dinge von den Spiel- und Beschäftigungsmitteln und
Weisen in Hinsicht auf ihr Wesen, ihre Eigenschaften
und Verhältnisse als besonderer Gegenstand des Unterrichts
und der Belehrung auftreten, so auch von Seiten ihrer
Mengen oder ihrer Zahl. Der Ball ist ein in sich /
[11]
einiger Gegenstand mit einer einzigen Umfläche einer einzigen klar
und bestimmt wahrnehmbaren Mitte; der Ball ruht nur auf einem
Fußpunkt, zeigt klar oder mindestens bestimmt einen Scheitelpunkt
und vor allem durch beide bestimmt eine senkrechte Achse.
Der Ball und mit ihm die Kugel ist so recht die sichtbar ge-
wordene Einheit, welche aber als solche die Mehrheit und
so zunächst die zwei in sich schließt: - Zwei Angelpunkte
(Pole) rc allein hier bald die drei zeigend in den drei
Punkten die in jeder Achse liegen, nämlich die Mitte und
beide Enden. Auch in den drei Hauptrichtungen tritt noch
die drei hervor.
Doch noch klarer und bestimmter erscheinen die Zahlenverhält-
nisse an dem Würfel. Auch er ist ein in sich einiger Gegenstand,
hat eine Mitte rc. Immer zwei Seiten sind gleichlaufend;
er hat 3 x 2 gleichlaufende oder 6 Seiten;
er hat aber auch 3 unter sich rechtstehende Hauptrichtungen;
jede seiner Flächen hat 4 Seiten, hat 4 Ecken, 4 Winkel;
der ganze Würfel hat 2 x 4 oder 8 Ecken; er hat immer
4 unter sich gleichlaufende Kanten; und zwar 3 x 4 solcher
Kanten also 12 Kanten; die 3 x 2 Flächen kann man in der
Eckenstellung des Würfels sehr leicht auch als 2 x 3 Flächen
anschauen, folglich ist 3 x 2 wie 2 x 3 = 6. Eben so
lassen sich die 3 x 4 Kanten in der Eckenstellung als 4 x 3
Kanten, auch als 3+6+3 Kanten anschauen, folglich
ist 3 x 4 wie 4 x 3 wie 3+6+3=12 u.s.w. Was
aber ein Würfel einmal hat haben 2,3 bis 8 Würfel /
[12]
8 mal (siehe 3te Gabe). So also die Erweiterung der Zahlen-
betrachtung und ihrer Verhältnisse. Es ist merkwürdig wie in
der Eins (__) sogleich die 3 liegt und die 3 in den 3 Haupt-
richtungen, des Balles, der Kugel und am anschaulichsten am Würfel
die 8 bedingt; so wird das Kind durch die äußerlich wahrhaft
handgreiflich zu erfassende Zahl zur innern Anschauung
ihres Wesens und ihrer Verhältnisse geführt.
Der unmittelbare Übergang von Ball, Kugel und Würfel zur
Auffassung der Form und Größe als Gegenstand der Beleh-
rung liegt gar zu nahe, daß Sie mir wohl gern noch jede An-
deutung erlassen.
Auf dieser Stufe des Unterrichts kann ich ohne den
mindestens Nachtheil, ja vielleicht zum Gewinn des Kindes
noch vieles singen. Die Verhältnisse treten durch die
Töne wie so häufig die Formen durch die Farbe noch
bestimmter hervor. Die Töne aber steigen und sinken,
steigen und sinken gleichmäßig oder in Sprüngen. Dieses
Steigen und Sinken kann ich aber durch meine Klötzchen
sichtbar machen (Siehe 3te Gabe) und sogleich durchs Zahlwort
bezeichnen [Zeichnung] weiter [Zeichnung] dann 1,3,5,1, oder 1,3,5,8,1;
wodurch das Tonganze in seiner Abrundung und Vollständigkeit
wie in seiner Gliederung gegeben ist. Durch die vielen kleinen
Liedchen welche die Kinder wegen der Sachbeziehungen und dem
eigenen Leben, welches sich daran anknüpft eben so leicht als gern
lernen ist das Gehör, an Auffassung, wie das ausführende Organ
an Kraft und Gewandtheit der Darstellung gewöhnt, so daß /
[13]
sich hieran nun leicht ein bestimmter, begründender Gesangsunter-
richt auch schon mit Kindern von 6 bis 7 Jahren anknüpfen
läßt.
Der Übergang von diesen Spielen und Beschäftigungsmitteln zur Auf-
fassung und Beachtung der Natur und ihrer einzelnen Gegenstände
ist vielseitig. Schon oben deutete ich einen solchen Übergang bei
der Außenweltsbetrachtung an. Allein ein anderer unmittelbarerer
ist der: der Ball, die Kugel ist rund, was ist in der Natur ursprüng-
lich vorwaltend rund und rundlich?- Erbsen, viele Kohlsamen,
Senf, Wicken, viele andere Saamen, fast alle Saamen sind mehr
oder minder rundlich, die Eier der Vögel, Schmetterlinge
u.s.w. viele Baumfrüchte sind rund und rundlich, die Knospen
der Bäume, das Runde und Rundliche ist die Grundform
alles beginnenden ersten. Dadurch ist dann in der Natur-
betrachtung für alles sich Entwickelnde sogleich ein Ausgangs-
punkt gegeben, wodurch das Einzelnstehende und Zerstückelte
vermieden wird. Das Eckige und Ebenflächige ist mehr in
der Welt der Irden zu Hause; das Lineare u Flächige in
dem Gliedbau der Pflanzenwelt; in der Thierwelt und vor
allem im Gliedbau des Menschen herrscht das Runde und
Rundliche vor.
Da die Beschäftigungsmittel Ihnen noch in sehr unvollkommener
Kennniß vorliegen muß mir diese Andeutung für den Natur-
geschichtlichen Unterricht genügen.
Wo ich stehe, wenn mein Stand nur einigermaßen über die
nächsten Gegenstände erhoben ist, erscheint mein Gesichtskreis
tafelförmig rund und meine Stellung in der Mitte desselben, /
[14]
nach seitwärts vorwärts und rückwärts unterscheiden sich 2
sich rechtwinklich oder recht durchschneidende Richtungen, und
über meinem Scheitelpunkt zeigt sich am Himmel, welcher
sich kugelförmig um mich zu wölben scheint über meinem
Haupte ein gleicher Punkt von welchem sich durch meinen
Scheitelpunkt hindurch bis zu meinem Fußpunkte eine gerade
Linie ziehen lässt, welche in der Mitte des Gesichtskreises
wieder recht auf den schon vorhin gedachten Linien steht.
Hierdurch bekommt das Kind feste bestimmte Richtungen auf
welches Alles, was ihm vereinzelt auf der Erde und
im Himmelsraume erscheint, beziehen und so nach und nach auf
der Erde wie am Himmel finden, den lebenvollen Zusammenhang
des scheinbar vereinzeltstehenden erkennen und so selbst die
Mannigfaltigkeit als ein einiges Lebensganze erfassen kann.
Alles dies läßt sich auf einem stetig entwickelnden
Wege von der Spiel- und Beschäftigungsstube Hof oder Garten ausgehend,
einem Kinde ich möchte sagen handgreiflich
klar machen, und es bekommt so für die mannichfachsten Anschau-
ungen und Kenntnisse seines Lebens wie einen eignen so
einen einigenden Beziehungspunkt, was dem Kinde, dem
Schüler schon jetzt so wie besonders für sein künftiges
Leben nur Klarheit und Bestimmtheit so Ruhe und Be-
ruhigung und so wieder Friede und Freude geben kann.
Allein noch eine höhere, geistige und doch Anschauungs-
erkenntniß geht daraus hervor: Allem Erscheinenden liegt
als nothwendige Bedingung eine unsichtbare Einheit zum Grunde;
was sein muß indem alle Dinge und alle Wesen aus der /
[15]
Ureinheit und aus dem Urquell alles Lebens, aus Gott
hervor gegangen sind und in ihm nur Leben und Bestehen
haben. In dem Menschen als dem sich bewußten Erdenwe-
sen spricht sich diese Einheit in einer Dreiheit aus als
Fühlen, Denken und Handeln oder als Empfinden, Erkennen
Darstellen. Die harmonische Ausbildung dieser drei begrün-
det des Menschen wahren Lebensfrieden seine ächten Lebens-
freuden. Auch in dem was von dem Menschen geschieht
spricht sich diese Dreiheit in eigenthümlicher Weise aus.
Alle Dinge haben in dem in sich einigen Wesen Gottes
welches sich in Dreiheit kundthat und noch kund thut,
in Gott ihren Urgrund, und der Mensch selbst ist ein Tropfen
aus diesem Quelle des ewigen, unendlichen Lebensmeere,
wie denn dies Jesus den Menschen so menschlich schön,
als wahr und lebenvoll ausspricht und offenbart, indem
er sagt: Gott ist der Menschen Vater sie sind – erkennten
sie es nur selbst und handelten sie dem gemäß -
Gottes Kinder; - jeder einzelne Mensch und jedes
einzelne Kind, selbst das noch kleine sich selbst unbe-
wußte, ist: Gottes Kind. Allein was der Mensch
seinem Wesen nach in sich ist, das soll er mit
Bewußtsein nach und nach und zwar auf der Stufenleiter
vom Unvollkommnen zum Vollkommnen werden. Alles
irdische durchläuft diese Leiter und den Überblick derselben
als eines Geschehen nennen wir seine Geschichte.
Jedes Ding hat seine Geschichte, das innere wie das
äußere Leben, denn beide entwickeln sich, der Einzelne wie /
[16]
das Ganze, der Mensch wie die Natur, die Menschen das Menschen-
geschlecht haben ihre Geschichte. Die Geschichte Einzelner,
wie die von Gesammtheiten, die eigne wie fremde ist ein
Spiegel der zur Erkenntniß des Rechten wie des Wahren
führt. Jeder Mensch muß sich wenigstens einen solchen
Spiegel in der Beachtung seines eigenen Lebens und in der
Beachtung des Entwicklungsganges überall wo sich Leben
kund thut, also vor allem in der Beachtung der Menschengeschich-
te zu verschaffen suchen. Eine dreifache Erkenntnißquelle
ist darum auch dem Menschen zur Erkenntniß seines
eigenen Wesens wie zur Erkenntniß aller Dinge und
zur Erkenntniß Gottes gegeben: sie quillt in des
Menschen eignem Innern, sie fließt in allem Geoffen-
barten und strömt im gesammten All der Natur; daß
sie den Menschen von frühe an nach Maaßgabe
seiner Empfänglichkeit allseitig klar fließen möge
dazu sind dem Menschen drei Mittel sein Fühlen,
Denken und Handeln, das einige in sich Eins sein
dieser drei gegeben. Die harmonische Ausbildung dieser
drei Mittel bezwecken meine Beschäftigungsmittel.
Die weitere Ausführung wird Ihnen nun leicht sein.
Diese flüchtig hingeworfenen Andeutungen mögen Ihnen
zeigen, daß ich nicht nur alle Entwicklung, und so alle Erzie-
hung und allen Unterricht des Menschen von seinen ersten
Lebensäußerungen an durchs Spiel hindurch nicht nur als
ein Einiges Stetiges betrachte sondern auch wie ich dies durch
die von mir aufgestellten Spiele und Beschäftigungsmittel /
[17]
zu erreichen und wo ich die Keimpunkte höherer Belehrung
und weiteren Unterrichts zu beachten und zu pflegen suche.
Mögen diese Andeutungen wenigstens dazu dienen Ihnen zu
zeigen daß sich ihre [sc.: Ihre] dritte Frage zur allseitigen Zufriedenheit
beantworten lassen wird wenn Sie der Antwort darauf die
nöthige Zeit widmen wollen.
Mir fällt bey dieser Ihrer Frage in Verbindung mit dem mir,
seit wir uns kennen von Ihrer Seite bekanntgewordenen erzie-
herischen Streben immer ein, daß es für das Einzelne wie
für das Ganze und so auch für Sie selbst gut gewesen [wäre]
wenn Sie im vorigen Jahre meiner Einladung zur
Theilnahme an meinem erziehenden Unternehmen hätten
folgen können.
Da nun aber dies nicht möglich war, so wollen wir sehen,
wie wir diesen Mangel möglichst ersetzen, darin
und in der ganz besonderen Achtung und Anerkenntniß
ihres [sc.: Ihres] Strebens hat es seinen Grund, daß ich in die
Beantwortung Ihres Briefes so weit eingehe. Möge
nun aber auch für Sie und Ihr Unternehmen so wie auch
für das Ganze der Erziehung ein allseitig entsprechen-
des Ergebniß daraus hervor gehen!
So viel werden Sie wohl einsehen, daß zunächst viel
von der in sich das heißt durch sich in der höchsten
Lebenseinheit ruhenden Kraft des Erziehenden abhängt;
doch steht nur einmal das erste Gewächs in Gesundheit
blühend und fruchtend da, dann folgen schon die schwächeren /
[18]
Naturen nach, sich auch Gärten zu bereiten wo solche Gewächse
gedeihen. Nun meine ich ein solcher erster Lebensgarten soll durch
Ihre Pflege und unter Ihrer Hand in Eisenach entstehen, damit
sein alter Ruhm in der neueren Geschichte der Deutschen und Eu-
ropäischen Menschheit neu erblühe und fruchte zum Seegen
der in der Kindheit aufkeimenden Menschheit.
4te Frage. „Wie wäre für 20 bis 30 Kinder die äußere Einrichtung des
Lokales am zweckmäßigsten zu treffen.“ Das Lokal muß ebner Erde
wo möglich mit seiner Hauptseite gegen Mittag gekehrt sein und
von Hof und Garten umgeben sein. Für 20 – 30 Kinder ist ein
einziges Zimmer hinlänglich nur muß es dann nach dem gewöhnlichen
Maaßstabe eine große Stube sein, Tische und Bänke nicht zu hoch.
Erprobte Maaße werden später geschickt.
Mit unserm Spiel[-] und Gartenraum geht es etwas kurz zu. Im
Kindergarten haben die Kinder ihre besonderen Beete und dann
noch rund herum ist ein großes zum allgemein[en] Gebrauche
und Wege zum laufen, dann haben wir dann noch einen entsprechenden
Raum zu Bewegungs- und Bauspielen durch Sand, Steine
und Holzwerk.
Fünfte Frage „Wie wäre der Plan und das zu erstrebende Ziel der
Anstalt in einem Aufsatze wohl ausführlich darzulegen?“ -
Nun fragen Sie zu viel, denn wie man auch Plan und Ziel ausführ-
lich darlegte, würden doch schwerlich Mißverständnisse zu vermeiden
und wahre Belehrung zu erreichen sein; denn fast den
Meisten mangelt zum Verständniß des Wortes die Möglichkeit
sich die Sache vorzustellen. Also Sachanschauung und Berufung auf
dieselbe, besonders durch Männer, welche im Publikum etwas /
[19]
gelten, zu deren Wort man, ich möchte sagen unbedingten Glauben hat.
Nur dies kann, wie ich glaube, die Sache fördern: Vor allem suchen
daher auch Sie, sei es auch noch so unvollkommen etwas darzustellen und
auszuführen. Sie selbst werden dann durch die Kinder ganz andere
lebensvollere Ansichten von dem Ganzen bekommen. Heute war
das 29 Wochen alte Knäbchen dessen ich zu Eingang des Briefes
schon erwähnte mit seiner Wärterin wieder in der Spielanstalt.
Die ruhige, klare Besonnenheit mit welcher dieses Kind mit mir
spielte war mir selbst auffallend, es erfaßte sehr bestimmt
den Ball und ließ ihn nicht eher in meine Hand zurück fallen
bis ich sagte: „laß den Ball!“ Die Umstehenden meinten, es sei
als verstände mich das Kind. Bisher war der rechte Arm des
Kindes in den Mantel gehüllt, jetzt gelang es ihm ihn frei zu machen;
nun hätten Sie die Freude und die Sicherheit sehen
sollen, mit welcher er mit dem nun freien Arme den Ball zu
erlangen suchte, wie er seine Lippen bewegte, um mir von dem, was
sein junges Seelchen in diesem Augenblick beachtete, Kunde zu geben.
Es war, als wenn man eine Blüthenknospe von der Frühlingssonne
beschienen, sich erschließen sieht. Also suchen Sie sobald als möglich
etwas auszuführen. Nachher lassen Sie andere über das von Ihnen
Dargestellte sprechen. Doch um Ihnen wenigstens zu geben was
ich habe, lege ich Ihnen ein paar Blätter bei, welche Herr
Schneider für sein Publikum bestimmt hat; später werde ich Ihnen
auch seine größere Bekanntmachung zuschicken.
Was übrigens Ihren Herrn Pädagog mit seinen Pestalozzischen
und Basedowschen Spielereien betrifft, so ist darauf auch nicht mit einem
Worte zu erwiedern; denn schwerlich wird es diesem Mann ja ge- /
[20]
nügen, daß sein erziehendes Wirken eine solche tiefe, begründete Bedeutung
für Kindheit und Menschheit erlange als das Wirken der beiden
genannten sich errungen hat. Hinsichtlich des Ernstes, welchen das
Spiel im Kinde verrichten soll, mag er wohl ein Schillers Worte:
„Gar hoher Sinn, also auch Ernst liegt oft im kindschen Spiel“
in ihrer Gewichtigkeit erwogen haben. - Doch bin ich Ihnen
für alle diese Mittheilungen - wenn einmal diese Männer so stehen -
gar sehr dankbar; es kommt doch einmal die Zeit, wo man solch
oberflächliches Urtheil abfertigen kann.
Noch einem mir mitgetheilten Einwurfe wäre zu begegnen: den, die
erste und zweite Gabe wären unnöthig, denn jede Mutter würde dasselbe
von selbst thun. Daß die Mütter es nicht von selbst thun, darin
liegt es ja eben. Nicht einer sondern mehrere Väter, Geschäftsmänner
mit gründlicher Bildung, wohlhabend, denen also alle Kaufläden mit
Kinderspielzeug offen standen baten mich: - [„] geben Sie unsern Frauen
zweckmäßige Kinderspiele und lehren Sie dieselben ihre Kinder angemessen
beschäftigen - [“] als ich ihnen später diese Beschäftigungsmittel
vorlegte waren sie von der Zweckmäßigkeit derselben über-
zeugt und dies waren Männer reich an Lebenserfahrungen.
Doch ich weiß schon solche Thatsachen belehren Männer wie Ihren
Herrn Pädagogen nicht. Das Klopfen mit der Schere, das Klappern
mit den Schlüsseln, ja wenn es hoch käme das Pim Paum machen
mit einem Knaul und das Rollen des Fingerhutes macht es nicht,
wie kein Apfelbaum oder sonst ein anderer entstehen würde wenn Sie
die schöne Fruchthülle oder den hohlen Steinkern ohne Saamenkorn, oder ein Blatt
oder die schönsten Blüthen in die Erde versenken wollten; nur
das Saamenkorn thut es wenn Sie es unter den nothwendigen
Bedingungen und Pflege der Erde anvertrauen, so führt auch nur /
[21]
einzig die allseitige wie stetige Beschäftigung des Kindes mit der
absoluten Einheit gleichsam mit dem Inbegriff alles Räumlichen
und dies ist Ball und Kugel zur wahren Kenntniß alles Räum-
lichen. Ehe Gott, der doch in allem unser Meister ist, Bäume,
Thiere und Menschen schuf, schuf er Weltenbälle, Sonnen-, Erd-
und Mondbälle. Doch über die erste Gabe habe ich mich
schon hinlänglich ausgesprochen, nur ein paar Worte über die
zweite Gabe. Einzig durch die Verknüpfung des Gegensatzes kommen
wir zur wahren Einsicht in alle Dinge, wie überhaupt zum Bewußt-
sein unsers Selbst; darum knüpfte Gott, nicht nur der Werkmeister
des Weltalls sondern auch unser Schöpfer und Vater, unsern unsterb-
lichen, unsichtbaren Geist an einen sterblichen sichtbaren Körper,
darum verband Jesus, der alles was er lehrte vom Vater vernahm,
das Unendliche mit dem Endlichen, das Größte an das Kleinste,
seine die Welt beseligende sich über den ganzen Erdkreis verbreitende
die Menschen wieder mit Gott einigende Lehre einem kleinen in sich
einigen Senfkorn. So kann nur das Runde und Kugliche im
Gegensatz des Geraden und Würflichen, das Einflächige nur im Gegensatz
des Mehrflächigen, das Bewegliche gegenüber dem Ruhenden erkannt
werden. Allein ein Würfel mußte es sein, weil man nur entgegen-
gesetztgleiches wahrhaft vergleichen kann. So die das Allleben in
sich tragende Lehre Jesu mit dem Leben in sich tragenden Senfkorn
beide hervor gegangen aus Gott. Darum kann auch die Kugel nur mit
dem Würfel zunächst verglichen werden, weil er beim größten Gegensatz
von der Kugel doch wie diese drei gleiche unter sich rechtwinklig stehende
Richtungen in sich trägt.
Werden Sie Ihren Vorsatz ausführen und in diesem Sommer einige Monate /
[22]
bei mir leben, so wollen wir alles dieses auf das gründlichste erörtern,
zunächst werden Sie ahnen daß das von mir aufgestellte Spielganze
wie die einzelnen Spielmittel weder aus der Luft gegriffen noch zusammen-
gestoppelt, sondern daß sie ein in dem Wesen aller Dinge tief gegrün-
detes nach Lebensgesetzen entwickeltes Ganze sind; und darum auch
zur Erkenntniß des Wesens, des Lebens und seiner Einheit, so das
Kind auf und in sich selbst zurück, und so auch zu seinem Schöpfer,
Vater und Gott führen. - Wo nun ein solcher Ausgangs- ein
solcher Zielpunkt und ein solcher gesetzmäßiger Weg gegeben ist,
da ist die Oberflächlichkeit der Beurtheilung im Ganzen und Einzelnen
wenig zu fürchten; freilich muß man dabei beachten was
Jäckel in dem abschriftlich beiliegenden Briefe an mich sagt:
- “Die von Ihnen aufgestellten Spiel- und Beschäftigungsmittel
“scheinen sich nicht so bald wie schnell blühende Sommergewächse
“zu entwicklen. Sie scheinen vielmehr gleich allen lang ausdauernden
“Gewächsen viele Jahre nöthig zu haben bis sie ihre Blüthezeit
“erreicht haben.“ -
Nun aber wenn Gott noch mehrere solche treuen und sorgsamen
Gärtner senden wird, wie ich hoffe daß meine Spiel- und Beschäftigungs-
weise in Ihnen werthester Herr Kern gefunden haben, so hoffe ich
zu Gott soll ohne Abbruch der Dauer auch die Blüthezeit sich
nicht zu weit hinausschieben.
Darum bleiben Sie nur im kindlichen einfachen Sinne der Sache treu; darum
bitte ich Gott für Sie und die Sache.
Aber noch Eines lese ich am Schlusse Ihres Briefes: Eine Puppe sollte
den Mädchen lieber sein als Würfel und Bausteine. Nun ich beschäftige
mich seit einem Jahre täglich mit mehr als ½ Hundert lebensfrohen /
[23]
Mädchen von 1 bis 7 Jahren aus allen Ständen und all diesen sind Bausteine und
Würfel lieber als ihre Puppen warum wohl? -
Aus den Bausteinen machen sie Thiere und Menschen, Kinder und Eltern
also auch Puppen und dazu noch Bettchen u Häuschen wo sie wohnen,
Treppen die sie auf und ab steigen, Buden in welchen sie verkaufen,
Küchen in denen sie kochen. - Ja Kaffee und Schokoladenkuchen werden
meine Mädchen Ihnen in ihren liegenden Klötzchen mit einer vollen
Tasse des lieblichen Getränkes in zwei aufrechtstehenden Klötzchen dem
Freunde von Beiden darreichen, wenn er so freundlich ist es von der
kleinen Geberin anzunehmen, was ich, ich gestehe es Ihnen ganz
offen nie verschmähe. Allein aus der Puppe will sich von all
diesen lieblichen Sachen nichts machen lassen es bleibt halt eine
Puppe die man höchstens nur aus[-] und anziehen, hinstellen und
tragen kann. Nun sollten Sie aber noch hören was der Knabe aus
einem Würfel 2te Gabe in der Anschauung als Wagen oder Schlitten
macht und wie jeder einzelne dadurch sein eigenes Leben darstellt.
Also, Also, doch dächte ich mit meinem Also sei es genug: -
Reines Kinderleben wächst und blüht geschützt durch und unter
meinen Spielmitteln auf ächt kindliche Weise hervor und ich hoffe
das Leben soll segensreiche Früchte davon in all seinen Erscheinungen
und Forderungen sehen. Dixi [sc.: Ich habe gesprochen]
Nun auch an Sie eine Frage: Haben Sie von den Spiel- und Beschäftigungs-
mitteln bei Ihren Taubstummen noch keinen Versuch gemacht? Ich verspreche
mir von der Einfachheit der Grundanschauungen, welche dabei durch
so vielseitige Anwendungen hindurch gehen für solche Beschränktsinnige
viel Belehrendes ja Erziehendes. Aus Frankfurt a/m schreibt mir
ein Freund: “Dr. Roller Vorsteher des Heidelberger Irrenhauses /
[24]
“war hier; er hat nun wirklich einen Versuch gemacht einige jener Irren
“mit Deinen Kästchen zu beschäftigen und findet sie brauchbar dazu.“
Ich glaube, daß wegen der Einheit und Klarheit der Anschauung und der
dadurch geweckten Begriffe der Gebrauch dieser Spiel- u Beschäftigungs-
kästen auch für die Irrsinnigen wie überhaupt für alle Beschränktsinnigen
wesentlich förderlich sein muß.
Sie sehen wie sich der Gebrauch immer mehr verallgemeinert, doch über
alles dies später und mündlich.
Leben Sie wohl und schreiben Sie recht bald
Geschlossen am 5ten März