Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Sonntag in Karlsruhe v. 1.3.1840 (Blankenburg)


F. an Friedrich Sonntag in Karlsruhe v. 1.3.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 160-163, datierter Entwurf 2 B fol 8 S.; Brieforiginal nicht erhalten, aber ed. Reinschrift in: RB 1872, 552-555. Bei der wohl von Lange als Herausgeber der Rhein. Blätter veranlassten Teiledition mit dem Titel „Auszug aus einem Briefe Fr. Fröbels vom 1. März 1840“ fehlen der erste und die letzten vier Abschnitte des Briefs. Die präzisere Diktion des Editionstextes belegt die Reinschrift als Grundlage der Teiledition. Die Seitenangaben zur Reinschrift folgen der Edition.)

a) Entwurf

10. Briefentwürfe 1840 An H. Friedrich Sonntag in der Heimschen Fabrik bey Karlsruhe
Blankenburg bey Rudolstadt d 1 März 1840.


Hochgeehrter Herr

Hoffentlich ist es Ihnen nicht unerwartet, mich schriftl
bey Ihnen einkehren zu sehen. Denn schon <ferner> fast vor
einem Jahr schreibt mir unser gemeinsamer Freund
der Hr. Dr von Leonhardi aus Frankfurt a Mayn, daß er
Ihnen nicht nur meinen Namen genannt sondern und Sie auch
mit meinem erziehenden Bestreben bekannt gemacht
habe, sondern daß auch Sie als ein menschheitl[ich] begeisterter
u vielseitig gebildeter Mann regen Antheil an demselben ge-
nommen ja {dasselbe / es} liebgewonnen haben. Dieß wirkte schon
dortmals den Gedanken in mir, eben in Angelegenheit
dieser Unternehmung anfragend zu Ihnen zu kommen.
Allein da ich bald hörte daß Sie in ein neues Engagement
eingetreten seyen, so ließ ich den Gegenstand vor der Hand
auf sich beruhen. Eben Jetzt schreibt mir aber unser
gemeinsamer Freund, daß Sie gesonnen seyen, aus Ihrer
gegenwärtigen Stelle wieder auszutreten um zugleich
in einer mehr geistig fortentwickelnden u die höheren
Interessen der Menschheit pflegenden Thätigkeit eine Wirksam-
keit zu suchen. In allem diesen [liegt] der Grund meiner gegen-
wärtigen schriftl. Einkehr bey Ihnen.
Über meine erziehenden Unternehmungen glaube ich
mich Ihnen ganz kurz aussprechen zu können, indem Ihnen
wohl HE. Dr. von Leonhardi Ihnen das Wesentlichste darüber
ausgesprochen hat.
Also unbefangen u offen spreche ich Ees Ihnen also aus,
der innerste Ausgangs[-] <meiner der> und Keimpunkt <als das> Ziel
meiner erziehenden Bestrebungen, <welcher > darum der erziehl ganze
Geist desselben ist rein religiöser Art, allein dieß
weder in äußerlichem Wort, noch in Form, sondern/
[160R]
im Leben, Wirken u in That, wie die gesammte Na-
tur nur in Gott ihr Bestehen u Wirken hat und dadurch
Göttl[iches] kundthut u offenbart, wenn auch auf eine
oft tief verschleyerte und vor allem sich selbst unbewußte,
Weise, <aber wie> jedoch friedig u freudigen Weise in sich und so Friede u Freude
gebend für ihren Be[ob]achter, Erforscher, besonders für den, der ihre
Lehren im eigenen Leben anwendend beglückend anwendet.
Und so ist der Grund meines Wirkens auch rein christlicher Art,
indem Er der Lebenskundige dem Menschengeschlechte ja kundthat
einiges göttliches Leben wirke offenbare sich in ihm u wirke in allen Wesen;
die Lebens-Einheit, die Lebensquelle aller Dinge ruhe nur in Gott
u durch die lebenvolle Anerkennung dieses innersten göttl Wesens aller Dinge
verschwinde für sie <so> das Lastende u Niederdrückende[.]
Darum ist mir die frühe Einführung des Menschen als
Kind in die Natur u die Erschließung derselben,
ihm zum klaren Bilde ich möchte sagen Erziehungsbuche
als eine Sach- u Thatoffenbarung Gottes, zugleich bey treuer
u sorgsamer Bewahrung seines eigenen Innersten, seines
Herzens u Gemüthes oder wie Sie es sonst nennen wollen,
über alles wichtig. Wie ich denn auch nach einem mehr als
50jährigen Beachten u Prüfen nicht anders sehen
u finden kann und Prüfen, als daß das Menschengeschlecht, die Menschheit
im Ganzen wie jeder einzelne Mensch im Besonderen,
nur an der Hand der innern u äußern Lebensoffen-
barungen, aber nicht einer allein sondern beyde
innigst verknüpft, zu seiner jetzigen Stufe der Entwicklung
heraufgebildet worden ist[.] Diesem Entwicklungsgange
der Menschheit gemäß, welcher zwar in großen Um-
rissen, allein doch nicht minder klar u in lebenvoller
Gestaltung vor uns liegt, suche bestrebe ich mich nun auch
den einzelnen Menschen u so vor allem das Kind von
seinen frühesten Erscheinungen an zu pflegen, zu führen
u zu erziehen. aber
Da ich nun aber nun nach den vor mir liegenden Erfahrungen
finden u erkennen muß, daß wie dem erwachsenen Menschen
im Allgemeinen wie u im großen Ganzen, so dem Kinderleben
ganz besonders die drey wesentlichen Elemente dazu
mangeln nemlich stille und sinnige Beachtung der Außenwelt /
[161]
u hier besonders vor allem der Göttl[iches] kundthuenden still wirkenden Natur,
dann stille u sinnige Einkehr in sich u Selbstbeachtung
u endlich die Anwendung der aus der Vergleichung beyder hervorge-
henden Forderungen im Leben, so wie der daraus sich ergebenden
Einheit in allem, wo sich nur immer Leben u daran Gött-
liches kundthut - so suche ich vor allem das Kind zuerst
wie zu der Beachtung der Natur u die Erschein zur Wahrnehmung der Regungen
seines Innersten und der Erscheinungen seines äußern Lebens
hinzuführen.                   Dieß kann aber einzig u allein
nur durch diesen Dreyen gemeinsames, d. i.
durch das Leben selbst, durch den Lebenstrieb, der sich
in dem Kinde wie überhaupt in jedem edeln Menschen
durch sein ganzes Leben hindurch als Thätigkeits-
als Beschäftigungstrieb, als Trieb zum Schaffen äußert,
geschehen.
Da ich aber einsehen u erkennen muß, daß alle Man-
nigfaltigkeit und Erscheinungen im Leben des Menschen die guten wie fehlerhaften aus
der richtigen Pflege u Beachtung wie aus der unrichtigen
Behandlung u Mißachtung und d.i. aus dem mehr u minder klaren
Bewußtseyn dieses schöpferischen Thätigkeitstriebes in
dem Menschen hervorgeht, so knüpfe ich die Pflege desselben
auch an eine in sich geschlossenes, räuml[ich] u körperliches Einheit Ein[es]
an welches sich nach den in ihm ruhenden Gesetzen u durch der
in ihm {schlummernden verborgenen} Gliederung alle Mannigfaltigkeit, u
zwar auf dem Wege der freyen, d. i. der durch das wahre
u ungetrübte Leben des Kindes selbst gebotenen Thätigkeit
also auf dem Wege des ächt kindlichen Spiels zu entwickeln
und so dadurch das Kind von den ersten Ahnungen seiner
leibl und geistigen Regung an wie dem ersten Aufdämmern
seines Bewußtwerdens wie in das Leben, wie in die Man-
nigfaltigkeit seiner Erscheinung , wie in die Einheit seines
Wesens einzuführen, wie zur Erfüll[un]g der in einem solchen
Leben liegenden Forderungen u Pflichten allseitig, leiblich /
[161R]
geistig u gemüthlich auszubilden.
Die dazu von mir aufgestellten Spiel- u Beschäf-
tigungs- u so Bildungs- und Erziehungsmittel
liegen der öffentlichen Prüfung vor. Sie werden
Ihnen gewiß nicht unbekannt seyn. Es ist die
in sich geschlossene Dreyheit von Ball Kugel
u Würfel, von welcher ich in gewisser Beziehung
sagen möchte, sie zusammen bilden gleich[sam] den Kern
einer Steinfrucht dem Saamen zu dem sich
vor u aus dem Kind entwickeln sollenden
Lebensbaum oder den Kern, auf u durch welchen
sich, wie auf unserer Erde, vor dem Kind und aus
demselben nach dem Gem dem innersten Wesen
des Lebens begründeten Gesetze der Entgegensetzung,
u Vermittelung aus dem Kind u vor dem Kinde
aus dem sich so in dem Leben u für d Leben des
Menschen u <-> zur Erkenntniß u Würdigung desselben,
gleichsam eine neue Welt gestaltet. Denn
nach meiner tiefsten Überzeugung versteht nur
der Mensch u kann nur in dem Maß Gott seinen
Schöpfer verstehen als er selbst allseitig mit Geist
u Bewußtseyn u tiefen empfindenden wie klaren
Lebensgefühle schaffend ist.
Diesem hier angedeuteten Grundgedanken ge-
mäß suche ich nun aus der bezeichneten Einheit
eine Reihenfolge von Kinder-, Spiel- u Beschäfti-
gungsmitteln aufzustellen, welche den Menschen
von seinen frühesten menschlichen Äußerungen wie
in der Dreyheit seines Wesens als fühlend (empfind[end])
denkend (erkennend) u handelnd (darstellend) so wie
die Forderungen des Lebens u der Natur, beyde sowohl
in Hinsicht auf ihre Einheit als auch ihre Mannigfaltigkeit /
[162]
[Randnotiz: Briefentwürfe 1840 2. an H Sonntag
in der Heimschen Fabrik bey Karlsruhe]
und Einzelnheit beachten u auffassen.
Sie werden daraus erkennen, daß ich bezwecke, daß sich
dem Menschen frühe sein Wissen aus einer klaren Auffassung
u Beachtung der Natur u des Selbstthuns entwickele <-> und sein Leben
u Schaffen in entschieden sprechender Lebenserfahrung, in
daraus hervorgehender ruhiger Besonnenheit u vor allem in
wandelloser Gewißheit der reinsten in Gott ruhen gegrün-
deten u daraus sich wieder offenbarenden Lebenseinheit
ruhe (hervorgehe darstelle)
Zur Ausführung dieses entwickelnden Bildungsweges
der Kinder, zunächst bis zur Schulfähigkeit, u bis zur
Beendigung der sogenannten Vorbildungsschulen, habe ich zu-
nächst nach den wie ausgesprochen, in der Sache selbst
liegenden u oben angedeuteten Gesetzen, vielleicht schon
gegen 30 bis 40 verschiede[ne] Spielmittel aufgestellt
u großen Theils schon ausgearbeitet;
und zu mehreren andern liegen mir die Skitzen [sc.: Skizzen] dieses
großen entwickelnden u einführenden Spiel- u Be-
thätigungs Ganzen vor.
Seit fast 4 Jahren habe ich sie nun mit größerer
u geringerer Ausführung in den verschiedensten
ich möchte fast sagen allen Verhält-
nissen den Menschen von
den verschiedensten, ich möchte wieder sagen, fast aller
Bildungsstufen zur Prüfung vorgelegt u die Ergebnisse
waren fast durchweg wiederum eine allgemeine Begei-
sterung für den Gegenstand, u die an mich ergehende
Aufforderung, diese Spiel- und Beschäftigungsmittel in großem
Maaßstabe im Volke allgemein zu machen. (Wenn
ich hier von mehrseitigen Anklang u Theilnahme rede,
so schließt dieß schon für einen lebenserfahrenen Mann
wie Sie gewiß auch zugleich die entgegengesetzte Erfahrung mit
ein, daß sich auch sehr heftige Gegner gegen die Sache finden
und es wäre ein schlechtes Zeichen für dieselbe wenn
dieß nicht wäre; <-> der Gegenstand wie die Theilnahme /
[162R]
entwickelt sich u wächst still unter derselben fort
wie die Wintersaat unter dem Schnee keimt u
wächst wie die FrühlingsBlumen unter den Frühlings Stürmen
knospen u blühen u die Früchte unter Gewittern reifen.
Doch wollte ich dieß nur aussprechen andeuten.)
Die so eben ausgesprochene Aufforderung an mich finde
ich in dem großen Entwicklungsganzen gegründet.
Denn nach den Forderungen der jetzigen Welt- u
Menschheitsentwickelungsstufe soll nichts mehr allein
u vereinzelt dastehen, sondern sich auch äußerlich, wie
im Menschen Knochen, Muskeln u Bänder, Blut,
Nerven u andere Verzweigungen sich zu einem
einigen vollendeten Lebganzen vereint und durchdringen
Geist sich als einem bewußten einigen <Helfen> beseelt von einem Geiste
darstellen, also auch zur Bildung des Menschen u des Kindes früh[e]
Real- u Sachdarstellung, Bild, Wort u Ausführung im Leben
zu einem innig einigen Ganzen gestalten; <also tief> Darum In-
dustrielles, Litterarisches, u praktische Ausführung und
Darstellung hier sich im Leben durchdringen sollen müssen.
Zur Ausführung dieses so vor und in mir liegenden
großen Lebensganzen bin wenigstens ich als Ein-
zelner zu wenig; auch die Einigung mit meinen dem Unter-
nehmen sich ganz hingebenden u nur ihm lebenden
Freunden ist von ihrer Bildungsstufe u von dem
in sich <erkennenden> Berufe aus nicht genug: Es
fehlt mir vor allem an einem Mitarbeiter
u Gehülfen für die industrielle, merkantilische
u die äußere Geschäftsseite. Aus dem Vorhergehenden
wird Ihnen nun aber klar seyn, daß ich nach den
Forderungen, nach dem Ausgangs- u Zielpunkt des
Ganzen nur einen die Menschheit schon im Kinde
liebenden u ehrenden wie für ihr Wohl nicht nur
begeisterten sondern <-> dafür zu wirken seinen innern /
[163]
Beruf findenden, also wie im Allgemeinen erzieherisch
gesinnten u wissenschaftl gebildeten, so in diesem
Geiste dafür besonders mit praktischen Naturwissen-
schaften namentlich mit Physik selbst auch Chemie u.s.w.
gebil ausgerüsteten Manne bedarf.
Wie ich nun Eingangs dieses Briefes schon erwähnte
so erscheint es mir, als wenn eine solche Wirksamkeit
Ihrem gern das Neue schaffenden u pflegenden Geist und
Charakter, so wie Ihrer gesammten Bildungsstufe
angemessen seyn könnte. Ich habe mich daher bemüht
Ihnen das Ganze, was ich u die Gesammtunternehmung
hier in Bl[an]k[en]burg bedürfen, sowohl seinem innern Wesen als
seiner äußern Mannigfaltigkeit nach zur vorläufigen
Pr vollgeneigten Prüfung vorzulegen. Sollte Ihnen
nun eine solche , selbst auf dem industriellen Wege
praktisch erziehende u unmittelbar das Wohl der
Menschheit in seinem vor uns aufkeimenden u blühenden
Geschlechte bezweckende Thätigkeit den Forderungen Ihres inneren Berufes entspre-
chen, so würde ich Ihnen gern weiter Auskunft,
so weit dieß schriftlich möglich ist über meine Unter-
nehmung zukommen lassen. Am besten würde es aber
immer seyn, wenn Sie mich bey dem nun herannahen-
den schönen Frühlingswetter hier in Blankenburg besuchen
könnten. Ich Um Sie jedoch jetzt schon, soweit nur
immer mögl in d Stand zu setzen, über das Ganze zu ur-
theilen, füge ich nur noch hinzu, daß ich, um das Ganze
erstl[ich] aus Einem Geiste hervorgehen zu lassen, dann um die
daraus hervorgehenden Spielmittel, die sie nothwendig
begleitenden Zeichnungen u Texte, in möglichster Klarheit
wie in möglichster Billigkeit u doch auch <um> den <künftigen>
Bedarf der Mengen <berechnen> zu können ich das
Ganze in Ein ausführendes Unternehmen verknüpfen <lassen [möchte]> /
[163R]
doch dazu ist es ja eben, wozu ich zunächst sehr
den Rath des erfahrenen Geschäftsmannes brauche
wie noch aber weit mehr zur Ausführung, bedarf.
Seyn Sie nun so gütig, mir sobald als Ihnen
möglich ist, mindestens zu schreiben, ob Sie dieser
mitgetheilte[n] Sache für sich in Beachtung ziehen wollen.
Auch ist es mir keinesweges unangenehm, wenn
Sie sich mit HE v. Leonhardi über diesen Gegenstand
besprechen wollen.
Um Ihnen wenigstens mögl zu machen einen kleinen
Blick in die praktische Erziehende Wirksamkeit meines
hiesigen Unternehmens zu thun lege ich eine im vorigen
Jahr hierüber erschienene Anzeige hierbey. Durch HE
v. Leonhardi haben Sie vielleicht das Probeblatt
eines von mir erscheinenden Wochenblattes, des
Sonntagsblattes, erhalten welches in seinen ersten
Nummern die Darlegung dieses Planes enthält. Wäre
es nicht, so könnte es jetzt noch leicht geschehen, wenn
Sie sich deßhalb schriftlich an ihn wenden wollten.
Mit wahrer Hochachtung grüße ich Sie

ergeben[d]st.

b) Reinschrift (Edition)

[552]
Ueber meine erziehenden Bestrebungen glaube ich mich
Ihnen kurz aussprechen zu können, da Herr Dr. von Leon-
hardi
Ihnen das Wesentlichste darüber ausgesprochen hat.
Unbefangen spreche ichs Ihnen aus; der innerste Aus-
gangs- und Keimpunkt meiner Bestrebungen, darum der ganze
Geist derselben ist religiöser Art. Dies aber nicht in äußer-
lichem Wort noch in der Form, sondern im Leben, Wirken
und in der That, wie die ganze Natur nur in Gott ihr Be-
stehen und Wirken hat und dadurch Göttliches kund thut,
wenn auch oft auf eine tief verschleierte und sich selbst un-
bewußte Weise, jedoch friedig und freudig und so Friede und
Freude gebend für ihren Beobachter, Erforscher, und so be-
glückend für den, welcher ihre Lehren im eignen Leben ver-
wendet. Der Grund meines Wirkens ist auch christlich, in-
dem Er der Lebenskundige dem Menschengeschlechte kundthat:
einiges göttliches Leben offenbare sich in ihm und wirke in
allen Wesen. Die Lebenseinheit, die Lebensquelle aller
Dinge ruhe nur in Gott, und durch die lebenvolle Anerken-
nung dieses innersten göttlichen Wesens aller Dinge ver-
schwinde das Lastende und Niederdrückende derselben. Darum
ist mir die frühe Einführung des Kindes in die Natur und
die Erschließung derselben ihm zum klaren Bilde, ich möchte
sagen Erziehungsbuche, als eine Sach- und Thatoffenbarung
Gottes bei treuer und sorglicher Bewahrung seines eignen /
[553]
Innern, seines Herzens und Gemüthes, oder wie Sie es
sonst nennen wollen, über alles wichtig. Wie ich denn auch
nach einem mehr als 50jährigen Beachten und Prüfen sehe,
daß das Menschengeschlecht im Ganzen wie jeder einzelne
Mensch im Besonderen nur an der Hand der innern und
äußern Lebensoffenbarungen, aber nicht einer allein sondern
beider verknüpft zu seiner jetzigen Entwicklungsstufe herauf-
gebildet ist. Diesem Entwicklungsgange der Menschheit ge-
mäß, welcher in großen Umrissen aber doch in klarer Ge-
staltung vor uns liegt, bestrebe ich mich den einzelnen Men-
schen und vor allem das Kind von seinem frühesten Erschei-
nen an zu pflegen, zu führen und zu erziehen.
Da ich aber nach den vor mir liegenden Erfahrungen er-
kenne, daß wie dem erwachsenen Menschen im Allgemeinen
so dem Kinderleben ganz besonders die drei wesentlichen Ele-
mente dazu mangeln, nämlich stille und sinnige Beachtung
der Außenwelt und hier vor allem der Göttliches still wir-
kenden Natur, dann sinnige Einkehr in sich und Selbstbe-
achtung und endlich die Anwendung der aus der Vergleichung
beider hervorgehenden Forderungen im Leben, so wie der
daraus sich ergebenden Einheit in Allem, wo sich nur immer
Leben und darum Göttliches kund thut, so suche ich vor Allem
das Kind zur Beachtung der Natur, zur Wahrnehmung der
Regungen seines Innern und der Erscheinungen seines äußeren
Lebens hinzuführen.
Dies kann aber nur durch ein diesen dreien gemeinsames,
durch das Leben selbst geschehen. Durch den Lebenstrieb,
der sich im Kinde wie in jedem edlen Menschen als Thätig-
keits
- und Beschäftigungstrieb äußert.
Da ich aber erkenne, daß alle Mannichfaltigkeit und Er-
scheinungen im Leben des Menschen, die guten wie die fehler-
haften, aus der richtigen Pflege und Beachtung wie aus der
unrichtigen Behandlung und Mißachtung d. i. aus dem mehr
oder minder klaren Bewußtsein dieses schöpferischen Thätig-
keitstriebes in dem Menschen hervorgeht; so knüpfe ich die
Pflege desselben auch an ein in sich Geschlossenes, an eine Ein-
heit. Diese soll das Kind auf dem Wege des kindlichen
Spieles von dem ersten Aufdämmern seines Bewußtwerdens
an durch seine Thätigkeit in die Mannichfaltigkeit der Er-
scheinungen wie die Einheit des Lebens einführen, wie zur
Erfüllung der in einem solchen Leben liegenden Forderungen
und Pflichten leiblich, geistig und gemüthlich ausbilden.
Die dazu von mir aufgestellten Spiel- und Beschäftigungs-
mittel und so Bildungs- und Erziehungsmittel liegen der
öffentlichen Prüfung vor. Sie werden Ihnen nicht unbe-
kannt sein. Es ist die in sich geschlossene Dreiheit: Ball, /
[554]
Kugel und Würfel, diese zusammen bilden gleich dem Kerne
einer Steinfrucht den Saamen zu dem aus dem Kinde zu
entwickelnden Lebensbaume. Es ist der Kern, aus welchem
sich nach dem Gesetze der Gegensätze und Vermittlung vor
dem Kinde eine neue Welt gestaltet. Nach meiner tiefsten
Ueberzeugung kann der Mensch nur in dem Maaße Gott
seinen Schöpfer verstehen als er selbst allseitig mit Geist
und Bewußtsein und tiefem klaren Lebensgefühle schaffend
thätig ist.
Diesem hier angedeuteten Grundgedanken gemäß suche ich
aus der bezeichneten Einheit eine Reihenfolge von Kinder-
Spiel- und Beschäftigungsmitteln aufzustellen, welche den Men-
schen von seinen frühesten Aeußerungen an in der Dreiheit
seines Wesens als fühlend, denkend und handelnd auffaßt,
so wie den Forderungen des Lebens und der Natur, beide
in Hinsicht auf ihre Einheit als auf ihre Mannichfaltigkeit
und Einzelnheit nachgeht.
Sie werden daraus erkennen: ich bezwecke, daß sich des
Menschen Wissen aus einer klaren Auffassung und Beachtung
der Natur und des Selbstthuns entwickele und sein Leben
und Schaffen in entschieden sprechender Lebenserfahrung, in
daraus hervorgehender Besonnenheit und vor allem in wan-
delloser Gewißheit der reinsten in Gott gegründeten und
daraus sich offenbarenden Lebenseinheit ruhe.
Zur Ausführung dieses entwickelnden Bildungsweges der
Kinder, zunächst bis zur Schulfähigkeit und bis zur Been-
digung der sogenannten Vorbildungsschulen habe ich nach
den in der Sache selbst liegenden Gesetzen schon gegen 30
bis 40 verschiedene Spielmittel aufgestellt. Zu andern liegen
die Skizzen mir vor.
Seit fast 4 Jahren habe ich sie nun mit größerer oder
geringerer Ausführung den Menschen der verschiedensten Ver-
hältnisse und Bildungsstufen zur Prüfung vorgelegt. Ich
fand eine allgemeine Begeisterung für den Gegenstand und
den Wunsch ihn dem Volke zugänglich zu machen. (Wenn
ich hier von mehrseitigem Anklang und Theilnahme rede, so
schließt dies für einen lebenserfahrenen Mann wie Sie, auch
die entgegengesetzte Erfahrung mit ein. Heftige Gegner habe
ich gefunden, es wäre kein gutes Zeichen für die Sache,
wenn dies nicht wäre. Der Gegenstand wie die Theilnahme
entwickelt sich und wächst still unter dem Druck, wie die
Wintersaat unter dem Schnee wächst, wie die Frühlings-
blumen unter den Stürmen knospen und blühen und die
Früchte unter Gewitter reifen. Doch wollte ich dies nur
andeuten.) /
[555]
Die erwähnte Aufforderung an mich finde ich im großen
Entwicklungsgange begründet. Nach der Forderung der
jetzigen Menschheitsentwicklungsstufe soll nichts mehr allein
und vereinzelt dastehen. Die Menschen sollen sich auch
äußerlich, wie im Menschen, Knochen, Muskeln und Bänder,
Blut, Nerven u. s. w. belebt von einem Geist zum be-
wußten Menschen sich einigen, auch zur Bildung des Men-
schen sich vereinigen. Zur Bildung des Kindes müssen Real-
und Sachdarstellungen, Bild, Wort und Ausführung im
Leben zu einem innig einigen Ganzen zusammenwirken.
Darum Industrielles, Litterarisches und praktische Darstellungen
sich im Leben durchdringen müssen.
Zur Ausführung dieses so vor mir liegenden großen
Lebensganzen bin ich als Einzelner zu wenig, auch die Eini-
gung mit meinen dem Unternehmen sich ganz hingebenden
Freunden ist nicht genug. Es fehlt mir vor allem an einem
Mitarbeiter für die industrielle, merkantilische und Geschäfts-
seite. Es wird Ihnen aus dem Vorhergehenden klar sein,
daß ich nach den Forderungen des Ganzen nur einem die
Menschheit im Kinde liebenden und ehrenden wie für ihr
Wohl nicht nur begeisterten, sondern auch zum Wirken be-
reiten Mann suche. Derselbe muß erzieherisch gesinnt und
wissenschaftlich gebildet sein, besonders Naturwissenschaften,
namentlich Physik, selbst auch Chemie sind nothwendig. [Text bricht ab]