Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 9.3.1840 (Keilhau)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 9.3.1840 (Keilhau)
(UBB 98, Bl 308-311, Brieforiginal 1 ½ B 8° 5 S.+Adresse)

Keilhau am 9en März 1840.


In Einigung mit dem großen Lebensganzen Dir Langethal und
                 Deiner Ernestine meinen Herzens- und Lebensgruß.

Ob ich gleich schon seit mehreren Tagen einen Brief von Dir erwartete
so wußte ich in mir doch erst seit gestern frühe und ehegestern,
daß ich einen Brief von Dir bekommen würde, mit ganzer Be-
stimmtheit, indem mein Geist das ganze Leben in <kristallhner>
Klarheit durch[-] und überschaute und mein Gemüthe die Lebens-
einheit wie einen einigen warmen, belebenden Hauch durchfühlte.
Schon in diesem Schauen und Fühlen schrieb ich Dir den Jeckelschen Brief
begleitenden Zeilen (welchen ich Middendorffs Briefsendung an Dich
beylegte,:) und die Dir blos meine wandellose Überzeugung von
meinem Standpunkte aus aussprechen sollte: daß es streng
genommen eigentlich gar keine Wahl in der Entscheidung mehr gebe.
Da kommt nun Dein Brief welcher dieß wie Dir so uns von
Deinem Standpunkt, nein! von dem einzig erfassenden Stand-
punkte der Sache aus so klar und gediegen als bestimmt
entschieden ausspricht. Und so freue ich mich denn, daß Du wenn
Du mich anders in den andeuten[den] Zeilen verstanden hast, schon
meine Antwort bekommen hast, ehe dieser Brief noch zu Dir gelangt.
Gestern war es mir noch nicht möglich nach Keilhau zu
gehen um das Ganze hier mitzutheilen. Durch Barops schon
mehrwöchentliches ernstliches Krankseyn indem er dem zufolge
Bett, mindestens unausgesetzt das Zimmer hüten mußte, und
durch meinen, durch den Gebärungszustand des neuen Lebens
krankhaften Geistes[-] und Gemüthszustand war es mir
unmöglich geworden mich Barop unmittelbar über das
sich unmittelbar in unserm Kreise wieder entwickelnde
Leben mitzutheilen, denn so oft wir uns auch wohl vorher
theils in Blankenburg, theils hier sahen so waren doch der
Einzelmittheilungen so viele und so zertheilende, daß an
an [2x] eine stetige Vorführung der Gesammtlage gar nicht zu /
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denken war. Und nun ist es auch recht gut, denn Deine
Zuschrift an den hiesigen Gesamtkreis ist so einfach, so
klar und gediegen, daß es nun der Mittheilung der einzel-
nen Durchgangspunkte durch welche es in Dir und zwischen
uns durchgehen mußte gar nicht mehr bedarf, daß das
Ganze steht wie eine klar in sich abgeschlossene Blüthe
oder wenn Du lieber es so bezeichnen willst - Frucht so
in sich vollendet da, daß gar nichts daran zu verändern,
nichts hinzu, und nichts davon wegzuthun ist, es bedarf
jetzt nur ohne alles Wanken zur Rechten oder zur Linken
ebenso ruhig besonnene als feste ausdauernde Verfolgung
des für uns als einzig erkannten Weges zu dem ebenso für
uns wie für die Menschheit als jetzt einzig erkannten Zieles[.]
Jetzt in das Einzelne Deiner Mittheilungen und Darstell[un]gen
einzugehen ist mir nicht möglich ist auch für heut gar
nicht nöthig wo es sich blos darum handelt daß Du
die Hauptwirkung Deiner Zuschrift hier erfährst.
Um sogleich zum Ziele zum [sc.: zu] kommen begann ich Deine Zu-
schrift ich glaube im letzteren 1/3el dem Barop vorzulesen,
da, wo Du beginnst aus einander zu setzen was uns dem
dargelegten Stande des menschlichen Zustandes zu thun übrig
bleibe. Ich las ma[n]che Stellen dem Barop wohl 3-4 
mal vor, besonders da später Middendorff hinzukam
wo ich dann da begann wo Du auseinander setzest was
das Kind in sich suche wie von seinen Umgebungen fordere:
Anschau[un]g der Offenbarung des Göttlichen im Irdischen und helfende
Hand u Geist von den Umgebungen.- Barop scheint in
sich ganz mit Deiner Darstellung und seinen Ergebnissen
einverstanden zu seyn, und wie es nun, wie ich glaube
sein Charakter ist nicht lange bey der Einleitung und Neben[-]
sachen stehen zu bleiben wenn einmal das Ganze in
seiner Bestimmtheit wie Nothwendigkeit erkannt ist: - /
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so erklärte er daß - wenn die Eltern sähen, daß das neue
Verhältniß für Ferdinand wie ein erweitertes, so ganz
besonders auch ein für die Zukunft noch mehr festes ihm
auch äußerlich eine noch freyere ökonomisch unabhängi-
gere Stellung gebendes seyn würde, wodurch er in den
Stand kommen würde, selbst eine Familie zu begründen,
daß auf diesen Fall hin die Eltern sich nicht dazu ver[-]
stehen würden dem Ferdinand wieder auf einige Zeit
wenigstens Elisen zur Unterstützung zu schicken.- Noch
habe ich mich hier in Keilhau noch außer an Barop und
Middendorffen an Niemanden mit Mittheilung Deiner Zuschrift
gewendet; ich weiß auch wirklich nicht in wie weit dieß
von mir aus weiter als höchstens noch bis zum Bruder
möglich werden wird; allein die Mittheilung von Barops
Äußerung war mir zu wichtig um Dir solche nicht sogleich
heut d.i[.] für uns mit umgehender Post zu schreiben.
Barop meynte nun aber ferner, wenn sich das Ganze
zu Gunsten Ferdinands wenden, und sich ihm so die Forderung Elisen[s]
zur Unterstützung bestimmt aussprechen sollte, daß sich als
dann Ferdinand selbst mit Bestimmtheit an seine Eltern deß-
halb wenden müßte. Dieß nun wohl für heut nach Deinem
Briefe für Dich und Euch genug, daß wie Barop in sich für
die gesammte von Dir Lgthl dargel[e]gte Entwickelung des
Ganzen stimmt, daß er so auch, - bey jener Rückbeziehung
daß Ferdinand dadurch in die Lage käme ein eigenes Fa-
milienleben zu begründen, - mit Bestimmtheit meynt,
die Eltern beyde würden dann auch namentlich auch hinsicht[-]
lich Elisens einstimmen.- Ich gestehe, daß ich dazu nicht
so gute Hoffnung in mir trug, doch ich stehe hier gern Barop
nach. Im Fall es aber ja nicht wäre, so wollte ich nur
eines berühren?- Wie alt ist denn Mathilde Voigt und /
[309R]
könnte die nicht in einigen Monaten noch so herauf gebildet
werden, daß sie Ferdinand einstweilen hülfreiche Hand
leistete?-
Nun was sonst Deine Anordn[un]g betrifft so wäre es
schön wenn wie [Du] so leicht einordnet[e]st immer einer in
die Fußstapfen aber einer recht eigentlich an die Stelle
des Anderen trete Ferdinand an die Deine, Carl Cl[.]
an die Stelle von diesem u ChrstFr an die Stelle von
letzterem nur müßtest Du sobald sich etwas bestimmtes
darüber, mindestens nur als Möglichkeit zeigte, Dich sogl[.]
an Karl Clemens mittheilen, indem dieser wie ich schon
Dir schrieb den ChrstFrdr aufgefordert hat sich zur 2en Se[-]
kundarlehrer Stelle nach Langenthal zu melden u ChrstFr
auch schon das gewünsch[t]e cur[r]iculum vita[e] und Schreiben an
den Präsitenden [sc.: Präsidenten] aufgesetzt hat, was auch heut schon von Karl
Clemens abgegangen seyn würde, wenn Dein Brief nicht drein
gekommen wäre; ich schreibe Dir dieß damit Du Dich darüber
an Karl mittheilst ChrstFrdrich hofft mit Bestimmtheit zu
Ostern bey seinem Bruder zu seyn, da könnte er dann so
recht in dessen Wirksamkeit sich einleben.-
Du Langethal müßtest aber ja sehen möglich zu mach[en] daß
Du Johannis hier wärest und sey es auch nur dem [sc.: den] Abend
vorher und solltest Du auch wenn die Zeit drä[n]gte mit
Dampf- und Eilwagen aus der Schweiz reisen; Ich halte diesen
Tag für unser Leben gar zu wichtig an diesem Tage feyert
auch der Senior und der Materiel[l]e Mitbegründer u vielfach[e] Hauptstütze
unseres Lebens, mein Bruder seinen 70 Jährigen Ge-
burtstag. Es wäre schön wenn er an diesem Tage Ferdinands
Lebensbefestigung zum Angebinde erhielt. Dein Brief nach
Erfurth geht heut ab. Die Mittheil[un]g Deiner Zuschrift nach Jena
in möglichster Kürze, Dein Bruder Christian wird in 3 Wochen auf mehre[-]
re Woch[e]n hierher kommen d.h[.] seine Ferien hier verleben. /
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Was Du mir wegen 3 mitzubringenden Jungfrauen schreibst
ist höchstwichtig. Es ist dieß Glied eines sehr großen Ganzen
worüber ich mich aber heut nicht mittheilen kann. Mit
Pfingsten wird ein sehr bestimmter weiblicher Bild[un]gscurs
auf 1 bis 1½ Jahr berechnet beginnen; könnten S sie dann doch
schon, das h.: könntest Du mit Ihnen dann doch schon hier seyn
doch dieß ist unmöglich.-
Was Du mir wegen des Hauskaufes schreibst habe ich
schon längst im Sinne und meine Entscheidung drängt fast; indem
am 10 Nov. meine Miethzeit abgelaufen ist und mein Hauswirth
wen[i]gstens ½ Jahr vorher also mit 10 May meine Entscheidung
fordern wird. Wenn nur erst Deine Rückkehr und Deine
Ein[ig]ung mit mir auch den äußeren Umständen nach entschieden,
das heißt wenn Du mir erst dort entlassen bist, oder we[n]igstens
Dir, von Deiner Seite her, von Dir aus, kein Hinderniß zur
Rückkehr nach Deutschland und zu mir entgegen treten kann, dann
werde ich dafür auch die ganz bestimmten Schritte thun.
Darum ist es mir ganz besonders wichtig recht bald - Deine
feste Entscheidung
in Übereinstimmung und in Einklang mit den be-
stehenden Verhältnissen und Forderungen zu wissen.-
Wenn Spieß - dessen Entfernung von Burgdorf meine Seele
nicht ahnete - wenn dieser politischer Verhältnisse wegen einst
ganz nach Deutschland kommen dürfte, so wäre mir der Gedanke
nicht fern, daß er sich in einigen Jahren wenn das Ga[n]ze sich
in seiner Lebensfülle entwickelt hätte mit dem hiesigen Kreis
hier an Ort u Stelle verbände, wenigstens ein Träger unser[e]s
Lebens in der Schweiz werden könnte Du wirst ihn also in dieser
Beziehung, das h. sein Leben pflegen.- Über Ries['] Antrag an
Dich später er kommt mir vor wie die Schließung ein Heyraths
Antrag aus äußeren Rücksichten und wo man die Verhältnisse
so abwiegt das [sc.: , daß] keiner des anderen Leben ganz trägt und noch
weniger daß das Leben b[e]yder ein, von u vor Gott einiges sey.
DFrFr /
[310R]
[leer]
[311]
[Adresse:]
Herrn Heinrich Langethal
Vorsteher der Waisenhaus Erziehungsanstalt
zu
            Burgdorf
Kanton Bern, Schweiz /
[311R]
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