Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jesaias Hochstaedter in Frankfurt/M. von Anfang April (nach 31.3., vor 6.4.) 1840 (Blankenburg)


F. an Jesaias Hochstaedter in Frankfurt/M. von Anfang April (nach 31.3., vor 6.4.) 1840 (Blankenburg)
(BlM XXIX,1,3, undat. Entwurf 2 Bl 4° 3 S. Datierung aus dem Inhalt abgeleitet, Zuordnung des Textes von 2/S. 3 zum Brief an Hochstädter nicht eindeutig zwingend.)

Hochgeehrtester l. Herr Hochstädter

Die ernstesten mein Wirken in seinem innersten Lebensziel berührenden Gegenstände haben mich seit Monaten neben den tägl. geordneten bestimmten Geschäften so ganz in Anspruch genommen, daß ich nach
mehreren Punkten hin den briefl. Verkehr g[an]z
zurück stellen mußte denn alle meine Wirksamkeit Thätigkeit mußte nach alles neben den unaufhaltsam fortgehenden Tagesgeschäften nach dem Innersten Keim meines
Wirkens hingerichtet seyn. Und dennoch liegen große Arbeiten vor welche beendigt zu werden ihrer Wichtigkeit für das G[an]ze wegen drängen.-
In dieser Zeit fast gänzlicher Zurück[-]
gezogenheit auf die innerste Pflege meines Unter-
nehmens frühester Kinderführung – (wovon schon jedoch die Sproßen sich zu zeigen scheinen, hatte ich nun wie ich während
derselben ununterbrochen Ihrer u Ihres Wirkens gedachte auch von Ihnen einige freundschaftl[iche] Zeilen
gewünscht welche mich von dem Seegensreichen Fortgange ihres [sc.: Ihres] Wirkens
in Kunde gesetzt hätten; doch diese Freude wurde mir nicht und ich – ich gestehe es
Ihnen ich tröstete mich damit, daß diese Entbehrung mir durch die vermehrte Lebens[-]
friedensfreude [ersetzt] werden würde welche Ihre geschätzte Freundsch[aft] mir Lebens[-] verbindung gebracht habe. Möge sich mein Wunsch erfüllen daß nur allseitig frohe Ent-
wickungen u Ergebnisse besonders Ihres neuen Lebensverhältnisses der Grund Ihres langen
Schweigens an mich war.
Die Ursache meines heutigen Briefes ist eigentl[ich] Mad. Hanau u das für dieselbe
seit einem Vierteljahr d[urc]h bestätigung der Fr Fürstin Mutter <?>
hier aus nach dem Wunsche derselben für sie zu einem Kindermädchen
hier gebildete Ffr. Henriette Bräutigam.
Wie Sie sich erinnern war der zuerst ausgesprochene Wunsch der Mad Hanau, daß
das Mädchen in der Mitte des Monat[s] April in Frankfurt zum Antritt ihres Dienstes eintreffen möchte. Später
erst
Diesemnach wurden nun alle Verabredungen mit der Fr. Fürstin Mitter Durchl.
d[urc]h deren Unterstützung das dem junge[n] Mädchen wie Sie wissen ihre [sc.: sein] Aufenthalt hier mögl wurde
bestimmt -–Später erst meldeten Sie mir nun zwar, daß Mad. Hanau nicht so streng auf
diese Zeit bestehe und wohl die Jungfer Bräutigam hier lassen
würde, dieß es that mir sehr leid dieß jetzt erst zu hören doch wissen denn Sie werden sich leicht sagen können daß in Verabredung mit solchen
Personen welche durch so manche Vermittelung hind[urc]h
gehen müssen sich schwierig eine Änderung treffen läßt,
u so konnte auch ich nun von der Erlaubniß u dem Vorschlage der Mad Hanau
nicht weiter Gebrauch machen. Mit dem 8. d. Monats ist nun das von der Fr Fürst[in]
für Frl. Btg [sc.: Bräutigam] bestimmt[e] ¼ Bildungsjahr hier abgelaufen wo sie dann vorläufig von hier nach Rudolstadt
ub in ihre früh die Anstalt der Fürstin zurück geholt werden wird. Die unmittelbare Anreise der Jungfer Btg
von hier nach Frkfurt zur Mad Hanau könnte dann von dieser Zeit an in der 2n Hälfte dieses [Monats geschehen] sodaß
sie dann zur gewünschten Zeit in Frkfurt bey Mad Hanau ein[-]
treffen würde. – Ich freue mich ungemein daß ich glaube Mad Hanau wir[d] mit der ge[-]
troffen[en] Wahl zufrieden seyn. Ich freue mich mit wenigen Worten das junge sie schildern zu können SHen[riette] B[räutigam] ist
ein zwar lebensfrohes heiteres dabey aber stilles u sinniges kinderliebendes u pflegend beachtend[es]
Mädchen mit Gefühl u Anl[a]ge. Herr Middendorff u ich legen einen großen Werth darauf daß sie sich von
dem ersten Eintritt bis jetzt in ihrem Betragen gz gleich geblieben ist, gleich sittig – gleich bescheiden
und zurück[-], nie hervortretend. – Sich für ihren Beruf und auch wirklich was die Zeit er-
laubte noch etwas weiter als die nächste Forderung ist hat sie sich auszubilden gesucht, so daß ich glaube
daß sie sich selbst zu einer wirkl Erzieherin später noch fort bilden könnte wenn ihr dazu die gehörige
mäßige Zeit würde. Doch für jetzt halte ich es für die ge[-]
sammten Verhältnisse recht gut wenn sie in ihren Beruf als Kindermädchen gz u völlig /
[1R]
eintritt um sich praktische Erfahrung über das Kinderleben u das Kinderfördern u Pflege
zu verschaffen.
Sollte sich das Verhältniß wozu ich sp wirklich große Hoffnung in mir trage zur
Zufriedenheit der Mad. Hanau bewähren, so könnte sich dasselbe vielleicht in den
nächsten Jahren oder später sehr günstig für dieselbe fortentwickeln. Wie es scheint
werden sich im Laufe dieses Sommers mehrere junge Frauenzimmer zu einem vollen
Bildungskurs für frühe Kinderpflege hier zusammenfinden. Es ist nun sogar von meh[rern]
Punkten aus mir der Gedanke ausgesprochen worden, daß sich vielleicht gar <?keit>
ihren lieben <Kleinen> längere Zeit zu ihrer be zum Wohle für letzere hier aufhalten wolle;
wie leicht wäre es dann mögl daß Mad. Hanau auch einen solchen Gedanken mit ihren Kl [einen] u zugl Henriette erfährte, wo ich
dann alles aufbiethen würde um letztere[r] eine Bildung zu geben
die sie zur rechten Führung der kl. Knaben geschickt machte. – Doch dieß ist der Zukunft anheim gestellt.
Jetzt handelt es sich Enden will ich nur noch erwähnen da ich um wollte ich nach der frühern Bestimmung der Mad: Hanau bitten
für demnächstens für die Jungfer das Reisegeld zu übersenden. Nach der vor
mir liegenden Berechnung des Postgeldes von Rudolstadt bis Gotha – von Gotha bis
Erfurth macht Posttaxe 7 rth und etlichen Thalern für Zehrung u etwa unerwartete kleine Ausgaben würde
das zu sendende Reisegeld mindestens wohl nicht weniger als 16 .- schreibe Sechszehn Th[a]ler preuß Cur[an]t betr[agen]
– können. Da das Mädchen wie ich
nicht anders weiß für ihre Verhältnisse u Lage sehr gut mit Kleidern u Wäsche versehen werden wird, so
kann sie wohl von hier aus nicht weiter auf Geldbe-
stätigungen zur Reise gehofft werden. Ich muß also nach der Bestimmung der Mad Hanau
an die portofreye Übersendung der genannten 16 rth [erinnern] welche Sie da sie [sc.: Sie] ja diese Reise
gemacht haben, da man doch das Reisegeld nicht streng bis auf einen Thlr bestimmen kann angemessen befinden
werde. –
Noch wird von Seiten des Vormundes dieses Mädchens mir der Wunsch ausgesprochen
daß Mad Hanau gefallen möge entweder dem Mädchen wenn es nach Jahr u Tag
zurück zu kehren genöthigt wäre die Kosten der Rückreise zuzusichern oder
ihr den jährlichen Dienstlohn zu erhöhen, damit Mad Hanau nicht etwa zu kleiner Vernachlässigung <des Mädch[ens]> halber das Verhältniß abgebrochen der Gedanke einfachster Rückkehr
nach Jahr u Tag sie [sc.: ihr] um so leichter sich in der Fremde gefallen möge. Übrigens
zweifle ich daran gar nicht, denn sie ist kein so das Mädchen hat einen ernsten festen Willen
darum für das Mäd[chen] <eine> wohl feste Ausdauer; auch gestehe ich gern, daß
Henriette in Ihnen u selbst ihrer [sc.: Ihrer] lieben Fami treffl Familie an
Freunden von unserm hiesigen Leben finden wird so daß sie keine wirkl. Sehnsucht nach
Hause empfinden
wird auch glaube ich daß wie gesagt Mad Hanau keinen Grund haben wird das Mädchen
in Jahr u Tag zu entlassen; von hier aus wird das Abbrechen des Verhältniß[es] weder gewünscht noch eigens
veranlaßt werden würde die Jgfer Bräutigam Vater[-] u Mutterlos, Waise – irre ich nicht
selbst ohne Bruder ist.
Wegen dieser Gesammtverhältnisse glaube ich nun wirkl [daß] das Mäd[chen] den Wünschen
des Vormundes ohne alle Gefahr entsprechen könnte - /
[2]
N.S. Noch muß ich mir doch erlauben Sie hochverehrter Herr
in Beziehung auf mein Wirken auf einige ich möchte sagen
prophetische Aussprüche unseres deutschen Schillers auf
merksam machen, sie stehen in seinen Briefen über ästhetische
Erziehung ich selbst wurde erst vor einiger Zeit darauf
aufmerksam. Diese Stellen sind besonders im 2n u
3n Briefe u heißen wörtl. [Zitat fehlt]
Eigentlich ist aber der ganze Inhalt sämtlicher Briefe
in Hinsicht auf ächte Würdigung mein[es] Wirken[s] höchst wichtig und diejenigen
Deutsche welche die Lebensansichten Hoffnungen u Erwartungen, welche
überhaupt Schillers Streben ehren u die Verwirklichung der
von ihm erstrebten und geahneten höhern Entwickelungsstufe der
deutschen Menschheit wünschen u hoffen, Schiller[s] wahre Freunde
sollten darum vor allem mein Streben unterstützen sollten dann mein <Benehmen> prüfen und ich bin überzeugt sie würden nach den der Kindheitpflege durch Spiel u <Beschäftigungs Erziehung für> die Förderung ausgesprochen[enen] Beruf, die <? ?> an <Verallg[emeinerung]> fühlen[.]
Da ich in u nach meiner Wille[ens-] u LebensAnsicht alles in der Zeit
u in jeder Zeit in in grßem innern Lebenszusammenhang zur Erreichung
des Gottes- u Menschenzieles schauen muß so ist es vielleicht
in Beziehung auf mein Bestreben und in Beziehung auf die zu er-
reichende ächte, deutsche Kindheitpflege <wohl nun> nicht gleichgültig sondern vielmehr höchst wesentl und zum <reinen führen[d]>, daß
Schillern der Lieblingsschriftsteller der Deutschen ist[.]
Ich weiß nicht in wie weit Sie Verehrer von Schiller sind, doch
als ächt u biedersinniger deutscher Mann wollte hielt ich es mehrseitig für Pflicht Ihnen Sie
auf das angedeutete aufmerksam zu machen. Mir erscheint es als
Erzieher, als Deutscher u als Mensch, ja als Christ auf das höchste Wichtig /
[3R]
[Notiz] Durch Fr. von Born
An die Kapp
An Fr. <Keuthen>
An Herrn Bayerhoffer in Marburg