Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 21.4./22.4.1840 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 21.4./22.4.1840 (Blankenburg)
(UBB 103, Bl 322-323, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 21. April 1840.


        Mein theurer Langethal.

Deinen Brief vom 14en d. M. er war am 18n in Rudolstadt
angekommen, habe ich durch verspäteten Bothenverkehr
gestern am 20n Abends also am fünften Tage in Rudolstadt
um 7 hier erhalten. Wegen des so unerwartete[n], als wichtigen
seines Inhalt[s] schrieb ich und sandte ich heut sogl. an Barop, ihn
bittend sogleich herüber zu kommen. Middendorff kam später
Nachmittags nachdem Barop schon nach Keilhau wieder zurück
gekehrt war, das Ergebniß der Mittheilungen waren jedoch
bey beyden eigentlich ganz gleich. Erstlich was eine mögliche Über[-]
kunft oder gar Übersiedelung unter den von mir allein, oder in
Verein mit Middendorff betrifft, so handelt sich zunächst alles darum
da um die Überzeugung und Sicherstellung daß man in der Schweiz
d.i. zunächst für uns im Kanton Bern angieng name[n]tlich in
Burgdorf und zwar hier wieder in Deinen engsten erziehenden
Kreisen nicht die Person und Personen, sondern die Idee, den
Lebensgrundgedanken wolle, daß man aber wohl den Gedanken
in der Person achte, ehre, anerkenne und werkthätig pflege,
- dann daß dieser Idee Ankerboden und Wurzelgrund zum Keimen
wie zum Wachsthum und zur Entfaltung zur Blüthe wie zur Frucht
gegeben werde - weiter daß sie Stoff, <doch> Kinder erhalte
um sich an und durch dieselbe in Klarheit und Bestimmtheit dazu
stellen - endlich daß ihr die nöthigen pecuniären Mittel
gereicht werden würden um sich frey aus sich allseitig als eine
rein, und allgemein menschliche und menschheitliche Idee zu
entfalten und darzuleben, in dem Maaße wie dieß hier
in Blankenburg und Keilhau überhaupt von uns aus in Deutsch-
land aus möglich ist, und wie die Beweise wie aus früherer
so aus der jetzigen Zeit m Dir vorliegen. Daß es sich ganz vor
allem um klare und bestimmte, lebenvolle Darstellung und Darle-
bung des reinen Grundgedankens handle hast Du ja selbst in
Deiner Zuschrift so klar und so bestimmt als nur möglich ausge-
sprochen; nun aber fragt es sich auch allem zuvor: Ist denn
dieß auch wirklich in der Schweiz, im Kanton Bern, in B[u]rgdorf
und zuletzt in Deinem Verhältnisse wie nun einmal dort alles steht
wirklich möglich, wird dadurch die Sache der reinen Humanität
nicht eine blose Sache der Politik und zuletzt blos einer einzigen Com[m]une[.] /
[322R]
Ja wenn die Schweizer und zuletzt die Burgdorfer allgemein
menschheitliche Gedanken als solche erkennen achten und anerkennen
pflegen und anwenden sollten, ja dann wäre es etwas anderes
allein lieber Langethal, teuschen wir uns doch nicht, die Erfahrungen
liegen ja vor; seit 9 Jahren liegt den Schweizern mindestens
seit 7 Jahren liegt den Burgdorfern das Ganze zur Prüfung vor;
Wie gering; wie schwankend, wie unhaltbar sind die Ergebnisse?
- Doch darüber wollen wir jetzt nicht sprechen sondern Deinen
Gedanken zunächst einer Zusammenkunft in Frkfurt a/m festhalten
diesen Gedanken finden nun wir alle drey: Herr Middendorff
Barop und ich aus gleichen und aus verschiedenen Gründen für
festzuhalten wichtig.
Ich frage also hiermit bey Dir an ob dieser Gedanke, auszuf[ü]hren
Dir noch ernstlicher Vorsatz ist?- Diesen Brief nun welcher Morgen
Mittwochs Vormittags von hier und Rudolstadt geht, kann und
wird bestimmt nächsten Sonntag den 26en bey Dir in Burgdorf
Eintreffen: Du müßtest mir dann unverzüglich Dienstags den
28n dieses Monats schreiben welchen Brief ich dann Nächsten
Sonnabend darauf, spätestens Sonntags erhalten würde;
durch Deine Antwort bestimmt, würde ich dann Mitt - Dienstags
Abends am 5en in Rudolstadt abreisen so daß ich Donnerstags
am 7n in Frkfurt eintreffen würde. Ich würde im Pariser Hof
am oberen Anfang der Zeil nächst der Hauptwache und nicht
weit von der Post einkehren.

Mittwoch am 22n April Morgens 7 Uhr. Ich habe so eben das vorstehende
nochmals durchgelesen und finde es klar und bestimmt. Bist Du
also noch der Mein[u]ng ist es noch Dein fester Vorsatz unter den
Bedingungen wie Du mir schreibst eine Zusammenkunft in Frkfrt
zu vermitteln so schreibe mit [sc.: mir] ganz bestimmt mit dem Posttage
Dienstags den 28en. Ich sende dann Sonnabends u Sonntags den 2n
und 3n April [sc.: Mai] nach Rudolstadt um sogleich Deinen Brief in Empfang
zu nehmen. Aber das sage ich Dir auch sogleich in Frkfurt ist diese
vorliegende Angelegenheit das erste und vorwaltende was uns
beschäftigen wird, das andere ist jetzt ganz untergeordnet, so wich-
tige es sonst erscheinen mag.
Wir hatten gewünscht, da die Reisekosten im Ganzen nicht bedeu-
tender und der Zeitverlust nicht viel größer, wir aber alle
3 hier zusammengewesen wären, daß Du hierher gekommen
wärest, allein wir sehen auch ein, daß es aus anderen
Gründen jetzt nicht gut geht, Du würdest in Dir, uns allen /
[323]
würde die Zeit zerstückt werden.
Ja Du hast Recht es ist eine so wichtige als vielbewegte Zeit
darum möchte es Dir gelingen, Deine Freunde, die wir als
edel und kräftig und in ihrem Kreise das Beste Wollend ehrend
und achtend anerkennen, möchte es Dir gelingen diese Deine ge-
wiß seltenen Freunde zu dem zu erheben um was es sich handelt
um Anerkenntniß der Idee, um großartige Hingabe zur Pfle-
ge derselben. Du hast ganz recht, die Idee soll sie verwirklicht
werden, will sie sich verwirklicht werden soll und muß
sich an ein Ganzes anschließen - doch mein theurer Langethal
viel richtiger und einzig erschöpfend ausgesprochen - aus
einem in sich geschlossenen Einigen Ganzen hervorkommen, wach-
sen, hervorblühen fruchten.- Du nennst dieses ganze
Staat und Du hast wieder recht wenn Du das Wort staat
als bezeichnend für das nimmst was durch und in sich selbst
staht, was sein Bestehen durch und in sich selbst hat. Ein solcher
Staat ist die Kindheit, ein solcher Staat ist das Frauen- oder
vielmehr das Mutterleben; ein solcher Staat ist die Familie
ein solcher Staat ist das Volk und Volksthum, ein solcher Staat
ist aber auch die Menschheit.- Nun ha[s]t Du ganz Recht ein solcher
Staht, kann auch ein Staat im gewöhnlichen Wortsinne seyn.
Aber ich sage kann, d.h. als dann wenn er, der Staat ein aus
sich selbst hervorgestiegenes wie Kindheit, wie Frauen u Mut-
terthum
, wie Familie und Familienleben, wie Volksthum u
Volk und wie Menschheit ist: Allein mein geliebter theurer
so redlich treu u kräftig kämpfender Langethal vergiß nur
nicht daß kein Staat dieses letztere nun bis jetzt ist. Was
b wollten wir denn? wir wollten die ächten Staaten irgend
einen ächten Staat (und so in der von uns so geliebten Schweiz in dem
von uns so geachteten Luzern u Bern) aus sich selbst hervorsteigend
machen, hervorpflegen entwickeln nach Gottes ewigen, von
Gott in die Sache selbst gelegten Gesetzen; machen wollten wir
ja nichts u nichts äußerlich aufbauen; entwickeln; pflegen wol[l]ten
wir die schweizerische <Hierheit>, das schweizerische Volk, das
schweizerische Familienleben, wie einen seltenen geweiheten in
seinem letzten noch unbekannten Kern, daraus sich das seltene
kostbare Gewächs in seiner noch unbekannten Herrlichkeit ent-
falte (entfalte reine Kindheit, reinstes Familien- reinstes Vol[k]s-
und reinstes Menschheits- und so lebenvolles Staatsleben) hat man /
[323R]
dieß gepflegt wie man sollte und wie alles so schon innig einig in [der]
Schweiz von uns geeint war?- Gott behüte auf das [sc.: daß] ich darü[-]
ber Vorwurf hier machen will denn es sind Forderungen welche
die Entwickelung erheischen; allein mein so allseitig prüfender
Langethal beachten sollen wir dieß; alles geschiehet dem Menschen
zur Lehre; zur Warnung zur Besserung.
Nun eine fernere Thatsache: Wie herrlich hat sich nun die Idee
in welcher Klarheit, Kraft, Einfachheit u Bestimmtheit hat sich
nun die Idee entwickelt, da sie durch Kindheit u Familienthum
und Familienleben in Deutschland Raum, Ankerboden, Keim-
Grund, Stoffe und Zeit und Ruhe gegeben wurde sich zu ent-
falten. Du mein geliebter Langethal kennst sie noch gar
nicht in ihrer kindlichen Einfachheit, Unschuld und doch Wirk[-]
samkeit u Kraft sollen wir sie nun nicht treu so fortpflegen
fortpflegen [2x] - in ihrer ersten Quelle in ihrem ursprünglichen
Staatsleben der Kindheit, der Menschheit, dem Familien[-]
leben?- Ja räumt der Idee ein was sie freylich <nur> spär[-]
lich in Deutschland hat, räumt Ihr [sc.: ihr] denselben dieß großart[i]g
in der Schweiz ein und sie wird zu einem Schattenbaum
wie für die Schweizer so für Deutschland, ja die Menschheit
werden: - Seht die Menschheit achtet es, das Familienleben
sucht es, die Kindheit liebt es, aus Philade[l]phia in Amer[i]ka
höre ich dieß und nach Moskau mußte ich j[ü]ngst eine Darleg[un]g
des ganzen schicken. Seit [sc.: Seid] in der Schweiz Großartig wie Eure
Quellen Eure Flüsse die ihre seegreichen Fluthen dem Nord- dem
Mittel- und dem Schwarzenmeere senden.-
Doch jetzt muß ich schließen. Die Postböthin wartet; doch
ich fahre sogleich als diese Zeilen fort sind fort Dir die Fortset[zun]g
zu schreiben und so werde ich wohl in einer Stunde noch
einen zweyten Brief absenden mit einem Gedanken der
mir wichtig ist. Nur Eines mein männlicher Langethal
<verbraucht> um Äußeres willen den Lebensgrundgedanken
nicht, siehe darum, darum, darum handelt es sich ja nur
lasse ihn nicht in Fesseln schlagen - lasse die Idee nicht zur
Menge ernied[r]igen - nicht zum Sclaven machen - Gott
dient freylich der Menschheit u dem Kleinsten. Warum ein Jesus
<dient> freylich uns <erlöset> dem kleinsten Geschöpf - allein
lasse uns beachten wie dient Gott - wie erlöst Jesus. Wir
wollen und sollen ja immer Jesu Nachfolge aber streben vollkommen
zu werden, wie unser Vater im Himmel - Amen!- DFrFr /