Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Marezoll (Redaktion der „Frauenzeitung“) in Leipzig v. 8.5.1840 (Blankenburg)


F. an Luise Marezoll (Redaktion der „Frauenzeitung“) in Leipzig v. 8.5.1840 (Blankenburg)
(BN 735, Bl 5-7, hier: 5R-7V, dat. Entwurf 2 Bl fol 4 S. ohne Eingangsfloskel)

[5R]
Seit langem schon schreibe ich an Sie, verehrte-
ste Fräulein, in Gedanken einen Brief, welchen
ich aber nicht zu Papier bringen konnte. weil
sich
Der Gegenstand, über welchen ich mich
Ihnen nach Ihrer gütigen Erlaubniß mittheilen
wollte, ließ sich nicht zum Schluß bringen ließ
sondern erweiterte sich unter meiner Hand immer
mehr erweiterte bis er sich endlich, ich
möchte fast sagen ohne mein Zuthun auf
eine ganz eigene Weise sich in sich abschloß bei
welcher ich mich jetzt mit Ihrer Erlaubniß
dieser erlaube ich jetzt mit Ihrer Erlaubniß
Ihnen zur Prüfung vorzulegen mir erlaube
und Sie wenn solche Ihre Beystimmung erhalten
sollte Sie um Ihre gütige Mitwirkung zur
Ausführung Sie jetzt bitten will.
Das Leben, den Thätigkeits- Schaffens[-] und
Bildungs Schaffenstrieb des Kindes zu pflegen, zu entwickeln
u zu bilden das ist ganz gewiß der einzig
unmittelbar gegebene Punkt an von welchem sich die
Erziehung des Menschen seine Cultur im höchsten
Umfange des Wortes aufschießen ausgehen muß, dieß ist
dieß ist das erste was bey der Kindererz[iehung] Menschenerziehung fest
ins Auge zu fassende ist und das zweyte, daß
die Pflege dieses Lebens- Thätigkeits- ja Beschäftigungs-
triebes nicht etwa nur in der Säuglingszeit sondern
in den ersten Jahren der Kindheit, ganz besonders
in der Mütter Gemüth überhaupt in das weibliche Herz u die weibl[iche] Hand gelegt
ist. Das dritte aber nicht minder Wahre
ist, daß diese so gegebene ursprüngliche Einigung zwischen Kindheit
u Weibl[ichem] oft d[urc]h die Gewalt der Lebensverhältnisse
unnatürl[ich] getrennt mindestes aus
Unkunde oder gar Rohheit nicht klar erkannt, wenig
darum wenig oder gar nicht mindestens nicht angemessen
gepflegt wird. Das vierte endl[ich] daß darum dieser
diese Trennung zunächst auf den [sc.. dem]
Kunstweg, wieder vermittelt u zuletzt
g[an]z aufgehoben werden muß nemlich d[urc]h zwischen /
[6]
diese Vermittlung geschieht dadurch daß zwischen
das Kind u die Mutter unmittelbar eine Hülfe tretende Hülfe besonders
diese vertretende
besonders weibliche Hülfe durch
tüchtige Kinderpfleger[inne]n Kinderwärterin[nen] rc auch wohl Kinderpflegern
oder für die ganz arme u niedere Klasse
bestände diese Hülfe in der d[urc]h Ausführung von ganz entsprechenden Pflege[-] Beschäftigungs[-]
u Bewahr[-] Anstalten für die Kinder während die Eltern u besonders
d[ie] Mütter ihres Berufes warten müssen.
Die Nothwendigkeit der hieraus hervorgehenden
Forderungen u die Unm[ö]gl[ic]hkeit diese allein d[urc]h mich
zu erfüllen, bestimmte mich die hiesigen hochachtbaren
Frauen zu einem FrauenVerein für Kindheitpflege von
der ersten Zeit bis zur Schulfähigkeit besonders
auch d[urc]h Erziehung u Bildung von Kindermädchen rc einzuladen.
Doch gleich die ersten Schritte welche ich zur Bildung
dieses Frauenvereines bey andern frühern Be[mühungen] that
so eingehend auch mehrere dieser Frauen gleich im Beginne waren
u später derselben wohl noch mehr seyn werden zeigten mir daß
derselbe nur dann wahrhaft entsprechend u
seegensreich wirken kann wenn er zugl[eich] Glied
eines Großen deutschen Frauenvereins wie Ganzes in sich so
ein Gliedganzes eines großen deutschen FrauenVereins für frühe
erste Kindheitpflege bis zur Schulfähigkeit
des Ganzen zur für Kindheitpflege sey; Und sogleich war
ich auch diesen auszuführen wirksam allein
ich fand auch hier bald daß mir dazu 1)
ein u der entsprechende auch äußere einfach u klar
bestimmte Beziehungspunkt – wie 2) die äußern Wege
u Mittel u Wege mangelten die verschiedenen ver-
einzelnden Kräfte dafür in diesen einenden
Beziehungspunkt hinzuleiten, ja 3 daß es mir daran fehlte diesem Kraft
selbst Stoff und äußere materielle schaffende
Wirksamkeit zu geben.
Doch wenn es einer gewissen u bestimmten
Zeitung ein Gedanke eine Idee wahr [sc.. wert] ist so müssen
sich nothwendig in derselben auch die Mittel
u die Wege für die Ausführung desselben dahin zeigen.
Es bedarf dann nur 1) eines klaren Auges sie zu sehen
2) Sicherl[ic]hkeit sie festzuhalten u 3) Kraft u Aus-
dauer sie anzuwenden. So nun erscheint es
mir gerad in der jetzigen Zeit ja in dem jetzigen
Augenblicke, wo die bevorstehende Feyer des
400jährigen Jubelfestes der Erfindung der
Buchdruckerkunst bevorsteht dazu die richtige schnell
klar ins Auge zu fassende – schnell zu ergreifende
u mit Kraft zu gestalten[de] Zeit zeigt zu seyn.
Denn mich dünkt die gesammte besonders deutsche Frauenwelt wie
deutsche Kindheit
verdankt dieser Himmels[-]
kunst nicht minder weniger als die Welt der Liebe das besonders deutsche männliche /
[6R]
Geschlecht. Einzelheiten herauszuheben glaube
ich bey Ew Wohlgeb auch nicht nun [sc.: mehr] zu bedürfen;
soll nun die gesammte deutsche Frauen[-]
welt mit ihrem Dankesausdruck u mit
der Anknüpfung desselben an ein bleibendes
ja ewiges Dankeswerk hinter dem Männer[-]
geschlechte zurück bleiben? Ich glaube mit
nichten. Es fragt sich nun wie er so <seine Masse> beschaffen
seyn müsse: Von Dem Frauengemüth ist aber die
Kindheitpflege am nächsten das Nächste. Mich dünkt also daß
an ein deutsches Frauenwerk ohne an reine bleiben[de]
deutsche Frauenthat hin müsse sich an eine d[urc]hgreifende der Zeit
angemessene Kindheitpflege anknüpfen.
Zu Für einem solchen Werk nun lege ich Ihnen ver[-]
ehrteste Fräulein nun in der Anlage den
Entwurf zu eines Plane[s] bey. Prüfen Sie
denselben – theilen Sie ihn allen Ihren Freundi[nne]n
u besonders allen Mitarbeiteri[nne]n an ihrem [sc.: Ihrem]
geschätzten Blatte mit; prüfen Sie ihn so weit
es Ihnen in der Kürze der Zeit noch mögl[ich] ist
gemeinschaftl[ich] u erhält er ihre [sc.: Ihre] Beystimmung
was ich – ich gestehe es offen – mit dem festesten ein[-]
fachsten Vertrauen hoffe, so treten Sie so schnell
u so bestimmt als immer mögl[ich] für denselben
handelnd ein. Ist es Ihnen mögl[ich] so machen
Sie Ihren edlen u hochachtbaren Frauen[-] u Jungfrauenkreis gleich[-]
sam zum ersten Herz[-] u Lebenspunkt dieses
ächt deutschen Frauen[-] u Jungfrauenwerkes und ihr
achtbares Blatt zum ersten u kräftigsten Organe desselben.
Theilen Sie nun d[urc]h Herrn Lommatzsch Ihre
Ansichten darüber mit, wollen Sie für
jedes Exemplar Ihrer Zeitschrift ein Ex[em]p[la]r
des Entwurfes, vielleicht bey jeden mit
mehrern Actienunterschreibungs Scheinen, so
bestimmen Sie wie viel Exemplare
des Entwurfes Sie bedürfen u wie
viel in jedem Actien[ein]tr[a]gensscheine
1,2,3 oder 5 [sein sollen].
Erhält Ist der Gedanke ich möchte sagen zugl[eich] ihnen [sc.. Ihnen] ein Gedanke
gleichsam Ihres eignen Herzens u Gemüthes welcher
durchaus durch die Zeilen gleichsam wieder nun hervorgesucht werde /
[7]
3. Kindergarten
22. Briefentwürfe 40
Bogen 26 27.
was ich beynahe behaupten / glauben} möchte
so fordern Sie zunächst Ihre verehr[liche]n
Mitarbeiteri[nne]n zur Theilnahme an dem[-]
selben auf da ja diesen zu allererst
durch die Buchdruckerkunst ein Mittel
zur bleibenden u allgemeingültigen
Gestaltung ihrer Geistes- u Lebenswerke geword[en]
ist.
Ihr zwar wohl an sich schon sehr geschätztes Blatt selbst dadurch dünkt mich würde
durch Aufnahme u Verbreitung dieses Unternehmens der <grdtstgn> deutschen Frauen u Planes
einen wahren Frauen Spiegel für
alle Zeiten werden, denn was
kann höher ja größer edler menschlicher
christl[icher] seyn als zwar einfach aber mit Kraft u Bestimmt[heit] einzutreten für das Wohl
der auf<bewahr[enden]> Menschheit durch aufstellung [sc.: Aufstellung] von Mittel u Wege[n]
die sicher dafür zum Ziele führen.
Doch verzeihen Sie, daß ich – wenn auch
nur scheinbar, Ihrem u selbst Ihrer Freunde
verehrl[ichen] Mitarbeiterin[ne]n Urtheile vorgreife; allein
Aber eines muß ich mir schon noch er-
lauben Ihnen auszusprechen: - Sollte
Ihr Herr Verleger Reichenbach in Leipzig
mit HErrn Brockhau[s] Redacteur der
allgemeinen Leipziger Zeitung vielleicht in freund[-]
schaftl[ichem] Vernehmen stehen so wäre es
vielleicht für die Sache an welcher ich gar zu gerne wünschte
daß Sie verehrte Fräulein solche auch ganz als die ihrige erkennten
gar sehr wichtig wenn
letzterer durch erstern ersucht würde auf dieß
Dankes Unternehmen der deutschen Frauen u Jungfr[aue]n
zur Feyer des 400jährigen Jubelfestes Gutten[-]
bergsfestes in seinem Blatte hinzuweisen
vielleicht einen angemessenen Aufsatz aus seiner
Feder in dem Beyblatte, welches menschh[ei]tl[ichen]
Interessen gewidmet ist aufzunehmen. –
Es würde mich gar sehr freuen d[urc]h Hern
Lommatzsch wenn auch nur eine zarte
Antwort von Ihnen zu erhalten.
Blkbg am 8 May 1840
Mit wahrer Hochachtung Ihrer Wohlgeb
ergebenster [Unterschrift fehlt]