Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v.10.5.1840 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v.10.5.1840 (Blankenburg)
(BN 735, Bl 13-14, datiertes Entwurfsfragment 2 Bl fol 2 ½ S. ohne Briefschluß, in BlM X,8, Bl 110 textidentisches Abschriftfragment 1 Bl 8° 2 S. von der Hand Middendorff.)

[Entwurfsfragment]

An Lthl
Blkbg-Keilhau d 10 May 1840.
Du schreibst in Deinem jüngsten Brief v 2ten May:
„wird nicht endl[ich] aus dieser gewaltige[n] Gährung
wo die Erscheinungen des Lebens auf u niedersteigen, hin u
her sich bewegen, ein lebendiger Funke zu
neuer Gestalt sich bilden?[“] – Dieß allein
kann ja nur der Zweck seyn u Du hattest
ganz Recht lieber Lthl; ohne daß wir uns
zwar hier, wie Du es schilderst oder nennst, in
einer gewaltigen Gährung sondern nur in
einer stillen u blumigen Frühlingsentwicklung /
[13R]
u in stiller heiterer Lebenspflege,
wie die Vögel u der Gesang im ver[-]
borgenen Neste; so war doch Deine Frage
Dein Hoffen u Ahnen ganz rechtzeitig.
Gerade in den Tagen wo Du dieß empfandst
u niederschriebst ist hier bey in mir u aus [mir]
ein solcher neuer Lebens(funke)punkt
hervorgefunkt u hat Gestalt gewonnen.
Der Zweck der Lebenserregung u Bewegung
welche Du gewaltige Gährung nennst, die uns
aber nur fröhliche Lebensentwicklungen waren
ist also erreicht; wie? – wirst Du aus der
Anlage ersehen; in welcher Gestalt? –
als ein lebenvoller deutscher Kindergarten.
Du wirst hoffentlich, wenn Du das Ganze
einer ruhigen Prüfung unterwirfst, ein-
sehen, daß dadurch mit einmal alle
Deine Zweifel u Einwürfe, welche schon
seit dem Schluß des vorigen Jahres fast alle
Deine Briefe in schwankendem Hin[-] u Herwogen
enthalten, mit einmal aufgehoben u ver[-]
nichtet sind. So auch ganz besonders die
wieder Deines jetzigen Briefes. Wo braucht
es zB, wo Liebe u Vertrauen ist, dessen Du
doch in Deinen Briefen immer von d Schweiz aus
zu unsern gesammten Erziehungsunternehmen er-
wähnst, eine Lange Zeit zur Erhebung? Alles
dieß beweisen Lebensbündnisse, die für
in einem Nu beginnen u für Ewigkeiten geschaffen
sind u das Gefühl gewisse Gefühl mit sich
führen als haben sie schon seit Ewigkeiten bestanden.
Du meinst ferner: „eine schnelle u
allseitige Gestaltung d Idee ist nicht wohl zu
hoffen weil wir in keiner Zeit der Erhebung leben.“ /
[14]
Wahrl[ich] lieber Lthl, man möchte denken
Du hättest noch kein schlafendes, sich dem
Erwachen näherndes Kind, Dich selbst
noch nicht im Zustand des Erwachens
beobachtet: wecke das Kind, ich möchte
sagen, eine Minute zu früh, u es ist
grämlich u liegt wie Bley in der Pfle-
gerinn Arm; laß ihn aber den Becher
der Ruhe bis auf den letzten Tropfen aus-
trinken, u klaren Auges mit elastischen
Gliedern hebt es sich dem Mutterarme
entgegen. Du selbst mußt es ja wissen, wie
Du bis das Bedürfniß des Schlafes nicht
bis auf den letzten Deut befriedigt ist, wenn
Du Dich aus demselben erheben willst, schwer
gleich einem Holzstück zurücksinkst,
während wenig Minuten darauf mit
einem Sprung kräftig u freudig d Bett ver-
läßt u heiter d Arbeit d Tages entgegeneilst
Sieh So lieber Lthl, siehst Du jetzt nur
noch den ersten Zustand, während ich hier
von dem 2ten umgeben bin. Nur wenige
Tage erst am 2ten May wurde der Gedanke
klar geboren u schon sind die Kräfte dafür
allseitig rege. Der Gedanken, die Idee
und ich glaube Dir bald den Thatbeweis
liefern zu können daß eine schnelle
u allseitige Gestaltung der Idee wohl zu
hoffen ist, weil wir eben in einer
wahren Zeit der Erhebung leben.
Drittens sprichst Du, der Vorwurf der
Unbeständigkeit unseres Lebens sey nur
durch höhere Verwirklichung der Idee zu
beseitigen. [bricht ab]
[14R]
[vakat]