Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jekel in Frankfurt/ v. 10.5.1840 (Blankenburg)


F. an Jekel in Frankfurt/ v. 10.5.1840 (Blankenburg)
(BlM X,9, Bl 176-178, hier: 176R-178R, dat. Entwurf ½ Bl+1 B fol 5 S.)

[176R]
Blbg am 10 May 1840.


Sr Wohlgeb dem Herrn Jeckel
Oberlehrer an der Dreykönigsschule
in Frankfurt a/m.


      Wohlgeborner
Hochgeehrtester Herr

Zuförderst Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihren
so freundlichen als förderlich eingehenden Brief. Es ist für ein
noch so junges Unternehmen und im Ganzen seinem eigentlichen inner-
sten Wesen nach noch so allein dastehendes Streben gar sehr erfreulich,
wenn es an der Hand der Erfahrung, der Ein- und Umsicht mit Redlichkeit im
Zwecke wie vielseitig, so vielartig geprüft wird, und so konnte es mir nur
Freude machen, daß Sie eines unsrer kleinKinderspiele so schön geordnet in so
großen Maaßstabe ausgeführt hatten. Sie haben dadurch thatsächlich
bewiesen, was <eines> der Idee und den Grundsätzen gemäß nach welchen meine Kinderspiele aufgestellt sind wahr war:
daß sie sich in verschiedenen stetigen Entwickelungsstufen Ausbildung auch für die verschie-
denen Entwickelungs- und Altersstufen verwenden lassen. Ja ich habe nun schon seit
einem Jahre mehrfach mit entsprechendem Erfolg
den Versuch gemacht, die von mir aufgestellten Spiel- u Beschäftigungs-
mittel, ich meine hier, außer den Bewegungsspielen die Spiel[-] u
Beschäftigungskästen selbst für für schon ganz Erwachsene, als Geist Gemüth
u Thatkraft gleich in Anspruch nehmende Unterhaltungsspiele, in Anwen[dun]g
zu bringen bringen und ich würde dieß, hätte ich nur die dazu erforderliche Zeit,
und ich glaube mit bestimmten Gewinn wie für das gesellige u häusliche
Familienleben u dadurch zur frühesten Pflege der Kindheit in derselben
für diesen Zweck
durchführen. Da ich mich nun auch in der letztern Zeit durch
unmittelbare Anwendung von der Zweckmäßigk[ei]t der von mir auf- dieser Spiele u Beschäftig[ungen]
gestellten Spiel[-] u Beschäftigungs Mittel u Weise bey mehreren nur <eben> das erste
Halbjahr zurückgelegten Säuglingen, mit andern u selbst ihren Müttern
die bey dieser Anwendung zugegen waren, überzeugt habe: so wäre
nun thatsächlich, selbst schon von dem spät Säuglingsleben an durch die
Jahre der Kindheit hindurch u bis durch das rein erfreuende u so
Geist u Gemüth befriedigende Spiel der Erwachsenen u dieß wieder zur
Pflege der Kindheit in der Familie zurück ein vollständiger Kreis der Spiele dargethan. Dieß
wollte ich Ihnen, hochgeehrtester Herr, bey Ihrer Theilnahme an
dem Gegenstand, mindestens als historisch gegeben und so zur
prüfenden Beachtung aussprechen. Das ist es ja eben was ich
durch die dargelegten, freylich in Aus ihrer Ausbildung noch wenig wenig
bekannten Spiele erreichen will, daß ich auch dadurch ins dem Leben, die Be-
achtung u Pflege der Kindheit, der ächten Theilnahme der Erwach-
senen von derselbe an dem Kinderleben eben weil dadurch das Leben der Erwachsenen auch
wieder einen innern Reiz bekommt, näher rücke.
Hindurch suche ich nun den ächt christl Forderungen unmittelbar
u geradezu entgegen zu kommen: einmal die Kindheit in ihrer
uns noch zeigenden Unschuld u Reinheit nach den Aussprüchen
unseres Meisters zu pflegen; dann sie vor Ärgerniß zu bewahren,
endl[ich] ihren ihren innern u äußeren Sinn u Auge zu wecken, - um wie /
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in den Blümchen des Feldes, so an den Sternen des Himmels die Güte seines ihres Schöpfers
u Vaters, wie in u durch diese wieder in u außer sich
<- mit ihrem> Leben die ewige, dem Wesen des Menschen genügen-
de Wahrheit der Aussprüche Jesus zu lehren, also wie ja
Jesus der Meister in allem selbst that, Natur- Schrift- u Kind-
heitleben in Übereinstimmung zu setzen u zu zeigen.
Ich gestehe Ihnen ganz offen, daß ich früher in aller Unbe-
fangenheit, tief in mir überzeugt von dieser wechselseitigen
Lebensdurchdringung sie durch das der Sachanschauung auch
gleich lautende Wort zu bezeichnen suchte. Da ich aber
jene tiefe Sach- u Lebensanschauung nicht jedem mit dem
Worte zugleich geben konnte, so sahe ich bald, daß ich Gefahr
liefe daß ich
, was gegen mein innerstes <Gefühl> u Überzeugung
war, Gefahr lief, daß man an zu den Maul[-] u Wortchristen
gezählt zu werden (daß man mich zu den Maul u Wortchristen zähle).
Ich schwieg also u schweige noch jetzt, mich begnügend, nach
meiner tiefsten Überzeugung <wegen> in dem reinsten Sinn u Geist
Jesu zu handeln, wohl wissend, daß ich mich dadurch einer
andern Verkennung u wenn Sie wollen, Verketzerung der Meinung, eines
Mangels des das Wesen wirkl[ich] erfassenden christl[ichen] Sinnes, Preis
geben. Allein ich will lieber, daß mein Kindchen einen ächt
christl[ichen] Sinn, wenn auch für die ersten Entwicklungsstufen wirklich
noch unbewußt in sich trage, all aber bey später erwachen-
dem Bewußtseyn in sich tief gegründet u mit seinem Wesen
verwachsen finde, als daß es später Gefahr laufe, durch den
so oft gehörten <-> leeren Schall d[er] Worte auch die ihm gegebenen
Worte u so die Keimpunkte eines höhern Lebens in sich
selbst weg zu werfen.
Hier, hochgeehrtester Herr, haben Sie meine religiöse Ansicht
als besonders als Kindererzieher. Als Jugenderzieher
habe ich, so weit das Leben meiner Zöglinge, welche zum
großen Theil nun Männer, ja Familienväter sind, vor mir liegt,
die Freudigkeit, daß Jeder Ihm ihnen deswegen gewiß
einen praktisch religiösen Sinn, Leben u Wandel u wahre Heilig-
haltung des Saamens, des Lebens u d Lehre Jesu zuerkennt. Diese
Thatsache tröstet mich nun auch über die möglich halben
Urtheile, welche über meinen christl religösen Sinn Leben
u Sterben gefällt werden können; u ich kann mit Zuversicht
u Freudigkeit aussprechen u den Ausspruch hören: „an
ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
[177R]
Verzeihen Sie mir, daß ich ich mich Ihnen über diesen G[e]g[en]stand
so ausführlich mittheilte. Es ist auch nach mei soweit
ich mich erinnere, das erstemal in meinem Leben daß es geschieht.
Allein ich glaube es der achtenden Theilnahme, die Sie meinem
Wirken u Unternehmen schenken schuldig zu seyn, Ihnen soweit
es in meiner Kraft liegt, die Überzeugung zu geben, daß
Sie nicht nur im Allgemeinen ein wirkl[ich] religiöses sondern
auch ein christl[ich] religiöses, ja sogar bibl[isch]-christl[ich]-religiöses
Streben pflegend u förderlich beachten. Es sollte mir sehr
leid tun, in dieser kurzen Darlegung meiner innersten
Überzeugung von Ihnen, Ihren Freunden u den Freunden wahrer
Kindheit u deren Pflege, über diesen Ggstd [sc.: Gegenstand] mißverstanden
zu werden. Sie sehen daraus wie schwierig es ist, sich
über diese Sache hierüber wirkl[ich] zu verständigen u daß man immer
am besten thut, sich auf die reine That zurück zu beziehen.
Überhaupt ist es meine tiefste Überzeugung, daß der Mensch
unmittelbar ursprünglich, eben weil er Mensch ist zwar ein mehr
oder minder starkes, <-> ein mehr oder minder klares aber dennoch
<immer> unbestimmtes religiöses Gefühl besitze in sich trage, was aber
aber eben wieder, weil er Mensch ist, in ihm geweckt,
entwickelt, in allem seinem Thun ausgeprägt u so immer
mehr zum klaren Bewußtseyn gebracht u nun immer mehr als eins
mit seinem Wesen erkannt werden muß, durch welches alles der Mensch zu
einem gotteinigen einigen Gesammtleben zu erheben ist, emporsteigt welches ich als die
Krone der Religion erkenne.
Ohngeachtet dieser nun Ihnen wohl zu langen Erörterung
über diesen Gegenstand, sehe ich mich doch, indem ich Ihre
geehrte Zuschrift vor mich nehme um in meiner Beant-
wortung alle wesentliche Punkte derselben zu berühren, ge-
nöthigt, zwey wesentliche noch zwey solche zu beantworten.
Erstlich schreiben Sie: „Zudem wollen sich einige gewichtige
Männer um deswillen mit Ihren Bildungsmitteln noch nicht befreunden, weil, nach
Ihrer [sc.: ihrer] Ansicht, die Kleinen in Ihrer Anstalt nicht früh genug
zu Christus hin geführt würden.“ Nicht um meinet- wohl aber
der Kleinen willen, möchte ich mich mit diesen gewiß so hoch
achtbaren als gewichtigen Männern über diesen, ich leugne es
keinesweges, für die Kindheit ganz wesentl[ichen] Gegenstand ver-
ständigen. Um nun eine solche Verständigung herbey zuführen
frag möchte ich diese ehrenwerthen Männer fragen: macht
es daß um eine gute Saat u Erndte zu erhalten, daß ich meinen
Saamen und überhaupt frühe ohne Rücksicht auf vorherige Bearbeitung
des Grund u Bodens ausstreue, oder macht es das, daß
ich den Saamen in gut
be- u durch durch[ge]arbereite-
tes Land u zur rechten <-> Zeit ausstreue, so zur rechten Zeit /
[178]
daß nach dessen Keimen alle Gesammtthätigkeiten
der Natur, der Erde wie der Sonne, der Luft wie des
Wassers, des Lichtes wie der Wärme so in eins zusam-
menwirken daß damit nun der Saame nicht nur frisch
hervorwachse, sondern auch sich kräftige gegen die
widrigen Eindrücke der Natur Witterung damit und
erblühe zu gesegneter Frucht. So sagen die Pomologen
zB., man soll die Obstkerne nicht im Herbst aus-
streuen, sondern im Frühling, damit durch Ungeziefer sich im
Frühlinge nicht leere Hülsen statt der zum Keimen
geschwellten Kerne finden. Ich möchte nun meine
Zöglinge Kinder gar gern zu solchen christlich gottver-
trauenden Menschen erziehen, welche aus den Kämpfen
u Stürmen des Lebens mit immer reinern u festern, mit
solchem Glauben hervorgingen, wie er sich in dem Leben
der Lehre u dem Beyspiel Jesu so erhebend und beseeligend
ausspricht. Ich glaube es kaum, möchte es wenigstens nicht
daß ein Mensch auf der Erde [es] hiermit ernster nähme
als ich, habe wenigstens in allem meinem Thun, in Lehre
u Leben, in Spielen u Unterricht nur ein Streben, einen-
das
den Forderungen Jesu durch die Frucht zu entsprechen.
In diesem Bewußtseyn muß muß ich mich beruhigen,
was man auch über mein Leben als Erscheinung urtheilen
möge. Und auch darin glaube ich mich persönlich als
Christ zu bewähren.
Der letzte Punkt ist der, daß Sie schreiben: „Sie
machen Ihnen sogar den Vorwurf, daß Sie in Ihrem
Sonntagsblatte Stellen aus der Bibel u aus profanen
Schriften citirt u dabey Christus mit Schiller, Göthe pp in
gleiche Kategorie gestellt hätten.“ Ich kann dadrauf
ganz kurz durch ein Gleichniß antworten: Wenn
eine hohe Wahrheit durch einen mehrfach gegliederten
Satze ausgesprochen wird, haben daran die verschie-
denen Wörter (Redetheile) durch welche dieses fest<steht>
alle gleichen Werth, oder bleibt das Subject darin
wenn es auch <unter> der nur äußerlich verknüpfen-
den <Combination> pp stehen sollte, immer das Hauptwort? /
[178R]
Ich lasse gern jeden seinen Werth, glaube auch, daß in
Gottes Welt, eben weil es die Welt Gottes ist, jedes seinen
eigenthümlichen u bestimmten Werth habe u.s.w. Gott
ließ nun Jesum Schillern u Göthen nicht nur nicht nur auf
u in seiner Welt nicht nur entstehen u bewirken u leben,
sondern auch wirken u lehren, warum sollte ich un-
bedeutender Mensch es nun nicht dulden, daß Aus-
sprüche u die Namen dieser drey Menschen durch die
Fügung u den Zweck des Ganzen in einem Buche zu-
gleich genannt würden? Dadurch Dadurch glaube ich auch
keinesweges, daß weder Jesus durch diese Zusammenstellung
herabgewürdigt noch Göthe u Schiller etc. über ihren
Werth erhoben würden ich glaube nicht daß ein Meister
dadurch heruntergezogen wird daß man ihn neben seinen
Schülern nennt, noch daß ein Schüler dadurch über seinen
Werth erhoben wird. Denn wenigstens welcher Ggebildete Euro-
päer
Deutsche mindestens, in der jetzigen Zeit, u sey es selbst
ein Schiller u Göthe könnte u würde sagen, daß er
ohne das Licht der Welt zu der Haltung <-> und <durch> äußere Beachtung ge-
langt sey, deren er sich jetzt erfreut? Dazu <schied> Jesus <-><->, dem wir ja in allem nachgehen sollen,<->
sich u selbst ja in seinem Leben selbst nicht von Zöllnern aus
wird er nun einigen seiner Nachfolger wohl verübeln, seinen
Namen in einer ganz zufälligen äußern Verknüpfung mit
Göthe u Schiller zugleich zu nennen?
Sehen Sie hochgeehrtester Herr, diesen Kampf, von
dem Sie in Ihrer schätzbaren Zuschrift an mich einige
Punkte berühren, kämpfe ich nun in Bezug auf mein
Wirken in der verschiedenste[n] Gestalt, u den mannigfach-
sten Formen schon seit 35 Jahren. Es ist natürlich
wahr u versteht sich von sich selbst daß ich ihn von dem
Standpunkt meiner Einsicht aus (u ich bin durch eine sehr
ernste, christl[ich] dogmatische Schule hindurch gegangen)
aus kämpfe, u das was in mir wahr ist, in mir fest
halte; allein ich entsage in jedem Augenblicke auch
mit Gamaliel: ist es Menschenwerk wird’s unter-
gehn, ist’s Gotteswerk, so wird’s bestehn; <-> ich ge-
stehe Ihnen ganz offen, daß wenn ich wünsche, daß wenn
es das erste ist, sein Untergang möge zum Seegen Vieler recht bald ge-
schehen möge; wenn aber Gott selbst bey so schwach wir-
kender Kraft wie die eines eines Einzigen, überdies schon weit
über ein halb Jahrhundert gelebt habenden Mannes <ruhig> das fortbestehen
läßt, so glaube ich wirklich nicht anders zu dürfen, als
auf dem bisher betretenen Wege fortzuwirken.
Mögen Sie hochgeehrtester Herr u die andern hochachtbaren Männer
welche Sie beym Schreiben Ihrer jüngsten Zeilen an mich im Auge hatten
in dieser langen brieflichen Mittheilung <allermindestens den Beweis
finden, wie sehr ich Einwürfe achte u ehre, wie gern ich ihnen
aber auch begegnen u Mißverständnisse lösen möchte. Erfreuen
Erfreuen Sie recht bald wieder mit einigen erwidernden
Zeilen
Ihren
     ergebensten. [Unterschrift fehlt]

N.S. Die beyden Beylagen A. B. werden sich
hoffentlich durch sich selbst rechtfertigen.