Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Gabriel Riesser in Bockenheim v. 1.6.1840 (Blankenburg)


F. an Gabriel Riesser in Bockenheim v. 1.6.1840 (Blankenburg)
(BN 735, Bl 28-29, dat. Entwurf 1 B fol 4 S. - Der Foliobogen gehörte offenbar zur "Konzeptmappe des Vereins zur Ausführung eines Erziehungswerkes [...]" mit vielen F.-Briefentwürfen aus der ersten Jahreshälfte 1840.)

Briefentw.

Sr Wohlgeboren He. Dr Ries[s]er zu Bockenheim bey Frankfurt a/m


Blankenburg bey Rudolstadt am 1. Juny 1840.


          Wohlgeborner
Hochgeehrtester Herr!

Gestern Abend erfuhr ich aus der allgem. Leipz Zeit, daß heut
Ihre Fräulein Schwester im Verein mit andern, edelsinnigen
Frauen Ihrer Stadt u sonst unter günstigen Vorbedeutungen auch
der von mir aufgestellten u angebahnten Spiel- u Beschäftigu[n]gs-
weise eine allgemeine Pflegeanstalt für kleinere Kinder er-
richtet zugleich als ein Denkmal aufgeklärter Toleranz. So
ist denn mein erstes an diesem schönen Tage, welchen auch hier ein
krystallklarer in frisches kräftiges Grün u duftige Blumen
gekleideter Morgen mit vielstimmigem Vögelchor begrüßte,
den höchsten u besten Seegen von dem Vater des Lebens, der Liebe
u des Lichtes für diese neue Anstalt für Menschenwohl u Menschheits-
heil, mit aufrichtigem, treusinnigem deutschen Herzen zu
erbitten.- In hochgeehrteste[r] Herr Dr Anstalten für ächte Toleranz
welche sich auf Erkenntniß, Anerkennung, Pflege u Darlebung,
Ausübung des rein, allgemein Menschheitlichen in jedem ein-
zelnen Menschen und in jeder wirkl[ich] menschl[ichen] Genossenschaft
gründen, müssen gestift[e]t u in derselben frühe die Kinder
einer beglückteren fried- u freudvollen Zukunft des Men-
schengeschlechtes entgegen erzogen werden; allein muß thau-
tropfenhelle Klahrheit u Wahrheit des Gemüthes mit ächt
menschlichem Herzen in dem kein Falsch ist, müssen solche Anstalten
gegründet, müssen sie geleitet u ausgeführt werden, wenn sie
die Menschheit zu ihrem, jedes einzelne Menschengeschlecht zu
seinem ihm von Gott bestimmt <zum> Ziele führen sollen. Darum
freue ich mich des Werkes Ihrer treffl[ichen] Schwester u der mit
ihr geeinten edelsinnigen Frauen, grüßen Sie, wenn ich bitten
darf dieselben u dieselbe von mir u sprechen Sie ihnen den
innigsten Wunsch meines Herzens für dessen seegenreiches
Wirken u Fortbestehen aus. So groß nun auch immer
die Anzahl derer gewesen seyn mag, welche bey der heutigen
Eröffnung Ihrer Anstalt gegenwärtig waren, so bin ich doch sehr
überzeugt, daß in keines Anwesenden Brust sich tiefer gegrün-
dete, den Einzelnen wie das Ganze umfassende, lebensvollere /
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Wünsche regten als mit welchem ich den Neugeborne[n]
ins Leben begleitete. Das Bewußtseyn ist mir ein hoher Ge-
nuß, daß ich, von Niemand geehrt, im Geist bey der Einweyhungs-
feyer mit meinem ganzen Geist u Gemüthe gegenwärtig bin.
Indem ich dieses niederschreibe, bringt mir ein anderes
Tagesblatt, die Hanauer Zeitu[n]g dieselbe Nachricht noch einmal.
Schön! man sagt zwey Zeugen gelten mehr als einer? Ob nun
gleich bey der ersten Wahrh[ei]t der eine Zeuge so viel gilt als Zwey
u Zweyhundert u mehr, so soll mir doch dieß eine <Weysung>
seyn, die Wichtigkeit des heutigen Tages mit Bestimmtheit ins
Auge zu fassen und sie mit Kraft zur Weiterförderung
u Fortentwicklu[n]g der Sache der Kindheit u Menschheit zu be-
nutzen.-
Sie wissen u sind mit mir tief überzeugt, darin
ist ja Ihr u mein Streben bedingt u darin hat ja die
gegenseitige Anerkennung ihren Einigungs[-] u Angelpunkt:
- "Die höchsten Lebensgüter sollen, in ihrem Wesen
und Gebrauch in ihrer Würdigung u Werthschätzung
dankbar anerkannt, Gemeingüter werden["], so spricht
Gott überall, wo Er sich offenbart am bestimmtesten
klarsten u ich möchte sagen handgreiflichsten, in der That-
u Sachoffenbaru[n]g der Schöpfung u Natur zu allen auch zu dem,
welcher auf der allerersten Stufe menschheitl[icher] Entwickl[un]g steht;
Regen, Thau u Wasser kommt zu allen von oben, in Licht u
Wärme u Äther umfließt uns alle wie in einem allen offen-
kundigen unentschleyerbaren Geheimniß des Lebens Quelle.
So soll darum auch Gott, des Wesens der Menschen würdige, dem
Menschenwesen u der Menschheit entsprechende, Natur-
gemäße Kindheitpflege durch solche Beachtung u Pflege des allen
Menschen, eben wegen der Einigen Quelle ihres Wesens,
eigenen aber besonders aber das gesammte Leben des Kindes
in seinen Bereich ziehenden Thätigkeits- u Beschäftigungstriebes,
ein unverkürztes Allgemeingut aller Kinder werden,
wie alle in einer Luft athmen. /
[29]
Seit mehr als 20 Jahr[e]n ist dieß im Allgemeinen der Zweck
meiner Thätigkeit, seit nun fast fünf Jahren das näher ge-
steckte u bestimmter ins Auge gefaßte Ziel mein[e]s gesammten
Strebens, u vor wenigen Wochen fiel es mit einemm[a]le wie
Schuppen von den Augen u ich sah klar, ich sah mit unbesi[e]g-
barer Überzeugung u felsenfeste[m] Glaub[e]n, daß es keine zweck-
mäßiger allseitig u in jeder Beziehu[n]g entsprechendere Zeit
zur Erreichu[n]g dieses Zieles geben könne als die gegenwärtige
der 400jährigen Jubelfeyer der Erfindu[n]g der Buchdrucker-
kunst, daß es zur Ausstreuung dieser Saat für Menschen-
wohl u Menschheitheil, für Seelenfrieden u Lebensfreuden
u so für ächtes Familienglück keinen würdigeren Boden
gebe als das Frauengemüthe, das Frauenleben.
So empfangen Sie denn das Ergebniß, die Frucht dieser
Einsicht zur Prüfung im Beygefügten. Zur Prüfung, weil
mir selbst nichts weiter darüber zu sagen nöthig erscheint,
spricht die Sache nicht für sich selbst so würde es auch nichts
nützen mehr über sie zu sagen. Sie empfangen aber
auch diese Frucht, sollte solche sich in Ihrer Prüfung bewähren
als einen Saamen zu einer in ihren heilbringenden Ent-
wicklungen unbegrenzten Aussaat.
Sie sind hochgeehrtester Herr Doctor, Sie sind mit
aller Kraft u dem reichen Schatze der Ihnen zu Gebote
stehenden Geistesgaben für die Förderung des Lessings-
denkmals unter Ihren Glaubensgenossen aufgetreten;
doch wie wenig würden die noch so menschenfreundlichen Ge-
sinnungen des Einzelnen gefruchtet haben, wenn sie nicht die
welt erleuchtende Kunst vervielfältigt, die Erfindung
des Buchdruckens sie zu einer unbesiegbaren Kraft erhoben
hätte; darum, dünkt es mich sollten sich ganz vor allem
Ihre Glaubensgenossen gedrungen fühlen der Erfindung
der Buchdruckerkunst bey ihrer jetzigen Jubelfeyer ein Denkmal
zu setzen, ein Denkmal zu setzen, welches die Seegnungen der-
selben früh dem aufkeimenden Geschlecht wie die LebensLuft/
[29R]
und zu stetiger Entwickelung zuführte; dieser Gedanke
dünkt mich, müßte ganz vor allem dem kinderliebenden
Gemüthe der Frauen zu sagen u ihre förderliche Mitwir-
kung zu dessen vollendeter Ausführung wecken. Denn
daß nur die Darstellung u Ausführung des In[-]sich-Vollen-
deten, wie in jeder Beziehung so auch hier das Ganze, jedes
Ganze wie jeden Einzelnen wahrhaft fördern kann
dafür brauche ich Ihnen gewiß auch nicht ein Wort zu sagen.
Darum nochmals prüfen Sie, prüfen u wirken Sie
nach der Ihnen aus Ihrer Prüfung hervorgegangenen Über-
zeugung.
In Beziehung auf die Zahl der Pläne u Unterzeichnungs-
scheine, welche Sie zur Förderung des Unternehmens außer
den Wenigen hier beyliegenden noch gebrauchen sollten,
wenden Sie sich entweder gefälligst an unsern gemein-
samen Freund, den Herrn Dr von Leonhardi, oder direct
hierher an mich; mit umgehender Gelegenheit werde ich
dann Ihrem Bedürfnisse zu entsprechen suchen[.]
Daß ich mich Ihnen geehrtester Herr Doctor! noch über
gar manches als Antwort auf Ihre geschätzte Zuschrift
an mich mittheilen möchte, bedarf wohl kaum der
Erwähnung; doch daß ich diese Antworten auf eine
günstigere Zeit verschieben muß, spricht sich wohl auch
von selbst aus der Nähe der festlichen Tage aus; in welchen
über die Begründ[u]ng des vorliegenden Werkes entschieden
werden soll. Möge u möchte es die wahrhaft förderliche
Theilnahme aller wahren Menschenfreunde erregen.
Denn für die Förderung des ächten Humanismus ist
seine vollendete Ausführung gewiß von tiefer Bedeutu[n]g
von hohen Folgen.
Mit wahrer Hochschätz[un]g            Ew[.] wohlgeb[.] Ergebenster

[keine Unterschrift]