Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Konsistorialrat Professor Schuster in Marburg v. 6.6.1840 (Blankenburg)


F. an Konsistorialrat Professor Schuster in Marburg v. 6.6.1840 (Blankenburg)
(BlM X,8, Bl 115-116, dat. Reinschrift/Abschr. 1 B 4° 3 S. Adressat und Adressatort von anderer Hand beigefügt.)

         Wohlgeborner Herr
Hochverehrter Herr Konsistorialrath
und Professor!

Es wird nun fast 3/4 Jahr seyn, daß ich mir, veranlaßt durch frühere Äußerungen
gütiger und freundlicher Theilnahme an meinen erziehenden Bestrebungen, erlaubte,
Ihnen schriftliche Mittheilungen von und über den Fortgang derselben zu machen[.] Herrn
Barop meinen Freund und Mitarbeiter, Führer und für mich stellvertretender
Vorsteher meiner Erziehungsanstalt in Keilhau, welcher dortmals gerad eine
Reise in seine Heymath, die Grafschaft Mark, nach Dortmund machte, ersuchte
ich, auf seiner Rückreise über Marburg zu gehen, Ihnen den Brief persönlich
zu übergeben und Ihnen mündlich die Erläuterungen von dem hinzuzufügen, was
der Brief nur andeuten konnte. Doch Herrn B. war es nicht möglich weder den
seinen noch meinen Wunsch zu erfüllen, indem ihm unerwartet mehrere Knaben zu
Zöglingen für die Keilhauer Erziehungsanstalt anvertraut wurden, die er nun zur
Ersparung der Kosten auf directer und schnellster Weise nach Keilhau bringen
mußte; doch hat auch Herr Barop versichert, daß er das Wesentlichste meinem
Briefe schriftlich beygefügt und so das Ganze zur Post gegeben habe. Möge das
Ganze wohlbehalten in Ihre Hand gekommen seyn.-
Seit jener Zeit, ich gestehe es offen, schmeichelte ich mich mit einigen Zeilen
Erwiederung; doch wer kennt nicht die Hemmnisse des Lebens, bey der Ausführung des
besten Willens; geht es mir doch nicht besser.
Nun aber hat sich seit jener Zeit meine Wirksamkeit so mannichfaltig ver[-]
zweigt und entfaltet, besonders in diesem Frühjahre und in dem Laufe der jüngsten /
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Monate durch die Anregungen der 400jährigen Jubelfeyer der Erfindung der Buchdruckerkunst
welche dieser Monat fordert. Woran könnte sich nun und kann sich die würdige Denkfeyer dieser
Begebenheit entsprechender anschließen als an die Fortbildung des Menschengeschlechtes selbst?-
Hierdurch aufgefordert entwickelte sich in mir, in Zusammenfassung der jetzt bestehenden Ge-
sammtverhältnisse und dem was diesemnach dem Gesammtleben jetzt Noth thue und in Über-
einstimmung mit meinen erziehenden Bestrebungen der in dem Beygefügten dargelegte Plan.
Ew: Wohlgeboren werden wie ich zuversichtlich hoffe nach dessen Einsicht und Prüfung die
Zusendung desselben und die Bitte um geneigte befördernde Mitwirkung zu der Ausführung
des darin dargelegten Gedankens gütigst verzeihen.
Der Zweck dabey ist:
1ens den Gedanken der frühen, dem Menschenwesen entsprechenden Kindes- und Kindheit-
       pflege besonders durch angemessen entwickelnde und stärkende Pflege des Thätigkeitstriebes
       der Kinder allgemeiner zu machen, eine solche Kinderpflege zu fördern dafür zu einigen.
2ens glaubten meine Freunde mit mir, daß vor allem das Erziehungswesen Grund
       und Fug genug habe, der 400jährigen Jubelfeyer der Erfindung der Buchdruckerkunst ein
       würdiges, d.i[.] ein einfaches, den Keim der Fortentwickelung zur Vollendung des Men-
       schengeschlechtes bleibend in sich tragendes und dahin führendes Denkmal zu setzen[.]
3ens schien es mir und uns wie in der Natur der Sache, so in dem Entwickelungsgange
       des Menschengeschlechtes und in der gegenwärtigen Stufe desselben zu liegen hier und
       durch alles dieß zusammengenommen jetzt gefordert zu werden, daß dieses Denkmal von
       den Frauen vor allem von den deutschen Frauen und Jungfrauen ausgehe, durch sie be[-]
       gründet, wie durch sie ausgeführt werde.
Die Wahrheit des hier Ausgesprochenen macht mich nun nicht allein so frey diese
Übersendung Ihnen zu machen, sondern auch Sie ergebenst zu ersuchen, mit den in Ihrem erziehenden
literarischen und Lebenskreisen Ihnen zu Gebote stehenden Mitteln für die Aus- /
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die Ausführung der bezweckten Unternehmung gütigst mitzuwirken, und hier ganz
namentlich Ihrem verehrlichen Frauenvereine und dessen hochgeehrten Vorsteherinnen,
so wohl im Einzelnen als im Ganzen, das Werk zu geneigter Prüfung vorzulegen
und S sie so vertrauens- als hochachtungsvoll zu dessen gütiger Mit-Begründung und
Ausführung einzuladen. Zu diesem Zwecke erlaube ich mir 10 Exemplare Pläne
und doppelt so viel Unterzeichnungsscheine hier beyzuschließen. Vielleicht daß sich
Ihnen Gelegenheit bietet auch außer dem verehrten Frauenvereine davon Ge-
brauch zu machen; vielleicht auch im G großen Bereiche Ihrer Bekanntschaft auch
außerhalb Marburg. Freuen würde ich mich wenn Ihnen von Außen ein solcher Anklang
entgegen käme, daß ich genöthigt wäre Ihnen später einmal noch eine zweyte Sendung
zu machen. Hier hat der Gegenstand in allen Klassen rege Theilnahme gefunden,
wie denn auch schon mehrere Unterzeichnungen eingegangen sind, obgleich, erst heut vor 8 Tagen
das Ganze in die Öffentlichkeit getreten ist.
Wäre es Ihnen im Bereiche Ihrer Verhältnisse möglich, weiter für die Veröffent-
lichung der Sache zu wirken, so würden wir dafür sehr dankbar seyn, ob wir gleich glauben
daß es noch einen größeren Dank als den unsrigen giebt. Wollen Sie zu einer
weiteren Veröffentlichung vielleicht den beyliegenden Aufruf benutzen, so ist derselbe dazu frey
gegeben.
Den wohllöblichen Expeditionen und Verlegern von Tagesblättern dünkt mich kann man wohl z als
einen kleinen Beytrag zu einer würdigen Feyer dieses Festes die Gratisaufnahme einer
Anzeige der bezweckten Unternehmung zumuthen.
Möchte es Ihnen gefallen mir von dem Erfolge Ihrer Bemühungen für die Ausfüh-
rung des Werkes in einigen Zeilen Nachricht zu geben.
Empfangen Sie die Versicherung wahrer Hochachtung
Ew Wohlgeboren
gehorsamen Diener
FriedrichFröbel
Blankenburg bey Rudolstadt
       am 6' Juny 1840