Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bergrätin Junot, geb. Karoline Friederike v. Schiller in Rudolstadt v. 14.6.1840 (Blankenburg)


F. an Bergrätin Junot, geb. Karoline Friederike v. Schiller in Rudolstadt v. 14.6.1840 (Blankenburg)
(Brieforiginal nicht überliefert, 2 Entwürfe in BN und BlM; ein undat. Rohentwurf in BN 735, Bl 26-27, 1 B fol 3 S., der zweite, bis auf 114V, reinschriftartige Entwurf in BlM X,8, Bl 112-114, 1 B +1/2 Bl 4° 5 S. Edition durch Lange nach der Reinschr. in: RhBl 1873,481-485.)

a) 1. Entwurf (BN)

An Frau Bergräthin Junot geborne Schiller
Wohlgeb. in Rudolstadt.


        Wohlgeborne Frau
Hochverehrte Frau Bergräthin!

Ew. Wohlgeboren erkennen gewiß mit mir die
beglückende / erhebende Erfahrung an, daß gewiß es Geister und Seelen
giebt die einen tiefen und eingreifenden Eindruck
auf den Geist u das Gemüth und dad[urc]h auf
das ganze Leben Anderer machen ohne daß
die Personen selbst je sich kannten ja kaum
gleichzeitig lebten. Daß nun dieß ganz vor
allem von dem Geiste u Gemüthe von den Wirkungen
und Gestaltungen Ihres edlen, hoch- und groß-
herzigen Vaters galt, das mag wohl im All-
gemeinen schon oft gesagt auch wohl selbst
Ihnen hochverehrte Frau! von Einzelnen schon
persönlich ausgesprochen worden seyn, doch
glaube ich kaum, daß dieß von, einer dem Leben und
Wirken Ihres HErn Vaters ganz fern stehende gestande-
nen Person mehr gelten kann als von mir der
meinigen. Gleich bey Eintritte in meine
Jünglingsjahre wo sich auch sogleich durch den
Entwickelungsgang meines Lebens, mein Leben
selbstständig zu entwickeln gestalten begann, begegne-
te ich in dem gleichsam, ich möchte sagen von ihm erkannten
tiefsten Streben meines Innern sein[em] liebenden
Vaterrufe des liebenden Gemüthes Ihres großen, edlen die Menschheit
in und durch den Einzelnen zu sich heraufbildenden
edlen Vaters; und von jenem Augenblicke blieb mir
auch der Geist und das Streben, der Genius
desselben Ihres unsterblichen Vaters als ein treuer
Engel und Lebensführer zu Seite und dieß bis
in diesem Augenblicke. In den größten Be-
strebungen meines Geistes Lebens, wenn ich davon in
meiner kleinen beschränkten Wirksamkeit
reden darf, war sein Mannesrufwort mir Stütze
und der Zuruf seines Genius mir Ermuthigung.
Und So errang ich unter Schmerz u Leid u unter
Kampf und Entsagung wie begleitet von den
reinsten Lebensfreuden u schönsten höchsten LebensPreisen des
Lebens
von dem Kleinen Genuß Wirksamkeit den ich errungen eine Stufe nach der andern eine Richtung nach der andern.
Und Gar manche Gedichte und dichterischen Worte Aussprüche
Ihres das Wesen die Menschheit tief durchdrungenen erfassenden unsterblichen Herrn Vaters vor dessen klarem Geiste u lieben Gemüthe das menschliche Herz u Leben so offen vor lag, waren mir Lebens[-] Lehr[-] u Spruchworte, die ich dankbar als solche die mir durchs Leben geholfen und die ich da[rum] dankbar als Votiftafeln im Heiligthum meines Lebens aufgehangen.
Schon vor einigen Zeit Jahren als Ew. Wohlgeb. in
meiner Abwesenheit mein kleines Keilhau
Ihrer Aufmerksamkeit werth hielten fühlte /
[26R]
ich mich gedrungen, Ihnen dieß auszusprechen
der hochverehrten Tochter, des lange nach seiner <Verbleichung>
auch so segensreich in meinem Leben ein[-] u fortwirkenden
großen Mannes dankbar auszusprechen, indem die
Ahnung davon meinem Wirken Ihr[e] wiederkehrend gütige
Theilnahme u Aufmerksamkeit herbey zuführen schien doch
die Umstände hielten dortmals <jene> Zeilen zurück
Jetzt aber war denn <-sollte>, sollte sich mein Leben und ich möchte sagen
das geistige Wechselverhältniß zwischen den
Bestrebungen Ihres Herrn Vaters und den meinigen
gleichsam zu einem klaren bestimmten Schlusse [{] gekommen / entwickeln}
und mein Leben dadurch Wirken dieß auch <-> in seiner äußern Gestalt aussp[rechen] kundthun[.]
Jetzt nun wo dieß geschehen ist es mir mögl[ich] mich für
die dad[urc]h gewordenen Segnungen dankbar gegen die mir so nahe
Lebende verehrungswürdige Tochter des unsterbl[ichen] Mannes
auszusprechen[.]
Vielleicht um mein[em] Wirken selbst die Vollendung u Aus[-]
bildung zu geben um in u durch dasselbe selbst demselben und durch die eigentl[iche] Frucht desselben
die Dankbarkeit auszudrücken
[Weiterführung am Rand*-*]
[*] besonders d[urc]h die seit einigen Jahren hier angebahnte
PflegeAnstalt zur Pflege des Bildungstriebes des Thätigkeits-
u Beschäftigungsdranges bes.[onders] kleiner Kinder, das lebenvolle
innere Wechselverhältniß zwischen den Bestrebungen 2er in so ver-
schieden[en] Kreisen gewirkten Menschen auch bestimmter darzulegen
was vielleicht für die Geschichte der Menschheit u besonders
für die Entwick[lun]g für die Erziehung des Menschengeschlechtes zu seiner, der Menschh[ei]t
zu ihrem Ziele wichtig werden
kann; vielleicht jetzt schon wichtig ist wenn wir mit
dieser neuen frischen Lebens Erfahrung in die Ersch[einun]gen der frühen Geschichte der
Menschheit u des Menschengeschlechtes
zurück kehren [*]
Zwar wenig ist ... doch vielleicht ist
Ew Wohlgeboren ist vielleicht, so hoffe ich wenig und so selten auch in dem größern Publikum
auch darüber etwas ausgesprochen worden ist, doch vielleicht der Ziel[-] u Endpunkt
oder vielleicht meiner äußerlichen allein eigentl[ich] der Anfangs[-] u Ausgangspunkt meiner langjährigen
meiner erziehenden Bestrebungen welche endlich auch äußerlich sich <beurkunden>
konnte, mein Bestreben wahre Kindheitpflege, d[urc]h Pflege des Bildungstriebs
des Thätigkeitstriebes u Beschäftigungsdranges kleiner
Kinder d[urc]h Spiel u Beschäftigung zu begründen. Schon dieses
<wage> erinnert Sie vielleicht an die hohe Wichtigkeit welche
Ihr nicht allein das Menschenwesen sondern den Entwickelungsgang
des Menschengeschlechtes u der Menschheit so tief d[urc]h
schauender unsterblicher geistesstarkergroßer hoher, gemüthtiefer Vater
in seinen Briefen über ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes
auf die Beachtung und Pflege des Spieltriebes setzt
indem er z B in dem 13 [sc.: 15.] Brief derselben Abschnitt
sagt:- [Zitat fehlt]
Ich zweifle nicht daß Ihnen dad[urc]h entgegentreten wird daß
hier zur Ausführung angebahnt u zur ächten an’s zielführenden Erziehung des Menschenge-
schlechtes der Weg angetreten wird welchen Ihr
HErr Vater dort so bestimmt als klar vorzeichnet[.]
Nicht als ob dießes nach jenem gemodelt u ge-
formt worden sey sondern jedes ging seinen ganz
eignen individuellen Entwickelungsgang, das hier
aufgestellt ausgeführt wurde nach eignem innern Gesetze
wie jenes dort ausgesprochne, doch jetzt erscheinen
die Gesetze des hier aufgestellten gleich denen des
dort vorgezeichneten und so erscheint nun das dort
vom Geiste so klar erkannte vom Gemüthe so lebenvoll warm
empfundne hier in lebenvoller Gestalt nicht als
nachgeahmtes sondern als freyes Leben das Leben in sich selbst tragen[des] Gewächs.
Wie wahr dieß ist erlauben Sie mir nur ein Beyspiel
so schreibt ein junger <zugehöriger> Mann der sich g[an]z dieser Kinder derselben widmen
diese Kinderpflegeweise angemessen erkannte und sich
ganz den Forderungen sein[es]<treff[liche]n> Geistes u sehnenden Gem[üths] [widmen will]/
[27]
der Taubst[ummen] Lehr[er] HE Kern aus Eisenach in seinem jüngst[en] Briefe an mich
[Lücke, Zitat fehlt]
und doch glaube ich schwerlich daß dieser junge Mann
Ihres werthen HErrn Vaters Briefe über ästh: Erz[iehung] kennt
geschweige denn sie gelesen hat. –
Welche eine Wirkung aber dieses geistige Zusammentreffen
ja ich möchte [sagen] zusammenwirken zweyer Männer deren Thätigkeit
doch verschiedenen Zeiten angehört ich möchte sagen
dieses praktische und doch selbstständige Wiederleben eines nach einer hohen
Stufe der Wissenschaft u Kunstein[-]
sicht gelebten Lebens welches auf die für den Einzelnen u dessen Entwickelung
wie für die g[an]ze Menschheit u ihre Entwicklung so
wie die Mensch so hochwichtige Stetigkeit der Wesenseinigkeit des Menschheitgeistes so entschieden hin[-] ja sie beweist auf mich machen muß brauche
ich wohl kaum anzudeuten.
Jene die Lebenskunst davon Ihr HErr Vater redete ist aber wie selbst die angeführten Worte ihres HErrn Vaters zeigen
die schwerste Kunst und nicht blos subjectiv sie zu em-
pfinden, zu erkennen, sondern sie auch
objectiv darzustellen[.]
Dieß aber ist der eigentl[iche] Zweck meiner Bestreb[ungen]
ist der ganze Zweck meiner jüngsten u letzten Vaterl[ändischen] umfassenden Bestreb[ung]
welcher ich den Namen
"Kindergarten" gebe.
Deßhalb komme ich Vertrau[end] zu Ihnen daß Sie das Werk <förd[erlich]> in Schutze unterstützen
nicht Sie allein alle Freunde u Verehr[er] ihres großen u edel[n] und <höchstinnigen> Vaters
So spricht sich nun schon hier also <wahrha[f]t> im Äußern die innere Verwandtsch[aft]
des Strebens, die innere Verwandtsch[aft] zwischen dem vom Geist
Ihres HErrn Vaters klar Gedachten und dem von meinem Leben
Ausführend angestrebten aber g[an]z besonders in dem aus so geht dieß doch am bestimmtesten
was ihr HErr Vater über den
Spieltrieb des Menschen als Träger der Lebenskunst, dieser
schwierigsten aller Künste sagt, diese Kunst nun aber in
ihrem großen das g[an]ze Leben als im <erziehenden> Umfange, wie in ihrer tiefen Bedeutung dem Menschen
früh nicht blos Subjectiv zu empfind[en] zu erkennen u sich d[urc]h Gewöhnung anzueig[nen],
sondern sie auch objectiv zu erkennen zu machen u darzustellen
dieß ist der eigentl[iche] innerste Zweck meiner Bestrebung
ist der Zweck besonders meiner jüngsten u letzten [Bestrebung]
[Fortführung auf linkem Rand*-`*]
[*] Diese sich <ersehnende> d[urch]s Leben ziehende
innere Verwandtschaft der Seelen
die Innere Verwandtschaft zwischen <uns>
vom Geiste Ihres Großen HEr Vaters
bestimmt klar gedacht u schon gezeichnet u das von mir vorerst
u ausdauernd im ausführenden Leben angestrebte
macht mich so frey Ihnen besonders
ein Streben was Lebenskunst
erstrebt angestrebt [hat] zur Unters[tützung] vorzu[führen]
Möchten Sie es werth finden alle die das Streben
Ihres HErrn Vaters ehren u dessen Verwirklichung im
in Leben wünschen nach Möglichkeit zur Förderung
dieses meines Strebens <erfüllt Ihm vielmehr jetzt> einzuladen[.]
Sehr Ew: Wohlgeb
Solle nun Ein solches leben<einiges> Zusammentreffen nun
von zum höchsten führenden Forderung einer solchen That, solchen Thun
des Denkens
dieß dünkt mich kann nur zur thätigsten nicht zur höchsten
Mitwirkung
hervorrufen imstande seyn um die Früchte
desselben zum Wohle mindestens der auf-
keimenden Menschheit prüfend zu machen? -
In dieser freudigen Zuversicht [Text bricht ab]

b) 2. Entwurf (BlM)

[112]
         Wohlgeborne Frau,
Hochverehrte Frau Bergräthin.

Ew. Wohlgeboren erkennen gewiß mit mir die beglückende Erfahrung an, daß
es Geister und Seelen giebt, welche einen tiefen und eingreifenden Eindruck auf
das Gemüth und den Geist und dadurch auf das ganze Leben Anderer machen, ohne
daß die Personen selbst sich je kennen oder kannten, ja kaum gleichzeitig leben oder
lebten. - Daß nun dieß ganz vor allem von dem Geiste und Gemüthe, von
dem Wirken und Gestaltungen Ihres hoch- und großherzigen, edlen Herrn Vaters
galt und gilt, dieß mag im Allgemeinen wohl schon oft gesagt, auch wohl selbst
schon Ihnen, hochverehrte Frau! von Einzelnen persönlich oft ausgesprochen worden
seyn; doch glaube ich kaum, daß dieß von einer, dem Leben und Wirken Ihres
Herrn Vaters ganz fern gestandenen Person mehr gelten kann, als von der
meinigen. - Gleich beym Eintritte in meine Jünglingsjahre, wo sich auch
durch den Entwickelungsgang meines Lebens, dasselbe selbstständig zu
gestalten begann, begegnete ich in dem, ich möchte sagen von Ihrem Herrn Vater
so klar erkannten als bestimmt gezeichneten, tiefsten Streben meines Innern
dem liebenden Vaterrufe Ihres großen, die Menschheit in und durch den Einzelnen
zu sich heraufbildenden, edlen Vaters, und von jenem Augenblicke blieb mir
auch der Geist und das Streben, der Genius desselben, als ein treuer Engel
und Lebensführer bis jetzt wandellos zur Seite. In den größten Bestrebungen /
[112R]
meines Lebens, wenn ich davon in meiner beschränkten Wirksamkeit reden darf,
war sein Manneswort mir Stütze und der Zuruf seines Genius mir Ermu-
thigung.
So errang ich unter Schmerz und Leid, unter Kampf und Entsagung, doch auch
begleitet von den reinsten Lebensfreuden und den schönsten Lebenspreisen,
in meiner kleinen Wirksamkeit eine Richtung nach der andern, eine Stufe
nach der andern. Gar manche Gedichte und dichterischen Aussprüche Ihres
unsterblichen Herrn Vaters, vor dessen klarem Geiste und liebenden
Gemüthe das menschliche Herz und Leben so durchsichtig dalag, waren mir Lehre
die mir durchs Leben geholfen und die ich darum dankbar als Votivtafeln
im Heiligthume desselben aufgehangen.
Schon vor einigen Jahren als Ew: Wohlgeboren während meiner längern
Abwesenheit mein kleines Keilhau Ihrer Aufmerksamkeit werth
hielten, fühlte ich mich gedrungen, Ihnen dieß, der hochverehrten Tochter, des lange nach
seinem persönlichen Scheiden noch so seegensreich in mein Leben ein-, und in demselben
fortwirkenden großen Mannes dankbar auszusprechen, indem die Ahnung da-
von meinem Wirken wiederkehrend Ihre gütige Beachtung herbey zu führen schien;
doch die Umstände hielten dortmals jene Zeilen zurück, und ich freue mich
jetzt darüber: denn so konnte sich das geistige Wechselverhältniß zwischen den
Bestrebungen Ihres Herrn Vaters und den meinigen gleichsam zu einer
klaren bestimmten Frucht entwickeln und so mein Wirken dasselbe auch in seiner
äußern Gestalt kund thun; besonders durch die seit einigen Jahren von mir hier
angebahnte Anstalt zur Pflege des Bildungstriebes, des Thätigkeits- und
Beschäftigungsdranges kleinerer Kinder, das lebenvolle innere Band
zwischen den Bestrebungen zweyer, in so verschiedenen Kreisen und auf /
[113]
so verschiedene Weise gewirkt habenden Männer noch bestimmter sich darlegen,
was vielleicht nicht in seiner weiteren Ausführung und Anwendung wie für
die Erziehung des Einzelnen, so wie für die Entwickelung des Menschenge-
schlechtes zu seinem, der Menschheit zu ihrem Ziele wichtig werden kann;
vielleicht schon jetzt wichtig wird und ist, wenn wir mit diesen neuen,
frischen Lebenserfahrungen die Verknüpfung und Folge geistiger Lebensver-
bindungen und Beziehungen, die früheren Erscheinungen der Geschichte
der Menschheit und des Menschengeschlechtes zurück kehren. –
Ich weiß zwar nicht ob ich voraussetzen darf, daß Ew. Wohlgeboren
etwas von dem Ziel- und Endpunkte meiner äußerlichen, eigentlich aber von
dem Anfangs- und Ausgangspunkte meiner langjährigen inneren erziehenden
Bestrebungen, welcher endlich auch äußerlich sich beurkunden konnte, - be-
kannt geworden ist, von meinem Bestreben, wahre Kindheitpflege durch
erziehende Beachtung des Bildungstriebes, des Thätigkeitsdranges besonders
kleinerer Kinder, durch entsprechendes Spiel und angemessene Beschäftigung
zu begründen. Doch ist viel-
leicht auch schon diese Andeutung hinreichend Ew. Wohlgeboren dasjenige in die
Erinnerung <-> zurückzurufen, was Ihr, nicht allein das Menschenwesen, sondern
den Entwickelungsgang des ganzen Menschengeschlechtes und der Menschheit
so tief durchschauender und so lebensvoll als klar zeichnender, so geistesgroßer
als gemüthstiefer Vater von der hohen Wichtigkeit der Beachtung und Pflege
des Spieltriebes in seinen Briefen über ästhetische Erziehung des Menschen
gesagt z.B. in dem 15en Brief derselben:
"denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur,
“wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur
da ganz Mensch, wo er spielt. - Dieser Satz, der in diesem Augenblick /
[113R]
“vielleicht paradox erscheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten,
“wenn wir erst dahin gekommen seyn werden, ihn auf den doppelten Ernst
“der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird, ich verspreche es Ihnen,
“das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwierigeren
Lebenskunst tragen." –
Ich zweifle nicht, daß es Ew. Wohlgeboren entgegen treten wird, daß
das, was Ihr tiefblickender Herr Vater dort so bestimmt als klar vor-
zeichnet, daß das jetzt hier in der angeführten Wirksamkeit angebahnt,
und so zur ächten, zum Ziele führenden Erziehung der dort dargelegte Weg be-
treten wird; nicht als ob dieses nach jenem gemodelt und geformt worden sey,
sondern jedes gieng seinen ganz eigenen Entwickelungsgang, das hier Ausgeführte
wurde nach eigenen inneren Gesetzen, wie jenes dort Ausgesprochene; doch
jetzt erscheinen die Gesetze des hier Aufgestellten gleich denen des dort
Vorgezeichneten und so erscheint nun das dort vom Geiste so klar Er-
kannte, vom Gemüthe so warm Empfundene hier in lebendiger Gestalt,
nicht als ein nachgeahmtes, sondern als freyes, das Leben in sich selbst
tragendes Gewächs und so erscheint selbst das geistige Wirken des Menschen in allen Erscheinungen immer mehr ein Einiges.
Wie sich dieß durch die Sache selbst ausspricht erlauben Sie mir nur
ein Beyspiel, so schreibt ein junger, diese Kinderpflegeweise im Kreise
der ihm anvertrauten kleineren Kinder anwendenden, erziehender
Mann als Ergebniß längerer Prüfung darüber an seine Behörde: -
“Diese Spielmittel bieten dem Kinde auf jeder Entwickelungsstufe
“zweckmäßigen Stoff, ja sie sind der Art, daß sich das Kind an den-
“selben und durch dieselben allseitig entwickeln kann, weil sie das
“innere Seelenleben des Kindes mit der Außenwelt in Verbindung /
[114]
“bringen und die Außenwelt durch Selbstthätigkeit dem Seelenleben näher
“rücken.“
Ihr Herr Vater aber sagt am Ende des 11ten der genannten Briefe:-
“Hieraus fließen nun zwey entgegengesetzte Anforderungen an den
“Menschen .... mit andern Worten: er soll alles Innere veräußern
“und alles Äußere formen. Beyde Aufgaben in ihrer höchsten Erfüllung
“gedacht führen zu dem Begriffe der Gottheit zurück.["]
Und doch glaube ich kaum, daß dieser junge Mann die Briefe Ihres
Herrn Vaters kennt, noch weniger, daß er sie gelesen hat.
Diese schwierigste der Künste nun aber in ihrem großen das Leben seegensreich ergreifen-
den Umfange wie in ihrer tiefen Bedeutung dem Menschen früh nicht blos subjectiv zu
empfinden zu machen und sich d[urc]h Gewöhnung anzueignen sondern sie auch objectiv erkennen und mit Bewußtseyn darstellen zu
zu machen. Die Ausführung für das Leben des Menschen sowie als tiefe bedeutungsvolle Darlebung dieser Kunst dem Menschen als Einzelnen wie in der Gesammtheit mögl[ich] zu machen, dieß ist der eigentlich
innerste Zweck besonders meiner jüngsten und letzten Bestrebung, welcher ich, um den Geist wie
den Zweck derselben in einem erfassenden lebenvollen Worte mindestens auszudrücken anzudeuten, den
Namen eines "deutschen Kindergarten" gebe.
Deßhalb nun Doch auch noch von anderen Seiten tritt wohl mehrfach dem prüfend vergleichend nachgehenden beachtenden
Auge entgegen, daß das was schon jetzt hier von mir in der fr Ihr tiefblickender Herr Vater
dort so bestimmt als klar vorzeichnet, daß das hier schon in der erwähnten Wirksam-
keit angebahnt, und so zur ächten zum Ziele führenden Erziehung der dort dargelegte Weg
betreten wird, nicht
Diese so tief mehrfach durchs Leben ziehende innere Verwandtschaft zwischen dem vom Geiste
Ihres [Vaters] so wahr gedachten als schon ausgesprochenen und deß von mir im Leben ausführend Angestrebten macht mich so
frey macht mich Ihnen nun vertrauensvoll bittend dieß die Ahnungen Ihres HErrn Vaters verwirklichenden Strebens Unternehmens
zu Ihrer fördernden Mittwirkung bey Ihnen anzuführen. Möchten Sie es überdieß werth finden alle die das
Streben Ihres HErrn Vater ehren u dessen Verwirklichung im Leben wünschen so weit sich Ihnen eine
Gelegenheit dazu zeigt zur fördernden Mittwirkung einzuladen, zunächst Ihre verehrl[ichen] Verwandtinnen.
In dieser Beziehung erlaube ich mir einige Pläne nebst Unterzeichnungsscheine ergebenst beyzulegen. – Wovon Sie
nicht Gebrauch machen können erbitte ich mir gelegentlich zurück.

c) Reinschrift/Edition

[481]
An die Frau Bergräthin Junot, geb. Fräul. von Schiller
in Rudolstadt.

         Wohlgeborne Frau,
Hochverehrte Frau Bergräthin!

Ew. Wohlgeboren erkennen gewiß mit mir die beglückende
Erfahrung an, daß es Geister und Seelen giebt, welche einen /
[482]
tiefen und eingreifenden Eindruck auf das Gemüth und den
Geist und dadurch auf das ganze Leben Anderer machen, ohne
daß die Personen selbst sich je kennen oder kannten, ja kaum
gleichzeitig leben oder lebten. - Daß nun dies ganz vor allem
von dem Geiste und Gemüthe, von dem Wirken und Gestaltun-
gen Ihres hoch- und großherzigen, edlen Herrn Vaters galt und
gilt, dies mag im Allgemeinen wohl schon oft gesagt, auch wohl
selbst schon Ihnen, hochverehrte Frau! von Einzelnen persönlich
oft ausgesprochen worden sein; doch glaube ich kaum, daß dies
von einer, dem Leben und Wirken Ihres Herrn Vaters ganz
fern gestandenen Person mehr gelten kann, als von der mei-
nigen. -
Gleich beim Eintritte in meine Jünglingsjahre, wo sich
auch durch den Entwicklungsgang meines Lebens dasselbe selb-
ständig zu gestalten begann, begegnete ich in dem, ich möchte
sagen von Ihrem Herrn Vater so klar erkannten als bestimmt
gezeichneten tiefsten Streben meines Innern dem liebenden Va-
terrufe Ihres großen, die Menschheit in und durch den Einzelnen
zu sich heraufbildenden edlen Vaters, und von jenem Augen-
blicke blieb mir auch der Geist und das Streben, der Genius
desselben, als ein treuer Engel und Lebensführer bis jetzt wan-
dellos zur Seite. In den größten Bestrebungen meines Lebens,
wenn ich davon in meiner beschränkten Wirksamkeit reden darf,
war sein Manneswort mir Stütze und der Zuruf seines Genius
mir Ermuthigung.
So errang ich unter Schmerz und Leid, unter Kampf und
Entsagung, doch auch begleitet von den reinsten Lebensfreuden
und den schönsten Lebenspreisen, in meiner kleinen Wirksamkeit
eine Richtung nach der anderen, eine Stufe nach der anderen.
Gar manche Gedichte und dichterischen Aussprüche Ihres
unsterblichen Herrn Vaters, vor dessen klarem Geiste und lie-
bendem Gemüthe das menschliche Herz und Leben so durchsichtig
da lag, waren mir Lehren, die mir durchs Leben geholfen und
die ich darum dankbar als Votivtafeln im Heiligthume desselben
aufgehangen.
Schon vor einigen Jahren, als Ew. Wohlgeboren während /
[483]
meiner längeren Abwesenheit mein kleines Keilhau Ihrer Auf-
merksamkeit werth hielten, fühlte ich mich gedrungen, Ihnen dies,
der hochverehrten Tochter des lange nach seinem persönlichen Schei-
den noch so segensreich in mein Leben ein-, und in demselben fort-
wirkenden großen Mannes dankbar auszusprechen, indem die
Ahnung davon meinem Wirken wiederkehrend Ihre gütige Be-
achtung herbeizuführen schien; doch die Umstände hielten dort-
mals jene Zeilen zurück, und ich freue mich jetzt darüber: denn
so konnte sich das geistige Wechselverhältniß zwischen den Be-
strebungen Ihres Herrn Vaters und den meinigen gleichsam zu
einer klaren bestimmten Frucht entwickeln und so mein Wirken
dasselbe auch in seiner äußeren Gestalt kund thun; besonders
durch die seit einigen Jahren von mir hier angebahnte Anstalt
zur Pflege des Bildungstriebes, des Thätigkeits- und Beschäf-
tigungsdranges kleinerer Kinder, das lebenvolle innere Band
zwischen den Bestrebungen zweier, in so verschiedenen Kreisen
und auf so verschiedene Weise wirkenden Männer noch bestimm-
ter sich darlegen. Wie ich höre, haben meine Freunde bei Ew.
Wohlgeb. jüngster Anwesenheit in Keilhau dieser Anstalt gedacht,
in welcher ich mich bestrebe, wahre Kindheitpflege und ächte
Menschenerziehung durch Beachtung jenes Triebes und Dranges,
besonders durch entsprechendes Spiel und angemessene Beschäf-
tigung, namentlich kleinerer Kinder, zu begründen. - Diese Er-
wähnung ist vielleicht hinreichend, Ew. Wohlgeboren dasjenige
in die Erinnerung zurückzurufen, was Ihr, nicht allein das
Menschenwesen, sondern den Entwickelungsgang des ganzen Men-
schengeschlechtes und der Menschheit so tief durchschauender als
lebensvoll und klar zeichnender, so geistesgroßer, als gemüths-
tiefer Vater von der hohen Wichtigkeit der Beachtung und Pflege
des "Spieltriebes" in seinen Briefen über ästhetische Erziehung
des Menschen sagt, z.B. in dem 15. Brief derselben:
"denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch
„spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch
„ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.
„Dieser Satz, der in diesem Augenblick vielleicht paradox er-
„scheint, wird eine große und tiefe Bedeutung erhalten, wenn /
[484]
„wir erst dahin gekommen sein werden, ihn auf den doppelten
„Ernst der Pflicht und des Schicksals anzuwenden; er wird,
„ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen
„Kunst und der noch schwierigeren Lebenskunst tragen." -
Die Ausführung und Darlegung dieser für das Leben des
Menschen so segensreichen als tiefer Bedeutung vollen und doch
so schwierigen Kunst nun frühe dem Menschen als Einzelnen
wie in der Gesammtheit möglich zu machen, dies ist der eigent-
liche innerste Zweck besonders auch meiner jüngsten und letzten
Bestrebung, welcher ich, um den Geist wie den Zweck und das
innere Leben derselben in einem erfassenden und lebenvollen
Worte mindestens anzudeuten, den Namen "deutscher Kindergar-
ten" gebe, und zu dessen Verwirklichung ich, seines rein mensch-
lichen Wesens halber, wohl wünschte, daß die deutschen Frauen
und Jungfrauen auf die von mir dargelegte Weise Herz und
Hand böten.
Mit diesem Wunsch und Bitte komme ich denn auch nun,
geführt von mehrfachem Vertrauen, zu Ihnen, hochverehrte Frau.
Möchten Sie nun nicht allein für sich das Werk der fördernden
Mitwirkung, sondern möchten Sie es überhaupt werth finden,
alle, die das Streben Ihres großen und menschheitlich gesinnten
Herrn Vaters ehren und dessen Verwirklichung im Leben wün-
schen, zur Förderung dieses Unternehmens, wo sich Ihnen Gele-
genheit dazu zeigen sollte, einzuladen. In dieser Beziehung er-
laube ich mir, hier einige Pläne der Unternehmung nebst Bei-
lagen ergebenst beizufügen.
Darf ich mir nun noch gestatten, Ihnen ein Urtheil, wel-
ches ein erfahrener, diese Kinderpflegeweise im Kreise der ihm
anvertrauten kleineren Kinder anwendender erziehender Mann als
Ergebniß längerer Prüfung darüber an seine Behörde schreibt?
- Er sagt:
"Diese Spielmittel bieten dem Kinde auf jeder Entwicklungs-
„stufe zweckmäßigen Stoff, ja sie sind der Art, daß sich das
„Kind an denselben und durch dieselben allseitig entwickeln
„kann, weil sie das innere Seelenleben des Kindes mit der /
[485]
„Außenwelt in Verbindung bringen und die Außenwelt durch
„Selbstthätigkeit dem Seelenleben näher rücken."
Ihr Herr Vater aber sagt am Ende des 11. der genannten
Briefe:
"Hieraus fließen nun zwei entgegengesetzte Anforderungen
„an den Menschen .... mit andern Worten: er soll alles
„Innere veräußern und alles Aeußere formen. Beide Auf-
„gaben in ihrer höchsten Erfüllung gedacht, führen zu dem
„Begriffe der Gottheit zurück."
Sollte nun ein solches lebeneiniges Zusammentreffen von
zum Höchsten führenden Forderungen des reinen Denkens und
solcher That, solchem Thun nicht die thätigste Mitwirkung her-
vorzurufen im Stande sein, um die Früchte desselben zum Wohle
mindestens des aufkeimenden Menschengeschlechtes und so aller künf-
tigen reifen zu machen? -
In dieser freudigen Zuversicht unterzeichne ich mich mit
der ausgezeichnetsten wahren Hochachtung, mich Ihrem verehrten
Herrn Gemahl bestens empfehlend
Ew. Wohlgeboren
ganz ergebenen
Friedrich Fröbel.

Blankenberg, am 14. Juni 1840.