Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.7.1840 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.7.1840 (Blankenburg)
(BlM XXVII,4,6, Brieforiginal/Reinschr. 1 B 8° 4 S., tw. ed. Pösche 1887, 37-39; ed. Lück 1929, 4-7)

Blankenburg bey Rudolstadt am 19n Juli 1840


Innig verehrte, theure Muhme

Sie werden es sich kaum haben erklären können, daß Sie
auf Ihre wiederholten gütigen Zusendungen noch kein danken-
des Wort von mir empfangen haben. Der erste Grund
daß ich nicht unmittelbar antwortete war, daß ich unsere
Feyer des Gutenbergsfestes, welche wir aus mehreren Grün[-]
den auf den 28en Juny verlegen mußten, und an welcher
wir zugleich die Stiftung des deutschen Kindergartens be-
gehen wollten, erst vorüberlassen wollte um Ihnen, gütig
theilnehmende Muhme zugleich das Ergebniß dieser Feyer
hinsichtlich der Unterzeichnungen mittheilen zu können;
der zweyte Grund mag wohl der gewesen sein, daß, wie
zwar später vorauszusehen war, die Zahl der Unterzeich-
nungen kleiner war als wir Anfangs hofften, daß sie,
mindestens am Ende der Feyer des Gutenbergsfestes,
seyn würde. Endlich die dritte Ursache der längeren
Verschiebung der dankenden Erwiederung war der so-
gleich ins Werk gesetzte Vorsatz die Festfeyer zu ver-
öffentlichen und mit dieser Veröffentlichung zugleich Nach-
richt von dem Fortgange und Stande der Unternehmung,
des allgemeinen deutschen Erziehungswerkes für frühe Kind- /
[1R]
pflege zu geben. Ich hoffte Ihnen geliebte Muhme nun
diese Beschreibung und Nachricht sogleich mit meinem
dankenden Briefe übersenden zu können; doch der Ab-
druck verzögert sich gegen mein Erwarten, daß ich
unmöglich die Absendung des Briefes so lange ver-
schieben kann, deßhalb theile ich Ihnen wenigstens
das Wesentlichste von dem Stande der Sache mit.
Die Zahl der Unterzeichnungen hat keinesweges noch
bis jetzt die für die erste Stufe bestimmten 100 erreicht
sondern beträgt erst gegen 70. Die meisten Unterzeich[-]
nungen sind aus der größeren Nähe und die von Ihrer
Güte eingesandten mögen mit zu den entfernteren
gehören; doch sind auch mehrere aus Westphalen einge-
gangen. Weimar hat sich auch theilnehmend bewie-
sen woselbst auch die Großherzogin unterzeichnet
hat, eben so hat die regierende Herzogin von Meiningen
unterzeichnet; die anderen fürstlichen Unterzeichnungen
in Rudolstadt rc habe ich Ihnen wohl schon gemeldet.
Sie werden nun vielleicht gütig theilnehmende Muhme
meynen, daß mich dieser geringe bisherige Erfolg an
dem Gelingen des Ganzen zweifeln mache und mir
zur Fortsetzung des Unternehmens den Mut schwäche,
keines von beyden: er lehrt mich nur den Stand des Ganzen /
[2]
die Hindernisse welche der Ausführung des Werkes ent-
gegen stehen und die Mittel wie den Weg zu deren Er-
reichung genauer kennen. Also erreicht wird das Werk
ganz gewiß, es muß wegen dem höheren Wesen der
menschlichen Natur erreicht werden, darum wird we-
nigstens das Wirken dafür von mir nicht aufge-
geben werden.
Das größte Hinderniß ist der Mangel an Gemeinsin[n]
oder um sie in einem etwas platten Sprichworte zu be-
zeichnen, die Überzeugung: "Das Hemd ist mir näher
als der Rock" dieß ist nun zwar äußerlich und räumlich
allein keinesweges dem Wesen nach wahr; denn in dem
schönsten und besten Hemde kann ich auf das aller bequem-
ste erfrieren mich wenigstens bis auf den Tod erkälten
während mich ein guter Rock für beydes schützt; damit
ist nun keinesweges gesagt daß ein gutes Hemd unnütz
sey; allein es ist doch auch bewiesen daß das Streben nach
einem guten Rocke, nach einem Allgemein Umschließenden
und Schützenden kein leeres und U unnützes sey. Ich sage
dieß in Beziehung auf die frühe wie spätere Familien[-]
erziehung wie in Beziehung auf die jetzt an die Tages[-]
ordnung kommenden Kleinkinderbewahranstalten,
sie können nur wahrhaft gedeihen wenn sie durch einen
allgemein herrschenden, rein menschlichen Geist der Er- /
[2R]
ziehung und frühen Kindheitpflege getragen werden.
Ich könnte noch mehrere Anschauungsbeyspiele geben
z.B. wie vereinzelt stehende Bäume kampfvoll
und fast verkümmert herauf wachsen, weil der
Wind das Laub welches sie schützend und zur Nahrung
auf ihre Wurzeln streuten, von denselben ver-
wehet während die im geeinten Walde stehenden
Bäume, wo der eine die schützende und fruchtbare
Laubdecke des anderen bewahrt, kräftig empor wach[-]
sen. Also diesen Gemeingeist theuerste Muhme und
Freunde, die richtige Würdigung desselben müssen
wir zu wecken suchen. Doch warum Ihnen, der schon
ohne dieß gütig Theilnehmenden dieß?- Darum, daß
Sie den übrigen Theilnehmerinnen von meiner Über-
zeugung und deren Grundlage, im Fall Sie sich dazu
aufgefordert fühlen sollten, Kunde geben können.-
Heut Ihnen und den übrigen beyden Theilnehmerinnen nur
ein Bruchstück aus der Festfeyer.-
Herzliche Grüße an Ihren hochgeehrten Gatten und Ihre
liebe Familie.
Theure, geliebte Muhme lassen Sie uns der Herzen und
Gemüther ursprüngliche Einigung pflegen zum Seegen
der Menschheit; sehen Sie deßhalb ist mir Ihre Herzens-
und Lebenstreue so unaussprechlich viel werth. Seyen
Sie dieselbe [sc.: derselben] auch versichert von
Ihrem aufrichtigen Vetter FriedrichFröbel.