Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 5.9.1840 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 5.9.1840 (Blankenburg)
(BlM XIV,2, Bl 2-7, Brieforiginal 3 B 8° 11 S., ed. Pösche 1887, 39-44; ed. Lück 1929, 7-14)

Blankenburg bey Rudolstadt am 5 Septbr 1840.


        Geliebte theuerste Muhme.

Wie glücklich Sie mich durch die Versicherung Ihres innigen An-
theils an meinem Leben gemacht haben und machen, das füh-
len Sie in sich gewiß und ich, ja ich freue mich wieder dieser
Gewißheit. Es ist für das Leben ein kostbares Geschenk von
einem Gemüthe im Gemüthe, in Beziehung auf des Lebens höchste
und beste Güter verstanden zu werden. Beglückt bin ich da-
rum, daß Sie mich in Hinsicht des Grundes des Ausgangs-
und Zielpunktes meines Handeln[s] bey Behandlung und Erzieh[-]
ung auch schon der noch kleinen, und noch spielenden Kinder verstehen,
ohne daß ich Ihnen nur ein Wort darüber auszusprechen, nur
einen Namen nennen zu bräuchte. Sie fühlen und sagen sich ganz
recht, daß ich von der frühesten Kindheit an in dem Gemüthe,
in dem Geiste und dem Leben des Menschen einen Keim
pflegen und wecken möchte, aus welchem dessen Lebensbaum
in unverwelklicher Frische, mit immer neuen Blüthen und
immer vollkommeneren reifen Früchten in Friede und Freudig-
keit, nicht nur hervor[-], sondern aus dem Diesseits in das
Jenseits hinüberwachse, zum Wohlgefallen bey Gott und
bey den edlen, reinen Menschen und zur Freude Dessen welcher
die Kindlein seegnete; damit auch die Erde erkannt werde /
[2R]
als das was sie ist, als eine der vielen Wohnungen in dem Hause
Gottes, unseres Vaters, also auch als ein Theil seines Him-
mels und so beachtet werde. Nicht aber nach willkührlich
selbstgeschaffener und erdachter Meinung, sondern nach der
Weise, die Gott uns selbst auf so verschiedenen Wegen lehrte
und lehren ließ. Doch die Menschen, welche das Wort
mehr als die Sache und als die That lieben, wollen mich nicht
verstehen; ich sage sie wollen mich nicht verstehen, weil ich
dem leeren Worte seinen Werth nehme und an dessen Stelle
die Sache und die That stelle und zwar klar, rein, lebenvoll,
einfach wie sie aus Gott selbst hervorgegangen. Was könnte
mir also erfreulicher seyn als, daß Sie mich in Hinsicht auf den Geist
meines Handelns verstehen denn mein höchstes Streben ist
nur dahin gerichtet die Stimme Eines zu hören, welcher uns
in alle Wahrheit leitet, nicht aber selbst- und eigensüchtig
willkührlich zu handeln; doch s Sie erkennen mich auch in der
Form und in der Art meines Handelns, in welcher ich wenig[-]
stens so seelengern handeln möchte. Mein Gemüth und Geist
liebt nur in [sc.: die] Einfachheit, Stille, Zurückgezogenheit und Be-
scheidenheit, allein in Klarheit, Geordnetheit, Einklang und
Lebensfülle für das Gute, Tüchtige, Wahre, Frieden- und
Freude gebende zu leben, zu wirken; allein durch ein wirklich
wunderbares Geschick durch ein eigenes Zusammentreffen
von Umständen bin ich immer, bis auf die jüngste Zeit, gegen /
[3]
die Forderungen und den Wunsch meines eigenen Gemüthes
hervor und ins Leben gedrängt worden.- Ich weiß es, meine
liebste Muhme! und ich habe es sattsam erfahren, daß das
Gute und Tüchtige, das Wahre und Ächte nur aus dem Kleinsten,
Stillsten Verborgenen hervorkeimt. Sollte ich irgend in mei-
nem Leben ein weniges Taugliches gethan haben, so ist es einzig
daraus hervorgegangen. Heute noch theuerste Muhme
zöge ich noch zu dem Kleinsten, in und auf das Kleinste
zurück wenn ich die Bedingungen dazu erreichen könnte;
allein ein Kunstleben, durch welches wir nun einmal und ich selbst
mit meinem Kindergarten, soll er anders wirklich werden,
hindurch gehen müssen; ein solches Leben erweitert und vergrößert
sich ehe man es denkt. So wuchs auch wieder der Plan eines
deutschen Kindergartens wie, ich möchte sagen mir selbst un-
erwartet, zu der Größe und dem Umfange hervor, in welchem
er jetzt ausgesprochen vorliegt.- Ich beginne noch heut die
Idee des Kindergartens aus dem kleinsten Punkte aus
zu entwickeln, wozu sich hier so viel Förderliches zeigt, wenn
ich eine Bedingung dazu erreichen kann: ein eingehendes weib-
liches Gemüth mit mütterlich erfahrenem Sinn zur Pflege
und Beachtung der Kleinen und zur Heraufbildung der größe-
ren Töchter und Jungfrauen. Wohl kann das aufkeimende
Geschlecht dem Ziele der Menschheit aus dem kleinsten Punkte entgegen erzogen und
gebildet werden, wie dieß ja /
[3R]
ja auch die Geschichte der Menschheit mehrfach zeigt;
allein drey Bedingungen, gleichsam als ein einziges un-
zertrennliches Ganzes, sind dazu unerläßlich: -
1. weibliches Gemüth und Leben, dieses
2. in inniger Einigung mit ächter Kindheitpflege und
        beydes E Kindheitpflege und weibliches Gemüth und Leben
3. sich gründend in einem wahren Gotteinigen Sinne.
        Dieser Sinn, nicht aber blos auf der Stufe des blosen
        Einsehens und Erkennens, nicht blos auf der des
        blosen Gefühles, nicht blos auf der Stufe des unbewuß[-]
        ten Ausübens, sondern in inniger Durchdringung von
        allen dreyen als ein in sich einiges, sinniges Ganzes.
Und was kann ich einem weiblichen Wesen das sich mit
hingebenden kinderliebenden Sinn zu einer solchen Wirksamkeit verbände
bieten?- Nach dem was mir von solchen Forderungen be-
kannt worden ist, nicht das, was dasselbe befriedigen
würde. Doch dieß ist nicht die erste und Hauptsache, diese
ist zunächst das Finden des weiblichen Wesens, der Frau
d.h. Mutter oder Jungfrau selbst.- In meinem Kreise
sind aber schon alle weiblichen Glieder durch Beruf und
Pflicht gebunden und die etwa noch frey sind, wie z.B.
meine Nichte[n], denen machen es körperliche Mängel
z.E. Schwerhörigkeit unmöglich.
Wohl ist Ihre Aufforderung, liebste Muhme! zur /
[4]
Ausführung des Kindergarten im Kleinen und Kleinsten mir
aus dem Herzen geschrieben, auch liegt mir an der Ausführung
im Großen, als einem Großen ganz und gar nichts, denn ich
weiß daß das Große hier nicht etwa blos f viel Ungemach
und Beschwerde, nein! vor allem oft Leeres und Todtes mit
sich führt; ich dagegen wünschte, daß der Gedanke lebenvoll
und in seiner ganzen Reinheit und Gotteinigkeit wenn auch
nur in dem kleinsten Keime Wurzel fasse; allein woher
dazu die weibliche Hülfe erhalten?- Anders erscheint
es mir, wenn der Plan im größeren Maaßstabe ausge-
führt würde, dann könnte man einer entsprechenden
ganzen Familie eine sorgenfreye Stellung biethen, eine Fa-
milie, welche so vom Geist des Ganzen durchdrungen sey,
daß sie in mir ihren geistigen Vater und wahren Freund
erkennte und anerkennte. Sehen Sie, gütige theilnehmende
Muhme und Freundin, so dachte ich mir die Ausführung
des Ganzen, in seinem reinen, ich möchte sagen selbst
patriarchalen Geiste möglich. Doch ich höre herzlich gern Ihre
weiteren Vorschläge und ich will darum auch eben so gern
mein ganzes Leben und Wirken Ihnen zur Prüfung vorlegen.
Mein Wirken hat nemlich noch eine Seite, die Ihnen ohne
Zweifel noch ganz fremd ist, die industrielle und mer-
kantilische. Ich muß es nemlich bis jetzt für das Ganze für
das angemessenste halten, wenn ich die Spiel- und Beschäftig- /
[4R]
ungsmittel mit allem Zubehör: literarischen und lithogra-
phischen, selbst anfertigen lasse. Ich finde darinn, meine
theilnehmende Muhme! ein sicheres Mittel, daß das
Ganze ganz allein aus und durch sich selbst, sich entfal-
ten, bestehen und sich erhalten kann. Allein ich bin hier
wieder allein; ich bin nicht Geschäftsmann; keiner mei-
ner Freunde ist es und, wer es vielleicht hätte werden
können, mein Neffe, den raubte mir vor Jahren der Tod.
Ich habe nun für diesen Zweig meiner Wirksamkeit, für
die Besorgung des industriellen und merkantilischen
seit Langem einen jungen Mann mit mir zu einigen
gesucht, allein auch dieß macht Forderungen die sich nicht
so leicht erfüllen lassen. Der junge Mann muß nicht nur
Geschäftskenntniß und Erfahrung, er muß auch in gewisser
Beziehung einen erziehenden, allgemein menschlichen Sinn haben,
d.h. er muß den Geist und das Streben des Ganzen nicht nur
anerkennen, sondern sich auch durch das Wirken in diesem Geiste,
in sich ganz befriedigt fühlen. Ich bin in mir tief und fest über[-]
zeugt, daß das Ganze eine so günstige Geschäftsunternehmung
ist oder vielmehr werden könnte, wie es deren wenige giebt, indem wir stets durch den
Geist das Ganze in unserer Macht haben; allein meine eigene
Überzeugung kann ich so leicht Niemand mittheilen, und sich selbst
davon zu überzeugen dieß fordert für den jungen Geschäftsmann
eine Bildungsstufe, welche sich nicht so leicht findet. Allein /
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wenn dieß zu vereinigen wäre, so liegt das Ganze in sei[-]
ner möglichen Ausführung auch von der Geschäftsseite in
seiner ganzen Großartigkeit vor mir. Hätten Sie, liebste
Muhme! einen Sohn im selbstständigen Mannesalter, welcher
sich dem Geschäftsleben gewidmet hätte, so würde ich Ihnen
das Ganze weiter zur Prüfung vorlegen.
Doch jetzt fordert mich Ihre freundliche Theilnahme auf
zur Unternehmung des deutschen Kindergartens zurück
zu gehen um für denselben Ihre gütig eingehende Mitwirkung
in Anspruch zu nehmen.
Es ist wahr, es haben Einige in Leipzig sehr warmen An-
theil an diesem Unternehmen bezeigt und sich sehr günstig
dafür ausgesprochen, so z.B. der Herr Director Dr Vogel
an der Bürgerschule; der Herr Prof: Lindner der Herr
Oberlehrer Dr Lechner an der 2n Bürgerschule; Otto
Wigand der Buchhändler und noch andere. Allein im Ganzen
ist doch kaum rege Theilnahme für Leipzig daraus her-
vorgegangen und nur 3 Unterzeichnungen sind mir aus
Leipzig zugekommen, obgleich wie ich glauben muß viele
Pläne in Leipzig vertheilt worden sind und selbst, vorhin
gedachter Herr Dr Lechner ganz besonders auch noch (wie ich
höre) in Aufforderung von d[em] He. Dr Vogel eine sehr kräftige
Einladung zur Unterzeichnung in dem Leipziger Tagesblatte
und Anzeiger, ich glaube unterm 16. Juli, hat abdrucken
lassen. Ich erlaube mir Ihnen diese Einladung und Auffor- /
[5R]
derung abschriftlich beyzulegen. Nach alle dem was ich nun
von Leipzig vernommen habe, (:Irre ich nicht sehr, so hat sich
auch der Herr Superint: Großmann theilnehmend und
günstig für das Ganze ausgesprochen:) - so fehlt es
in Leipzig besonders daran, daß die Sache von einzelnen
Punkten aus lebenvoll angeregt würde. Wie?-
Von wem?- dazu habe ich zu wenig, ja fast keine
Localkenntnisse. Vielleicht, daß gestützt auf Dr
Lechners Aufforderung und daran anknüpfend irgend
eine achtbare Frau Leipzigs aufträte und anzeige,
daß, veranlaßt durch E gedachte Einladung und durch den Geist u Zweck des Ganzen sie sich ge-
drungen fühle Unterzeich-
nungen für das Unternehmen zu sammeln und daß bey
ihr Pläne und Unterzeichnungsscheine zu haben seyen.
Ich bin nun so frey Ihnen auf Ihr gütiges Anerbieten
hin 25 Stoß Pläne nebst dem Doppelten von Un-
terzeichnungsscheinen zu schicken. Verwenden Sie solche
nach Ihrem besten Ermessen für Leipzig oder wie Sie
es sonst am angemessensten halten. In Leipzig sind
auch noch Pläne nebst Scheinen u.s.w. bey einem ge-
wissen Herrn Otto Max. Krämer, Elementarlehrer
an der Bürgerschule zu erhalten. Wie Sie aber auch
liebste Muhme! das Werk fördern wollen, so bin ich zum
Voraus eines guten Erfolgs gewiß, schon das Wirken
vom Frauengemüthe aus und mit Frauenhand thut viel, jedoch /
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noch mehr die Gesinnung, die reine wohlwollende, die jeder
Ihrer lieben Briefe mir von Ihnen so schön bethätigt [sc.: bestätigt]. Erlau-
ben Sie mir darum gütigst, daß ich Ihnen hier angeschlossen
auch noch den Auszug aus einem Briefe beylegen darf
welchen ich so eben empfing und welcher auch noch die
Stimmen einiger anderer namhafter Erzieher, so des alten
ehrwürdigen Zer[r]enner zu Magdeburg über diesen Gegen-
stand enthält. So ist eigentlich von keiner Seite mir eine
wirkliche Entgegnung wohl aber vielseitig die wärmste
Beistimmung zu Gehör gekommen, allein es fehlt nur
den Menschen der Muth und das Vertrauen unmittel-
bar dafür zu handeln. Wollten nur noch einige Frauen
Ihrem Beyspiele folgen, so würde das Unternehmen bald
in jugendlicher Kräftigkeit dastehen, doch ich bin schon in-
nigst erfreut über Ihr seelenvolles Mitwirken und
dafür herzlich dankbar, lassen Sie uns nur bleibend in Ge-
sinnung und That zur Pflege des Werkes auch in dem klein-
sten Punkte, geeint bleiben. Ja nur zwey, für einen rein
menschlichen Zweck innig geeinte Gemüther und Menschen
können fast Unbegreifliches wirken, die Geschichte der Mensch-
heit beweist es ja! und Ihnen und uns steht ja noch Ihr
theurer Gatte, der hochgeschätzte Vetter, fördernd zur Seite.
Auch ihm bin ich herzlich für sein Mitwirken dankbar. So
bald als die Beschreibung des der Festfeyer im Publikum seyn wird, /
[6R]
erlaube ich mir wohl ihm einige Thatsachen mitzutheilen
um vielleicht in dem Geraschen Localblatte von dem
Fortgange der Unternehmung wieder einige Nachricht
zu geben.
Doch was sagen Sie, liebe Muhme! daß ich es wagen
konnte Ihnen so viel Zeit zu rauben, daß ich Ihnen
zumuthen konnte einen so langen und so schlecht geschrie[-]
benen Briefe zu lesen! Nur die Gewißheit in der
theuren Verwandtin zugleich die wahre Lebensfreundin
zu finden, nur diese innige Überzeugung konnte mir
dazu den Muth geben.
Möchte die Vorsehung mir solche Einigung zu einer schönen
Blüthe und reifen Frucht, zu solchen Blüthen und Früchten am
Baume der Menschheit zur Freude und Gesundung, so
zum Frieden v Vieler führen. Führen wir doch beyde den
Namen Friedenreich; möchte [er] so v Vielen und seyen es auch
nur Kinder von uns, mindestens der Keim zu
ächtem Lebensfrieden zu wahren Seelenfreuden ge[-]
reicht werden.-
Da wir das sämtlich so wahr finden was Sie über das
Reisen auch der Jugend aussprachen, so haben verflossenen
Dienstag die älteren und erwachsenen Zöglinge meiner
Keilhauer Anstalt mit ihren erziehenden Lehrern,
unter Leitung des Herrn Barop über Hof und Wunsiedel /
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eine Reise nach Prag angetreten. 25 Personen war
die Gesellschaft, die frohe, stark. Künftigen Dienstag,
also 3 Tage später, will Herr Middendorff mit den
jüngeren Zöglingen und den Töchtern der Anstalt
in der Erstreckung von Coburg bis gegen Eisenach
eine Reise abwechselnd auf den beyden Seiten
des Thüringer Waldes machen.-
Daß Middendorff und Barop - wovon der erstere
wieder der Oheim des zweyten ist - Schwiegersöhne
meines einzigen noch lebenden und in Keilhau woh-
nenden Bruders sind, wird Ihnen schon bekannt seyn.
Von allen in Keilhau und hier habe ich Ihnen und Ihrem
werthen Gatten und den lieben Söhnen die freund-
lichsten Gegengrüße zu sagen. Ich wollte
nur, daß die Fr Dr Wild bald wieder den Vorsatz
faßte ihren Sohn Carl in Keilhau auf einige Zeit
zu besuchen und daß Sie sich dann entschlössen solche
zu begleiten.
Den Plänen habe ich noch eine Wochenschrift von mir
beygelegt, vielleicht finden Sie eine Notiz darin, welche
Ihnen lieb ist.
Mit inniger Hochachtung und Freundschaft
         Ihr
ergebenster Vetter
FrFröbel. /