Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 9.12./12.12./13.12.1840 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 9.12./12.12./13.12.1840 (Blankenburg)
(BlM XIV,4, Bl 10-28, Brieforiginal 9 B 8° 35 S.+1 Bl 16° Adr., tw. ed. Pösche 1887, 44-59; zit. Prüfer 1909, 57; tw. ed. Lück 1929, 23-46; zit. Kuntze 1952, 130. - Auf BlM-Film bei dem eigentlichen Brief und der am 13.12.1840 in Saalfeld gestempelten Paketadressierung eine weitere Seite v. 13.12.1840, der Text ist möglicherweise auf Rückseite des Einschlagpapiers o.ä. geschrieben (dann = 28R. Am Fuß von 12R/13V finden sich Texterweiterungen von anderer Hand.)

Blankenburg b. Rudolstadt am 9 Dzbr 40.


Innig hochgeschätzte, Theure Muhme.

Ihre und des hochgeehrten lieben Vetters so warme Theilnah-
me an der Sache der Kindheit rührt mich wirklich, denn
sie ist, eben um der Sache willen, so doppelt hoch zu achten,
da Ihre lieben Söhne den Jahren der ersten Kindheit schon
entwachsen sind und schon die Beachtung besonderer Forde-
rungen des Lebens nöthig machen; doch Sie beyderseits
fühlen tief die Pflege des Menschlichen im Kinde und des
Göttlichen in der Menschheit, sie kommt nie zu früh, ist
nie zu spät, und soll nie von der Sorge für das Besonde-
re verdrängt werden. Wie freue ich mich nun, ja, wie
glücklich bin ich, Ihnen dagegen auch sagen zu können daß
nun wohl schon Zehn und abermals Zehn, wohl Hundert
und mehr als Hundert die Gefühle, die Gesinnungen u.
Überzeugungen, wenn auch nicht der Stärke und dem Um-
fange, doch dem Wesen nach, mit Ihnen über diesen Ge-
genstand theilen. Sie sind eigentlich, beste Muhme!
- (:und ich spreche es von Ihnen als meiner lieben Geistes-
und Lebensverwandtin mit Hochgefühl aus:) - die
erste deutsche Mutter gewesen, welche die Sache der Kind-
heit so tief und warm, als kräftig und werkthätig erfaßte. /
[10R]
O! ich habe mir längst eine solche Mutter zu finden gewünscht;
denn ich wußte, wenn ich sie gefunden hätte, daß das Leben
und Wesen derselben still und unsichtbar, wie das We-
sen eines Magneten, fortwirken würde. Und so ist es,
theuerste Muhme und liebster Vetter. Seit ich Ihnen
das letztere mal schrieb, seit ich von Ihnen Ihren vorigen
lieben Brief erhielt, hat wieder ein ausgestreutes Saamen-
korn genügender Kindheitpflege in Deutschland gekeimet,
Wurzel gefaßt und aus seinem Herzpunkt und
Blättern einen schönen "Kindergarten" entwickelt
und zwar, was mir das Wichtigste und Bedeutungsvoll-
ste ist, ganz dicht in meiner Nähe, in der eigenen Resi[-]
denzstadt meines Heimathländchens, also in Rudolstadt
selbst, und was das zweyte und gleichwichtige ist: - ohne
alles mein persönliches Hinzuthun, ja ohne alles
andere, auch nur das geringste Anregende von mei[-]
ner Seite, als daß ich eben mit den Kindern hier in
Blankenburg spielte. Die Eltern kamen, kamen allein,
kamen mit den Kindern, es spielten die Kinder mit den
Kindern und die Eltern konnten sich nicht enthalten mit
ihnen zu spielen; das innerste Leben der Eltern und
Kinder wurde befriedigt, so keimte und wuchs die
Sache Monate, ja von dem ersten Besuche an wohl über /
[11]
ein Jahr, denn Gutding will Weile haben, und mir war
die Prüfung schon recht, denn ich wußte, der Gegenstand
besteht in der Feuerprobe; auch hatte mich die Vorsehung seit
dreyßig und etlichen Jahren schon warten und das Kleine
still pflegen gelehrt. So wurde ich denn am Ende des
vorigen Monats von einer Mehrheit von Müttern zur
Verpflanzung meiner Spiel- und Beschäftigungsweise
nach Rudolstadt aufgefordert, um am ersten Dienstag
in diesem Monate, ich glaube, es war auch der 1. Dzbr.
wurde Nachmittags von 2-4 Uhr mit 24 lieben Kindern
von 2-5 Jahren im Beyseyn ihrer Mütter, auch einiger
Väter, und sonstiger Verwandter

"Der Kindergarten zu Rudolstadt"
eröffnet, ein wahrer Garten von Kindern, denn sie sind
fröhlich, heiter, frisch und kräftig wie die Blumen im Garten
aber auch lieblich und mild, wie Reseda und Veilchen.
Durch ein Circular war alles durch einige oder eine
der Mütter schon festgesetzt. Alle Woche Dienstags
und Freytags von 2-4 ist Spiel und Beschäftigung. Die
Fürstin Mutter Durchl. hat ein Locale in ihrer Strick-
schule hergegeben. Zur Herbeyschaffung des nöthigen
Stubengeräthes trug bey, wer konnte; die Kosten
der Heizung trägt der Verein der Mütter. Ver- /
[11R]
flossenen Dienstag war die 3e Zusammenkunft. Eltern
und Kinder schienen nicht nur befriedigt, sondern glücklich,
und Jemand bemerkte: die Kinder seyen nun den Eltern,
nachdem sie solche in einer so schön geordneten Thätigkeit
zufrieden und heiter gesehen - selbst lieber noch geworden.
Auch Väter waren wieder zugegen, obgleich die Sache größ-
tentheils nur von Müttern ausgegangen ist. Daß mich
diese Theilnahme, ich muß wohl sagen, stärkt, liegt wohl in
der Sache; doch auch von meiner und und unserer Seite wird
solche nach Möglichkeit gepflegt: - Ob ich gleich hier bis 12
Uhr Mittags Stunde habe, so wird an den bestimmten
Tagen Punkt 1 Uhr von hier weggefahren. (:Die Kosten trägt
natürlich der Verein.:) Kurz vor 2 bin ich in dem Locale.
Kaum eingetreten, erscheinen schon die Kinder allein oder
an der Hand ihrer Mutter oder sonstigen Wärterinn[.]
Mein Freund und treuer Mitarbeiter Herr Middendorff
begleitet mich; bald darauf kommt auch ein junger Mensch
nach, welchen die Fürstin Mutter Durchl. zu einem Kinder-
und Spielführer bey mir ausbilden läßt, damit es uns
möglich ist, allen Forderungen zu genügen, mich besonders,
der ich fast gar keine Stimme habe, im Gesang zu unterstützen
und ganz besonders die kleinen kräftigen Jungen, ohngefähr
½ Dzzd, wo einer allein so viel Kraft als ½ Dzzd kleiner Mädchen äu-
 /
[12]
ßert, zu führen. Nach Beendigung des Spieles nimmt
das Ordnen der Spiele wieder einige Zeit weg, so daß wir
gegen 6 Uhr wieder in Blankenburg sind. Die Spielzeit
ist zur Hälfte den Bau- zur Hälfte den Bewegungsspielen
gewidmet. Das Erfreulichste von dem Ganzen ist, daß ad-
liche [sc.: adlige] und bürgerliche Mütter sich hier im gleichen Interesse
freundlich begegnen und so zu gemeinsamem Zwecke die Hand
biethen. Da es vielleicht für eine oder die andere Ihrer
Freundinnen angenehm ist, die Namen der theilnehmenden
Familien zu wissen, so will ich mir erlauben, Ihnen solche
mitzutheilen: 2 Familien von Ketelhodt, 2 Familien
von Gleichen, 1 Familie von Hopffgarten, 1 Familie
von Beulwitz, 1 Familie von Bamberg, 1 Familie
Schwartz, 1 Familie Schwarz, 1 Fam. Greiner, 1 Fam.
Mörsberger, 1 Fam. Bergmann, 1 Fam: Courioni,
1 Fam. Körbitz. Unter den letzteren sind Kaufleute und
Fabrikbesitzer. So eint schön die Kindheit wieder, was
die Convenienz oft so hart trennt. Auch spielen die Kinder bürgerlicher und adlicher Eltern mit und nebeneinander ohne daß, wenigstens beym Spiele Trennung erscheint. Und schon dieses wird
wohlthätig, ja segensreich auf die menschliche Gesellschaft
zurück wirken. Aus diesem allen können Sie sich nun
wohl die große Pflege erklären, die ich dem Ganzen ange[-]
deihen lasse. Wie nun Ihre Lebenspflege, liebste Muhme!
- auch für Rudolstadt weckend u. nährend wurde, davon später. /
[12R]
Warum ich Ihnen, liebste Muhme, dieses alles früher schrei[-]
be, als ich eigentlich zur Beantwortung Ihrer lieben Brie[-]
fe selbst übergehe?- Darum, weil ich glaube, daß es er[-]
freuend und erhebend wirkt, wahrzunehmen: wie dasjenige,
dem wir unsere Achtsamkeit und Pflege zuwenden, solche
auch von andern gebildeten und edlen Menschen empfängt,
und ich Ihnen gern diese Freude und Erhebung und allen denen,
welche mit Ihnen an der Förderung der Sache der Kindheit
und so der Menschheit, und so wieder an der, der Kind Christenheit
so werkthätigen Antheil nehmen, - in recht reichem Maße
zufließen lassen möchte.Ich sagte mit dem größten Vor[-]
bedacht "Christenheit" denn ich will es Ihnen nur ganz ein-
fach und ohne allen Wortprunk ganz offen gestehen, daß ich
in mir auf das unverwandelbarste und tiefste überzeugt bin: wir
werden durch diese Spiel- und Beschäftigungsweise der kleinen
und kleinsten Kinder, d.h. ihrer entsprechenden Beachtung, Pflege
und innerer wie äußerer Bethätigung recht in die Mitte,
in den Keim, den Quell, in den Herzpunkt des thätigen
Christenthums versetzt. Denn erstlich vermeiden wir die
höchst traurigen Folgen, welche uns der größte Kinder-
freund in der frühen und frühesten Kindervernachlässigung
zeigt, indem er ausspricht: - "Wer ein Kind ärgert,
dem wäre es besser, daß" pp pp. Und wie viele, viele Kinder /
[13]
oft die kleinsten Kinder, werden nicht durch Langeweile und durch
unstatthafte Beschäftigung, im Sinne Jesu, ja man kann sagen
oft aus Gutmeynen geärgert?- Dann aber erfüllen wir eine
der wichtigsten Forderungen Jesu, welche sich in den Worten aus[-]
spricht: - "Wer das Reich Gottes nicht empfänget als ein Kind-
lein pp pp". Denn das Reich Gottes ist das Reich - der Einheit
der Einigung, der Einigkeit, der Eintracht, des Einklangs, der
Liebe, des Friedens, der Gesetzmäßigkeit; der Beachtung
vor allem des Innern, der Wahrnehmung des Innern
in und am Äußeren, durch das Äußere; es ist das Reich
der Verträglichkeit, des Vertrauens, des Glaubens, des
Hoffens; es ist das Gebiet der Beachtung des Kleinen als
Glied und Theil des Großen, des Nahen als Keim des Fer-
nen u.s.w. u.s.w. Und alles dieß, geliebte Muhme und
theurer Vetter! alles dieß wird durch diese Spiel[-] und Be[-]
schäftigungsweise in dem Kinde früh geweckt, genährt
gepflegt und entwickelt. Darin, hochgeschätzte Verwandte
ist das oft Unbegreifliche in der Wirksamkeit dieser Be[-]
thätigungsweise - von Manchen das Magische derselben
genannt - gegründet; darinn ruht der Seegen, welcher von
ihrer gläubigen und vertrauenden (d.i. kindlichen, mütter[-]
lichen, elterlichen, geschwisterlichen) Anwendung aus,
sich über das ganze Leben des Kindes und von diesem wei[-]
ter, über das der ganzen Familie verbreitet: - denn /
[13R]
Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Er[-]
kenntniß der Wahrheit kommen; allein durch die Mittel,
welche Gott nicht allein von Ewigkeit in dem innersten We[-]
sen des gesamten Welt- und Lebensganzen kundgethan
und in dessen Erscheinung, der ganzen Schöpfung, ausgeprägt,
sondern auch in das Wesen jedes Dinges und so ganz vor
allem in das Gemüth, in den Geist und in die Hand des Men-
schen, als einem Einzelnen, wie der Menschheit, als einem
Ganzen und doch wieder Gottgeeinten gelegt hat. Wie
der Mensch in jeder Beziehung am schwierigsten zur Selbst[-]
beachtung und Selbsterkenntniß, im Bösen wie im Guten,
kommt, und sich erst im Spiegel des Himmels (der Ewig[-]
keit) wie der Natur und der Schöpfung (des Wechsels
und der Vergänglichkeit) sehen und schauen mußte, um
zu der Erkenntniß und Einsicht und zur Nachlebung nach der[-]
selben zu kommen; daß Gott als ein liebender Vater dem
Menschen in dem Nahen, ja Nächsten; in dem Kleinen, ja Klein[-]
sten, in dem Quell- Keim[-] und Herzpunkte des eigenen
Lebens selbst also in den ersten Äußerungen des Kindeslebens schon und im reinsten vollsten Einklange mit dem großen
Welt- und Lebensganzen all die ersten Mittel und Bedingungen
gegeben habe, um so geeint u einig in sich, wie geeint und einig
mit dem großen Welt- und Lebensganzen (Schöpfung, Natur)
und geeint und einig mit u[n]d in Gott, in Friede und Freude
als ein Kind Gottes schon auf der Erde im Himmel zu wandeln
 /
[14]
und zu leben; denn Gott ist allgegenwärtig, folglich ist er auch auf
der Erde gegenwärtig, Gott spricht aber auch in unserm Innern
wirkt in demselben und durch dasselbe; wo aber Gott gegenwär[-]
tig ist, wo er wirkt, spricht, d.h. sich offenbart, kund thut,
da wohnt er, in menschlicher Weise gesprochen: wo er aber
wohnt, da sagen wir sey der "Himmel", das nennen wir den
"Himmel", wir wandeln also thatsächlich schon auf der Erde im
Himmel, dazu will uns das Christenthum um es zu erkennen
die Augen öffnen; dieß ist eines von dem Vielen, was Jesus
sagte: ich hätte Euch noch viel zu sagen, aber pp. pp. Aber es
soll uns gesagt werden: "Der Geist, das Wesen des Ganzen
soll und wird es uns sagen["], also der Geist Gottes, wenn wir
nur die Wege betreten, die er uns zeigt und lehrt, also zum
Lebens Anfangs- und Ausgangspunkt, in allem zur Kindheit zurück kehren und diese
die Einheit, das Wesen, das Innere pp wahrnehmbar machen
und zwar auf irdische; menschliche; kindliche; d.h. einem
Erdner, einem Menschen, einem Kinde zugängliche, begreifliche
Weise, also: die Einheit durch und in der Mannichfaltigkeit,
das Wesen in der Erscheinung, das Innere im und durch das
Äußere, den Geist in und durch den Körper, das Gesetz
durch die Gestallt, die Harmonie, durch die Melodie, die
Seele durch den Leib - das heißt alles in allem ...
- durch ein allseitig harmonisch thätiges Leben und Wirken
- und dieß soll die von mir aufgestellte Spiel[-] und Beschäftigungsweise
/
[14R]
den Kindern seyn und geben.
Ich sprach Ihnen, meine theure Muhme oben aus: - wir würden
durch diese Spiel- und Beschäftigungsweise recht in die Mitte,
in den eigentlichen Lebenspunkt des thätigen Christenthums
versetzt, und führte dieß in meinem "Erstlich" bisher in Beziehung
auf unsere Kinder, das ist die Kindheit der christlichen Welt
durch; es findet dieß aber auch Zweitens in Beziehung auf alle Kinder,
auf die Kinder der gesammten Menschheit statt.
Worinne wir und wie wir in unserer frühesten Erz Kindheit erzogen
und behandelt worden, dieß greift, das wissen wir, wirk[-]
sam in das Fühlen, Denken und Thun unseres ganzen Lebens
ein. Wer nun aber von frühe an in der und zur Beachtung
der Einheit, der Einigung, des Einklangs, der Eintracht, der Liebe,
des Innern, des Geistes und des Bleibenden, der Freude des Friedens in aller Er-
scheinung der Trennung, des Wechsels, der Mannichfaltigkeit
des Äußern, u.s.w. erzogen u gepflegt wurde - und
dieß ist der Geist und das Wesen des thätigen Christenthums
- sollte der später im Leben diesen Geist nicht auch pflegend
anerkennen, sondern auch in ihm wirksam und thätig seyn?-
- Und so sehe ich durch eine entsprechende und sinnige Beachtung
des Kindheitlebens und besonders die Pflege seines schaffenden,
stets das Innere äußerlich gestalten und das Äußere innerlich
erfaßen wollende Thätigkeitstriebes die Zeit kommen -
und sie liegt ganz klar und bestimmt wie eine Frühlings- /
[15]
landschaft vor meiner Seele - wo die ganze Menschheit in der
und durch die Christenheit verklärt erscheinen wird. Seit der
ersten Beachtung des Lebens in meinem frühesten Knaben[-]
alters ist dieß der Gegenstand meines Wahrnehmens, Beach-
tens, Denkens und Strebens; es ist dieß der Ausgangs- wie
der Zielpunkt all meiner erziehenden Bestrebungen seit
nun mehr als 35 Jahren, es war die bestimmte Grundlage
meiner nun bald vor 25 Jahren gestifteten allgemeinen Er-
ziehungsanstalt; und doch jetzt erst beginnt es, daß ich außer
meinem Hause verstanden werde und das erste ungesuchte
wahre, freye, selbstständige Verständniß kommt mir von
Ihnen, meine liebe, eben deßhalb so theure Muhme. Warum
ich es Ihnen nun ausspreche?- Eben einmal, weil Sie mich
verstehen, was hilft es mir, mich andern auszusprechen, jenen
rede ich eine unverständliche, fremde Sprache. Dann spreche ich
es Ihnen auch aus, daß damit es Ihnen bekannt werde, daß ich
weiß von Ihnen gekannt zu seyn. Endlich und hauptsächlich
drittens aber: weil die Frage: ob mein Wirken und Streben
denn wirklich einen christlichen Ausgangs- und Zielpunkt
habe? - (:obgleich die wenigsten Menschen wissen, was sie in
dieser Frage eigentlich fragen und mit ihr sagen wollen:) -
der immer währende laute oder stille Angelpunkt bey allen
Verhandlungen über den Werth oder Unwerth, die Zu- oder
Unzulässigkeit pp pp meiner erziehenden Bestrebungen ist. /
[15R]
Ich spreche und sprach es Ihnen aus, damit Sie ähnlichen Fragen
die vielleicht an Sie geschehen, nun mit Bestimmtheit und der Ge[-]
wißheit meiner eigenen Gesinnungen darüber, entgegnen
können. Gar viele wollen aber auch die Sache nur vornehm
abfertigen und von sich weisen, um sich die Mühe zu ersparen
sie selbst auf ihr Wesen zu prüfen.
Doch nach dieser langen Mittheilung, welche sich mir, ich weiß
selbst nicht wie, aus meinem Innersten hervordrängte,
nun auch zur Beantwortung Ihrer lieben, lieben Briefe
selbst und zwar zuerst des letzteren.
Sie haben mir l. Muhme, durch denselben ein wahres
Festgeschenk gemacht und wirklich ein Dokument des
Fortschrittes der Sache zugesandt, denn obgleich der Ge[-]
genstand in seinem innersten Wesen eigentlich reine
Sache des Frauenlebens und Wirkens ist, so ist es bey
dem gegenwärtigen Standpunkte des gesellschaftlichen
Lebens, wo das Frauenwirken noch so stark durch den
Manneswillen bestimmt, ja oft in seinen edelsten Re-
gungen gefesselt, mindestens vom Rechten abgeleitet
wird, höchst wichtig, wie auch die Männer in der
Frauenumgebung den Gegenstand erfassen, darüber
sich aussprechen und noch mehr behandeln. Darum
denn war es mir auf das höchste erfreulich, was Sie
mir von dem willigen Eingehen der hochachtbaren Männer, /
[16]
des lieben Vetters und des Herrn Collegen Müller in den
beyden jüngsten Briefen schrieben und in diesem jetzigen nun
auch von dem Herrn Pastor Lang hinzufügen. Vor solchem wirk[-]
lich seltenem Zusammenwirken dreyer Männer getragen und be[-]
lebt, von einem treuen Frauen- und liebenden Muttergemüthe
muß jedes Hinderniß schwinden. Wie Sie mir ja sogleich Ein[-]
gangs Ihres jüngsten lieben Briefes nach Ihrer ersten Mit-
theilung mit dem Herrn Pastor Lang schreiben. Aber ehe ich
weiter gehe, lassen Sie mich zur Stärkung für die Zukunft die
Natur- und Lebensanschauung und Erfahrung zur in die Erinnerung
zurück rufen: - daß da, wo gesundes Leben entkeimt, neues
junges Leben sich entfaltet, jederzeit auch Hindernisse zu über[-]
winden, ja diese in einer gewissen Hinsicht eben zur Stärkung u.
Bekräftigung des jungen Lebens nöthig sind, mögen wir nun
die Knospen betrachten, dessen Hüllen so dicht und fest geschlossen
sind und langsam und mit Anstrengung von Innen sich lüften, ehe
die zarten Blättchen erscheinen, oder den Kern, das Samenkorn
welches ein noch festeres Band gefesselt hält, ehe der schwache
Herzpunkt sich freymachen kann, oder selbst an des Kindes
Geburt denken. Hindernisse sind von der Vorsehung nicht
bestimmt ein neuerstehendes Leben zurückzudrängen, sondern
gleich im ersten Erscheinen es zu erstarken und auf die Bedeutung
seiner Erscheinung aufmerksam zu machen. Ich freue mich daß auch
Ihnen dafür gleich schöne Beweise wurden: - unter den sich Ihnen /
[16R]
zeigenden Hindernissen erstarkte das junge Leben, und als Sie den
Hemmnissen vertrauend entgegen traten, wurde dem jungen
Leben Beachtung und Anerkennung. Darf ich Sie bitten, so sprechen
Sie den drey Männern meinen besten Dank für ihre Beförderung
der Sache der Kindheit aus, ob ihnen gleich ein viel schönerer
Dank aus dem Gedeihen des Ganzen hervorblühen wird, wie
sich ja dieß schon so lieb dem Herrn Pastor Lang dargethan
hat. Es war ein glücklicher Gedanke von Herrn Müller
Sie zu veranlassen, sogleich zu beginnen. Denn auch durch die
unvollständigste Darstellung aber aus Liebe zu den Kleinen
hervorgehend, thut sich Eltern und Kind lebenvoll kund:
daß hier etwas geboten wird, was dem innersten, mensch[-]
lichsten und edelsten Bedürfnisse von Eltern und Kind entge[-]
gen kommt. (:Beyläufig will ich nur gleich ein Zweyfaches
bemerken: erstl. daß die kreisenden Bewegungsspiele die
Kinder fast gar nicht müde werden [lassen]; der Grund davon
scheint mir ein tiefliegender zu seyn; Es ist dieß Spiel
ein Sinnbild für ein dreyfaches Leben: - erstlich des eigenen
jedes Menschen und Kindes: all unser Thun und unsere Thaten
drehen sich wie hier die Kinder um einen einzigen unsichtbaren
Grundgedanken, Hoffnung oder Ahnen des Gemüthes herum.
Zweytens ist es ein Sinnbild des Naturlebens: wo, gleich
den Planeten, sich alles um eine Einheit in Mitten, eine be-
stimmende Sonne bewegt. Drittens ist es ein Sinnbild des /
[17]
gesammten Lebens des Menschen überhaupt, deren letzter
Beziehungs- und Einigungspunkt zuletzt auch in der unsichtbaren
Einheit u Mitte alles Lebens - in Gott ruht. Sehen Sie lie[-]
be Muhme! ich glaube ganz gewiß daß das Kind solche sinn[-]
bildlichen Lebensbeziehungen ahnet, und sie gepflegt, gelegentlich
geweckt und zu innerer geistiger Anschauung erhoben, für
die Forderung des Festhaltens der unsichtbaren Einheit im
Leben und beym Wechsel der Lebenserscheinungen erstarkt.
Zweytens daß es gar nicht darauf ankommt, daß gerad eben
die Liedchen und in den Singweisen, wie sie von mir gegeben
sind, gesungen werden sollen. Dieß alles ist nur beyspielsweise
gegeben, um den Geist wie die Form u Gestalt des Ganzen im
Allgemeinen zu bezeichnen, jedes kann von Andern viel schöner
wohl und entsprechender gegeben werden, obgleich ich mich
natürlich bemühe von meinem gegenwärtigen Bildungsstande
das Beste in Form u Gestalt, wie in Wort u Ton zu geben.
Da nun die im Augenblick und unter bestimmten eigenthüm[-]
lichen Umständen gerad sich hervorgedrängten und erfundenen
Liedchen in Wort u Ton immer die besten sind, so ersuche ich
Sie, wenn Ihnen solche Liedchen und Spiele kommen, solche
sogleich durch Schrift festzuhalten. Wollen Sie mir solche
dann von Zeit zu Zeit mittheilen, so werde ich solche zur
Freude der Kinderwelt und zur Vervollkommnung des Ganzen
gelegentlich gern ins Ganze verweben, wodurch sie dann /
[17R]
als Glieder eines größeren Ganzen wie Blumen in einem
Kranze oder einem Strauße in erhöhter Schönheit er[-]
scheinen werden. [(:]Alle meine Freunde und Freunde der
Kindheit erfüllen mir diese Bitte und das nächste
Sonntagsblatt wird Ihnen Gelegenheit geben, sich selbst
von dem Seegensreichen eines solchen Handelns zu über[-]
zeugen.:)
Wie mich der so empfängliche, bereitwillige sogleich in That übergehende Sinn Ihres
Herrn Pastor Lang erfreut hat, haben Sie ganz wahr
zum Voraus empfunden, indem Sie sich selbst in meiner Seele
innig beglückt gefühlt haben. Nochmals: versichern Sie dem
würdigen Manne meine hochachtende Dankbarkeit dafür. Mögen
dessen Gesinnung und Handlungsweise nun beständig und
ausdauernd bleiben; dieß muß bey solchen Erscheinungen,
nach meinen fast zahllosen Erfahrungen immer mein er-
ster Wunsch seyn. Von der Veränderlichkeit der menschlichen
Gesinnungen muß Niemand mehr Erfahrungen gemacht
haben als ich: wenn die Menschen eine Sache nicht gerad
so finden, wie sie sie sehen und wünschen, dann sind sie im
Stande, auch die Sache fallen und gänzlich fallen zu lassen,
für welche sie kurz vorher sich ganz begeistert, ja durchglüht
fühlten. Darum pflege ich ganz vor allem die Theilnahme,
welche ohne alles Zuthun frey aus den Menschen selbst
kommt wie z.B. auch bey Ihrem Herrn Pastor Lang u.s.w. /
[18]
Für Ihre so schöne Zusammenordnung der Ihnen bekannt gewor-
denen öffentlichen Mittheilungen über die von mir angebahnte
Kinderbethätigungsweise bin ich Ihnen großen Dank schuldig.
Wird aber die allgemeine (Darmstädtische) Schulzeitung
nicht von den betreffenden Herrn in Gera auch gelesen?- Auch
in dieser Zeitung in No 64 v. 23 Apr. d. J. steht ein recht lesenswer[-]
ther Aufsatz von einem gewissen Herrn Candid. Karl Scheider
aus dem Meiningschen, welcher fast 1 Jahr hier lebte und sich
theoretisch-praktisch mit meiner Kinderführungsweise bekannt
machte. Und dann: wird nicht die ehemalige "Frauenzeitung"
von Luise Marezoll in Jena, welche jetzt unter dem Namen Frau-
enspiegel fortgesetzt wird auch in Gera gelesen? - In jener
steht in den Dzbr Blättern v. J. No 142 & 143 auch ein sehr
schöner Aufsatz über die hiesige Spielanstalt von Frauen[-]
hand, welcher das Ergebniß eines 8-10tägigen Lebens
derselben mit und in dem hiesigen Kinderkreise war. Habe
ich Ihnen denn diese Blätter nicht gesandt, weil Sie derselben
in Ihrer Notizensammlung nicht erwähnen? - das thut mir
ja gar sehr leid.- Doch um so besser, daß nun die Sache durch
sich selbst Wurzel in Ihrem Kreise gefaßt hat.- In dem
"Frauenspiegel" Bd. III von diesem Jahre stehen auch einige
recht brave Worte von der Herausgeberin L. Marezoll
zur Einführung des Planes des deutschen Kindergartens
bey ihren Leserinnen. Dieß Buch soll auch in Lesebibliotheken seyn[.] /
[18R]
Der Anfang Ihrer Spielstunden mit kleinen Mädchen von 6
bis höchstens 8 Jahren hat meinen völligen Beyfall. Mit
solchen Kindern hat man höchstens ein Viertel der Mühe
wie mit kleineren Kindern, und ganz besonders mit kleinen
Knaben, kommt überdieß schneller und besonders auch zu
einem schöneren klareren Ergebniß für die welche in ihrer
Betrachtung mehr das Äußere sehen, als das innere Leben
erfassen. Alles was Sie mir für diesen Winter wie für
kommenden Frühling über das so schön beginnende Unternehmen
schreiben, erfreut mich wahrhaft; ich werde zur Förderung
und Belebung desselben thun, was nur irgend zu thun in mei-
ner schwachen Kraft ist. Möge dann im wieder beginnenden
Frühling auch Ihr Herr Pastor Lang sich seines ausgesproche-
nen Wortes wieder erinnern, und dem Spielkreise der
Kinder seinen Garten öffnen, so daß dann Ihre Anstalt
der zweyte wahre "Kindergarten" außer der hiesigen
in Deutschland werde. Denn so wünsche ich, daß in Zukunft
in Deutschland alle der Kindesnatur und dem Men-
schenwesen entsprechenden Kinderpflege- Spiel- und
Beschäftigungsanstalten eben zur schönsten und leben-
vollsten Bezeichnung ihres Geistes und Strebens
und ihrer rein menschlichen Eigenthümlichkeit halber
genannt werden mögen, wie wir denn die Rudolstadter
Anstalt wirklich - "den Rudolstadter Kindergarten" nennen. /
[19]
Was die Theilnahme der größeren Mädchen an den Spielen und
Beschäftigungen betrifft, so führen Sie solche, wenn es möglich
ist, früher oder später ja aus und zwar aus 4fachen Gründen:
zuerst damit Sie möglichst bald, möglichst zahlreiche und doch
billige Gehülfinnen in der Anstalt und für dieselbe erhalten;
zweytens: damit sich Gehülfinnen für die Familien und Mütter
selbst heran bilden.
drittens: damit Sie Mütter heraufbilden, welche lernen
mit ihren Kindern, auch den kleinsten, auf eine so sinnige
als einfache und bildende, erziehende Weise zu spielen.
Der mütterliche und weibliche Instinct thut wohl hier viel,
allein bey weitem nicht alles; fehlt überdieß auch sehr, sehr
oft, greift miß; und Handeln aus Gründen mit Einsicht, Über- und
Umsicht hat doch immer den Vorzug. Ja meine theure Muhme,
ich habe jetzt Gelegenheit viel Mütter und Kinderwärterinnen,
besonders in ihrem Betragen gegen 1-2jährige Kinder zu beachten
und zwar sehr wohlmeynende und selbst gebildete, allein wie
viel ist da noch zu wünschen übrig, wenn von einer ganz ent-
sprechenden, sinnigen Behandlung der Kinder die Rede ist.
Endlich viertens: Wird es unter der Menge gewiß auch eine
oder die andere geben, welche bey wirklichem Talent für Kinder-
pflege auch zu Hause entbehrt werden kann, ja wirklich ge[-]
nöthigt ist sich selbst[{]thätig / ständig[}] ihren Unterhalt zu erwerben; die
könnten dann zu ausschließenden Kinderpflegerinnen noch be- /
[19R]
sonders ausgebildet werden, wie deren von mehreren Seiten
her und selbst aus Ihrer Nähe (von Weida) von hier gewünscht
wurden.
Was die Einführung gymnastischer Übungen bey Mädchen
betrifft so haben die Geraer Eltern sehr recht, wenn sie es wünschen.
Ich kann aus großer Erfahrung in einer meiner Anstalten
in der Schweiz in Burgdorf, welcher jetzt mein vieljähriger
Freund und Mitarbeiter Herr Langethal vorsteht, darüber
sprechen. Der Gewinn solcher Übungen ist vielseitig. Sollte
der Gedanke einmal zur Ausführung kommen so kann ich
Ihnen von dem dortigen ganz vortrefflichen Turnlehrer ein
vortrefflich ausgearbeitetes Buch - "Die Freyübungen"
nachweisen. Meine eigene Nichte ließ sich von diesem
Lehrer in der Schweiz, während ihrer Anwesenheit in Burgdorf
unterrichten. Doch werden Sie im Fortgang der Spiel[e] und
Beschäftigungen und besonders von den Bewegungsspielen
aus, sehen, wie von dem Ball und Würfel ausgehend
auch alle Übungen der Turnerey erschöpft werden. Wenn
Ihr Entschluß in Ausführung kommt, so habe ich mir vorge-
setzt Ihnen darüber ein gutgeschriebenes Manuscript zur
Einsicht zu senden, welches ich eben in diesem Augenblick
der Presse noch nicht übergeben werde, dann wird Ihnen
erst der Zusammenhang der Bewegungsspiele, welche bisher im
Sonntagsbl. mehr nur beyläufig beachtet wurden, besonders klar
/
[20]
werden.
Daß Ihr Herr Pastor den Zusammentritt mehrerer durch einen
Umlauf bezwecken will, finde ich recht passend; auch in Rudol-
stadt geschahe es so; nur müssen sich erst mehrere Mütter durch
mündliche und persönliche Besprechungen zusammen finden, welche
gleichsam einen Stock oder Kern bilden, an welchen sich die übrigen
anschließen, ja durch welchen sie eigentlich zur Theilnahme wie
von einem Magnete angezogen werden. Persönliche Vorbe-
sprechung thut sehr viel; auch in Rudolstadt ging das Ganze
zuerst von 2 Müttern aus, jede warb nach verschiedenen
Seiten hin; die Gewonnenen warben wieder, endlich befestigte
sich durch Umlaufschreiben und Unterschrift das Ganze.
So beginnen Sie denn liebste Muhme mit Muth. Sie fürchten zwey
Dinge. Erstlich daß Sie der Sache nicht gewachsen seyen. Wie
ich aus der Ferne sehen kann, werden Sie der Sache sehr gut
gewachsen seyn. Wohl wäre es mehrfach schön gewesen, wenn Sie
die Frau Dr. Wild begleitet hätten; doch was hilft jetzt klagen,
es bestätigt mir nur die häufige Erfahrung in meinem Leben, daß
wir leisen Forderungen in unserm Innern Gehör geben sollen, oft
müssen wir nachher finden, daß für die Vorsehung und das Ge-
sammtleben dabey ein höherer Zweck zu Grunde lag als wir ahnten.
Die Frau Dr. Wild verstand mich auch nicht und ihr Gemüth war
zu weichlich und zu unbeständig, sonst würde sie auf meine
Bemühungen eingegangen seyn, sich hier auch nur etwas mit der /
[20R]
Sache bekannt zu machen. Bey Frauen von der Stellung wie die-
se halte ich es für Pflicht, der Kindheit einen Theil ihrer Thätigkeit
zu widmen; sie schien dieß auch zu fühlen, ja, sprach es sogar
ganz bestimmt aus; allein sie hatte nicht Muth, nicht Ausdauer
und Willensbeständigkeit genug, um es auszuführen. Wie gut
wäre es, wenn sie Ihnen jetzt nur erzählen und ein lebendiges
Bild vom Ganzen und Einzelnen machen könnte. Aber verliehren
Sie nur den Muth nicht, vor allem suchen Sie den Geist des
Ganzen zu erfassen, und dann geben Sie sich willig diesem
und den reinen Lebensforderungen des Kindes hin. Sehen
Sie, dadurch bilde ich mich selbst für die Ausführung. Die Idee
des Ganzen ist meine mich liebend leitende Führerin, der ich
selbst wie der treuesten und wohlmeynendsten Lebens- und Seelen[-]
freundin folge - und die Kinder, in der Reinheit, Unschuld Unbe[-]
wußtheit und doch unwiderstehlichen Kraft ihrer Forderungen,
sind meine Lehrer, welchen ich wie ein Schüler gläubig und ver[-]
trauend folge. Wenn etwas nicht durchgeht, so gebe ich immer zuerst
mir die Schuld, so wachse ich und bilde ich mich, von der Idee,
dem Grundgedanken geleitet, an der Hand der Nothwendigkeit
und Ausübung stetig empor.
Sollte Ihr Versuch gelingen, so können Sie mit der größten Be[-]
stimmtheit in Allem, was ich geben kann, auf mich zählen; Sie
dürfen nur gerade zu Ihre Wünsche ganz bestimmt aussprechen
die Sonntagsblätter in ihrer Fortsetzung werden Ihnen auch /
[21]
wesentliche Handreichungen biethen. Möge nur zuerst der erste
Versuch, und sey er noch so klein, ins Leben treten, daß er nicht
mißlinge, dafür wollen wir schon sorgen. Schreiben Sie mir nur.
Doch Sie fürchten ein Zweytes, daß Sie durch die den Spiel-
stunden gewidmeten Zeit den Pflichten die Sie gegen Ihre Familie
haben, zu nahe treten könnten. Wie freue ich mich, Sie im
vollsten Maaße durch die Gesammtheit der daraus hervorgeh-
enden Wirkungen beruhigen zu können. Mein Freund und
Mitarbeiter Herr Middendorff ist als Mann u. Vater in demselben
Verhältnisse, in welchem Sie sich als Frau, Gattin und Mutter
sehen und doch wirkt er hier treu für die Ausbildung der hiesigen
Anstalt fort; allein unsere gemeinsame Sorge ist zugleich, daß
die vielseitigen Ergebnisse seines hiesigen Wirkens ihm wie
die Gaben und Früchte für sein väterliches und häusliches, für
sein Familienleben und Wirken werden. Was wahrhaft zum
Wohle und zur Förderung des Ganzen ist muß auch wahrhaft zum
Wohle und zur Förderung des Einzelnen, also noch mehr ganzer
Familien seyn und umgekehrt. Diesen Satz in seiner reinsten
Wahrheit in den Erscheinungen und Forderungen des Lebens selbst
klar darzuthun, ist die größte meiner Lebensaufgaben und
hängt mit der Ausführung meiner Spielg- meiner Kindergärten
auf das innigste zusammen, ja diese gehen sogar aus jenem
hervor. Doch dieß ist ein so umfassender Gegenstand, daß ich
heut wenigstens nicht weiter darauf eingehen kann, auch nur /
[21R]
mündlich werde ich irgend einmal den Gegenstand vor und mit
Ihnen verhandeln können. Jetzt kann ich Ihnen nur die Versiche-
rung geben, daß sich alles zu Ihrer Zufriedenheit lösen wird.
Die Kunst besteht zuletzt darin: - alles das was das Ergeb-
niß unserer Wirksamkeit für das Allgemeine ist, mag
es nun auch Namen haben wie es will; - Belehrung, Erfahrung,
Ausbildung, materieller Gewinn u.s.w. zugleich als eine
Gabe, eine wesentliche Gabe für unsere einzelnen Verhält[-]
nisse zu benutzen. So wird z.B. die Frauen- die Gattinnen-,
die Mutter- und Erzieher Würde und Wirksamkeit
Ihnen bald gewiß dadurch in einem noch viel verklärterem Lichte
erscheinen als schon bisher; schon durch dieses einzige Ergebniß
können Sie Ihrer Familie großen materiellen Gewinn, wenn auch mittelbar
bringen, der alle die Zeit reichlich ersetzt
die Sie jetzt der Aussaat des Versuches widmen.
Sind Ihre Geraer Einwohner und Mütter reif, so wird sich
die Sache, steht nur der erste Versuch da, schon fortbilden.
Kinder und Eltern werden es nicht wieder sinken lassen,
und sind Eltern und Kinder noch nicht dazu reif - (:was
mir aber wirklich der Fall nicht scheint:) - so wird die
Sache auch durch Opfer nicht zu erhalten möglich seyn.
Für beydes habe ich Beyspiele, für das erste scheint mir jetzt
Rudolstadt zu sprechen - die Begründung von Dresden kostet
mir Hunderte und doch ist die Wirkung nur lahm, warum? - weil
es an Gesammtwillen dafür fehlt und der Kastengeist
der sogenannten Schuldirectoren dagegen wirkt pp pp. /
[22]
Wegen der Bestellung der zweymal 4 Spielgaben haben Sie liebe
Muhme nicht Ursache um Entschuldigung zu bitten; im Gegentheil
müßte ich Ihnen eigentlich als Geschäftsmann noch dafür Dank
sagen; daß Sie nun aber solche bisher noch nicht empfingen, hat da-
rin seinen Grund, daß ich Ihnen zugleich die Fortsetzung des S. Bl.
und zwar bis zu Ende des ersten Heftes des 2en Bandes also
bis zu No 13 mit übersenden wollte. Der Drucker aber hat
mich durch zu viel übernommene Arbeit fast einen Monat
warten lassen, daher die widrige Verspätung. Ob nun gleich
der Umschlag zu diesem Hefte vom Drucker noch nicht eingegangen
ist, so will ich nun doch die Absendung nicht weiter verspäten.
Ich werde nun künftigen Montag die Sachen durch den Fuhrmann
Frank in Saalfeld, welcher nach Altenburg fährt, übersenden
so daß ich hoffe es werde künftigen Donnerstag[in] Ihre[r] Hand seyn.
Da ich mit dem Buchhandel trotz meines ernsten Briefes,
weiß nicht warum immer noch nicht in geregelten und lebendigen
Verkehr kommen kann, so fürchte ich daß auch Ihr Herr Pastor
das gewünschte Exemplar Spiele nicht von Leipzig erhalten wird.
Deßhalb werde ich so frey seyn Ihnen nicht nur außer den be-
stellten 2 Exemplaren noch ein 3es und außer diesem noch
3 andere Exemplare beyzulegen im Fall Ihnen noch von irgend
einem Punkte ein ein Wunsch sie zu besitzen ausgesprochen würde.
Die Preißbestimmungen liegen dabey, doch werden auch einzel-
ne Gaben allein abgegeben. Sollten Sie sich einen Buchbinder /
[22R]
oder eine Sortimentsbuchhandlung in Gera finden, die sich
für die Verbreitung der Sache interessirte und die solid wären,
so würde ich unter günstigen Bedingungen mit derselben in
Verbindung treten.
Sollten Sie für Ihren Versuch später Exemplare bedürfen
so werde ich Ihnen Ihren Bedarf frachtfrey bis Gera mit
1/6 Rabbat gern besorgen lassen.

-----*-----
Sie schreiben mir nun am Schlusse Ihres lieben Briefes
noch, daß Sie mir wohl noch gar Manches über die Spiele
und das Spielen mitzutheilen hätten, allein Sie fürchten
mir durch die Länge Ihres Briefes die Zeit zu sehr zu
rauben. Nein! meine liebste Muhme dieses nun zwar
nicht, denn in dieser Sache und für dieselbe zu leben und zu
wirken habe ich ja einmal als Beruf gewählt, und jede
solche Mittheilung ist mir ein Schatz, welchen ich zur weiteren
Verbreitung der Sache - wie Sie aus dem Sonntagsblatte
ersehen werden - benutze; allein Ihre kostbare Zeit
wird dadurch zu sehr beengt, wäre dieses nicht, so würde
ich bitten, und wieder bitten, mir ja recht viele Ihrer und
Ihres Roberts sowie der übrigen spielenden Kinder Be-
merkungen mitzutheilen. Haben Sie Zeit, so thun Sie es
ja zur Förderung des Ganzen, meine übrigen Freunde thun
es auch wie Sie die beykommende Fortsetzung des S. Bl.
überzeugen wird.- Welch' eine große Freude mir /
[23]
Ihre ausführlichen Mittheilungen im vorigen Briefe gemacht haben,
werden Sie leicht sich sagen, wenn Sie sehen, wie ich solche Mitthei-
lungen im Sonntagsbl. benutze. Ich bitte mir darüber und
über die von mir hinzugefügten Bemerkungen, besonders Ihre
Meynung und Ansicht recht offen aus. Namentlich ob Sie glauben,
die von mir eingestreuten Bemerkungen könnten für Mütter
und Kinderführer von Nutzen seyn.

Sonnabends am 12en Dzbr. Nun will ich auch noch kurz Ihren lieben Brief
vom 8en v. M. beantworten. Zuerst muß ich nochmals meine Freude
wiederholen, daß Sie mit drey so vortrefflichen Männern wie Ihr
theurer Mann, dessen College Herr Müller und der Herr Pastor Müller Lang
innig einig zusammenstehen und zusammen wirken. Aus dieser Einigung,
solche still gepflegt, muß nothwendig etwas ganz Tüchtiges hervor[-]
gehen. Ich spreche es nochmals aus: versichern Sie gütigst diesen drey
Männern meine hohe Achtung. Durch dieses Zusammenwirken kann
ich mir nun auch erklären wie das zu dem, was Ihnen in diesem Briefe noch
unmöglich schien: an irgend einer der 3 genannten Schulen eine Spielstunde
einzurichten, sich nun schon die Möglichkeit zeigt. So ruht ganz vor
allem auf stillem, sinnigen Frauenwirken immer der Seegen des
Himmels. Ich kann es Ihnen gar nicht aussprechen wie mich Ihre stille
thätige Theilnahme, Ihr Wirken unter der Rinde, wie es Herr
Müller so wahr bezeichnet, tief ergreift; es wird damit gewiß
auch geschehen, wie im früh Frühling, wo vorher auch alles still unter der
Erddecke bereitet wird und dann in Fülle und Lieblichkeit aus der- /
[23R]
selben hervorsprieset. Seyn Sie darum fest versichert ich bin
keinesweges gegen eine stille und wenn auch nur sehr langsam, aber
doch gewiß zum Zwecke führende Wirksamkeit. Aus dem
von mir und meinem Handeln oben Ausgesprochenen geht her-
vor, daß ich Warten und Ausdauer gelernt habe; wie so gern
und innigst dankbar nehme ich darum an, was Sie so gütig mir
bieten: Ihre Vorbereitung und Wirksamkeit mit einem aus-
dauernden festen Willen an.- Schon keimen ja die seegensreichen
Früchte davon.
Alles was ich kann, werde ich Ihnen zur Förderung derselben
geben, so auch die von Ihnen gewünschten Bewegungsspiele;
Sie beginnen mit den Kindern am schönsten vom Ball
aus, wo der Ball an einer Schnur befestigt, der Hand ent-
schlüpft und dann schwingt, das Kind dann dazu singt:
"Das Bällchen leicht beweget sich:   pim, paum, pim, paum pp.
         oderhin her hin her, hin her."
Diese Bemerkung und Thätigkeit nun auf das Kind übergetragen, indem
es sich schwingend und wiegend vom rechten zum linken Fuß
bewegt und dazu singt:
"Auch ich gar leicht bewege mich hin her hin her" pp.
Die einfachen kleinen Fangspiele mit dem Balle sind besonders lieblich und führen
auch zu Bewegungsspielen, z.B. hinüber, herüber rc.
Dann:      auf, ab, auf, ab; endlich beydes verbunden:
auf, ab, hinüber, herüber, auf, ab; rc. rc. Weiter
Doch /
[24]
Weiter: Ball wie ich Dich liebe pp.
Vergl. S. Bl. Bd. 1 No 19. Zu den Bewegungsspielen giebt
No 4 Bd. 2 eine Andeutung.
Doch nachdem ich jetzt dieß selbst nachgeschlagen habe, sehe ich, daß
die Andeutungen dort noch sehr unvollständig sind; darum wieder-
hole ich mein Versprechen, daß ich bey Übersendung der Spielkästen
das Manuscript zu einem vollständigen Spielgang bis zum 4en
Spiele (dieß mit eingeschlossen) und mit eingeflochtenen Bewegungs-
spielen wie sie sich stufenmäßig entwickeln, beylegen werde.
Dieses Manuscript hat aber für mich großen Werth indem ich
kein Concept davon mehr besitze, deßhalb weiß ich, in wessen
Hände ich es gebe. Ich gebe Ihnen - da ich es, wie ich schon aussprach,
nicht alsbald drucken lassen werde - auch die Erlaubniß
sich Auszüge daraus machen zu lassen, im Fall ich zur weiteren
Bearbeitung und Benutzung genöthigt wäre, es nach einigen Wochen
mir zurück zu erbitten. Ich arbeite nemlich mit einem
sehr geschickten und kinderliebenden Musiker jetzt alle Liedchen
zur Herausgabe in einzelnen Heftchen; für diesen ist nun dieß
Manuscript - damit er immer das Ganze vor sich habe - unent-
behrlich, in diesem Augenblicke ist er aber behindert Gebrauch da-
von zu machen und so beeile ich mich, es Ihnen zu senden. Vielleicht
gieng es an, daß Sie im Verein mit Ihrem l. Mann und
Herrn Collegen Müller vielen Ihrer Schülern derselben es
zugleich als eine Art Schreibübung bogenweise zugleich ab- /
[24R]
schreiben lassen könnten, so wären Sie im freyen Besitze desselben.
Was die Singweisen selbst betrifft, so finden sich manche der-
selben im S. Bl. leicht würden Sie welche dazu und vielleicht
mit Glück, oder musikalische Freunde von Ihnen, erfinden,
allein auch Ich würde Ihnen gern das bedürfende zur
Abschrift mittheilen.
Daß man nur erst etwas sehe, dieß ist die Hauptsache, denn das
Wort ohne Anschauung thut es nicht, dieß werden Sie, m. l. M.
nun wohl selbst erfahren haben; darum ist auch der kleinste Versuch,
welchen Sie in dem Maaße machen, daß Andere an den Ergebnissen
Antheil nehmen können, höchst und doppelt wichtiger, denn ich höre
sehr viel Gutes von den Bewohnern der Reußischen Länder nament-
lich der, der Städte, daß ein gesunder reger Sinn und frisches Leben
unter ihnen seyn soll. Rechnet sich Gera nicht auch schon zum Voigt[-]
lande?-
Das schöne Bild welches Sie mir von dem fröhlichen und vertraulichen
Leben in Ihrem Collegenhof namentlich in der Frühlings- und Sommer[-]
zeit entwerfen, wirkt selbst wie ein Magnet auf mich wie
viel mehr also die Wirklichkeit auf die muntre Kinderschar.
Ja Sie haben ganz recht, dort läßt sich mit den 13 jüngeren
Kindern einmal etwas ausführen und Ihre lieben Söhne, die
werthen Vetterchen können sich dann bald zu Spielführern unter
der Überwachung der Mütter ausbilden. Ein gewisser Herr
Max O. Krämer, Lehrer an der vereinten Bürgerschule in Leipzig /
[25]
führte auf unsere Veranlassung schon im vorigen Jahre etwas Ähnliches
auf dem schönen Schulhofe zu Leipzig aus, doch er stand zu vereinzelt
und andere ungünstige Umstände wirkten, daß das G[an]ze wieder
einschlief.
Doch zurück zu Ihrem schönen Collegen- Schul- und Spielhofe. Wohl
wäre es erfreulich, wenn sich auf demselben unter den Augen der lieben
Mütter einmal ein Spielganzes durchführen ließe; doch fürchten Sie
nicht, ich halte Sie weder hier noch in irgend einer andern Beziehung
beym ausgesprochenen Worte, denn ich kenne die Macht der Lebens[-]
einwirkungen zu gut. Allein eben diese riesige Gewalt des Lebens,
wie es nun einmal besonders auch in seinen conventionellen G ge-
sellschaftlichen Forderungen, namentlich auch in Hinsicht auf die
Mütter ist, eben diese Gewalt macht es nöthig, das Allerkleinste,
was sich zum Wohle der Kinder zeigt, auf das sorglichste zu
pflegen. Was aber die Liebe zu den Kindern namentlich bey Müt-
tern vermag, zeigt uns dieß jetzt Rudolstadt nicht, wo adliche,
den gesellschaftlichen Anforderungen u Leben so vielseitig hingege[-]
bene Frauen während 2 mal 2 Stunden in jeder Woche ganz ihren
Kindern leben?- Sehen Sie, so wirkt die thatsächlich ausge[-]
führte Aufforderung: "Kommt, laßt uns unsern Kindern leben"[.]
Welche Freude machen Sie mir nun, l. M. wieder durch die Be-
schreibung wie die kleinen Spiele von Ihren l. Söhnen aufgenommen u.
sogleich angewandt worden sind. Wie giebt mir Ihre sinnige
Auffassung und Darstellung alles so verschönt zurück. Ihre /
[25R]
Spielweise mit den Kleinen ist gar zu lieblich, wäre es nicht unbe[-]
scheiden, so würde ich mir recht viel Mittheilungen der Spielergebnisse
von Ihnen erbitten; doch ich kenne und ehre die Pflichten und Forde-
rungen einer Mutter und Hausfrau und bescheide mich darum
gern, ob ich gleich jedes unbeachtete Schwindenlassen Ihrer Be-
merkungen als einen wirklichen Verlust für das Kinderleben be-
trachte. Allein auch die Mittheilung der vergleichenden Äußerungen
der Kinder ist wichtig, damit man weniger gebildete Eltern dar-
auf aufmerksam machen kann. Wie so gern möchte ich stets
dabey seyn, wenn Sie mit den l. Kindern spielen; welche Schätze
der Erfahrung würde ich mir sammeln. Sie sind - erlauben Sie
mir es Ihnen im stillsten Vertrauen zu gestehen - zu einer
ächten Gärtnerin in einem Kindergarten geboren. Auch die
heranreifenden Töchter, so dünkt es mich, müssen Sie wegen
Ihres mütterlich pflegenden, bescheidenen Sinnes sehr gern u lieb
haben. Auch dieß ist eine hochwichtige Eigenschaft zum Wohle
der heranwachsenden Menschheit; wem sie Gott gab, der soll
sie pflegen.- Ihre lieben Söhne - die Früchte und der Prüfstein
eines solchen Sinnes - haben aber auch in Keilhau ganz allgemein
wegen ihrer offenen Einfachheit und sittigen Unbefangenheit
gefallen. Ich bin glücklich Ihnen, theures Elternpaar, dieß
sagen zu können.- Noch Eins: Ich werde vielleicht dann und wann
von dem, was Ihre schlichte Beobachtung mir mittheilt zum Wohle
der Kinderwelt, ohne jedoch Ihrer Bescheidenheit im geringsten zu nahe
zu treten, Gebrauch machen, wenn Sie es bemerken, so lassen Sie
es unbemerkt und schreiben Sie nach wie vor ganz unbefangen an mich.- /
[26]
Sie fürchten, daß ich mir von Ihrem gesammten Leben ein schöne-
res Bild entwerfe, als es in Wirklichkeit giebt. Glauben Sie
dieß ja nicht, ich kenne die Wirklichkeit in allen Beziehungen zu
gut; allein ich habe hinter der einfachen und oft unscheinbaren Wirk-
lichkeit das edle, rein menschliche Innere schätzen gelernt; ich weiß
daß eben auch Schatten dazu gehören und oft starke Schlagschatten
um eben die Schönheit einer Gegend recht zu erheben, und daß
über dunkeln Wolken eine klare, reine Sonne thront und daß
die Sonne selbst oft verschönt erscheint wenn sie durch und hinter
dunkeln Wolken hervorbricht. Doch was mich anzieht, ist nicht
sowohl das Leben in seiner äußeren Erscheinung, sondern der Sinn mit
dem gelebt und besonders das Leben gepflegt wird; genug der Geist
der im Leben sich kund thut.
Von meinem ganzen Hause hier und in Keilhau die herzlichsten
Grüße an Sie, Ihren lieben Mann und wackern Söhne; wie
man der letzteren dort gedenkt, habe ich schon oben erwähnt.
Möchte es wahr und möglich werden, Sie nun auch im näch-
sten Jahr hier bey uns zu sehen. Die Fr. Dr Wild kann sich
die Freude machen und wird es gewiß gern thun, Sie bey einem
Besuche in Keilhau als gütige Begleiterin mitzunehmen.
Wir würden alle dadurch hocherfreut werden.
Nun leben Sie unter der herzlichsten Begrüßung all der
lieben Ihrigen, recht, recht wohl. Möge der so lange Brief nicht
störend in Ihr Leben eingreifen; möge er Ihnen vielmehr ein /
[26R]
unzweydeutiger Beweis seyn, wie gern auch ich, das von
Ihnen pflegend aufgenommene Leben bis ins Kleinste
hin pflegend beachten möchte.
Schreiben Sie mir recht, recht bald, wie sich Ihre Vorbe-
reitungen unter der gütigen Mitwirkung des Herrn Pastor
Lang weiter entwickeln. Besonders schreiben Sie mir,
wie viel Kinder wohl dann in einer Spielstunde zusammen
kommen würden.
Von Herzen wünscht Ihnen die erfreulichsten Festtage
Theure Muhme
Ihr
ergebenster Vetter
FriedrichFröbel. /

[27]

*
Worte, ohne eine seltene Gemüthstheilnahme
bewirken freylich wenig und nur die Sachanschauung
wirkt wesentlich; dennoch können auch Worte sehr
förderlich wirken, wenn sie zu Sachanschauung und ge-
druckte Worte, wenn sie zu einer seelenvollen Dar-
stellung kommen; deßhalb erlaube ich mir zu Ihrem
gefälligen weiteren Gebrauche folgendes hier beyzu[-]
legen, welches ich mir aber, da ich es nur einmal
besitze, so wie selbst diesen Brief gelegentlich, letzte-
ren nur auf einige Zeit zurück erbitte, um einige
darin angedeutete Gedanken weiter auszuführen.
Sie empfangen also hierbey
1. die For[t]setzung des S. Bl. von No 6-13 ein E. nebst Bg. [sc.: Exemplar nebst Beigaben]
2., 6 Stück Exempl. Spielkästen 1e bis 4e Gabe nebst Zubehör
3. Ein Exempl. Frauenzeitung Dcbr 1839. No 142 & 143
4. Ein Exempl. Allgem: Schulzeit[un]g vom 23 & 25 Apr: No 64 & 65.
5. Einen Aufsatz von Herrn Karl Scheider, welchen der[-]
selbe bey seiner Behörde in Hildburghausen über die
hiesige Anstalt eingereicht hat.
Wovon Sie nun, theure Muhme, für sich und andere
nicht Gebrauch machen wollen oder können, das
bitte ich nur bey seit zu legen.
In allem was Sie empfangen grüßt Sie
Ihr Vetter FrFr. /
[28]
[Adresse:]
F. F. S. in Gera
ein versiegeltes Packet in grauen Pappdeckel
enthaltend Kinderspielkästen Werth rth 4
-------------------------------------
Ihrer Wohlgeboren
der Frau Mag. Frieder. Schmidt
         gebornen Hoffmann
         in
Gera.
frey! /

[28R]
Blkbg am 13 Decbr. 40
Da die Rechnung beyzulegen vergessen so
bemerke ich hier und den Preis in Preuß. Cour
1 Spiel  1' Gabe nebst Text u Zubehör  -    10 ggl.[Silbergroschen]
1 do 2' Gabe desgl. -    14 ggl.
1 do 3' Gabe nebst Lithographien -    10 ggl.
1 do 4  Gabe nebst Lithograph[ien] -    10 ggl.
_______________________________
im Ganzen Rth 1 - 20 ggl.[1 rth=24 Silbergr]
Fr.