Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Gottlieb Becker (Red. "Allgemeiner Anzeiger der Deutschen") in Gotha v. 26.12.1840 (Blankenburg)


F. an Friedrich Gottlieb Becker (Red. "Allgemeiner Anzeiger der Deutschen") in Gotha v. 26.12.1840 (Blankenburg)
(BlM X,8, Bl 120-121, Reinschr./Abschr. 1 B 4° 4 S. ohne Adressatnamen, zit. Stöcker 1936, 56 f. - Der im Brief namentlich nicht genannte „Senator“ ist aufgrund vielfacher Bezüge im Text zweifellos der Herausgeber des „Allgemeinen Anzeigers der Deutschen“, F. G. Becker. - Detailbelege der Adressatschaft: - F. bezieht sich im Brief auf einen 1804 in derselben Zeitschrift erschienenen Beitrag über die Einrichtung von Spielschulen. Der dort erwähnte "Reichs-Anzeiger" (1./2. Bd. 1791) ist die Vorgängerschrift des "A. A. d. D." 1841 ist das 50jährige Jubiläum des Blatts. Mit dem Kindergarten wurde, so F., die 1804 erhobene Forderung 36 Jahre später verwirklicht. - Die genannten „beyden jüngsten Briefe“sind F.s Schreiben an B. vom 8.10. bzw. 16.12.1840. Etwas durcheinander geraten sind F. die Titel bzw. Erscheindaten der Veröffentlichungen, auf die er 121V anspielt: - Mit der erwähnten Abhandlung "Warum und zu welchem Ende [...]" im A.A.d.D. von 1822 ist wohl "Über deutsche Erziehung überhaupt [...]" (Heiland 1990, Nr. 0010) gemeint. Dies ist dann auch die weiter unten genannte, 18 Jahre alte Schrift. - Der Isis-Artikel eines „mir dortmals ganz unbekannten Manne“ ist Krauses Fröbelrezension: "Einige Bemerkungen [...]" von 1823 (Heiland 1990, Nr. 0457).

          Blankenburg bey Rudolstadt am 26' Decbr 1840.


Verehrtester Herr Senator.

Zwar schüchtern, allein dennoch von einer innern Nothwendigkeit getrieben wel-
che fordert, daß jedes Begonnene möglichst vollständig ausgeführt werde, erlau-
be ich mir zu meiner jüngsten Zuschrift noch zwey Bemerkungen hinzuzufügen,
indem ich fest in mir überzeugt bin, daß Ew: Wohlgeboren und Ihr kräftig aus-
dauerndes Blatt auf das ernstlichste wollen, daß in jeder Beziehung das Beste in
unserm l. Vaterlande verwirklicht werde.
Zuerst erschien es mir gerad in seiner jetzigen Jubelzeit wichtig, darauf auf[-]
merksam zu machen, daß der es so treu mit Volk und Vaterland meynende
Reichs-Anzeiger schon im Jahr 1804 S[p]. 3653-3660. No 279 also vor 36
Jahren einen Aufsatz über Errichtung von Spielschulen enthält, dessen Verfasser
wünscht, daß durch Ältern Privatanstalten zu Spielschulen getroffen würden; er
setzt darin auch ferner den Nutzen des gemeinschaftlichen Spieles auseinander usw.
Da der Mensch besonders die Menge und mit einem gewissen Rechte wünscht, daß das Neue, besonders
das sich allgemein gelten machen wollende, sich gleichsam vor ihren Augen und mit
einer gewissen Nothwendigkeit aus dem Alten entwickele, in demselben gegründet
sey, so läßt sich durch jenen Aufsatz und anderem in selbiger Zeit von verschiedenen
Punkten z.B. GutsMuths, von dem Streben nach Erziehung von "Kindergärten"
der Vorf Vorwurf des größeren Publikums entfernen, als sey dieß etwas Neues,
ja Unerhörtes, was, wie ich höre, wirklich entgegnet worden seyn soll. Denn,
daß, um den Gegenstand gleich in seinem Namen möglichst gründlich und all-
seitig zu erfassen statt "Spielschule" und des früher von mir selbst gebrauchten
Namens "Spiel- und Beschäftigungsanstalt", nun der Name "Kindergarten" ge-
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wählt wurde, kann wohl die Sache nicht ändern. Ja ich meyne, daß man eben durch die
schon so frühe Besprechung des Gegenstandes in einem nun sein 50jähriges Jubiläum
feyernden, allgemein achtend anerkannten Blatte, nach 36 Jahren zur endlichen Ausführung
desselben vielleicht Grund- und Boden, allgemein förderliche Theilnahme gewinnen könnte, und
daß es dann kein schöneres und würdevolleres Denkmal desselben geben könnte, welches zu-
gleich den Grund des Bestehens und den Keim der Vervollkommnung in sich selbst trage,
als eben die Thatsache selbst: für den, für Kindheit und Menschheit so wichtigen Gegen-
stand gerad in der Jubelzeit und durch dieselbe Grund und Boden gewonnen zu haben.
Die zweyte mir in ihrem Wesen noch wichtigere Bemerkung ist diese: Wir Deutsche
streben von allen Seiten und es ist nicht zu leugnen mit auffallender Kraft und
Ausdauer nach VolksEinheit in Gesinnung und That. Fragen wir nun die Geschichte,
die so unpartheiische als treue Lehrerin, die neuere wie die ältere, und selbst die Gegen-
wart, wodurch wurden und blieben Völker ein einiges Ganzes? so ist es die Antwort:
es ist die Aufstellung und das Festhalten einer einigenden Idee, eines solchen Grundgedankens
in Allem und durch Alle, und das Streben nach Verwirklichung desselben in und durch Ausführung
und That.
Ferner sagt uns die Geschichte ebenso auch bis in die neueste Zeit, daß eigentlich jedes
Volk, wenn es als ein eigenes und selbstständiges fortbestehen will, zur Erreichung der
Menschheitsbestimmung seine eigene Aufgabe zu lösen, gleichsam seine Sendung zu er-
füllen hat. Fragen wir nun, welche Aufgabe hat Deutschland und das deutsche Volk zu
lösen und welche Sendung in Beziehung auf die Bestimmung der Menschheit haben sie
zu erfüllen, so glaube ich tritt aus dem Ganzen so leicht als bestimmt die Antwort ent-
gegen: die der Erziehung des Menschengeschlechtes zum Ziele der Menschheit. Fassen
wir nun beydes in Eins zusammne, so wäre die einigende Idee, der einende Gedanke
welchen das deutsche Volk und das deutsche Land und besonders gerad jetzt bedürfe: - /
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- Die Idee der Menschenerziehung, ist der Gedanke der Erziehung jedes Einzelnen als Glied
des großen Ganzen und die That in welcher es sich von dieser Idee und diesem Gedanken
aus als ein einiges fühle und anerkenne, die, eines großen gemeinsamen Erziehungs-
werkes, mindestens ein gemeinsames erziehendes Wirken. Ich habe diese Überzeugung
schon durch Ihr alles so Gute so wohlmeynend fördernde Blatt irre ich nicht 1822 in einer
Abhandlung: "Warum und zu welchem Ende nennen wir uns die allgem: deutsche Erzieh-
ungsanstalt?" - öffentlich ausgesprochen und in einem anderen Blatte in der Isis, ich
glaube desselben Jahres, wurde auch von einem mir dortmals ganz unbekannten Manne
einem der nun verstorbenen Kämpfer für Menschenbildung, wurde auch auf die hohe Wich-
tigkeit des Gegenstandes hingewiesen. Im Fortgang des Wirkens hat sich der dort dargeleg-
te Gedanke der Erziehung immer mehr in Beziehung auf seinen ersten Anfangs- und Aus-
gangspunkt - "Kindheitpflege" - entwickelt, und so dünkt mich denn daß eine Erzieh-
ungsunternehmen zunächst zu allgemeiner Kindheitpflege sowohl die einende ächt deutsche Idee
so wie die ächt deutsche gemeinsame und einende That sey, in welcher wir uns nicht nur
als ein einiges Volk fühlen und erkennen, sondern auch bethätigen und anerkennen können.
Daß das hier Ausgeprochene außer dem Angedeuteten noch weiter geschichtliche Grund[-]
lage hat, geht mir aus einer Thatsache hervor, mit welcher ich erst jüngst bekannt wurde,
die aber Sie wohl schon längst wissen, daß nemlich die gestürzte Zürcher Regierung Lessings
Abhandlung über die Erziehung des Menschengeschlechtes in 6000 Exemplaren drucken
und vertheilen ließ. Ich gestehe, daß mich dieß Unternehmen wirklich überrascht hat,
ist es nicht die Ausführung von dem, was als Gedanke ich schon vor 18 Jahren veröffent-
lichte: die ErziehungsIdee zum Einigenden eines Volkes, des deutschen Volkes zu
machen. Sollten nun wir Deutsche als ein ganzes Volk hinter einem einzigen
Stamme der Schweizer mindestens im Streben zurück bleiben wollen? gewiß nicht!
Doch wäre auch dieß nicht, so muß jedes Volk streben, seine Stelle in der Geschichte /
[121R]
der Menschheitsentwickelung und Erziehung zu behaupten, auszufüllen und jeder Einzelne
im Volke, so dünkt es mich, hat die heilige Pflicht, von welcher ihn keine persönliche Rücksicht
entbinden kann seines Ortes für die Erfüllung der Obliegenheit seines Volkes zu wirken
mit der Kraft und den Mitteln allen, welche ihm dazu zu Gebote stehen.
Darum nun hoffe ich werden auch Sie mir in Ihrem reinen deutschen Streben verzeihen,
wenn ich es als Pflicht für mich erkannte, Ihnen diese Bemerkungen gleich jetzt wieder
auszusprechen und nach dem Ergebniß der Prüfung derselben an Ihrer reichen Lebenser-
fahrung, durch deren Anwendung vielleicht gerad jetzt, einen wichtigen Grundstein
zum Gebäude der Einigung und so der Kraft Deutschlands, rein von deutschem Gemüthe
und Geiste aus, zu legen.-
In der Eile der Absendung habe ich meine beyden jüngsten Briefe zu unterzeichnen
vergessen, ich hoffe, daß sie sich sattsam als die meinigen beurkundet haben, doch
war es mir als ich [es] später nach Abgang bemerkte dennoch unlieb.
Mögen Sie, verehrter Herr Senator, in der Gesammtheit Ihres weitver-
breiteten wie in Ihrem allernächsten Wirken, mit wahrer Seelenheiterkeit
das alte Jahr beschließen wie mit ächter Geistesfreudigkeit das neue beginnen,
dieß ist der herzlichste Wunsch
Ihres

         ganz ergebenen
         FriedrichFröbel.