Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Otto Wiegand in Leipzig < 2. Hälfte> 1840 (Blankenburg)


F. an Otto Wiegand in Leipzig < 2. Hälfte> 1840 (Blankenburg)
(BlM XXIX,1,3, 1 Bl 4° 2 S. Entwurf, Zeile 1-6 gestrichen)

[1]
S. Wohlgeboren Herrn Otto Wiegand in Leipzig


         Wohlgeboren,
Hochzuverehrter Herr.

Nun schon vor mehr als 1 ½ Jahre als ich mich [wie] mein Fr[eun]d HErr Middendorff bey meiner D[urc]hreise d[urc]h
Leipzig veranlaßt sahe die von mir angebahnte Kinderbeschäftigungsweise einer Mehrheit stimmfähiger
Männer u Frauen daselbst vorzuführen, bestätigten erfreute ich mich Ew. Wohlgeb. Sie hochzuehrender Herr so sehr theils mehrseitig Ihres eines so warmen und strebenden
Antheil daran, daß ich es als eine der schönsten Früchte meines Aufenthaltes u Wirksamkeit in Leipzig
erkannte in Ihnen einen wahren einen wirksamen einen ächten Vertreter Beförderer früher allgemeiner
dem Menschenwesen u der Kindesnatur g[an]z entsprechende Kindheit[-] und Kinderpflege gefunden zu haben.
------
Nun schon vor mehr als 1 ½ Jahre als ich mich bey meiner D[urc]hreise d[urc]h Leipzig veranlaßt
sahe die von mir angebahnte Kinderbeschäftigungsweise wenigstens in ihren ersten Elementen
einer Mehrheit stimmfähiger Männer u Frauen daselbst zur Prüfung vorzuführen, erfreute ich mich
Hochzuehrender Herr schon so sehr mehrseitig Ihres so warmen u thätigen Antheils daran,
daß ich es als eine der schönsten Früchte meines Aufenthaltes u meiner Wirksamkeit in Leipzig
erkannte in Ihnen einen kräftigsten Vertreter u Beförderer wahren dem Menschenwesen u der Kindesnatur
entsprechenden Kindheit und Kinderpflege für unsere lieben deutschen Kinder gefunden zu haben. In dieser schönen Hoffnung
bestätigt mich nun zum öftern wiederholt mein Fr[eun]d HErr Fr[an]kenberg welcher sein in
diesem Sommer 2 mal veranlaßt wurde Leipzig zu besuchte u dieß Veranlassung benutzte auch
Ew Wohlgeboren mit demFortg[ang] dieser Sache der Kindheitpflege bekannt zu machen. Er fordert mich
wiederkehrend dazu auf dieß in größer[er] Vollständigkeit zu thun als ihm mögl[ich] geworden u gz besonders
legt er es mir an[s] Herz Sie mit dem Fortgange des zur Feyer des Gutenbergfestes begonnenen u gegründeten erziehenden Unternehmens d[urc]h deutsche Frauen u Jungfrauen -
eines deutschen Kindergartens bekannt zu machen, indem er mir schreibt wie auch Ew. Wohlgeb.
Sie Hochverehrter HErr auch diesen Gedanken abermals erkannt u pflegend aufgenommen
haben. Doch auch wir selbst, Herr Middendorff u ich fühlten uns schon längst in unserm Innern auf
das Lebhafteste Aufgefordert Ihnen von der weitern Entwickelung und Verallge-
meinerung ächter Bestrebung ächter Kindheitpflege in deutschem Geiste u deutschen Sinne eben in un[-]
serm lieben Deutschland allgemeiner zu machen [durch] weitere Kunde pp[.] Dazu kommt daß in Leipzig selbst sich fortgehende
öfffentlich pflegende u anerkennende Stimmen für das Werk meines und unseres Lebens nicht nur
ausgesprochen haben sondern sich auch wirklich thätige fördernde Theilnahme von diesen daselbst <-> bethätigt hat. In dieser
Einigung von Umständen hat es seinen Grund daß ich mir erlaube einmal wieder u schriftlich
bey Ihnen einzusprechen. Mögen Sie hochverehrter so ächt deutsch als so allgemein u tief menschlich ge-
sinnter Mann mich mit meiner Begleitung gütig empfangen und zum Werk der Erhebung des unser[es] Volkes u der Menschheit von ächter Beachtung des Kinderlebens aus
durch Kindheit beachtende Kindheitpflege mir förderlich Ihre kräftige Hand reichen. –
Zuerst erlaube ich mir Ihnen unsere die FestBeschreibung der einfachen Feyer unseres Gutenbergsfestes wie die sich
daran anknü[p]fende Stiftung des Kindergartens nebst den Verzeichniß der bis jetzt zur Förderung dieses
Unternehmens eingegangenen Unterzeichnungen zu übersenden. – So gering auch die Zahl der letzeren
bis jetzt noch ist (88 Unterzeichnungen incl: der doppelten) so wird Ihnen doch gewiß schon aus der Personlichen derselben u den
denselbigen häufig beygefügten Bemerkungen die Überzeugung hervorgehen, daß der Gedanke der Verallge-
meinerung ächter genügender Kindheitpflege durch die auszuführende Idee des
Kindergartens hohe lebhafte wirklich mittragenden u fördernden Anklang findet; doch noch mehr würde Ihnen dieß aus
den die Unterzeichnung begleitenden briefl[ichen] Äußerungen hervorgehen, wenn (Zeit u Umstände) mir es ver-
stattet wäre Ihnen dieselben mittheilen zu können. Nur Eins allein ein Wesentliches ist es was der
Verallgemeinerung der Theilnahme entgegentritt, dieß ist das sich Vereinzelt fühlen, der Theilnehmenden
dieses sich Schauen als Einzelnes, Vereinzeltes den Forderungen des Ganzen gegenüber macht den Einzelnen
kleinmüthig u sich schwach fühlend, wie das Werk selbst als riesig u groß
ansehend, das zu riesig u zu groß als daß es mögl[ich] seyn sollte es auszuführen[.] /
[1R]
Dieses Gefühl ist höchst merkwürdig, indem ja jeder Einzelne welcher sich so fühlt eben
Glied des großen Ganzen ist und die sich so vereinzelt fühlen – wenn sie sich als Ganzes Einiges em-
pfänden u erkannten, eben das ihnen so riesig u groß
erscheinende Ganze bilden würden. Dieses Sichfühlen nun der gesammten Frauen[-]
welt, der Weibheit des Mütterwesens zunächst der deutschen Frauen u Jungfrauen als eines G[an]zen
der Menschheit, der Pflege der Menschheit in der Kindheit und der Kindheit als wieder einem Ganzen gegenüber
die Erhebung der Gesammten Frauenwelt zu einem Kindheitpflegenden Ganzen, eben dieser Kindheit gegen[-]
über das müßte zum Wohle dieser, zum Wohle der deutschen Kindheit, zum Wohle des
deutschen Volkes möglich werden; um dieß zu bewirken, müßten die eine Mehrheit von Frauen eines Ortes, einer
Stadt als ein einiges Ganzes dafür auf- und eintreten, sollte dieß nicht in Leipzig zu erreichen
seyn in der Stadt aus deren Mitte so viel für deutsche Bildung ausgeht? – Mich dünkt
sie könnte sich dadurch zu einem wahren Mittelpunkt der Pflege des ächt deutschen Lebens
in seinem ersten Keime in der Kindheit erheben. Sollte dieß nicht von einer Stadt aus
gehen welche der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, als solche die Trägerin und Pflegerin
deutscher Bildung ist? – Wie leicht würde sich von einem solchen Mittelpunkt aus und {auf/durch}
solchen {Wege/Canäle} ächte Kinderpflege und Erziehung aber weil sie das Siegel der Wahrheit an ihrer Stirn trägt sich durch g[an]z Deutschland weit über seine
Grenze hinaus geltend und in Stadt u Land in der Öffentlichkeit wie im privat[en]
Leben geltend machen. Ja hochgeehrtester HErr hier berühre ich den Punkt welchen ich Ihnen
als Buchhändler ganz besonders ans Herz legen möchte. Mich dünkt der Buchhandel u die
Presse vor allem der deutsche Buchhandel und die deutsche Presse sollte[n] sich als ein Ganzes, wie
beyde ja in sich selbst in gewisser Beziehung ein organisches Ganze sind, wenigstens erscheinen -
sich die Erhebung der Menschheit zur Erreichung ihrer Bestimmung, durch Erziehung durch {Verallgemeinerung/Verbreitung}
ächter Kindheitbeachtung u Pflege – zur Aufgabe stellen. Wie sich der Buchhandel u die Presse
einmal und wiederkehrend die Verbreitung der Bibel zur Aufgabe stellte[n] so sollten sie geeint sich jetzt die Verbreitung
ächter Kindheitpflege und von diesem Punkte und dieser sichern Grundlage [aus] auch sich die Förderung der gesammten deutschen JugendErziehung zur Aufgabe stelllen. Nach meinem guten
Kennen aber sehr hemmenden Erfah fast entmuthigenden Erfahrungen scheint dem
Buchhandel der Ausgangspunkt zu klein zu unbedeutend zu seyn, und dennoch ist von je[-]
her alles Große u Größte aus dem Kleinen u dem Kleinsten hervorgegangen; ja es ist
ein großes Natur[-] Welt[-] und Lebens[-], ja Geistes Gesetz, denn dem entwickeltsten Geistigen
Ganzen liegt rein ein einfacher, ja je größer die Entwickelung um so mehr zum öftern der
einfachste u kleinste noch <nächste seyende> Gedanke zum Grunde. Möchte der Buchhandel als ein Ganzes mir zum
Wohle der Menschheit die Hand biethen, ächte Kindheitpflege allgemein zu machen ich will gern
die Gründe auf die sie beruht, so wie die Ergebnisse welche aus ihr hervortgehen der strengsten
Prüfung unterwerfen ist doch aber auch kein Punkt wo sie seit ihrer Veröffentlichung und
an manchen Orten wie z.B. in Burgdorf im Kanton Bern in der Schweiz d[urc]h unsern Fr[eun]d Langethal seit Jahren
und schon wenn auch wirklich immer nur noch einfach und unvollkommen angewandt wurden – in welcher nicht die Ergebnisse für sie sprächen. Gleiches findet
in Fr[an]kfurt a/m stadt [sc.: statt] wo zwey Anstalten im gleichen Geiste d[urc]h junge Männer bestehen w[elch]e hier
sich gebil[det] haben; die eine seit fast seit einem Ganzen die andere seit fast ½ Jahr. Ist es mir d[urc]h die Zeit u Umstände ver-
gönnt so werde ich noch abschriftl. die Urtheile der Vorgesetzten u Leitenden
über die Pflegeanstalt der Israelitischen Gemeine zu Frankfurt a/m bey legen. Die
Urtheile über das hiesige Wirken u deren Ergebnisse von den verschiedensten allein
immer mehrfach u anhaltend prüfenden Augenzeugen finden sich
im Allgem. Anzeiger der der Deut[schen] No bis No
in der Frauenzeitung vom Jahre 1839 Monat Dzbr No 142 bis 143
in der Allgem Schulzeitung
So sollen auch noch in andern besonders süddeutschen Blättern von solchen welche längere Zeit hier lebten sich eingehende vergleichende Mittheilungen über die Ergebnisse des hiesigen
Wirkens finden, welche mir aber nie zu Gesicht gekommen sind.