Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 1.2.1841 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 1.2.1841 (Blankenburg)
(UBB 115, Bl 347-349, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 1en Febr: 1841


     Die Kundwerdung
des Himmlischen im Irdischen,
des Göttlichen im Menschlichen
     zum Lebensgruß.

Es thut mir mein lieber Langethal gar schmerzlich Leid, daß die Kiste
mit der Gesammtheit meiner Sendungen an Dich und an alle die Lieb-
werthen und Geliebten in der Schweiz bey Abgang dieses jüngsten
Briefes an mich immer noch nicht angekommen ist war. Möge sie
nun wenn dieser Brief bey Dir eintrifft, schon in Deinen Händen seyn
ich hoffe es mit Zuversicht. Der erste Blick in meine Briefe wird
Dir dann zeigen, daß Du Dich sowohl in Deiner Ansicht meiner, so wie
in der von Dir vorausgesetzten Ansicht meiner von Dir ganz ganz ge-
täuscht hast. Du wirst durch die Einlagen sehen, daß ich schon Michaelis
v. J. und dann wieder mehrere Wochen vor Weihnachten an Dich ge-
schrieben habe, daß aber die Briefe immer liegen blieben, weil sie
mit größeren Sendungen zugleich an Dich abgehen sollten, diese sich aber
durch von mir nicht zu beseitigende Hindernisse sich immer von einer Seite
zur anderen verschoben. Endlich aber erst am 16 Decbr v. J. ist das
Kistchen ganz zur Fuhre verpackt von hier abgegangen. Dein Bruder Gott-
lob in Erfurt hatte mir gesagt, daß es sogleich wie es nach Erfurt käme
auch von dort wieder in Verbindung mit der übrigen Sendung an Dich abgehen
sollte und Dein Bruder lebte der ganz bestimmten Hoffnung, indem er Dir die
Sachen durch Schnellfracht senden wollte, daß solche noch zum Neujahr
bey Dir eintreffen würden, so hatte ich doch bey Empfang Deines vorigen l.
Briefes die Hoffnung und nochmehr bey dem Empfange des jüngsten vom 22n d. v. M.
die bestimmte Erwartung daß er mir die Ankunft des Kistchens bey Dir
melden würde. Wie unangenehm mir nun das Gegentheil war kann
ich Dir gar nicht sagen, denn Deine Gesammtansicht von mir und besonders
von meinem Stehen zu Dir würde eine ganze andere seyn. Doch gestehe ich
- da nun einmal die Sache ist wie sie ist - auch offen, daß es mir von /
[347R]
der anderen Seite gar sehr lieb ist, daß Du Veranlassung ge-
funden hast Dich über Dich und mich recht unumwunden
besonders über die Ansicht Deines Stehens in Dir und zu mir
und des meinigen zu Dir auszusprechen. Wären meine Briefe
und Sendungen früher bey Dir eingetroffen, so würde dieß schwerlich
der Fall gewesen seyn. Für mich ist es aber vor allem nöthig, daß
ich über das Innere Stehen derer welche in das innerste meines
Wirkens eingreifen recht klar bin, auch darüber klar wie sie eigentl[ich]
von mir denken und mich auffassen. Daßhalb kann ich Dir, von
diesem Gesichtspunkte aus, sagen daß mir mich Deine beyden letztern Briefe
besonders der jüngste gar sehr lieb sind.
Du schreibst in Deinem Briefe vom 5en Januar:- "Die Hauptrichtung der Zeit
"geht auf Erfassung des Individuums, des Selbstlebens, des Ichs. Es be-
"zeichnet diese Richtung eine bestimmte Seite der Menschheitsentwickelung." pp.
- Du magst Recht haben allein Du vergissest dabey daß schon in jeder
Zeit, aber ganz wesentlich in der unsrigen, sich zwey Richtungen ganz
zugleich ausbilden, die eine Hauptrichtung welche der alten, der eben
ablaufenden, absterbenden und eine zweyte Hauptrichtung welche der ganz
neuen aber erst hervorkeimenden, ja eben erst hervorkeimen wollen-
den Zeit angehört. In Bezug nun auf die erste Hauptrichtung der gegen-
wärtigen Zeit magst Du nun wohl recht haben, allein ganz und gar
nicht auf die zweyte nach dem Neuen hingerichtete Hauptrichtung; diese
geht auf Erfassung der Einheit, des Allgemeinen vorwaltend voraus.
Du darfst es mir nun mein theurer lieber Langethal garnicht übelnehmen
indem Wahrheit unter den Menschen u besonders unter Männern seyn
muß, daß ich Dir als meine Überzeugung ausspreche, daß Du mit Deiner
ganzen Lebens- und Personenansicht obgleich jünger als ich, dennoch der
alten Zeit angehörest d.h. diese bekämpfest - während dieß mich
wenige kümmert; ich habe es nicht mit Bekämpfung der alten, sondern
mit der Pflege der neuen Richtung der Menschheit zu thun. Darum
hast Du es mein theurer geliebter Langethal immer mit Deiner u meiner /
[348]
Person zu thun und mit unsern gegenseitigen persönlichen Verhältnissen
auch wohl und sehr häufig mit der Rechtfertigung und Verteid[ig]ung
Deiner Person wie mit der Bekämpfung meiner Persönlichkeit
- (:die natürlich hervortretende entgegengesetzte Erscheinung der <Belebung>
meiner Persönlichkeit rc hat natürlich auch ihr Recht:) -[.] Mich
kann daher das Festhalten der Persönlichkeit nicht fesseln, wohl
aber der Blick auf die Hervorfördung [sc.: Hervorförderung] des Allgemeinen, des
Gemeingutes aller, so bald nun darum Jemand meine Überzeugung
und Ansicht nicht theilt, so lasse ich ihm ruhig die seinige, lasse ihn
gern seine Straße ziehen allein ich feinde ihn deßhalb nicht an, denke
auch nicht übel von ihm.
Siehe so hast Du wieder ganz unrecht wenn Du in Deinem jüngsten
Briefe vom 22/I. schreibst: - "Zürnest Du mir, etwaige Schatten-
seiten meines Lebens ins Auge fassend?-" Ich kann ganz aufrich-
tig sagen, daß ich Niemanden zürne und nicht auf ihren Schattenseiten ruhe
ja sie nicht einmal hervorhebe, selbst bey denen nicht die mir wirklich
und ich glaube mit Überlegung und Vorbedacht d.h. um mir Übles
zuzufügen Übel gethan haben. Wie käme ich nun gar dazu Dir
zu zürnen und auf Deinen Schattenseiten zu ruhen, ja ich muß
Dir mir [sc.: mit] der größten aufrichtigkeit [sagen], daß ich sie gar nicht kenne,
daß ich sie erst aufsuchen müßte wenn ich darauf ruhen wollte.
Denn was ich z.B[.] vorhin aussprach ist nicht Schattenseite, sondern
ist Ausdruck der gesammten Eigenthümlichkeit einer Person die
mit den Menschen in der Zeit heraufwächst, durch die er eine be-
stimmte Person in der Zeit ist und die er nicht wie einen Rock
ausziehen kann, auch nicht soll, denn eine Zeit und die Mensch[-]
heit einer Zeit kann sich nicht aus und zu Ende leben ohne durch
Personen und Individuen, und dieß Ausleben muß erst daseyn
ehe das Neue vollständig kommen kann. Dieß Ausleben des
Alten ist auch nichts Tadelwerthes, Niederes, sondern kann
an sehr Edlem, d[urc]h E sehr Edles, und auf sehr Edle Weise geschehen. Siehe /
[348R]
darum zweifelt auch ganz gewiß Niemand und am allerwenigstens ich
"an den gesunden, wandellos treuen Kern Deines Lebens" - und
ganz gewiß "läßt Dir denselben ein Jeder und am gewissesten
ich unangetastet." Und ob ich gleich diese kriegerische, kampflustige
ja herausfordernde Stellung in welcher Du Dich in der berührten Stelle in
Deinem Briefe an mich hinstellst, meinem Charakter nach nicht mit Dir
theile, so freue ich mich doch herzlich, daß es einen Langethal giebt der sie hat;
denn sie fördert auf ihre Weise und klärt die Sache, wenn ich auch gar
nicht daran denken wollte, daß sie mich selbst klärt u fördert. Nur
ich sehe freylich von mir und uns aus keinen Feind und keinen Gegner
gegen welchen Du Dich zu waffnen und in eine kriegerische Stellung zu ver[-]
setzen u Ursache hättest. Wir und ganz besonders ich erkennen Dich gern
in der von Dir so klar als bestimmt gezeichneten Lebensansicht u genommenen
Stellung an, gehen nicht nur ruhig nebeneinander, sondern sind auch gegen-
seitig überzeugt daß jeder von uns das Streben des andern und die Sache
des Ganzen nach Möglichkeit fördert.- Darum habe ich nie die Pflicht verkannt Dich und
Euch insgesammt stets von dem hiesigen Stande der
Entwickelung unseres Lebens zu unterrichten, mir war es bey der sich
jetzt steigernden Masse nicht möglich jedem Einzelnen das Ganze zu geben,
daher wirst Du, wenn anders endlich die Kiste bey Dir angekommen ist,
gefunden haben daß ich möglichst vollständig mich dem einen nach einer
Seite hin mitgetheilt habe, in der Hoffnung ja Erwartung, daß Jeder von
Euch meine für ihn besonders bestimmten Mittheilungen auch den übrigen
zur Kunde bringe. Du wirst also wenn anders die Kiste angekommen ist
Dich nun überzeugt haben, daß es am allerwenigsten mir eingefallen ist
Dich und auch alle ohne fortgehende Kunde von uns hier zu lassen; nur
forderten und fordern noch die Umstände, daß es auf andere Weise
als bisher geschehe, denn die sich ausbreitende Theilnahme verlangt
unerläßlich die Pflege u Beachtung des Jungen, den Nahen, der wirklichen
Ausführung. Wie uns Rudolstadt in Anspruche nimmt, wirst Du hoffentl[ich]
mit freudiger Theilnahme bemerkt haben nun hat sich auch seit Neujahr in Gera /
[349]
ein Kindergarten (so nennen wir jetzt und glauben am entsprechendsten
unsere Anstalten zur Pflege des Beschäftigungstriebes der Kinder) - ge-
bildet; es mögen jetzt gegen 20 Kinder daran Antheil nehmen der Herr
Pfarrer des Ortes und die Gattin eines Mitvorstehers einer größeren
Mädchenanstalt sind die Führer, - die Gärtner an diesem schönen Garten
die Unternehmerin schreibt mir sehr f viel Liebes darüber, leider
ist heut die Zeit zu kurz es Dir wirklich mitzutheilen was auch Dich
gewiß gar sehr freuen würde. Überhaupt habe ich so ein einig
theilnehmendes sich der Ausführung persönlich hingebendes Interesse noch nicht ge-
funden als in dieser Frau.- In dem nächsten Briefe mehr darüber.
In Rudolstadt sind jetzt 26 Kinder aus ich glaube 17 Familien.
Viele Mütter nehmen Antheil; wöchentl. 2 mal Dienstag und Freytag
von 2-4 haben wir Spielstunde wozu gewöhnl. Middendorff u ich
auch ein Gehülfe, weil die Kinder noch sehr einzeln beschützt seyn
wollen, von hier nach Rudolstadt gehen.-
Die Fr: Fürstin von Sondershausen hat mich durch ihren PrinzenEr-
zieher, einen gewissen Ludloff aus <Garsitz> bey Königsee (dessen Du
Dich vielleicht erinnerst, denn er war auch einige Zeit Erzieher im von
Witzlebenschen Hause zu Rudolstadt) - bey uns wegen Ausführung
eines Kindergartens anfragen lassen, weil sie, wie Ludloff schrieb
fest entschlossen sey einen solchen auch in Sondershausen auszuführen.
Seit Abgang unserer Antwort ist noch zu wenig Zeit verflossen als
daß wir schon Rückerwiederung haben könnten.
Noch in verschiedenen anderen Punkten hat sich ein lebendiges
Interesse für die Sache geregt so in Hamburg, in Halle, leider
ist meine Kraft zu beengt um alles nach Erfordern pflegen zu können.
- Auch der deutsche Kindergarten hat sich vieler Theilnahme
dafür erfreut; doch das Wesentlichste darüber wirst Du in
meinen Mittheilungen an Euch insgesammt finden. Ich hoffe ja
daß Dir wie Ferdinand, so auch die Elemente meiner Briefe
an sie mittheilen werden; jedem gleich ausführl[ich] zu schreiben war unmögl. /
[349R]
Auch meine jetzt zur Erlernung der deutschen Sprache in Deutschland leben-
de englische Erzieherin, welche mich im verfl. Sommer besuchte, und
welche fortgehend das lebhafteste Interesse an der Gesammtheit
meiner erziehenden Bestrebungen nimmt hat mir wiederkehrend
recht förderliche Mittheilungen gemacht. Dieß nur als Andeutung
der verschiedenen Richtungen hin nach welchen sich das Ganze ent-
wickelt. Da nun alle diese Punkte Belehrungen wollen, da sich so
siehst Du wohl ein, mir meine Kraft auf die Pflege des nächsten
beschränkt und durch die Pflege ganz in Anspruch genommen ist.
Dazu kommt, daß durch diese mehrseitige Ausführung und Anwendung
und durch diese steigende Theilnahme, sich der Gegenstand auch
in sich selbst immer tiefer u tiefer entwickelt und sich so in seinem
ersten Ausgangspunkt gegründet hat, daß es mir gar nicht
mehr möglich ist mich Dir so abgerissen Brieflich darüber
mitzutheilen; ich werde mehreres darüber im Sonntagsbl
niederlegen von welchem wieder No 14, 15 u 16 erschienen s[in]d, No 17
u 18 s[in]d [un]t[e]r der Presse. Alle die mir von Dir mitgetheilten Aufsätze
s[in]d darin abgedruckt, und ich freue mich bald wieder
neue Materialien zur Mittheilung zu erhalten. Ich bin gesonnen
Dir die nächste Sendung auf unserm gewöhnl[ichen] Weg über Nürnberg
zu machen weil jedes andere weniger direct ist.- Solltest Du
noch weitere Wünsche haben so theile mir solche bald mit, viel-
leicht kann ich sie dann zugleich erfüllen.- Viel, viel hätte ich Dir
noch mitzutheilen doch heut geht es nicht. Wenn ich nur erst weiß, daß
die Kiste bey Dir angekommen ist und daß Dir alle meine Briefe nach der
Schweiz bekannt sind, dann kann ich mich Dir bestimmter aussprechen.-
Für Deine Sendung, Rechnung und treuer Gesinnung, so redende Thatbe-
weise heut nur meinen herzinnigsten Dank, so wie Grüße an alle,
namentl. Ernestinen. In 3-4 Wochen denke ich wieder eine Sendung an Dich
abgehen zu lassen. Schreibe mir bald, dann solltest Du ausführlich von mir
hören. Jetzt nochmals meinen besten Dank für Deine Mittheilungen alle, und
sey stets der treuesten Lebenstheilnahme versichert von Deinem u Eurem FrFr.