Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 27.2./28.2.1841 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 27.2./28.2.1841 (Blankenburg)
(BlM XIV,11, Bl 63-66, Brieforiginal 2 B 4° 7 S., tw. ed. Pösche 1887, 75-80; tw. ed. Lück 1929, 67-72. Ed. Pösche 1887 suggeriert Vollständigkeit, tatsächlich aber deutliche Änderungen und Auslassungen.)

[Briefkopf: Lithographie Keilhaus mit Bildunterschrift:
                "Erziehungsanstalt in Keilhau"]

         Blankenburg bey Rudolstadt am 27 Febr 1841.


           Innig hochgeschätzte, theure Muhme.

Obgleich ich Ihren vorletzteren lieben und ausführlichen Brief nicht unmittelbar zur Hand
habe, indem derselbe - da unser Leben ein gemeinsames ist - zur Freude meines Keilhauer Kreises
seit einigen Tagen in demselben weilt; so will ich es doch versuchen auszuführen, was ich mir
gleich nach dem erstmaligen Lesen desselben vorgesetzt hatte, und ihn in all seinen Punkten, wenn
auch nicht in der gegebenen Reihenfolge zu beantworten.
Allem zuvor freue ich mich ganz ungemein, daß Sie so in vollem Einverständniß mit den Vor-
stehern der betreffenden Bildungsanstalt und namentlich in so reger und förderlicher Theilnahme des
Herrn Pastor Lang wirken, dieß giebt Ihrer Thätigkeit gewiß einen solchen innern wie äußern
Halt und einen solchen Charakter der Verallgemeinerung, welches beydes für das Bestehen wie
für die Wirksamkeit Ihres gemeinsamen Unternehmens nur seegensreich seyn [kann]. Sie sagen
mir, gütige Muhme Freundliches über unsern Mütterverein zu Rudolstadt, und ich gestehe
Ihnen offen, daß ich durch denselben sehr beglückt bin; allein einer solchen förderlichen Theilnah[-]
me und Mitwirkung der Manneskraft können wir uns wieder, nicht außer einigen Vätern
welche uns gleich den Müttern zum Öftern besuchen - nicht erfreuen, der Grund mag wohl
seyn, daß unser erster Geistlicher zu R. keine Kinder hat und nie gehabt hat, der zweyte
Geistliche zwar Kinder [hat], meine Bestrebungen in seinen eigenen Vatererfahrung[en] zwar ganz /
[63R]
ganz [2x] gegründet findet; allein persönlich zu kränklich und mit Geschäften überhäuft ist um selbst da-
ran Antheil zu nehmen. Sehen Sie, liebste Muhme, so hat jede Lage ihr eigenthümlich Günstiges
und ihr eigenthümlich Mangelndes. So theilen z.B. unser Kinderleben wie es scheint mehr die
Mütter und Kinderpflegerinnen als in Gera. Einige Mütter nehmen bestimmten Antheil an
den Spielen, einige merken sich die Liedchen auf die wir singen und ich muß glauben, daß viele
Spiele in diesen häuslichen Kreisen nachgespielt werden.
Ich freue mich gar sehr mit Ihnen und mit den andern Töchteranstalten zu Frankfurt a/m und Rud.
mehrere günstige Erfahrung zugleich zu haben: Erstlich bewähren sich die Vortheile und Früchte
dieser Bethätigungs- dieser Pflegeanstalten der Kindheit, diese Kindergärten von Stunde zu Stunde
an den theilnehmenden Kindern; Zweytens zeigt sich ebenso auch eine steigende Anzahl der Kinder.
Wir in Rudolstadt können nur, wegen Beschränktheit des Raumes keine mehr annehmen; unser[e]
Anzahl ist 26. Auch wir haben drittens die Erfahrung daß Kinder, welche während der Spielstund[e]n
fast gar nicht singen, dennoch die Lied[c]hen zu Hause klar, freudig und frey erklingen lassen: V[i]er-
tens findet es auch bey uns statt, daß kleine Kinder mit ihren noch kleineren Geschwistern
die Spiele wieder nachspielen, ja daß sie bey ihren kleineren Nachahmung[e]n, selbst die Spielführer
und Kinderfreunde der größeren Spielstunde so z.B. Herrn Middendorff, mich und einen jungen Bildling
mit einverweben. Die fünfte und Hauptbemerkung ist aber die: daß wirklich Unarten, nament-
lich der Knaben zurück getreten sind und sich sechtens eine größere und stetigere Frey- und Selbst[-]
thätigkeit bey ihnen entwickelt hat. Aber auch achtens [sc.: siebtens] die Bemerkung müssen wir mit ihnen
theilen; daß die kleineren Kinder in der Regel sinniger, stiller, phantasiereicher, stetiger und an-
haltender spielen als die schon der Zerstreuung mehr hingegebenen Größeren; doch bemerken wir /
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daß sich auch dieser Fehler immer mehr verliehrt[.]
Ich halte es für gar wichtig sich gegenseitig seine Bemerkungen mitzutheilen damit man nach und nach
zur Kenntniß der Gründe und Bedingungen der beachteten Erscheinungen und somit ihrer bestimmten
Gesetze kommt, damit man im guten Fall förderlich für und im nachtheiligen hemmend ihnen entgegen
wirken kann. Ich bin, meine sinnige, liebe Muhme, der festen Überzeugung alle Erscheinungen in der
Kinderwelt die uns erfreuenden, wie die uns betrübenden hängen am Ende von festen Gesetzen ab, welche
den cosmischen, den Weltbau- und Naturlebens-Gesetzen ähnlich, darum erforsch-, einseh-, erfaß- und
nachlebbar sind, von Gesetzen durch die wenn wir sie erkannt und uns angeeignet haben, wir dem Nach[-]
theiligen und Fehlerhaften entgegenwirken, das Gute und Tüchtige aber befördern können. Dieser Wahrheit
und Überzeugung von meiner Seite zu folge treibt eine gewisse Ahnung und ein dunkles Gefühl die
Kinder ganz besonders zu der unermüdlichen Ausführung der kreisenden Spiele und Bewegungen,
weil diese eben in die Kenntniß des Weltenbaues und der Weltenbewegungsgesetze einführen[.]
Auch will ich es Ihnen wohl, der so Denkend und Beachtend dem Spiele und Spielen der Kinder Nachgehenden
wohl im Vertrauen sagen - nur muß man es sehr sorglich weiter aussprechen - daß ich eben bey
meinem Spiel und Spielen den besonderen und bestimmten [{]Neben / Seiten}zweck habe die Kinder wie auf und in
sich zurück so auch in das Leben der Welt, des Alls und namentlich auch der näheren Natur einzu[-]
führen, in welchen sich am Ende auch nur die individualisirten cosmischen Gesetze aussprechen. So hoffe ich
später die Kinder zu einer praktischen (im Leben anwendbaren) Erkenntniß von Gott, seinem Wirken
und Thun so seinem Wesen und Willen hinzuführen, so daß sie dadurch nicht nur fähig werden den Willen
Gottes zu erkennen und einzusehen, sondern auch demgemäß zu handeln. Ich sage Ihnen ferner meine
eingehende, theure Muhme im Vertrauen der letzte Zweck und das eigentliche Ziel meiner Spiele und
Spielweise ist durch die Natur und das Leben, hier vermittelt durch Kinder- und Kindheitliebe
und ihre Rückwirkung, also vermittelt durch Jesu als den reinsten Kinderfreund zu wahrer Gott[-]
einigkeit in Fühlen, Denken und Handeln, in Gesinnung und Thun oder zur ächten Religiosität oder wie Sie
es sonst nennen wollen - zu führen.-
Daß Sie und der Herr Pastor L. so höchst aufopfernd und ganz ohne alle Vergütung die Spielstund[e]n
geben ist auf das höchste dankbar zu erkennen. Möchte Ihnen beyderseits nun nur sonst durch
die Pflege der Idee ein entsprechender Ersatz kommen. Möchte sich doch auch in dieser Hinsicht die Idee
in einer gewissen Allgenügsamkeit zeigen. Dem Rudolstädter Mütterverein wird es nun in dieser
Beziehung nicht so gut. Indem Herr Middendorff und ich wegen der Schnelligkeit mit der wir dort seyn
müssen und wegen des schlechten Wetters und Weges jedesmal nach Rudolstadt fahren müssen,
was natürlich die Gemeinsamkeit, vertheilt auf jedes theilnehmende Kind zu tragen übernommen hat
dazu kommt noch das Heizen des Locales, welches nur zu diesem Zwecke zweymal in der Woche geheizt
wird also vieles Holz kostet und die Anschaffung des Spielmateriales. Es ist vielleicht gut dieß
den vereinten Eltern in Gera gelegentlich zur Kunde zu bringen, wie sie eine Sache gegen so geringen
Aufwind bekommen, welche andere mit wirklichen Opfern erkaufen müssen; dennoch spricht sich
in Rudolstadt der bestimmte Wunsch aus, daß auch im Sommerhalbjahre das Begonnene fortgeführt
werden soll und ein Garten, wie ein Berg ist schon zum [sc.: zur] Ausführung im Freyen unentgeldlich angetragen. /
[64R]
Wollen Sie so gütig seyn die Frau Dr Wild, die Frau Justizräthin Otto Frau Pastor Lang und die Mutter welche in der
letzteren Zeit so eingehenden Antheil an Ihrem Wirken genommen hat, letztere beyden unbekannter
Weise achtungsvoll von mir zu grüßen[?]- Haben Sie Ihre Freundinnen Reimschüssel aus
Ronneburg bey dieser schönen Schlittenbahn nicht in Ihrem schönen Kindergarten besucht[?]-
Steht Gera als Stadt mit Schleiz, Greiz und Ebersdorf in einem gewissen lebendigen
Verkehre?- Kennen Sie oder der liebe Vetter oder der Herr Pastor Lang einen gewissen
Herrn Hofrath Müller in Ebersdorf?- Er soll der leitende Punkt an diesem kleinen Hofe seyn
Im vorigen Herbste hat er sich durch einen unserer Bekannten und Freunde welcher ihn in Ebers-
dorf auf einer Reise kennen lernte, Nachrichten von Blankenburg zusenden lassen; seit dieser
Zeit habe ich aber nichts mehr von ihm vernommen. Ist derselbe nicht bey der Verwaltung von Gera
thätig?-
Deuten Sie mir es, meine theuerste Muhme, ja nicht übel wenn ich mich über Ihre so höchst sel-
tene eingehende förderliche Mitwirkung zur Verbreitung der Kindergärten und namentlich
der Ausführung derselben in Gera, vielleicht wenig bestimmt dankbar ausgesprochen habe,
es ist eine sonderbare Eigenthümlichkeit meines Wesens, daß ich mich sehr häufig da am wenigsten
dankbar ausspreche, wo ich mich in mir am freudigsten dankbar fühle und wo ich meine, daß
ich in diesen dankbaren Gesinnungen am leichtesten durchschaut werden könnte. Zu meinem Leide
habe ich schon einigemale diese Bemerkung an mir gemacht und wie es scheint habe ich mich auch
dieses Fehlers gegen Sie beste Muhme, gegen welche ich mich so innig dankbar verpflichtet fühle,
zu Schulden kommen lassen. Auch will ich Ihnen gestehen daß ich mich fürchte mich über meine
reinsten Freuden und Hoffnungen laut auszusprechen, weil damit dieses Aussprechen sie mir
nicht etwa welken mache. Genug der aus Ihrem Gemüth und Sinn hervorgegangene, von
Ihnen gepflanzte und gepflegte Kindergarten Geras ist, gerad so wie er ist, der liebste
ich erkenne ihn - gerad so wie er ist als den am lebenvollsten begründeten, und im Leben, sey
es auch nur, meine liebste Muhme in Ihrem eigenen Leben, am tiefsten und festesten gegrün-
det und gewurzelt; nach Ihren freundlichen Mittheilungen gleicht er einem Erdbeerstock
welcher still allseitig seine Ranken hintreibt, die wo sie entsprechenden Boden finden
Wurzeln fassen und selbstständige Stöcke bilden. So kommt mir das vor was sie [sc.: Sie] mir
von der stillen Fortwirkung auch der Spiele und des Spielens mit den größern Töchtern Ihrer
Schule schreiben. Diese stille und unbeachtete, ich möchte nochmehr sagen, unberedete Fortwirkung
ist eben die ich so sehr wünsche und die darum wo ich sie finde mir so sehr lieb ist. Gott segne sie [sc.: Sie]!
- Sie haben wirklich R recht, daß manche Spiele wenn sie gut und sorgsam ausgeführt werden
wirklich Schönheitsspiele sind. Dahin rechne ich z[.]B. besonders: ["]Hoch im Bogen komm geflogen pp"
wenn es mit ½ soviel Bällen gespielt wird als Spielende sind; noch schöner ist wenn es in einem
großen Kreise so daß die Spielenden mindestens 2 Schritt von einander entfernt sind und mit eben
so viel Bällen als Personen gespielt wird; doch muß als dann sehr sorgsam gespielt werden. Auch
"Bällchen Bällchen springe rc pp" und "Das Bällchen möcht ich fangen 1 mal 2 rc pp" macht sich gar sehr schön
wenn es recht sorglich gespielt wird. Auch Schwenkungsspiele mit in Faltenschlag gehalte[nen] Tüche[rn] machen sich bey größeren Mädchen sehr schön.- /

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Am 28' Febr. Daß Sie sich die Mühe genommen und für Ihre l. Kleinen Bälle gewunden und bestrickt
haben, dafür bin ich selbst Ihnen dankbar, denn es fällt mir hier immer schwer, Bälle sorglich ge[-]
arbeitet wie ich solche wünsche hier zu bekommen. Bisher bekam ich sie aus einer benachbarten Ar-
menschule durch die Güte des Vorstehers derselben und dessen Gattin; jetzt ist dieser aber versetzt
worden und ich habe mir selbst noch keinen neuen Weg der Anfertigung bereitet. Darf ich mir aber bey et-
wa noch weiterer Anfertigung von Bällen bey Ihnen eine Bitte erlauben? - erstlich machen Sie die Bälle
ja nur einfarbig, dann wählen Sie zu den 6 Farben ja nur die angegebenen nemlich die drey
Hauptfarben: blau, gelb, roth, und die drey Neben- Zwischen- oder Mischfarben: grün, goldgelb
und veilchenblau (violett). Verknüpfung von zwey, drey und sechs Farben in bestimmten Verbindungen
und Folgen kommen später. Die Farben werden alsdann entweder in Bändern [*Zeichnung:
  Ball mit Querstreifen*] oder in Blättern [*Zeichnung: Ball mit
  Längsstreifen*] geordnet.
Sehr schwer hält es in Wolle reine klare Farben zu erhalten, eigentlich sollten es die prismatischen,
die Regenbogen- oder Thautropfen-Farben seyn. Diese lassen sich aber wohl nur in Seide erreichen, welche
aber wegen ihrer Kostbarkeit für gewöhnlichen Gebrauch nicht anwendbar ist.-
Daß Sie, dem Leben der Kinder so mütterlich pflegend nachgehende, liebe Muhme dem Zuge dieser
und Ihres eigenen Gemüthes gefolgt sind und uns so mit einem neuen Spiel beschenkt haben, dafür
kann ich Ihnen nur dankbar seyn. Ich selbst bin glücklich wenn ich in mir so frey und mit den Kindern
so eins bin, daß ich mich leicht von ihnen wie eine Welle bewegen lassen kann. Eine große Mehr[-]
zahl unserer kleinen Kinderspiele habe ich aus unmittelbarer Beachtung der spielenden Kinder geschöpft, dann
gleichsam aus dem Geiste des Ganzen neu geschaffen. So habe ich ganz jüngst ein Hinkspiel ausgeführt
weil meine Knaben immer hinkten, oder hinkhüpften.- Ebenso hat mir Ihre gütige Mittheilung die
Idee eines Gluckhennenspieles oder die Henne und ihre Küchlein gegeben, welches ich Ihnen, so wie ich Zeit gewinne es in Tönen zu
geben, d.h. geben zu lassen, zur Prüfung mittheilen werde[.]
Auch für die liebliche Bemerkung einer Ihrer lieben Kleinen, von Rosenknöspchen und Grünblättchen bin ich Ihnen
gar sehr dankbar ich werde es zu einem Blumenspiele benutzen, deren wir im Sommer bey unseren Spaziergängen
verschiedene, theils mit wirklichen Blumen, theils als Bewegungsspiele wo die Kinder die Blumen
und Gewächse darstellen - ausführen. Der Zweck wird Ihnen daran leicht entgegentreten: er ist die Kinder
in die Beachtung der Natur und gleichsam in das Nachfühlen des reinen stetigen nie rastenden und doch stets
friedigen und vertrauend hingegebenen Naturlebens einzuführen um Gleiches im eigenen Leben auf höherer
Stufe des Bewußtseyns und Gotteinigkeit - (:welches deutsche, sich leicht aus sich deutende Wort ich lieber
brauche als die fremden Religion und Religiosität, die mir selbst in ihrer wahren Wortbedeutung nach
dem Erscheinen und Wirken Jesu nicht mehr genügen wollen:) - auszuführen.
So hoffe ich nun Ihren lieben vorletzteren Brief aus der Erinnerung ganz beantwortet zu haben;
Doch fällt mir eben noch ein was Sie über die Singweisen der kleinen Liedchen sagen. Sie haben ganz
recht, daß auch wir darinn etwas höheres zu erreichen suchen. Ob wir gleich diese Liedchen
selbst sehr oft den Kindern und dem natürlichen Müttergesang zu ablauschen suchen; so streben wir
(und eben auf diesem Wege) doch darnach das [sc.: , daß] Spieldarstellung, Wort[-] und Tonfolge oder Sing-
weise stets ein einiges sich gegenseitig hebendes und erklärendes Ganze werde und sey. In /
[65R]
dieser Beziehung war es besonders warum ich Sie um Festhalten kleiner Liedchen und Töne bat; sie geben
wenigstens Ideen, so Mannichfaltigkeit und dem Ganzen mehr Leben. Besuchende, wie auch Mütter
in Rudolstadt haben uns wohl schon mit beyden [sc.: beydem] beschenkt.
Nun zu Ihren freundlichen jüngsten Zeilen.- Der Herr Prof. M. hat auf meine letztere Mittheil[un]g
an ihn, daß sich ein Mädchen gefunden habe nicht geantwortet, so wird wohl die Sache auf sich beruhen.
Die abermaligen Nachrichten von Ihrem so hingegebenen Wirken haben mich besonders recht be[-]
glückt und meine Freunde hoch erfreut. Was sollte mir nun in Beziehung auf Ihr Wirken
und ganz besonders die Art Ihrer Behandlung der Sache noch zu wünschen übrig bleiben?-
Gerad so wie das Ganze ist und sich besonders entfaltet ist es mir lieb u wohl und eben
nach meinen [sc.: meinem] Sinn, denn ich liebe das stille, einfache, ruhige sich aus und durch sich selbst erge[-]
bende Fortwirken. Dazu scheint mir nun ganz vor Allem.- Ihr; wie sie [sc.: Sie] es nennen, stilles
unbeachtetes, zurück gezogenes, selbst wohl sogar unbekanntes Leben recht geschickt zu seyn.
Es gleicht dieß dem Veilchenleben und Wirken, welches ganz verborgen blüht und nur
zart duftet und dennoch sorglich aufgesucht wird. Obgleich der Mensch sehr bequem ist, so
liebt er doch das mehr was er mit einer gewissen Selbstthätigkeit aufsuchen und sich aneignen
muß. O bitte, bitte, seyn Sie mir ja nicht ängstlich in gar keiner Beziehung namentlich nicht etwa
in Beziehung auf mich, Sie erfüllen - wenn Sie mir gestatten wollen es Ihnen offen auszusprechen
in Ihrem und durch Ihr Wirken und in der Art desselben die innigsten, schönsten und kühnsten Wünsche
meines Herzens, Sie geben mir selbst, gleich Ihren Kleinen Freude, Friede, Ruhe und meinem
Handeln Stetigkeit.
Wie so sehr freue ich mich nun nach all diesem daß Sie Ihr Handeln durch steigendes Vertrauen min[-]
destens anerkannt sehen. Fordern Sie geradezu von mir alles was Sie glauben können daß ich dazu
beytragen kann, daß wir gemeinsam dieses Vertrauen pflegen und erhalten. Daß nun auch schon
mehrere Frauen und Mütter Ihr Walten theilen hat mich hoch erfreut; es kann nicht fehlen, auch
Ihre Hoffnungen und Wünsche müssen erfüllt werd[e]n. A
Ihr schönes Scherzspiel mit Ihrem Blaumäntelchen (der kleinen Iduna:) hat wieder viel
Poesie in die Spiele gebracht und es soll mir eine sehr werthe, fruchtbare Mitteilung seyn.
Lassen Sie nur Ihre kleinen Mädchen immer schauen und in sich verarbeiten, dieß bewirkt
das rechte Thun. Ich habe einige unserer Kleinen die sich auf gleiche Weise benehmen, genau
beobachtet und gesehen, wie sich doch leis ihre Lippen, in sich nachsprechend, also aneignend
oder vielmehr das gleichaltrige in sich findend und aus sich entwickelnd, bewegten.-
Daß die Worte und der Gesang auch bey dem Bauen sehr wesentlich ist hat mir ein kleiner Knabe
bestätigt welcher, nachdem er etwas gebaut hatte zu mir sprach: - "nun sage mir auch etwas
dazu."- Mit der Anwendung der Legetafeln u Vorlegblätter bin ich ganz Ihrer Meinung; ich
habe in Rudolstadt unter gleichen Umständen und auf ganz gleiche Veranlassung ebenso gehandelt.
Die Liebe Ihrer wilden Adele hat auch mich sehr erfreut, der Streit um die Plätze der Gunst ist
ein höchst erfreulicher im Kinderleben, allein er muß sehr gepflegt werden, damit sich keines verletzt fühle.- /
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So eben empfange ich beyliegenden Brief aus Leipzig von einer gewissen Frau Pastor Richter
gebornen Günther, (:der Vater war Wagemeister oder Wagmeister in Leipzig wohnend nächst dem
Theater:) da ich mir sagte, daß Sie dieselbe, welche wohl fast in Ihrem Alter seyn muß, oder den
Herrn Director Reich k vielleicht kennen, so bat ich Fräulein Emilie Kohl den Brief sogleich abzu[-]
schreiben um Ihnen solchen ganz mitzutheilen. Es wäre ungemein erfreulich wenn S sich vielleicht auf
diese Weise in Leipzig auch ein Pünktchen zeigte welches zu einem Saamenkorn zu einem Kinder[-]
garten erwachsen könnte. Ich theile Ihnen die Sache ganz so mit wie sie vor mir li[e]gt im Fall sich
dadurch vielleicht ein Weg zeigen sollte, wie solche von zwey Seiten gepflegt werden könnte.
Nun muß ich aber eiligst abbrechen wenn der Brief noch mit der heutigen direkten Post
an Sie gelangen soll.
Die herzlichsten Grüße an all Ihre Lieben, von
Ihrem
          dankbaren Vetter
          FriedrichFröbel

N.S.
Herrn Pastor Lang bitte ich mich besonders
zu empfehlen; der ehemalige Professor Carl
Poppo Fröbel
, nachheriger Besitzer der Fürstl
Hofbuchdruckerey zu Rudolstadt nun seit eingen
Jahren verstorben, war mein Stief- oder vielmehr
Halbbruder. Meine Mutter starb als ich 3/4 Jahr
alt war. Als ich 4 Jahr alt war heyrathete mein
Vater zum 2en male. Aus dieser 2' Ehe war er der
einzige Sohn, eine ebenfal[l]s einzige Tochter aus dieser
Ehe starb als Mädchen. Dieß muß mir heut zur Be-
antworthung der theilnehmenden Frage d[es] He[rrn] Pastors
genügen.
DO [sc.: Der Obige] /
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[leer]