Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Auguste Ritter in Bergedorf bei Hamburg v. 11.3.1841 (Blankenburg)


F. an Auguste Ritter in Bergedorf bei Hamburg v. 11.3.1841 (Blankenburg)
(BN 610, Bl 5-6, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. Prüfer 1909, 55)

Blankenburg bey Rudolstadt am 11 März 1841


Liebe Auguste.

Irre ich nicht sehr, so bin ich Dir auf Deinen letzteren lieben Brief
an mich noch eine Antwort schuldig, wenigstens meyne ich,
daß ich Dir nicht geschrieben habe seit ich Eure und Holms in
Neugamme Actienunterzeichnung zum deutschen Kindergarten
empfangen habe. Doch dem sey wie ihm wolle, ich will nicht
die Zeit mit Abrechnung verlieren, sondern jetzt da sich mir durch
die Freundlichkeit der Schwester Malchen Gelegenheit darbietet
Euch und Holms das Verzeichniß des ersten Hunderts der
Unterzeichnungen als Mitunterzeichneten zu überschicken kann
ich diese Verzeichnisse doch nicht abgehen lassen ohne mindestens
einen eigenhändigen Gruß von mir an Euch Ihr Lieben in
Bergedorf und an Holms in Neugamme hinzufügen auch Dir
und Ihnen auszusprechen daß mir Eure Unterzeichnungen wah-
re Freude gemacht haben. Ich läugne es ganz und gar nicht
daß ich einen bestimmten Werth darauf lege daß das inner-
halb eines größeren Familienkreise sich emporarbeitende
anerkannte Gute auch von den Gliedern dieses Kreises
nach bester Einsicht anerkannt und nach Möglichkeit gepflegt
und gefördert wird, Ja ich will es ganz unumwunden
und offen gestehen, daß ich in dieser pflegendfördernden
Anerkennung anerkannt menschheitlicher Ideen und besonders
Bestrebungen ein weit höheres geistiges Band finde als in der
blosen, von der Natur und äußeren Verhältnissen gegebenen
Blutsverwandtschaft. Da wo aber beydes sich gegenseitig durch
dringend zusammentrifft, darin setze ich für das Leben den be-
stimmtesten Werth. Daß es sich aber bey den eben besprochenen
Gegenstand um wirklich anerkannt menschheitliche Ideen und
Bestrebungen handelt das könnte ich Dir und Euch theilnehmenden /
[5R]
lieben Freunden und werthen Verwandten aus vielen vor mir liegenden
schriftlichen Äußerungen und thatsächlichen Erscheinungen beweisen wenn
ich dazu die Zeit hätte, doch will ich Dir und Euch davon wenigstens
theilweise zwey mittheilen, welche mich eben vor Beginne dieses Brie-
fes beschäftigten. So empfing ich gestern einen unterm 7en d. M.
geschriebenen Brief worinn der Schreiber desselben einer der
wackersten Deutschen ein lebenserfahrner Mann, zwar nicht Erzieher
von Fache, nicht Geistlicher u nicht Lehrer, sondern ein Gerichtsdirector
dem also das Innere des Lebens vielfach offen liegt unter andern
über mein Kinderpflegendes Bestreben überhaupt und in Beziehung
auf den deutschen Kindergarten insbesondere sagt: - "Es ist mir
"ganz klar, daß die vollendete Ausführung des von Ihnen begonne-
"nen Werkes von durchaus umfassenden wohlthätigen Einfluß
"seyn muß und daß die große Summa menschlicher Thorheiten
"und menschlicher Laster sich auf das erfreulichste mindern wird,
"wenn man der verdumpfenden Geistesverwahrlosung und
"der entsittlichenden Gemüthstödtung, die jetzt wie ein Alp die
"große Mehrzahl der lieblichen Kinderwelt drückt nach Ihren
"Plänen frey u kräftig entgegen tritt und so das öde Dunkel
"lichtet, welches die zarten Pflänzchen an lichter Entfaltung
"hindert und sie merklos und glanzlos in frühen - ob geistigen
"oder leiblichen - Tode hinwelken läßt.["]
Hinzufügen muß ich noch daß ich mit diesem Mann nur durch den
Gedanken und seine Erfassung der Bestrebungen bekannt wurde[.]
Wichtiger und noch mehr zusagender ist Dir vielleicht das theilweise
Urtheil einer Frau, welche durch die Ergebnisse der bey ihren eigenen
Kindern angewandten Spiele und Spielweise veranlaßt wurde, unter Mitwirkung
des Hauptpastor des Ortes, welcher durch gleiche Erfahrungen bey seinen
noch sehr kleinen Kindern dazu bestimmt wurde - eine Spiel[-]
und Beschäftigungsanstalt - einen Kindergarten - auszuführen:
An der Spitze einer reichen Folge von Mittheilungen und Erfahrungen steht /
[6]
die Bemerkung:-"So eben aus der Spielstunde zurück gekehrt, treibt
"es mich Ihnen noch einmal den innigsten Herzensdank für die Einfüh-
"rung in diesen Kinderkreis auszusprechen. Es erblüht mir da ein
"Glück, ein Friede, eine Freude, was ich kaum in meinem Leben noch
"erwartet hatte. Mit den Kindern Kind zu seyn hat für mein Ge-
"müthe so viel Befriedigendes, dasselbe ganz Ausfüllendes, daß ich ja
"deshalb unter den Kindern wahrhaft glücklich seyn muß. Sollte
"nun den Müttern in diesem Kindervereine nicht dasselbe erblühen
"wie mir, die ich doch eigentlich eine Fremde unter ihnen bin, obwohl
"ich die Kinder alle mit gleicher Liebe umfasse, mich allen mütterlich
"nahe fühle!- Ich hoffe es mit Zuversicht, es ist ja eine so natürliche
"Folge wenn man nur erst kommt und die Kinder glücklich, fröhlich
"und im Gemüthe befriedigt fühlt." u.s.w. Diese Frau, welche
vielfach in Anspruch genommene Hausmutter u.s.w ist, ist übrigens auch
zugleich meine und unsere Verwandte, eine Tochter von einem der
Brüder meiner Mutter, also eine geborne Hoffmann, lebend in Gera.
Dieß ist die jüngste Pflanz- und Tochterschule welche sich von hier aus
gebildet hat. Sie wurde Anfangs dieses Jahres auf Aufforderung
des gedachten Geistlichen des Ortes durch den freywilligen Zusammen-
tritt mehrerer Eltern gebildet und die Vorsteher einer höheren
Tochterschule daselbst gaben Zimmer in dem Schulgebäude unentgeld-
lich dazu her.
Eine zweyte Pflanz- und Tochterschule besteht seit den 1n Decbr
v. J. [in Rudolstadt] auf Veranlassung mehrerer Mütter welche auf gleiche
Weise wie oben der Herr Pastor zu den Zusammentritt auffor-
derten, die Zahl der Kinder ist 26. Die Mütter, selbst aus den
ersten Ständen wie aus bürgerlichen Familien jeder Art, neh-
men persönlich so wie Kinderpflegerinnen u Wärterinnen an
den Spielstunden thätigen Antheil; die Spielstunden selbst werden
von mir, Herrn Middendorff auch wohl als Stellvertretenden
von einem jungen Gehülfen geführt. Zwey Nachmittage in der /
[6R]
Woche, gehen, oder vielmehr fahren wir zu diesem Zweck nach Rudolstadt und bis jetzt
zur Freude der Kinder wie zur Zufriedenheit der Eltern indem und
zu Zeiten selbst die Väter besuchen. Ich hebe diese Einzelheiten
heraus weil es für die Eltern in seinen Früchten und Erfolge
A anerkannten Werth haben muß, sonst würden sie gewiß
nicht solche nicht ganz unbedeutende Opfer freywillig übernehmen.
- Aber auch in Familien findet diese Kinderbethätigungsweise
immer mehr Anklang, so war jüngst während zwey Wochen die
Schwester eines unserer Lehrer in Keilhau hier, welche sich eine
Übersicht und einige besondere Übung in den Spielen verschaffen
wollte nachdem sie 7 Monate in Keilhau gelebt und dort häufig
an den Spielen der Kinder Antheil gewonnen hatte. Sie geht
nehmlich als Kinderführerin in ein Kaufmanns Haus in Weimar,
schon für nächsten Sommer hat sich mir auf einige Zeit aus Leip-
zig eine verwittwete Fr Pastorin angemeldet, welche ebenfalls
für den Zweck der Ausführung eines Kindergartens hierher zu
kommen gedenkt. Auch die reg: Fürstin von Sondershausen hat bey
mir, für den Zweck der Ausführung eines Kindergartens Nachricht
einziehen lassen. Doch zurück zum deutschen Kinde[r]garten. Es spricht
sich jetzt mehrseitig der Wunsch aus daß, sey es auch nur im ganz
kleinen, schon im nächsten Sommer begonnen werden möchte und schon
sind Pläne für das Gebäude gemacht und schon Theilnehmerinnen zur
Beachtung vorgelegt.- Darf ich wohl Deinen lieben Mann bitten das
beyligenden Unterzeichnungsverzeichniß an den Herrn P. Dr Schmale
in Hamburg zu besorgen, vielleicht persönlich abzugeben?- Es wäre
schön wenn sich so Mehrere bey Euch zur Förderung des Werkes zusammen
fänden. Freuen würde es mich wenn Dein Mann, im Fall persönlichen
Zusammenkommens, denselben mit meinem achtungsvollen Gruß einige Mit-
theilungen aus diesem Brief mache.- Der schönen Arbeiten Briefe und Zeichnungen Deiner
l. Söhne habe ich mich gar sehr, wie in Keilhau erfreut. Gott seegne Dir sie.
Von uns allen an Euch alle die herzlichsten Grüße. Verzeihe daß ich blos von meinem
Leben hier sprach; es geht aber jedem Arbeiter so. Wenn Du einige Zeilen von mir wünschest
mußt Du schon Nachsicht haben wenn sie stark das Siegel meines Lebens tragen. Fr Fr. /
[5V]
[Postscriptum am Rand:]
Auch zum 2en Hundert sind wieder mehrere und erst gestern noch Unterzeichnungen eingegangen.