Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 21.3./22.3.1841 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 21.3./22.3.1841 (Blankenburg)
(BlM XIV,12, Bl 67-76, Brieforiginal 5 B 8° 20 S., tw. ed. Pösche 1887, 80-91; zit. Prüfer 1909, 48; tw. ed. Lück 1929, 72-88; zit. Kuntze 1952, 98. - Der Schluß auf 76R ist auf Montag, den 21.3. datiert. Der 21.3.1841 war aber ein Sonntag; da es wahrscheinlicher ist, daß sich jemand im Datum als im Wochentag irrt und die Neudatierung in der Regel wenigstens einen Tagesabstand zum Vorherigen signalisiert, dürfte der Schluß am Montag, den 22.3.1841 geschrieben sein. - Ed. Pösche suggeriert Vollständigkeit, zeigt tatsächlich aber deutliche Änderungen, Auslassungen und andere Einteilung der Gliederungspunkte.)

Blankenburg b. Rudolstadt am 21 März 1841.


Innigst hochgeschätzte, theure Muhme.

Endlich komme ich zur Beantwortung Ihres lieben, lieben Briefes
vom 7en d. Monats; diese Antwort hätte eigentlich mit der heutigen
Post schon an Sie abgehen sollen; da ich aber wünsche Ihnen noch
einiges andere zu senden, so hielt ich es am zweckmäßigsten zugleich die
Ihnen in meinem jüngsten Briefe angezeigte Sendung durch Fracht-
fuhre an Sie abzusenden und die schriftlichen Mittheilungen derselben
beyzulegen. Und so hoffe ich daß die Sendung morgen von hier nach Saal-
feld abgehen und ich glaube Mittwochs oder Donnerstags durch den Fuhrmann
Frank aus Saalfeld bey Ihnen eintreffen soll.
Erlauben Sie mir nun daß die Beantwortung Ihrem lieben Briefe folge.
1. "Oft, sehr oft" so schreiben Sie "ruft diese oder jene Stelle (im S. Bl.) aus
der Tiefe meines Innern in meinem Leben Selbsterfundenes und Selbsterlebtes
herauf, daß ich darüber erstaune und sinne." Was Ihr gütiges Vertrau-
en mir hier ausspricht und was mir in meinem Leben und erst noch ganz
jüngst wiederkehrend versichert worden ist dieß gehört mit zu den schönsten
besten und reifsten Früchten meines Lebens, das ist es ja eben was ich will,
und was ich eben frühe schon durch meine Spiele und Beschäftigungsweise der Kinder in
dem Leben des Menschen seinen Bedingungen nach anbahnen möchte, daß
der Mensch durch sein eigenes Innere und durch die Erfahrungen seines Lebens
zu der Ahnung und Wahrnehmung, zu dem klaren Bewußtseyn komme: -
Es giebt für die höchsten Lebensforderungen, wie für die innersten Lebens-
wahrnehmungen allgemein gültige Lebenserfahrungen und Aussprüche
welche sich in dem Leben jedes Menschen welcher achtsam still und sinnig
der Entwickelung seines Lebens nachgeht und sich dieselbe zum Bewußtseyn
zu bringen sucht - wiederholen. Diese Bemerkung soll eben die Vereinze-
lung im Leben, was der Tod für alles ächte Leben ist, aufheben und die Menschen
sich als Glieder der einen Menschheit und diese wieder als eine Einige sich /
[67R]
fühlen und erkennen und dem gemäß handeln und leben lassen. Ist
dieß gewonnen, dann ist auch für die Menschheit im Ganzen, wie für den
einzelnsten Menschen ins Besondere, das Höchste gewonnen. Dadurch wird
auch Ihnen liebste Muhme immer mehr der wahre Geist, das ächte Leben
und der eigentliche höchste Zweck meiner Spiele und Spielweise klar und ein-
sichtig werden. Allein Sie erkennen auch theure Muhme! daß Sie dazu
die einzig wirksame Bedingung in sich tragen: - ein gläubiges, vertrauendes
und hingebendes Gemüthe, dieß ist der Schöpfer von allem Schönen, Großen
Guten, Wahren und Edlen im Leben. Glauben u Vertrauen und Hingabe
an des Lebensquelle und Einheit, Glauben u Vertrauen und Hingabe an
des Lebens Ganze und so die Menschheit, Glauben, Vertrauen und Hingabe
an sich als Einzelnen und an jeden einzelnen Menschen ja an das noch in des
Lebens Schlummer ruhende Kind als lebenvolles Glied dieses Lebensganzen
und Ganzlebens. Diesen 3fachen und doch einigen Glauben wünsche ich
nun durch ächte Kindheit Beachtung früh in dem Menschen zu pflegen zu
wecken zur That zu erheben.
2. Was Sie bey Gelegenheit von Langethals Aufsatze: Lebenvoll tragen die Kleinen
Gott in ihrem Herzen - über Ihren sittlichen und religiösen Bildungsgang bey kleineren
Mädchen durch Aneignung kleiner Verschen sagen, hat mich wieder gar sehr erfreut.
Sie wählen immer in den Verschen solche Gegenstände, welche den Kindern verständlich sind
und in ihr gegenwärtiges Leben eingreifen. Sie denken [, daß] dadurch die Kinder mehr
zum Beachten, Erkennen und Bewußtwerden geführt werden. Wie wahr und wie
schön wieder alles!- Wie treffen wir wieder in unserem Kinderführungs-
und Lehrgang so schön zusammen. O! sie ist schön die Menschheit in ihrer Einheit, in
ihrer Gesamtheit und in ihrer Einzelheit: jeder findet sich verschönt in dem Andern
wie in dem Ganzen und jeder ist doch ganz selbstständig u selbstthätig frey aus
sich der, der er ist.
3. Das Wanderlied, das Lied vom Bällchen und vom Täubchen sagen Sie sey den Kin-
dern lieb geworden; ich freue mich dessen, allein sie sind auch ganz aus dem Leben
der Kinder hervorgegangen, ja sind, wie z.B. das Wanderlied, das ganz unmit-
telbare Leben der Kinder selbst. /
[68]
4. Was Sie mir auf Veranlassung des Liedchens: "Wie's Bällchen ist mein
Kindchen gut" von Ihrer lebensfrohen, ja wohl ausgelassenen überschäumenden
Adele sagen hat mich recht erfreut. Diese Erfahrungen und die Mittheilung
derselben gehören zu den schönsten Blüthen und Früchten meiner Bestrebungen.
Es beweist mir auch den mir für die Erziehung des Menschengeschlechtes hoch
wichtigen Satz: daß wir durch die Vergleichung mit dem ganz entgegengesetzt
Gleichen zur Erkenntniß des Wahren und Rechten kommen.- Den Menschen wenig-
stens früh, das Kind, sich in dem Spiegel des Menschen der Person sehen zu lassen
wirkt nie so gut als ihn im Spiegel einer rein unpersönlichen Sache sich und sein
Leben erblicken zu lassen. Dort hat der Mensch tausend persönliche Ausflüchte
und Einschränkungen hier aber spricht rein die Sache, die That; aus der Thatsache
macht sich das unwandelbare, ewige, in sich selbst ruhende Gesetz frey und
wirkt so wie das Fatum, das Schicksal auf den Menschen. Ich glaube das [sc.: , daß der]
Mensch dadurch Erfahrungsreich im Guten wie im Bösen wird ohne dabei im
mindesten seine Unschuld zu verlieren. Dieß für den Menschen und also
natürlich von der frühesten Zeit an zu erreichen, dieß ist mein Ziel, wie ich glaube
daß es das Ziel der Menschheit ist. Ich glaube, daß die Kinder dadurch und auf
diese Weise am Gefahrlosesten auf sich und auf die Beachtung ihres Thuns hinge-
wiesen werden.-
Auch dieß wie immer alles von Ihnen Ausgesprochene hat mir wieder
viel Freude gegeben; ich bitte lassen Sie ja in diesen Beziehungen immer Ihrem
das Rechte ahnenden Gemüthe ungestört freyen Lauf.
5. Das Nachbauen von Gegenständen aus der Geschichte und Geographie
wie überhaupt aus dem Leben halte ich, so unvollkommen und dem
Original nicht genügend auch die Darstellungen seyn mögen, für die
Kinder höchst wichtig. Ihr Auge wird mindestens geweckt und ge-
schärft nun den Gegenstand in der Natur u im Leben bestimmter ins
Auge zu fassen. Und - an der unvollständigen äußeren Darstellung
klar [sc.: klärt] sich wenigstens die innere Vorstellung. Ich freue mich außer-
ordentlich daß sich alles so im Leben der Kinder bestätigt wie mein
Geist es erschaute aber eben - alles Leben u aller Geist ist ja ein einiger rc. /
[68R]
6. Die verschiedenen Auffassungsweisen, Formen und Darstellungsarten
besonders der Beispiele bey Knaben und Mädchen sonst gleichen Alters
und allgemein gleicher Entwickelung, tritt wohl jedem Spielführer
bald entgegen, so haben auch gar bald Kinder ihre bestimmten und
stehenden Lieblingsformen. Um deßhalb Einseitigkeiten zu vermeiden
so ist es gut, wenn der Spielführer sich entweder die kleinen Schöp-
fungen unter entsprechenden Namen vermerkt oder im Gedächtniß be-
hält und so jede einzelne Form welche von den verschiedenen Kindern er-
funden worden, [von] allen nachbauen läßt.
Was die Charakterverschiedenheit der von Knaben u Mädchen erfundenen
Bauformen betrifft, so muß ich als eine wohl durchgreifende Bemerkung
bey meinen Kindern hier aussprechen, daß die von Mädchen erfundenen
Bau- und Lebensformen leichter, lebenvoller, dem gewöhnlichen Lebens-
bedürfniß näherstehend auch wohl eigentlich schöner waren.
Was nun die Ausdauer betrifft, so sind wohl bey uns - einige Queck-
silbrige Mädchen ausgenommen - die Mädchen in der Regel wohl die aus-
dauernderen im Vergleich mit den Knaben.- Das Alter und überhaupt
schon der Bildungsgrad Ihrer lieben Söhne hat wohl auf den Charakter der Bauspiele der-
selben wesentlichen Einfluß.
So wohl hier als in Rudolstadt haben wir einige Kinder, welche ganz beson-
ders erfindungsreich sind.- So wohl die persönl[iche] Anlage als Entwicklungsstufe sind oft gar zu verschieden.
7. Die Liedchen können Sie ruhig behalten bis sich Zeit zum Abschreiben
gefunden hat.
8., Da Sie mir eigentlich l. M. keine Entgegnung schreiben Ihnen noch
als Vorrath eine kleine Sendung von Spielgaben machen zu dürfen, denn
die bedeutende Bildung derselben war wohl nur Ihr Scherz, so empfang[e]n
Sie hierdurch das auf beyliegender Nota verzeichnete.
Wenn man frey die Sendung wählen kann so muß man immer
darauf sehen, daß die Spiele sich gut zusammenpacken und so we-
nig als möglich Raum zum Ausfüllen frey sey; deßhalb em-
pfangen Sie hierbey nur 5 Spiele 2e Gabe. Ein Spiel mehr hätte /
[69]
[ich] ohne vielen unnützen Raum nicht zu verpacken gewußt.
9. Sie wünschen die Spiele in vielen Familien vor[zu]führen; wenn irgend[-]
jemand in der Familie ist, welcher nur einigen leitenden Antheil
an der Kinderbeschäftigung nimmt so ist di[e]ß gewiß von großen Nutzen.
Auch in Rudolstadt sind schon einige Familien in welche die Spiele ein[-]
gewandert sind; da sind besonders die Mütter die leitenden Punkte.
10., Es ist mir der Gedanke gekommen und ich spreche solchen bey Ihrer
freundlichen Güte offen aus. Gera könnte vielleicht der Mittel-
punkt werden, von wo aus der sich etwa noch entwickelnde Bedarf
der übrigen Preußischen Städte und der Umgegend, bezogen werden könnte[.]
Es käme nur darauf an den Namen eines Mannes z.B. des Buch-
binders Ihrer Anstalten nennen zu können, bey welchem man
die Sachen immer vorräthig fände und, welcher immer von Ihnen nur so viel ausge-
liefert [bekommen] würde, als er eben verkauft. Es ist dieß jedoch, meine nachtgs [sc.: achtungs[-]
volle Muhme! eine Äußerung, welche Sie mir ja und ja nicht übel deuten
dürfen und die sich ganz natürlich entgegen drängt, wenn man in irgend
einem Punkte eine Theilnahme aufkeimen sieht; man wünscht gleich daß
sie sich weiter umranken möchte. Aber nochmals komme ich mit der recht
herzlichen Bitte zu Ihnen, deuten Sie dem in[n]igst vertrauenden Vetter
seine Offenheit ja nicht übel. Ich will Ihnen deßhalb gern ein
Geständniß aus meinem Innersten thun. Ich trage nehmlich die
feste Überzeugung in sich mir, daß meine gesammten Unternehmu[n]g[e]n
in sich und durch sich, sich nicht nur begründen sondern auch bestehen
könnten, wenn es mir gelingen könnte der vereinzelten Theilnahme mehr
Zusammenhang und dem Ganzen den Umfang zu geben welchen es zu seiner Ent-
wickelung bedarf.- Doch nein! ich dränge diese Überzeugung mit den daraus
hervorgehenden Wünschen gern wieder in das innerste Gemüth zurück,
und bescheide mich auf das Dankbarste auch mit einem weit geringeren
Erfolge als mir durch Ihre eingehende Güte schon ein so wesentlicher geworden
ist. Möge auch nicht der leiseste unstatthafte Wunsch von mir unsere liebliche
Pflanzung gleich einem Frühlingsfrost befallen.- /
[69R]
11. Aber das vorhergehende ganz an die Seite gesetzt erlauben Sie mir
doch eine andere Frage. Indem nun Ihnen, theure Muhme, den geein-
ten Herren Vorstehern Ihrer Schule und den Eltern der Kinder, welche
Ihre Spielstunden besuchen, die Ergebnisse von bald ¼ Jahre vor[-]
liegen, könnte nicht vielleicht vor Schlusse des Winterhalbjahres
einer der gedachten drey Herren, entweder Ihr lieber Gemahl, der
Herr Müller oder d[er] He. Pastor Lang in irgend einem öffentlichen sey
es ein Localblatt oder ein mehr allgemeines z.B. in letzterer Beziehung
der Allgem. Anzeiger - die Ergebnisse der bisher angewandten
Spielmittel und angebahnten Spielweise bekannt machen? -
damit der Menschen Aufmerksamkeit nur erst mehr auf diesen
Gegenstand geleitet würde, und sie selbst zur Beachtung desselben
nur eben erst geweckt würden.- Ich glaube es fest, theuerste
Muhme, wir sind es der sich jetzt zeigenden Theilnahme an dem ersten
Kinderleben schuldig, die Ergebnisse der bisherigen Anwendu[n]g der
neu aufgestellten Kinderpflege u Bethätigungsweise zur öffen[t]-
lichen Kunde zu bringen. Und was in dieser Beziehung von mir geschehen
kann, hat zu wenig Bedeutung und Gewicht.-
12. Fräulein Emilie Kohl hat leider nicht, wie ich hoffte, über Gera
sondern gleich über Jena Chala [sc.: Kahla], Roda und Pösneck nach Weida
[den Weg] gemacht. Da ich fürchte daß ihre Verhältnisse etwas beengend
sind so wird sie wohl schwerlich nun sobald nach Gera kommen
können. Nun haben Sie mir gesagt daß Sie einstige Fußgängerin
und in ihrer größeren Umgeh Umgegend ziemlich heim[i]sch sind. Da habe ich
denn gemeint, daß Sie vielleicht Montag nach den [sc.: dem] Palmsonntage
einen Spaziergang machen und dort Emilien Kohl ganz allein
finden könnten; indem Starks am Palmsonntage zur Confirmation
ihrer [sc.: ihres] Sohnes hier in Keilhau seyn werden. Sonst habe ich auch
gehört, daß zwischen Gera und Weida eine schöne Wiese oder
großer Anger liegen soll, auf welchem sie [sc.: Sie] sich ja zu gemeinsam[em]
Spiele der Kinder ein gegenseitiges Stelldichein geben könnten. /
[70]
Ich gestehe ganz offen, daß ich wünsche es möchte der Frl. Kohl das Hoch[-]
erfreuliche werden zu Zeiten mit Ihnen l. Muhme und Ihrer so schöne[n]
Wirksamkeit in Verbindung zu kommen, damit sich in Frl. Kohl
bey ihrer sonstigen leichten Beweglichkeit im Leben und ihrem Kinder-
liebenden Sinne, auch ein ganz besonders Kinder-beachtender und
Kinder-pflegender ächt erziehender Sinn entwickeln möge, wenn auch
wirklich nur für ihren einstigen Beruf als Mutter. Ich empfehle
wirklich die Frl. Kohl im Fall sich Ihnen Gelegenheit dazu finden sollte
Ihrer erziehenden Leitung, denn sie hat sich erst ganz jüngst für den
Kinder-führenden Beruf bestimmt.
Auf der andern Seite kann aber auch vielleicht Emilie Kohl
Ihnen manches mittheilen, was Ihnen lieb ist indem sie doch einen
Reichthum von Liedchen wirklich gesungen und eine Mehrheit von
Spielen wirklich mitgespielt hat, und man hört die Sache doch immer
lieber aus dem Mund und sieht sie im Leben als daß man sie vom
Schwarz auf Weiß ablieset.-
Ich wollte wohl ich könnte an Frl. Kohls Stelle Ihnen Manches
unmittelbar durchs Leben mittheilen. Nach Beantwortung Ihres
l. Briefes werde ich darauf zurück kommen.-
13., Die Erfahrung von der entwickelnden und veredelnden Wirksamkeit
des Gesanges auf die Kinder, auch die jüngsten ist in unsern Kin-
dergärten allgemein.
14. Daß Sie sich theure Muhme in Ihrer frey gewählten uneigennützig
hingebenden Wirksamkeit glücklich fühlen und ganz besonders auch
dieses Glück in Ihre liebe, treffliche Familie mit zurück bringen be[-]
glückt auch mich. Es darf, wenn mein Bestreben nicht im eigenen
Busen seinen Untergang sich bereiten wollte, nicht anders seyn;
Aber auch die Kinder bringen aus dem Spielgarten Glück in ihre
Familien, davon haben wir auch mehrseitig Beweise namentlich
auch in Rudolstadt.
15. Was Sie über die fast magische Wirksamkeit des Bällchens /
[70R]
sagen habe ich auch mehrmals bemerkt; namentlich auch bey
kränklichen mehr verdumpften Kindern, welche lange Zeit un-
empfindlich blieben; endlich stieg die Freude und das Lächeln wie aus einem tiefe[n]
Grabe aus auf ihr Gesicht und die Ärmchen
schienen erst Leben zu bekommen. So etwas muß man gesehen
haben um auch bey den theoretisch ungläubigsten Sinn, das
naturgemäße und entsprechende, ja wohlthätige und seegens[-]
reiche dieser Kinderbethätigung einzusehen und anzuerkennen.
16. Für die Ab Mittheilung auch Ihrer Bemerkung: "daß ein Knabe
ganz ruhig vom Bällchen an der Schnur bis zur Hand hinauf-
schaute, welche die Schnur und dadurch das Bällchen festhielt"
bin ich Ihnen sehr dankbar. Ich werde auch von dieser Bemer-
kung wie von mehreren Ihrer so lebenvollen wesenergreifen-
den - mit Ihrer gütigen Erlaubniß für mein S. Bl. Gebrauch
ge machen - denn ich trage in mir die feste Überzeugung und ich
wünschte daß solche allen Erziehenden also zunächst den Eltern
besonders den Müttern recht einsichtig würde: - daß auch die
frühesten Erscheinungen im Kindesleben sinnbildlich sind, d.h.
daß sie auf das höhere geistige Wesen im Kinde und dessen Eigen-
schaften hindeuten, wie z.B. in dem vorliegenden
Falle auf das Wesen des Menschen: - in allen Dingen nach dem
letzten Grund, Ausgangspunkt u Quelle zu forschen und den Zusammen-
hang der äußern Erscheinung mit dem innern Grunde zu erkennen
.
17. Über das höchsteigenthümliche gleichsam des Tanzes der Schönheits[-]
formen werden Sie noch im II. Bd. des S. Bl. einen Auf[-]
satz zu lesen bekommen welchen ich schon zum Voraus Ihrer
ganz besonderen Beachtung und dem Lesen mit dem Spiel u[n]d
Würfel zur Seite empfehle.
18. Was Sie mir von dem Vergleich mit dem Anschießen der
Crystalle schreiben war mir selbst so neu als ich es wahr finde
neu, ob ich gleich selbst Mineralog bin. /
[71]
19. Überhaupt ist alles gar wichtig und wahr was Sie über die
Einführung dieser Spiele in das eigentliche Naturleben sagen.
Möchten sie doch von dieser [Seite] mehr erkannt werden. Allein
auch in moralischer (sittlicher) und religiöser (gotteinigender)
Beziehung sind sie nicht minder einführend und sinnbildlich.
Über diesen Punkt möchte ich mich besonders einmal mit Ihren
geeinten Herrn Vorstehern Ihrer Schule namentlich mit Ihrem
Herrn Pastor Lang und auch Ihnen mündlich mittheilen können;
die Betrachtungs- und Beachtungsweise der Spiele halte ich für
die wichtigste für das Kind wie für das Leben.- In der Na-
tur u im Leben gibt es eben als Leben eigentlich gar keine Ruhe,
alle Ruhe ist nur scheinbar, darum man nun in das Wesen
und die Wirksamkeit der Dinge einzudringen solche in Beweg-
ung angeschaut und aufgefaßt werden, so z.B. auch die Ma-
thematik, wodurch alles gleich in ganz anderem Lichte er-
scheint. So auch die Sprache in ihrer Wortbildung. Von den
Sprach- und Sprechspielen haben wir ja noch gar nicht gesprochen.
z.B. ruf, rof, raff, rief, reff, rauf, riff, wo in allem ein
Hervorziehen ein Zusammenraffen, Vereinen liegt, u.s.w.
20. Ihr in dieser Beziehung gesungenes Liedchen hat meinen g[an]zen Bey-
fall. Vielleicht tritt das Bild des großen All weniger stark
hervor wenn man singt:
Schwinge, S schwinge, schwinge
Dich mein lieber Ball;
Ich ein Lied Dir singe
Du mein Bild des All!
20. [sc.: 20a.] Über den Ihnen gewordenen Besuch wie über die Ihnen gekomme-
ne männliche Hülfe freue ich mich. Es ist gar schön und lieb
von Ihrem l. Mann wie v. Herrn Müller Ihnen die von Ihnen
so freywillig übernommene, wirkliche Last etwas zu erleichtern.
Herrn Pastor Langs baldige Herstellung wünsche ich v. Herzen. /
[71R]
21. In Beziehung auf Ihre Gesammtleistung sind Sie wohl etwas
zu bescheiden wenn Sie solche als höchst unvollkommen be-
zeichnen; ich im Gegentheil glaube ganz gewiß, daß alles
durch Ihren weiblichen mütterlichen richtigen Takt und Sinn
geleitet viel schöner und Lebenvoller als selbst von uns
ausgeführt wird. Ich möchte, ganz ernstlich, von Ihnen
Lernen.
22. Ihre und der gedachten Mutter Bemerkung, daß sich die Kin-
derspiele sehr schön zu unterhaltenden Gesellschaftsspielen
eignen ist ganz gegründet. So haben wir z.B. in Leipzig
wie hier einige schöne Abendstunden damit hingebracht, daß
wir den Ball in der um den Tisch sitzenden Gesellschaft
wandern ließen und jedes mußte irgend etwas von,
über oder durch den Ball aussagen, was entweder er selbst
oder ein anderes sogleich in Töne setzte und dann sogleich
von der Gesellschaft allgemein gesungen wurde.
So können mit dem Ball mehrere Spiele sehr schön in Gesellschaft
Größerer ausgeführt werden, z.B. "Lieben Bälle kommt zur Stelle"
- dann: "Bällchen Bällchen springe" - was sich wunderschön macht,
wenn alle Bälle zugleich in der Luft schweben rc., rc, rc.
23. Das Fädchenspiel hat unsern g[an]zen Beyfall, wir haben es schon
zu spielen begonnen. Das Loswinden macht sich sehr schön.
Wir haben uns aber einige Erweiterungen um der Verschen willen
erlaubt, z[.]B. bey dem Knoten:
"Ein Knoten, ein Knoten, wir müssen ihn lösen, den dichten, den bösen."
Und beym Zerrissen seyn:
"Der Faden ist zerrissen, die Maus hat ihn zerbissen, wir müss'n ihn
wieder knüpfen, sonst wird er uns entschlüpfen."
Und beym Festhalten:
"Haltet fest; damit der Faden nicht zerreißt.
Habet acht, daß nicht die Maus ihn wo zerbeißt." /
[72]
24 Auch ich lasse meinen Kindern nach Möglichkeit die Bälle selbst
in Hinsicht der Farben wählen. Es ist sehr beachtenswert wie
manche Kinder g[an]z bestimmte, feste Lieblingsfarben haben, so z.B.
blau, auch roth. Die Bemerkung mit grün habe ich noch nicht ge-
macht doch will ich achtsam darauf seyn. Bey Mädchen habe
ich einigemal bemerkt, daß sie die Farben wählen welche ihr
Kleid überwiegend hatte. Den Kindern ist keineswegs gleichgültig
mit welchem Balle sie spielen, sondern sie wünschen, auch wenn sie
ihn hinfallen lassen und an dessen Statt einen andern ergreifen
stets gern den ihrigen zu behalten. Ich möchte sagen, der Ball
verwächst bald mit ihrem Leben.
25 Zwey Bälle verschiedener Farbe zugl. haben wir fast noch gar
nicht in Anwendung gebracht; darum kann ich über den Eindruck des
Unangenehmen noch gar nichts sagen.
26. Lassen Sie sich nicht durch die Vorstellung beunruhigen, als schmük-
ke ich Ihre Leistungen und Wirksamkeit zu sehr aus und als
würde ich es in der Nähe anders finden. Ob ich gleich viel in
der Form u den Formen lebe, so fesseln mich dieselben, eben
als Formen, doch keinesweges, sondern der Geist der sich in
denselben ausspricht, darum ist mir die unvollkommnere äußere
Erscheinung mit höherem Geiste lieber als die vollkommnere aber
mit geringerem Geiste. Und der einige Geist, das seelen-
volle Leben, das reine kindlich weibliche Gemüth Ihrer Wirk-
samkeit ist es, welches wie die Einheit rc. des Bällchens
fesselt, oder lieber anzieht. Möchte man in Gera Ihre hinge-
gebene Wirksamkeit so achtend anerkennend pflegen als es in den
reinsten Gesinnungen mein Gemüth thut, so wäre ich vielfach
hoch beglückt, denn dann wüßte ich einen Punkt in Deutschland
in welchem mein Streben Wurzel schlagen, keimen, blühen und
fruchten würde.- Gott gebe es!-
27. Doch Sie haben recht; die Begründung des deutschen Kinder- /
[72R]
gartens würde mich ganz besonders erfreuen, weil ich die möglichst
vollkommene und ausgeführte Darstellung der Idee, des Gedan-
ken wünsche. Doch auch hierfür einigt und belebt sich vielleicht
bald mehreres. So wird jetzt wirklich in Rudolstadt in den
höheren geselligen Frauenkreisen der Gedanke der Ausführung
mit reger Theilnahme besprochen, ja sogar der Gedanke
macht sich Luft daß noch in diesem Jahre mindestens der Grund-
stein zu dem Hauptgebäude des Kindergartens, wenn auch alles
nach kleinerem Maaßstabe berechnet ausgeführt wie gelegt
werden könnte.
In der jüngsten Zeit sind wieder einige Unterzeichnungen einge[-]
gangen, die interessantesten erhielt ich vor ein paar Tagen
aus Paris. Einem allgemeinen Plan zufolge welchen ich in mir
trug und noch trage hatte ich eine sich mir darbiethende Gelegen-
heit benützt ein Exempl. des 28 Juny nebst einem Schreiben
von mir an die Herzogin Helena von Orleans zu senden
und den Besorger oder vielmehr die gütige Besorgerin, welche
der Fr. Herzogin nahe stand gebeten Ihr das Schreiben
nach ihrer Niederkunft, wenn das Leben wieder seinen
gewöhnlichen Lauf begonnen habe, zu überreichen. Ich hatte
fast meinen Schritt ganz vergessen, da bekomme ich vor we-
nigen Tagen einen Brief aus den Tuilerien von dem Se-
kretariat der Frau Herzogin, worin sie mir aussprechen
läßt, daß sie meine Mittheilungen mit vieler Theilnahme ge-
lesen hätte, daß sie den Fortgang meiner Unternehmung wünsche
darum gern zu deren Begründung beytrage und demgemäß 2 Aktien
unterzeichne; der Betrag derselben war sogleich in einem
Rothschildschen Wechsel bey gefügt rc.
Sollten solche Beyspiele nicht [be]wirken, daß sich auch Damen für
die Unternehmung bestimmen ließen wie die Sie besuchende Prinzeß von
Ebersdorf und Gräfin von Köstritz?- Soll ich Ihnen zu diesem
Zwecke zwey 28ste Juny übersenden, oder mich selbst an sie wenden?- /
[73]
28. Außer der Ihnen so eben ausgesprochenen Theilnahme hat sich noch eine
andere, ich glaube nicht so gar weit von Ihnen, allein im sächsischen
Voigtlande, in Mühltroff einige Stunden hinter Schleiz in der Person
eines gewissen Herrn Gericht Directors Otto Heubner gezeigt. Ich
erlaube mir Ihrem so eingehenden förderlichen Sinn den ganzen Brief
vertrauend mitzutheilen, denn es dünkt mich immer sehr gut zu wissen, wie
über einen Gegenstand welcher für die Ausführung unsere ganze Theilnahme [in Anspruch nimmt]
auch andere Menschen in ihrer Ganzheit denken. Für Ihren Herrn Pastor
Lang, so wie <[ich] hoffe> für Herrn Müller wie für den hochgeehrten l. Vetter ist es
auch gewiß angenehm, das bestimmte klare Urtheil eines in seiner Wirk-
samkeit auch für allgemeine Menschenerziehung achtend sehr anerkannten über[-]
dieß lebenserfahrenen Mannes ja über das Ganze zu hören, es wird mich
darum freuen, wenn sich Ihnen Gehlegh Gelegenheit zeigen sollte, dieß in den abschriftl[ich]
beyliegenden Brief enthaltene, den drey Männern mitzutheilen.
Es ist nun Schade daß sich die Theilnahme mancher noch so vereinzelt steht
wo sie dann leicht im Kampfe des Lebens ohne Blüthen u Früchte untergeht.
So scheint es mir fast in Ebersdorf auch mit d[em] He. Hofrath Meyer (nicht Müller
wie ich verwechselnd schrieb[)] zu gehen. Deßhalb muß ich wiederkehrend
auf den schon oben berührten Gedanken zurück kommen; es wäre gewiß
für die Weckung, Stärkung und Vereinigung des Glaubens an die Güte u
Ausführbarkeit der Sache wohl ersprieslich, wenn m sich bey einem
der vorhin gedachten drey Herren in der nun eintretenden Ferienzeit
ein freyes Stündchen fände, wo über die Ergebnisse dieses 3monatl[ichen]
Versuches eine kleine öffentliche Mittheilung gemacht wird, welche in irgend
einem für angemessen erkannten Blatte erschiene.
Ich spreche, selbst Ihnen das Ganze so innig mütterlich pflegenden Muhme,
sol[c]he Gedanken mit wirklicher Scheu aus, damit es mir nicht gehe wie
dem Hunde in [der] Fabel, welcher über den Haschen nach dem Scheine, das wirklich
besitzende verliehrt; allein außer der stillen sprechenden That, außer dem
lebendigen münd[l]ichen Worte ist uns doch von Gott auch die Schrift und der
Druck und die Erscheinung der Zeitblätter gegeben, welche gleich den den Frühling /
[73R]
verkündenden Blättern und Blühten an den Bäumen mir erscheinen. Und
mich dünkt wir sollen alles von Gott u Schicksal Gegebene zur
Entwickelung der Menschheit, des Ganzen wie des Einzelnen, zum Ziele
ihrer Bestimmung benutzen nur mit allseitiger Beschränkung und inniger
Lebenseinigung.
Wenn ich so etwas mit dem reinsten menschlichen Vertrauen Ihrer seelen-
vollen Theilnahme, wie mir selbst in der verborgensten Tiefe meines
Gemüthes ausspreche, so fürchten und glauben Sie theuerste, geliebte
Muhme doch ja nicht als genügte mir die lebenvolle Wirksamkeit
in Gera etwa nicht, o mein Gott, es genügt mir wie das gesunde kräftige
Keimen eines Saamenkornes eines Baum- und Eichkernes, und ich
weiß daß die leiseste Verletzung dieses zarten Keimes der gesunden
kräftigen Entwickelung des Ganzen schadet; es ist mir dieß, durch Ihr
Vertrauen und Glauben ausgestreute und so sorglich liebend treu gepflegte Saamenkorn das Liebste was
ich auf der Erde jetzt besitze aber
ebendeßhalb wünsche ich, daß es wie in seinem Innersten auf das
kräftigste E erstarken so die schönsten Herzblätter u Zweigknospen
treiben und daß wir das Treiben derselben mindestens recht still
sorgsam pflegen mögen. Das Die Pflege des Lebens in den Kindern, in
den Müttern, in den Müttern, das weiß ich ist dabey immer die
Hauptsache, denn wo keine Kraft im Innern, ist keine Wirksamkeit,
kein Blatt u keine Blüthe nach Außen.
Auf die stille Pflege des Quell- und Ausgangspunktes und auf
die richtige sinnige Beachtung seiner Richtung kommt alles an. Und nun komme
ich dadurch zu einem Punkt welchen ich mit Ihnen meiner treuesten und
besten Lebensfreundin, der befreundeten Pflegerin meines innersten
Seelenstrebens ruhig u still prüfen möchte und zu diesem Ende Ihnen
hier mittheilen will. Hören Sie dann später darüber auch die Meynung
Ihres so treu mitpflegenden, lieben, gütigen Gatten und der übrigen mit
Ihnen geeinten Freunde u Freundinnen.
Vorher als einleitendes Vorwort in einem Zuge eine leise Andeutung /
[74]
meines Entwickelungsganges.- In einer gewissen Hinsicht fast klösterlich
gegen das äußere Leben in meiner frühen Kindheit erzogen; allein
innerhalb dieser scharf gezogenen Grenze frey der Natur, dem Leben
und der Religion hingegeben, begann meine früheste Entwickelung mit
der Erfassung meines persönlichen Lebens und Seyns, was ich, ich möchte
sagen durch das Blicken in die drey großen Spiegel erfaßte; allein auch ein
Erfassen der Menschheit als ein Ganzes und eine Ahnung des großen, geistigen
Ganzlebens dämmerte darinn in meiner Seele herauf, ich kann es nicht an-
ders beschreiben als daß mir in meiner späteren Kindheit und in meinem frühe-
sten Knabenalter oft so zu Muthe war wie einer glatten, stillen und
sey es auch kaum Hand großen Wasserfläche oder auch nur der eines
Wassertropfens in welcher sich klar die nächste Umgebung aber auch der sich da-
rüber wölbende Himmel abspiegelt. So wurde ich durch einen eigenen
Bildungsweg welcher mich im 11[.] Jahre aus dem elterlichen Hause führte immer
mehr der Außenwelt und dem Streben sie zu erfassen, - jedoch mit
Festhaltung meines persönlichen, wie des in mir erwachten allgemeinen
natürlich-menschheitlich-religiösen (Natur, Menschheit u Religion (:Gott:)
als in einem Einigen in sich tragenden) Lebens - hingegeben. Immer
mehr trat ich, jedoch mit treuer Festhaltung meines persönlichen Wesens
(Individualität) aus mir hervor und zuletzt war mein Streben das Ganze
des Wissens und Erkennens zu erfassen, eine Wirksamkeit dafür war
mir das Höchste und ich stand im Jahr 1814/16 in Berlin an oder vor der Schwelle
desselben es zu erreichen. Allein jetzt in der Nähe solcher Wirksamkeit
sahe ich statt nach dem Bedürfniß meines Gemüthes, Geistes und Strebens
Einheit - blos Einzelnheit; statt Ganzheit - Zerstückelung. Mir
trat auch zu wenig innere gediegene LebensVorbildung zur Erfassung von beyden
Einheit u Ganzheit entgegen, ich hörte dieselbe Klage von den ersten
Lehrern an der Hochschule- (Universität) Berlins; dieß machte mir den
ersten Gedanken leicht aufgeben und ich zog es vor lieber der Vorbil-
dung dafür zu leben, ich stiftete versuchte in dem Jahre 1816 eine Erzieh[un]g[s-]
anstalt dafür, welche sich von 1818 an zur allgemeinen deutschen Erziehungs- /
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Anstalt heraufbildete. Erziehung zur wahren und ächten Univer-
sitätsreife war darinn mein Ziel. Ich erreichte es wirklich
einigemal, allein ich mußte doch einsehen, daß die Bedingungen
dazu - wie ich das Ziel in mir trug nicht allgemein genug waren[.]
Ich suchte nun mehr den allgemein begründeten Unterrichte aus-
schließend zu leben; dieß Streben führte mich auf ganz eigenen
Schicksalswegen, doch selbst das Leben in seiner Erscheinung als ein in
sich einiges festhaltend nach der Schweiz, vielartig war dort mein
Wirken, die frühe Beachtung der Kindheit kam mir näher als
in Deutschland mit ganz jungen Naturkindern war es mir Auf[-]
gabe mich zu beschäftigen; Familienväter schon Lehrer wurden
wieder meine Schüler ihre Erfahrungen wurden die meinen
ich lernte von ihnen, durch sie, für ihr Bedürfniß suchten sie Be-
friedigung, ich selbst wurde Begründer und Vorsteher einer Waisen-
hauserziehungsanstalt, so wurde ich in das früheste Kindheit
Leben dessen Bedürfnisse u Forderungen eingeführt wie aber auch
zugleich zu den Mitteln u Wegen ihnen entgegen zu kommen.
Erste und früheste Kindheitspflege wurde jetzt anschließend
mein Ziel; es zu erreichen führte mich das Schicksal, wenn auch
harte u schmerzliche Wege nach Deutschland zurück. Hier wurde
von 1836 an der Ball die Kugel der Würfel rc. - aber immer
auf dem merkwürdig herabsteigenden, rückschreitenden
Wege vom Würfel zu Kugel u Ball - als erstes Spiel-
zeug der Kindheit gefunden u ausgebildet, was seit 25 Jahren
mir schon von der Wissenschaft aus vorgeschwebt hatte
allein erst im Leben und durchs Leben mußte mir die Wahrheit
davon entgegentreten und mir diese wirkliche Lebenssonne
aufgehen. Lebenssonne, denn sie beleuchtete u klärte mir wirklich
das Leben der frühesten Kindheit und führte mich in das Innerste
desselben ein. Ein Ich fühlte aber auch sehr bald und tief es
fehlte mir zunächst noch ein wesentliches verbindendes /
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Mittelglied zwischen dem eben erst erwachenden Leben des Kindes
und dem sich beschäftigen mit dem Balle - durch den Ball nun selbst
erkannte und fand ich es; es ist im Allgemeinen die erste Glieder-
und Sinnentwicklung des Kindes. Alle Entwickelung und Fortbildung im
Leben des Einzelnen wie des Ganzen geht nemlich immer durch eine stetig
fortgehende Vermittelung hindurch. Die Vermittelung aber zwischen
dem im Kinde noch als Einheit als ein ungetheiltes Ganzes ruhenden Leben
und dem ihm als Spielstoff zunächst gegebenen Balle sind aber die
Glieder, die Sinne selbst, und so spielt das Kind zunächst mit und
durch sich selbst wo ihm seine eigenen Glieder: Ärmchen, Händchen, Finger
Füßchen, Fußzehen selbst sogar die Zunge Spielstoff und Darstellungs-
material sind. Die vom Kindesleben so selbst und ganz unmittelbar,
ich möchte sagen unzertrennlich und natürlich gegebene Sinnen- und Glieder-
thätigkeit muß also auch schon beachtend und pflegend erfaßt, ja für
den Gebrauch und die Anwendung des Balles, der Kugel und des Würfels
aus und vorgebildet werden. Das bisherige Säuglings- Mutter- u Kinder-
mädchen zeigte wohl hier u da schon dieß; allein es war nicht im Bewußt-
seyn festgehalten und durch das Erkennen seines Zweckes geläutert worden.
Der Grund war, daß dazu wieder ein anderes und früheres Vermitte-
lungsglied
, nemlich die ins Bewußtseyn erhobene Pflege des Mutterlebens
Muttersinnes mangle und fehle.
Sehen Sie meine theure Muhme! ich habe in mir die feste Überzeugung
daß wir deßhalb in und mit der doch so vielseitig anerkannten Guten
Sache nicht mehr und allgemeiner vorwärtskommen, weil Jungfrauen
und selbst die Frauen zu wenig ihrer ächt weiblichen Gefühle, Empfindungen
und deren Forderungen; Frauen u Mütter zu wenig ihrer ächt weiblich-
mütterlichen Ahnungen, Gefühle und Forderungen bewußt werden.
Diesen [sc.: Diesem] Mangel möchte ich nun abhelfen, diese Vermittelungen nun
geben um das weibliche Leben in der Jungfrau zum Bewußtseyn ja
selbst
zu erheben, ja selbst die Ahnung des weibl[ich]-mütterlichen Berufes
und mindestens zunächst die hohe Achtung und Anerkennung desselben /
[75R]
in Kinder pflegenden Jungfrauen zu wecken. Ebenso aber auch
den Frauen und Müttern ihr weiblich-mütterliches Gefühl und die
Forderungen desselben zur klaren Einsicht, zum bestimmten Bewußt-
seyn zu bringen; denn was der Mensch nicht mit Bewußtseyn ist, hat
und thut, daß das ist, hat und thut er eigentlich noch nicht als Mensch im vollsten
Sinne des Wortes.
Dem Kinde nun nicht nur zum Gebrauch seines Körpers, seiner Glieder- und
Sinnenthätigkeit sondern später zum vollen Bewußtseyn derselben und
desselben zu verhelfen und Müttern und deren Stellvertreterinnen zum Be[-]
wußtseyn dieser Kinderpflege und deren höheren Bedeutung und letzteren
Beziehung zu erheben, habe ich einige Liedchen und Spiele, wie sie mir
aus dem Leben selbst entgegen traten, unter dem Namen

             Koseliedchen
Körper- Glieder[-] und Sinnenspiele
    mit ganz kleinen Kindern
festgehalten; ich lege Ihnen solche hier angeschlossen zu recht strenger
Critic bey. Sie können aus dem Schatze Ihrer weiblichen und mütterlichen
Erfahrung am besten urtheilen, ob das Ziel und der Zweck in denselben
nicht verfehlt sey. Streichen Sie ohne Rücksicht weg und durch was
Ihnen unpassend erscheint. Wollen Sie solche auch Müttern mit noch ganz
kleinen Kindern zur Prüfung mittheilen oder Sie selbst bey solchen in
prüfende Anwendung bringen, z.B. auch bey dem Kleinsten des Herrn Pastor Lang ich bin alles zufrieden. Die Finger- und
Handthätigkeit bey einigen
ergiebt sich theils leicht von sich selbst, theils kann Ihnen solche gele-
gentlich Frl. Emilie Kohl mittheilen.
Freuen würde es mich wenn Sie mich aus dem Vorrath Ihrer Erfah-
rung und eigener Ausübung mit mehreren, solcher Spiele bekannt machen
wollten und
hoch, sehr hoch erfreuen würde es mich wenn mich, entweder
unmittelbar Ihr Vertrauen aus der Erinnerung mit den Gefühlen
Empfindungen und Gedanken der ersten Begrüßung des Kinderlebens /
[76]
und der bey der ersten Körper- Glieder- und Sinnenentwickelung oder
durch Ihre Güte vermittelt das Vertrauen anderer Mütter mit
ihren Gefühlen, Empfindungen und Gedanken in den gedachten Beziehungen
bekannt machen wollten. Es würde ganz gewiß von dem ersprieslichsten
Nutzen und von bleibendem Seegen für das sich immer aus sich erneuernde
Menschengeschlecht seyn wenn Jungfrauen, Frauen u Mütter das sich
entwickelnde weibliche, das heraufkeimende mütterliche Gefühl besonders hinsichtlich der Würde des Kindes in einem
zwar zarten, aber bestimmten zeichnenden, klaren Spiegel schauten
damit sie die in ihnen selbst heraufdämmernden menschheitlichen Ahnungen, Gefühle und
Gedanken vom Wesen des Kindes rc recht sorglich pflegen und gestalten möchten. Zu einem solchen
Spiegel rechne ich z.B[.] Emiliens Wiegenlied in I[.] Bd. des S. Bl. No 1, dann
Mutterfreude in No 3 und erste Mutterfreuden, welche jetzt im II[.] Bd
No 22 abgedruckt worden sind.
Eine Sammlung solcher Lieder, welche den Kose- und Spielliedchen noch
voran gehen könnte, könnte man vielleicht Weyhelieder.
Einführungslieder in die erste Menschheit und Kindheitpflege
nennen.
So wie ich jetzt zunächst die ersteren, die Kose- und Glieder- und Sinnen-
spielliedchen, welche mir bisjetzt aus dem Leben entgegensprosten zur
Prüfung vorlege, so übergebe ich Ihnen auch in gleicher Absicht den Gedanken
in seinem ganzen Umfange. Wenn es uns nicht möglich [ist], den weiblichen
und mütterlichen Sinn, dieses Gemüth und Leben für Menschheit Würde und
Pflege zu wecken und zu gewinnen und zum Bewußtseyn zu erheben so kommen wir auch mit der ächten Kindheit
Pflege mit der wahren Kinder- und Menschenerziehung nicht weiter[.]
Möchte ich in dem, was ich unter vielen Störungen und Unterbrechungen also
wohl da und dort unverständlich und vielleicht abgebrochen niedergeschrieben
habe, Ihnen dennoch verständlich worden seyn, mindestens verstanden werden[.]
Sehen Sie, liebe theuerste Muhme! so glaube ich nach einem ungeheuren
Kreislauf fast von der Lebensdauer zweyer Menschengeschlechter wieder
zum Anfangs- und Ausgangspunkt, zur Quelle der Menschheitserziehung
zum allein mit Bewußtseyn zurück gekehrt zu seyn. Nur erst nachdem /
[76R]
so das Ganze Wesen des [sc.: der] Menschenerziehung vor mir liegt, glaube ich mich
fähig ein tauglicher Menschen- und zunächst Kindererzieher werden
zu können besonders wenn mir dabey das weibliche Gemüth u Leben hel-
fend zur Seite steht und namentlich Ihre Güte mir ferner klärend und
belebend wie bisher die Hand biethet.- Ich glaube in der stetigen Fort-
entwickelung der Zeit an eine halbe Allmacht zweyer im Geiste mit Be-
wußtseyn für eine gute Sache geeinter Menschen.
Doch nun genug. Werden Sie aber auch mein Geschreibsel le-
sen können? Werden Sie Wörter die zu viel nicht stören; und Wör[-]
ter die mangeln aus dem Zusammenhange ersetzen können?-

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Montag am 21. [sc.: 22.] März. Sie empfangen hierbey, außer den oben gedachten Koseliedern
2[.] noch Spielliedchen und Reimchen zur 3 Spielgabe, besonders Bauliedchen
3. zwey Blumenspiele, möge Ihnen oder und Ihren lieben Kleinen eines doch gefallen.
Beym ersten Spiele, dem Blumengarten, kann das gewählte Kind auch selbst
[{]eine / die[}] Eigenschaft der Blume nennen welche es darstellt, woraus sich ergiebt
worauf das Kind entweder am meisten Werth lege, oder was ihm an der
Blume am meisten in die Augen falle.-
Lassen Sie sich l. Muhme durch die Menge der Mittheilungen jetzt nicht schrecken
die nächste Zeit soll Ihnen auch Muße zum Lesen lassen.
Ich freue mich zum Voraus recht sehr auf Ihre nächsten Mittheilungen, sie sind
mir die schönsten Blumen, welche mir nur immer der Frühling reichen kann.
An alle mir bekannten werthen Pfleger und Pflegerinnen Ihres l. Kindergartens
meinen herzlichsten Gruß, besonders aber den [sc.: dem] hochgeschätzten l. Vetter und
Ihren l. Söhne. Mit den unwandelbarsten Gesinnungen reinster Dankbarkeit
Ihr
Vetter
FriedrichFröbel