Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.4.1841 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 19.4.1841 (Blankenburg)
(BlM XIV,15, Bl 81-82, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., tw. ed. Pösche 94-95)

Blankenburg am 19 April 1841


Theure, liebe Muhme.

Der gütige und freundliche Überbringer dieser Zeilen ist
Herr Kohl, der Bruder von der Ihnen schon zum öftern
genannten Emilie Kohl in Weida mein sehr lieber
Freund unser treuer Mitarbeiter an der Erziehungsan-
stalt in Keilhau und ein sehr lebenvoller und wirksamer
Mitpfleger am Kindergarten zu Blankenburg, wie
an dem deutschen Kindergarten und zwar beydes durch
sein musikalisches Talent als Componist wie als aus-
übender Musiker. Ich glaube nichts weiter hinzu-
fügen zu müssen um ihn in Ihrem hochgeschätzten Hause
einen freundlichen Willkommen zu bereiten; auch
zweifle ich nicht, daß er sich durch sein mildes und doch
lebenvolles Erscheinen selbst dazu den Weg bahnen wird.
Es freut mich gar sehr, daß er Sie liebste Muhme
persönlich und vielleicht gar in Ihrer schönen Wirksam-
keit kennenlernen wird. Ich wüßte nur noch einige
wenige welchen ich mit ihm diese Freude anstatt meiner
in dem Maaße gönnte. Wohl wünschte ich dagegen auch
daß ihm manche Singweise kleiner Liedchen gegenwärtig
wäre die er Ihnen vielleicht mittheilen könnte. Beson-
ders würde es mich freuen wenn sich sein Aufenthalt und
die Umstände in Gera so machten, daß er Ihnen vielleicht
das von ihm componirte Kinderspiel - das Eintrachtspiel /
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vortrüge; vielleicht daß es möglich wäre solches um
es bald seinem Geiste nach darzustellen mit einigen
der erwachseneren Töchter Ihrer Anstalt auszuführen.
Es ist freylich für eine große Anzahl von Kindern und
nach längeren, wohl halbjährigen Bestehen eines
Kindergartens berechnet, so daß zu einer voll-
ständigen Ausführung mindestens 32 Theilnehmen-
de mit durchgeübten Einzeldarstellungen gehören.
Jedoch kann er Ihnen vielleicht, wenn es die Verhält-
nisse möglich machen vielleicht eine Idee davon geben
so wie den Denkenden vielleicht eine Idee aus meines
ganzen Bestrebens: daß der Einzelne durch das
Ganze immer sich seiner bewußt und selbstständig
werde und in und durch errungener bewußter
persönlicher Selbstständigkeit wieder in dem Ganzen
und für das Ganze wirke. Vielleicht könnte
dieß Spiel durch Ihre größeren Töchter hindurch
Ihnen noch manche Familien für Ihren Kindergarten
gewinnen. Doch alles dieß sind dem Zufall hinge-
gebene Gedanken.
Allein bestimmt erlaube ich mir Sie gütige Muhme
Sie zu bitten Herrn Kohl die besondere Bekanntschaft
Ihrer [sc.: Ihres] lieben Mannes, Herrn Pastor Lang und d[es] Herrn
Colleg[en] Müller zu verschaffen.
In meinem letzteren Brief habe ich vergessen /
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Ihnen die Singweise zu dem "Maaßliebchenspiele" mit-
zutheilen sie ist aus Wilhelm Tell - "Mit dem Pflein [sc.: Pfeil]
dem Bogen". Sollte solche Ihnen nicht bekannt seyn so
kann Herr Kohl sie Ihnen geben.-
Eben habe ich mit Herrn Kohl gesprochen. Er
hatte mit mir den gleichen Gedanken wegen des Ein-
trachtspieles und er wird es so einrichten, daß
zur Ausführung sogleich die nöthigen Spielführer oder
Spielführerinnen, Sie liebe Muhme mit eingeschlossen,
sogleich ihm zur Hand sind.
Sie haben liebe Muhme in einem Ihrer jüngsten
Blümchen [sc.: Briefe] des Geiseblümchens, auch meines Lieb-
lingsblümchens und unserer Familienblume, wenn
ich so sagen darf freundlich gedacht. Das bestimmte
mich Ihnen schon im letzteren meiner Briefe außer
dem Maaßliebchenspiele auch das Gedicht von Arndt
"Das Marienblümchen"
mitzutheilen. Es kam mir dabey noch eine Parabel
die ich früher gelesen in die Erinnerung, doch war sie
mir nicht ganz zu Gebote. So eben aber bekomme ich sie,
und so habe ich mir die Freude gemacht Ihnen solche,
auf die Gefahr hin daß sie Ihnen schon bekannt sey,
abzuschreiben. Vielleicht macht es Ihnen auch Freude
selbige Ihren erwachsenen Töchtern Ihrer Anstalt mit-
zutheilen und bringt diesen die Natur in ihrer Einfach-
heit immer näher; vielleicht lesen sie auch darinn meinen /
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Lebens- und Seelengruß an die sinnigen Kinder-
Jugend- und besonders Jungfrauenwelt.
Doch es ist endlich Zeit zu schließen, denn
wirksamer ist jetzt mündliche als schriftliche
Mittheilung.
Mit Herzensgruß an Sie alle
Ihr

Vetter
FriedrichFröbel

In diesen Tagen muß es 29 Jahre werden seit
mir zum erstenmale die Freude wurde
Sie zu sehen; doch nein! Schon im Febr. 1803
M muß ich Sie in Leipzig bey Ihrer Fr. Mutter
zugleich mit Ihrem l. Bruder gesehen haben
FrFr