Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 10.5.1841 (Blankenburg)


F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 10.5.1841 (Blankenburg)
(KN 56,10; Brieforiginal 1 B 8° 3 ¼ S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 10 Mai 1841.


  Mein liebes, treusinniges Malchen.

Du wirst gar nicht wissen was Du von mir denken sollst daß
ich seit so langer lieber Zeit Deinen freundlichen Brief unbeant-
wortet gelassen haben und wirst fast fürchten in mir einen
undankbaren Oheim für Deine Liebe, Deine Sorgfalt und Deine
Entsagung welche [Du] während Deines Hierseyns geübt hast gefunden
habest, dem ist aber nicht so. Mit Deinem Weggange aber
mehrten sich Geschäfte und Zerstreuungen, daß ich in letzter
Beziehung oft recht traurig war und doch konnte ich sie nicht
vermeiden.
Erstlich kam Luise Frkbrg bald nach Deiner Abreise als Curgast
hierher; sie verlangt es nun zwar nicht, allein ich bin ihr doch manche
kleine Aufmerksamkeit schuldig; Gottlob geht es mit ihrer Ge-
sundheit leidlich doch hat auch sie hier Rückfälle gehabt, sie wird
bis jetzt noch auf unbestimmte Zeit hier bleiben.
Ihr folgte bald Herr Kohl als Badegast, der doch auch in seiner
Einsamkeit nicht ganz übersehen werden darf, und so wird
ihm wohl auch manchen Tag ein Stündchen oder mehr geschenkt
auch er bleibt noch auf unbestimmte Zeit hier. Er wohnt bey
dem Becker Axt wo Fr: v. Könitz wohnte hat aber den Tisch
mit Luisen und einem andern Badegast bey Fr: Wezel, wie
auch Herr Wezel sein Brunnenarzt ist.
Nicht lang darauf kam auch Fr: v. Ahlefeldt als Cur[-]
gast hier an. Du weiß daß ich Ihr [sc.: ihr] in Beziehung auf Keilhau
besondere Beachtung schuldig bin und so wird ihr denn auch
wohl wenn auch vielleicht nur über den andern Tag
ein Stündchen gwidmet.
Zugleich mit all diesen traf auch Herr Candidat Stephani
aus Sondershausen hier ein, welcher bey Löhns wohnt und mit /
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ihm begannen meine Dir bekannten Unterrichtsstunden
mit ihm u Herrn Menger.
Auch hier haben die Spielstunden alle Tage u Stunden
jetzt wieder ihren regelmäßigen Fortgang und werden
von Kindern wie von Freunden häufig besucht. Heut
war z.B. Fr v. Ahlefeldt und d[er] He. Pfarr[er] Korn, welcher
auch als Badegast hier ist in derselben; da muß
man dann immer gegenwärtig seyn.
In Rudolstadt ist auch wieder wenn auch nur wöchentlich
einmal, nemlich Mittwoch von 4-6 Spielstunde;
dieß kostet dann wieder den ganzen Nachmittag ja Abend, denn
von 1 bis 3 Uhr haben wir erst hier in Blankenburg
unsere Kinderchen um uns.
Nimm nun daß es wenn ich auch schnell gehe 10-12
Minuten zum Kosthaus, im Schwarzburger Hof und
wieder mehr wohl, ¼ Stunde zurück ist, so daß auf
jeden Mittagstisch wenigstens 1 bis 1½ Stunden ver-
loren geht, so kannst Du Dir wenn Du alles dieß
zusammennimmst leicht denken, wie ich den ganzen Tag
hindurch in Anspruch genommen bin.
Dazu kommt daß ich auf Veranlassung der Festtage,
des Westphälischen Besuches und anderer kleiner[er]
Feyerlichkeiten jetzt zum öftern in Keilhau war; nach
diesen Andeutungen wirst Du Dir nun mein bisher[i]ges
langes Schweigen aus seinen wahren Gründen deuten
vielmehr erklären können.-
Herr Langethal ist in der Mitte des Monat <März> wirklich
von Burgdorf weg und nach Bern gegangen; er schreibt
mir in jeder Hinsicht sehr zufrieden und grüßt alle Bekannte.
Ferdinand ist ebenfalls aus seiner früheren Stelle sehr
ehrenvoll entlassen, wie in seiner neuen, in Burgdorf /
[2]
empfangen worden.
Wegen meiner Zukunft weiß ich bis jetzt noch gar nichts.
Frau Wolfram und Auguste besorgen mir bis jetzt
mein kleines Hauswesen nach ihren besten Kräften und
Einsichten. Elise hat es einmal auf ein paar Stunden
durchgemustert, so geht es so leidlich. Ich freue mich Dir
dieß schreiben zu können damit Du ohne Sorge für mich
eine treue schwesterliche Gehülfin Deiner lieben Schwägerin
zunächst bleiben kannst.
Daß Du mir so gute Nachricht von Deines l. Bruders
Familie geschrieben hast hat mich gar sehr erfreuet
ich hoffe und wünsche daß mein Brief Euch alle in noch
ungetrübter Gesundheit findet; sage Deinem l. Bruder u
Frau Schwägerin, daß ich mich wirklich sehnte sie zu
besuchen um besonders mein kleines l. Patchen zu sehen,
wie die Umstände jetzt stehen, möchte es aber schwerlich
vor Eurer Kirchweyh geschehen können, dann wird
mir mein liebes Patchen die kleine Maria (deren Namen
ich mich gar sehr erfreue,[)] bald entgegen laufen und schon
guten Tag u willkommen sagen können. Vater u Mutter
jedes soll ihr in meinem Namen einen freundlichen
seegnenden Kuß auf ihre klare Stirn drücken.
Von Elisen wirst Du bald einen Brief erhalten. Sie wird
Dir sehr viel Schönes von ihrem Tanzfeste vom Guirlan-
dentanz, von Contretänzen rc rc zu schreiben haben
dann von aufgeführten Musiken z.B. vom Ostermorgen
am 2en Pfingsttag. Text von Tiedge, Musik von <Neukemme>[.]
Nun lebe recht wohl, erfreue mich bald mit einigen
Zeilen. Mit Liebe Treue und Dank
Dein Oheim
Friedrich Fröbel

Diesen Brief wirst Du über Erfurth
bekommen. Für die Festtorten besondern
Dank. Ich habe redlich mit Keilhau getheilt. /
[2R]
Von den Kindern Blankenburgs bin ich in diesen
Tagen so mit Blumen, Kränzen u Kuchen beschenkt
worden, daß wenn Du in dieser Zeit gerad zu
mir eingetreten wärest Du geglaubt haben würdest
Du kämest zu einem besonderen Feste.
Von vielen Seiten wird immer nach Dir und
Deinem Befinden gefragt.