Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 5.6.1841 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 5.6.1841 (Blankenburg)
(BlM XIV,16, Bl 83-84, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., tw. ed. Pösche 1887, 96-98; tw. ed. Lück 1929, 89-92. Ed. Pösche 1887 suggeriert Vollständigkeit, es ist aber nur eine Teiledition.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 5' Juny 1841.


Theure, geliebte Muhme.

Wäre ich in mir nicht zu gewiß, daß Sie gar nicht an der Treu-
sinnigkeit Ihres Vetters zweifeln könnten, so müßte ich mit
Recht fürchten, daß Sie meine liebe Muhme durch mein unge[-]
wöhnlich langes Schweigen gänzlich irr an mir geworden
wären, so aber hoffe ich fest von Ihrem gläubig vertrauenden Sinn,
daß Sie wohl nur zu sich gesagt haben: Was mag wohl den Vetter
so lang von seinen ihm sonst so lieben brieflichen Mittheilungen an
mich abhalten?- Mag es Unwohlseyn, mögen es die Forderungen
der Drang des Lebens seyn?- Dank dem Himmel, nicht war es das
erste, wohl aber das letztere. Durch einen Zusammenfluß von Um-
ständen führten die letzten Wochen von Ende April an einen
solchen das Leben auflösenden Zustand mit sich welcher mich in meinem
Gemüth und Geist wie im Leben hätte recht unglücklich machen können
wenn ich nicht in mir, eben in meinem Geiste und Gemüthe, den Ge-
danken und das Streben desselben ganz fest gehalten und stetig fort
bearbeitet hätte. Billig sollte ich Ihnen nun wohl einige Rechenschaft
von den Störungen geben, allein es waren derselben so viele, daß eine die
andere wirklich aus dem Gedächtniß verdrängte, doch einige muß ich
erwähnen, die in ihren Wirkungen noch bis jetzt dauernd sind und zu die-
sen gehört als die wichtigste, daß meine die bisherige Führerin meines kleinen
Hauswesens meine treusinnige Nichte nach Hause gerufen wurde um ihrer
lieben Schwägerin nach deren Niederkunft und sonst in ihrer etwas ausge-
breiteten Hauswirthschaft hülfreiche Hand zu leisten. Dadurch war es
denn ganz besonders daß meine gewohnte Ordnung eine große Störung
erlitt. Es finden sich zu selten weibl. Personen welche mit Sinn für
Ordnung, und Reinlichkeit, auch einen gewissen Bildungsgrad und zugleich
Einfachheit im Leben und in des Lebens Forderungen verbinden. Da ich /
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nun wohl in all diesen Beziehungen durch meine l. verst: Frau et-
was verwöhnt bin, so habe ich mich bis jetzt nicht einmal entschlie[-]
ßen können nur den Gedanken zu fassen wieder eine wirthschaft[-]
liche Hülfe in mein kleines Haus zu nehmen; ob dieser Einrichtung
gleich sehr viel Störendes mit sich führt. Ein kleines ich glaube
11jähriges Mädchen besorgt die kleineren Stuben- u Hausgeschäfte
ihre Mutter, meine Hauswirthin, eine Ritter, die größeren;
aber zu Tisch muß ich nach einem beynah eine kleine ½ Stunde
abgelegenen Gasthof gehen, wo man, bey zwar ordentlichen Speisen
aber in der Zeit nicht pünktlich ist - So kostet mich der Mittags[-]
tisch fast immer 1½ Stunden Zeit und welche Zerstreuungen sind sonst
mit einem solchen Leben verbunden. Hierzu kommen die durch den
Eintritt des jungen Mannes aus Sondershausen sich für mich ver[-]
mehrten Geschäfte. Überdieß darf ich nicht unerwähnt lassen, daß
einige Badegäste hier angekommen sind, welchen ich in Beziehung
auf mein erziehendes Wirken mehrfache Aufmerksamkeit
zu bezeugen habe. Auch bekamen wir in Keilhau lieben Besuch welcher
doch auch immer etwas auf mich hier in Blankenburg einwirkte:
überdieß gieng meine gewöhnliche Beschäftigung hier und wenn auch
in Rudolstadt jetzt nun einmal wöchentlich fort, so mögen Sie sich
denn doch liebe, liebe Muhme deuten können, wie ich so lange Zeit
gegen Sie schweigen und bis jetzt, ich weiß wirklich nicht ob gar drey
Ihrer mir wahrhaft theuren Briefe unbeantwortet lassen konnte.
Darum will ich denn nun auch weiter gar kein Wort darüber ver[-]
lieren, sondern Ihnen nur noch aussprechen, daß zu dieser Unterbrech[-]
ung auch mit die schöne Hoffnung mitwirkte, Sie beste Muhme
und all die lieben Ihrigen in diesen Wochen persönlich zu sehen.
Diese freundliche Hoffnung begleitete mich von einer Woche zu
andern wie sie mir von einer Woche zur andern verleidet
wurde. Was bleibt mir noch übrig Ihnen zu sagen, als daß ich mich
wirklich recht herzlich, wie man sich nur nach einem lieben Gegenstande /
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sehnen kann, nach Ihren lieben Kindern verlangt habe und
gewünscht Sie theure Muhme und Ihre verehrten Mitver-
einten in der Mitte derselben wirksam zu sehen. Ich
bin nur zu gewaltsam durch eine Mehrheit von Verhältnissen
und Verpflichtungen gebunden, welche ich zur Förderung meiner
erziehenden Bestrebungen und Pläne nicht gern zurücksetze.
Dennoch glaube ich, daß ich, ohne daß ich es selbst lang vorher
weiß einmal ganz unerwartet zu Ihnen komme, denn mein
Geist und Gemüth reist ununterbrochen zu Ihnen und selbst die
Pflege meiner erziehenden Bestrebungen fordert mich dazu auf,
kenne ich doch Niemanden welcher dieselben so herzinnig, so hingebend
und so wirksam fördert wie Sie, liebe, theure Muhme. Wer
sein Liebstes so treu gepflegt sieht, wie ich das meine von Ihnen,
wer sollte da nicht ersehnen gern persönlich die innig dankende
Hand zu reichen.
Welche große Freude haben Sie mir durch das so sinnig geordnete
Sträuschen Ihrer lieben Kleinen gemacht. Könnte ich Ihnen doch
dagegen einen von den vielen wunderlieblichen Kränzen übersenden
mit welchen ich in diesem reichen Blumenmonat von meinen lieben
Kleinen so oft beschenkt worden bin; wie gern hätte ich einen dichten
vollen Vergißmeinnichtkranz übersandt, wie viel hätten wir da-
raus Kränzchen für alle Ihre l. Kinder machen wollen, denn er
war so dicht u voll, daß er sich durch seine eigene Feuchtigkeit und
durch Regen erfrischt ungewöhnlich lang blühend erhielt. Aber ich
habe auch meinen Kleinen in diesen Tagen zum Dank wieder eine
wahre Freude machen können.-
Fr. v. Mannsbach geb. von Grün welche nun vor fast 2 Jahren
hier war und immer noch der Kinder hier liebend gedenkt hatte
mir als von den Kindern ihrer Strickschule gearbeitet 1 Dzzd
Schürzchen u 1 Dzzd Halstücherchen zum Vertheilen übersandt; diese
haben wir dann am Sonnabend vor Pfingsten ausgetheilt. Es /
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war mir rechte Freude wie mir am lieben Pfingstfeste die kleinen
blau- u rothschürzichen Mädchen mit fröhlichen Augen und dankenden
Händchen entgegen kamen.-
Schon im verfl. Winter hatte mich zu gleichem Zwecke die Fräulein
Sidonie von Grün, Schwester der vorigen im Verein mit 2 andern Fräulein
für meine Kinderchen mit einigen Dzzden Strümpfchen be-
schenkt welche sie gemeinsam in freudiger Erinnerung an die im hiesigen
Kinderkreise verlebten frohen Stunden gestrickt hatten.-
Sehen Sie l. Muhme so machen mich Andere reich um auch noch
auf eine andere als meine Weise zu Kind und Familien Freude zu bringen[.]
Ich weiß daß meine und unser aller Freude in Ihrem theilnehmenden Gemüthe
wiederspiegelt [sc.: sich widerspiegelt] darum diese Mittheilung.-
Doch nun zurück zum Geschäfte.
Ihre Geldsendung von Rth. 6. 9 habe ich durch die l. Zöglinge K.
Wild
u Lothar Deckner rc richtig erhalten; empfang[en] Sie mein[en] Dank.
Angeschlossen übersende ich Ihnen dagegen den Rest des 2n Bande[s],
2es Heft des S. Bl. nebst den [sc.: dem] nachzuliefernden Notenblatt[.]
In Rudolstadt haben die beyden Schwägerinnen Fr: von Gleichen
Mitglieder des Müttervereines, einen Theil ihres Berges nächst
ihrem Wohnhause zum Kindergarten eingeräumt, wo denn eine
ähnliche Eintheilung der Beetchen ausgeführt ist als ich Ihnen
mitgetheilt habe.-
Frau Pastor Richter wird von Dresden am 12en oder 13en
hier eintreffen und also wohl über Gera kommen. Ich wünschte
mir daß die Frau nicht so kränklich wäre, so würde ich sie
bitten ihren Lebensplan mit den meinigen zu vereinigen, denn mir
mangelt eine im gleichen Geiste und überhaupt pflegend mitwirkende
Mitarbeiterin. Von Frankfurt hätte ich Ihnen wohl
schöne Mittheilungen von Schneiders Spielfest zu machen doch heut
will es mir nicht mögl. werden.- An alle d. l. Ihrigen die herzlichsten
Grüße. Mit Liebe, Treue u Dank Ihr Vetter
FriedrichFröbel. /

[84R/83V]
(Nachschrift)
Es kann Niemand den lieben Vetter in Leipzig in[n]iger bedauern als ich, denn nach länger als 2 Jahren fühle ich schmerzlich was es heißt sein Weib zu verlieren.
Aus Debrezin in Ungarn hat sich eine Erzieherin (Mutter) bittend an mich gewandt ihr Nachricht von meiner Kinderbeschäftigungsweise zu geben.