Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Königl. Ministerium des Inneren zu Berlin v. 28.6.1841 (Blankenburg)


F. an Königl. Ministerium des Inneren zu Berlin v. 28.6.1841 (Blankenburg)
(BN 710, Bl 8-9, undatierter Briefentwurf 1 B fol 4 S., Datierung nach Briefliste.)

An das Königliche Ministerium des Innern

Das Hohe Königl Ministerium des Innern wolle
nachstehender ehrerbietiger Vorstellung u un-
terthänigem Gesuche seine hohe u gnädige Beachtung
schenken.
Es ist eine anerkannte Thatsache, daß das aufkeimende
Geschlecht, die frühe Kindheit,
in der gerijüngsten Zeit eine größere Theilnahme
als bisher bisher der Fall war gefunden hat; die Wichtigkeit davon
leuchtet ein: von den
Kindern geht unsre Zukunft aus, von ihrer
ersten Erziehung hängt Glück u Unglück, Ehre
und Unehre, Wohl u Wehe des Volkes ab.
Denn die Jahre der Kindheit sind es, in denen
sich die Keime des Lebens entwickeln, in denen
das Herz erstarkt und die Richtung des Chrakters
sich bildet.
Die Aufsicht und Leitung der Kinder in dieser Zeit
ist von der Natur den Müttern anvertraut.
Doch ist zur Gnüge bekannt, daß bey den Geschäften
des Hauses u bey den geltenden Forderungen des
geselligen Lebens die meisten Mütter zum größten Theil diese
diese Pflege nicht allein be-
sorgen können. Sie müssen ihre Kinder eine
nicht geringe Zeit andern Personen überlassen.
Diese haben zum größten Theil eben so wenig die
nöthige Einsicht noch als auch die Achtung Lieb u Treue
welche die Führung eines Kindes erfordert. Darum
muß sich der Menschenfreund oft mit tiefem Schmerz
abwenden, wenn er wahrnimmt, wie das Edelste
auf Erden mißkannt, gemißhandelt, wie der
Mensch in den Kinderjahren physisch u moralisch
verkrüppelt wird. Sollte aber dieß schmerzhafte
Gefühl nicht endlich so weit dringen, daß auf eine
gründliche Abhülfe dieses Zustandes mit Ernst
gedacht würde? –
Für die untere Volksclasse hat diese mal-
nelnde [sc.. mangelnde] Wahrnehmung bereits die Kleinkinder-
Bewahranstalten hervorgerufen. Wohl sind
diese schon wichtig; doch zeigen sie auf ihrer /
[8R]
dermaligen Stufe meistens nur, wieviel
auf diesem 1n Wege für die Kindheit geschehen
könnte, wenn nämlich die Leitenden dieser
Anstalten rechte Einsicht u zweckmäßige Mittel
zur Führung der Kindheit verschafft würden. Für
die mittlern und höheren Stände ist aber in
dieser Hinsicht so gut wie auch fast gar nichts geschehen,
obgleich in andern Beziehungen die Hülfe hier
eben so noth thut.
Daraus ist als allgemeines Bedürfniß klar:
für die richtige Leitung u Beschäftigung der
Kindheit müssen Wärterinnen, Pflegerinnen
im allgemeinen Erzieherinnen u Pfleger, Erzieher gebil-
det werden.
Diesem Bedürfniß, in Städten wie auf
dem Lande, beabsichtigt der unterzeichnende Verein
durch eine Musteranstalt zur Ausbildung
für entsprechende Kinderpflege entgegen zu kommen welche
er am angemessensten ”deutscher Kinder-
garten” zu bezeichnen glaubt, zu begegnen.
entgegen zu kommen.
Ihr Ziel ist nach der einen Seite den Menschen als Kind nach dem
ihm von Gott Schöpfer gegebenen Wesen auf den von
Gott geoffenbarten Wegen u durch die
ihm angebahnten Mittel in der großen im Einklang mit
göttlichen Lebenseinheit u dem kleinern u größern
Lebensganzen zu erziehen und nach der andern Seite psychisch für
diese Erziehung eine solche Förderung um Andere zu bilden, um dieseHinfü-
rendung zur sorglichen Beachtung u Pflege des göttl
Das Ziel derselben ist nach der einen Seite,
den Menschen als Kind von der beginnenden
Selbstthätigkeit an gemäß nach seinem von Gott em-
pfangenen Wesen, in der Allseitigkeit seiner
Anlagen für die Gesammtheit seiner Lebensforderungen
durch (ächte) Pflege, durch zweckgemäße Spiele u
Beschäftigungen die Entwicklung mit dem frühen Lebensernst
in froher Kindergemeinschaft
u in höherer bewußter Leitung <in stetig u d[urc]h höhere Gesetze des Lebens>
so gotteinig als Lebenstüchtig zu erent-
ziehenwickeln; nach der andern Seite für eine solche
Kindererziehung Andere zu bilden, durch
Hinführung zur sorgsamen Beachtung des göttlichen
Wesens im Kinde u zur Benutzung aller gegeben zu
dessen Entwickelung gegebenen Mittel u Ver-
hältnisse, auf gleiche Weise, wie der ächte ähnlich wie der gute Gärtner die Gewächse beachtet u ihrer Bestimmung
entgegen erzieht. Um diesen gotteinigen,
diesen deutschen Sinn, den Geist des Nachgehens
u der besonnenen Achtsamkeit auf die höchsten Lebens[-]
forderungen zu bezeichnen, erschien als der ent-
sprechendste Name für die bezweckte Anstalt
der deutsche Kindergarten.
Es sollen darin, nach dem wörtlichen Ausdruck
des Planes, für die erste Pflege und Erziehung der Kinder
gleichsam Gärtner u Gärtnerinnen gebildet werden.
Einzelne Familien wie größere Gemeinsamkeiten
bekommen erhalten dadurch Gelegenheit
theils selbst an Ort u Stelle die lebenvolle
Kinderpflege anzuschauen und sich Finger-
zeige wie Mittel dafür anzueignen zu gewinnen, theils
geeignete dieß sein vom Schöpfer ihm gegebenes Wesen in Freyheit mit ihm durch Fröhlichkeit hervortrete durch Thun erstarke, durch Spiele in schöner Kindergemeinschaft in fröhlicher Gesund- u Heiterkeit u charakterlich u in zweckmäßig gedachter Thätigkeit durch ächte u kräftige <Ahnungen> sich entfalte
selbstgewählte Personen
für ihr Kinderbedürfniß daselbst ausbilden zu
lassen zur Ausbildung dahin zu schicken,
oder daß für diesen Zweck Gebildete, seyen es
Wärterinnen, erziehende Pflegerinnen oder Kinder[-]
erzieher <->, sich <-> von da kommen zu lassen.
Die Idee, welche durch den deutschen
Kindergarten, zu dessen Stiftung im vorigen
Jahre bey der Jubelfeyer Gutenbergs sich eben der
Verein sich bildete, führt ihre Rechtfertigung verbreitet
werden soll, bey ihrer <?> begonnenen <? That> führt ihre Rechtfertigung schon
zum Theil schon gleich mit sich. Die gesegneten
Folgen der angemessenen einer Kinderpflege in dem angedeuteten Sinn, wie
sie hier in Blankenburg seit mehreren Jahren
unter m[einer] Leitung von dem gedachten Verein bereits
ausgeübt wird, ist nicht nur sind nach dem allge-
meinen Anerkenntniß nicht nur bey den
Kindern sichtbar, sondern erstreckten sich selbst
auf die Familien, Schulen u Stadt.So ist auch
in den von hier ausgegangenen Tochteran-
stalten, als in Dresden, Frankfurt a/m, in
der Schweiz, in Gera, Rudolstadt rc über das
Wohlthätige dieser Kinderbeschäftigungsweise
nur eine Stimme. /
[9]
Dieß zeugt für die Wahrheit und Zweck-
mäßigkeit des Gedankens, dessen Ausführung
eines der Vereinsglieder, Fr Fröbel, Gründer
der allgem. deutschen Erziehungsanstalt zu Keilhau
bey Rudolstadt u anderer erziehender Anstalten ausschließend
lebt. Durch eine fast 40jährige Erzieherthätigkeit
durch die Resultate dieses Wirkens u durch ein un[-]
ausgesetztes beobachtendes u prüfendes Nachdenken wurde derselbe
von allen Seiten auf diesen Gegenstand hinge-
wiesen u hat seit 5 Jahren eine geraume Zeit schon seine Kraft für die
Kindheiterziehung als der Wurzel des ganzen Lebens[-]
erziehung geeint. Nachdem er bisher eine Reihe
von Spielgaben, ausgehend von der höchsten
Einheit, in stetiger Folge u übereinstimmend
mit den Natur[-] u Offenbarungsgesetzen, entsprechend
dem Kinderbedürfniß, zum Spiegel des sich entwi-
ckelnden Geistes u zur Ersterkennung des gotteinigen
Lebens, hervorgefördert hat, wirkt er nun seit
mehreren Jahren in Verbindung mit einem andern Vereins[-]
glied, (seinem vieljährigen Freund) WMiddendorff für die Lebens[-]
einführung dieses Gedankens, der Entwicklung des ganzen
Menschen im Kinde durch erfreuende bildende Spiele
in geeinter Kindergemeinschaft.
Um diesen Gedanken hoher wahrer Beachtung u zweckmäßiger
Beschäftigung der Kindheit allgemein zu machen,
ward am angemessensten erkannt, diejenigen
besonders zur Mitwirkung aufzufordern, welchen die
erste Sorgfalt für die Kinder durch die Natur
ins Herz geschrieben ist – die Mütter, das weibl
Geschlecht. So ward der deutsche Kindergarten
als ein Werk deutscher Frauen u Jungfrauen, durch
Beyträge derselben von 10 rthCt, welche im ernstl
Sinne des Wortes als zur Ausführung wirkende Mittel
Actien genannt wurden, gegründet.
Da aber Actienunterzeichnungen im Preuß Lande
aus weiser Vorsorge ohne besondere Bewilligung der
hohen Regierung nicht gestattet sind, so erlaubt sich der
unterzeichnete Verein rücksichtl des Zweckes dieses
Werkes, das seinem Wesen nach sich an die Mild-
thätigkeit u rel. Anstalten <auf> anschließt u unmittelbar
auf die Forderung u Gesinnung Jesu: die Kinder zu ehren u zu
pflegen, gegründet ist, die unterthänige Bitte: /
[9R]
ein hohes Ministerium wolle das Unter-
   nehmen des deutschen Kindergartens huld-
   reich beachten u gnädigst erlauben, daß im
   preuß Lande Frauen u Jungfrauen u kinder[-]
   ehrende Gemüther durch Unterzeichnung zu Beyträge
   sich daran anschließen dürfen.
Der unterzeichnete Verein fürchtet nicht eine Fehlbitte
gemacht zu haben, da ein hohes königl Minist. d Innern
gern aufs neue die schöne Thatsache bestätigen wird
daß es mit der Sorgfalt für d Blühen des preuß Staates
zu gleich das höhere Walten für das deutsche Vaterland zu
einen weiß. Er hofft um somehr die huldvolle Er-
füllung seiner vertrauenvollen Bitte, da ja das
zur Reformationsjubelfeyer (1817) aus ähnl Gesinnung
hervorgegangene lebendige Denkmal Luthers, obgleich
ebenfalls außerhalb Preußen gek der preuß Monarchie
gekeimt, von Preußen namentl von Berlin so höchst
förderl unterstützt ward, welchem Werk der höchst seelige
König <-> Friedr Wilhelm III den Schlußstein hinzufügte indem
Se Majestät einem d Zöglinge dieses Denkmals zur Vollendung
seiner Studien in d theol. Seminar zu Wittenberg aufzunehmen
geruhten. Auch dieß bestärkt des Vereines Vertrauen,
daß einige der Unterzeichneten Preußen sind, andere in dem
ewig denkwürdigen Jahre 1813 als ächte Freywillige unter
Preußens Fahnen für deutsche Befreyung fochten u daß die
große Vaterlandseintracht jener Zeit zu ihrer nach-
herigen u jetzigen Erziehungseinigung den Grund gelegt hat u fortwirkt.
Angebogen fügt der unterthänige Verein alles das
bey was zur Erläuterung des ehrfurchtsvollen Gesuches dienen kann.
So erlaubter sich zu bemerken, daß das Unternehmen sich
des hohen Schutzes der Landesregierung, besonders der väter-
[lichen] Huld u Gnade des Fürsten namentl der fördernden Theil-
nahme der erlauchten Frauen unseres hohen u adligen
Fürstenhauses erfreut, u daß die Ausführung desselben Werkes
zunächst im kleineren Maaßstabe demnächst beginnen
soll wird.
Einer höchsten gnädig gewährenden Entschließung in Bezug
auf dieses Werk Unternehmen, [der] Gedanke daß [es] gleich bey seinem Auftreten die Meinung
der Einsichtigen u Edeldenkenden entschieden für sich hätte, das
zwar unter besondern Verhältnissen hervorkeimte, sein
Geist auch aber unabhängig von Zeit u Ort ist, das in deutschen
rein menschl u christl Geistigen eine der ersten Quellen des Viel-
beachtens zu öffnen sucht, mit Vertrauen entgegensehend
verharrt in tiefster Ehrerbietung      Euer Hohen Königl Minist dInnern
               d Verein
zur Ausführung eines Erziehungsunternehmens
für erste Kindheitpflege
des deutschen Kindergartens
durch deutsche Frauen u Jungfrauen