Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 28.10./31.10.1841 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 28.10./31.10.1841 (Blankenburg)
(UBB 117, Bl 352-357; Brieforiginal 3 B 8° 12 S., stark beschädigt, Papierbruch an unterem Rand und Mitte wegen Faltung.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 28 Oktbr 41.


          Mein lieber, theurer Langethal.

Du wirst nicht wissen was Du wegen meines langen
Schweigens von mir denken sollst und ich weiß kaum
was ich Dir darüber sagen soll, so schnell und doch auch
wieder so schleichend langsam ist unter Sorge, Mühe
Arbeit und auch wohl Kummer ich glaube nun bald
ein Halbesjahr verflossen seit ich Dir zum letzteren
male geschrieben; aber auch sonst habe ich seit und
während dieser Zeit an wenige geschrieben und mein
Briefwechsel ist fast nach allen Seiten hin gänzlich
eingeschlaffen. Suche ich den Grund davon aufzufin-
den so ist wohl wesentlich ein vierfaches was es be-
wirkt hat. Erstlich vermehrte Arbeit. Nach Neu-
jahr trat mein Geschäftsführer aus und ich ließ ihn
gern ziehen, weil er in seinem Betragen trüb vielleicht
zweydeutig war, schon dieß mußte eine Stockung bewir[-]
ken da ich es überdrüßig war wieder Jemanden anzu-
nehmen, dazu kam daß Ende April oder Anfangs May
Malchen Müller wegen der Niederkunft ihrer etwas
kränklichen Schwester nach Haus gefordert wurde; da[-]
durch kam ich nun ganz aus meiner mehrjährig gewohn-
ten Ordnung; der Verlust meiner Frau trat mir nun
dadurch und durch das folgende wieder lebhaft vor die See-
le, so daß ich glauben muß, daß diese namentlich sehr
niederbeugend, störend und trübend auf mein Gemüth
und meinen Geist eingewirkt hat. Ich gieng zwar in
die freye Natur, auf den Chrysopras, zu Tisch, allein sie
wollte den Schmerz nicht heilen.- Hier giengen nur /
[352R]
unsere Spielstunden auch täglich während zwey Stunden
fort, wie auch in Rudolstadt, wenn auch nur während
eines Nachmittages in der Woche; allein es kostete
mich doch einen ganzen Nachmittag, zumal da auch immer
einer von uns an diesem Nachmittage (Mittwochs) und
an einem zweyten (Sonnabends Nachmittags) 1 Spielstunde
in der Bewahranstalt der Fürstin Mutter hielt; dazu
kam, daß Middendorff dem Buchdrucker Fröbel im Ver-
eine mit einigen anderen Eltern wöchentlich eine Spiel-
stunde zugesagt hatte und zwar auch am Mittwoch
Nachmittags, wobey freylich auf alle unsere Kräfte als
immer rüstige gerechnet worden war. Doch es dauerte
nicht lang da kam ein zweytes zu tragen; Middendorff
wurde krank auf seine bekannte Weise, die ihm jede
erwärmende Bewegung verbietet. Erst mag er wohl
6[-]8 Wochen in Keilhau zwischen Gesundseyn und Krank[-]
seyn hingeschwankt haben bis sich endlich das Uebel in die
Augen setzte und er nun wieder ebensolang hier strenger
Cur- und Badegast ist. Und noch kann er seine Augen
nicht vollständig und besonders Abends nicht brauchen.
So fiel auch wieder der gewohnte Wechselverkehr und das
gemeinsame Arbeiten mit Middendorff weg, was auf
mich nicht anders als sehr störend einwirken mußte;
denn die Kaltwassercur streng und vollständig nimmt den
Menschen den ganzen Tag in Anspruch. Middendorff wohnt
mit noch anderen Kranken aus Keilhau namentlich mit der Luise
Frankenberg
, welche sehr Gemüths- und Nervenkrank nach
Keilhau kam bey seinem Arzte Herrn Wetzel. Zu
all diesem kam nun noch zweytens der übernommene Unterricht
für Kinderpflege welcher mich täglich wenigstens wieder /
[353]
zwey Stunden in Anspruch nahm. Außer allem diesen
nun noch die Fremden und Reisenden welche zum Theil
zwar auf sehr kurze aber auch wohl längere Zeit hier
her kamen ja einige seit diesem Frühjahre hier sind
um sich mit dem Gegenstande der ersten Kinderpflege
bekannt zu machen. Doch wären all diese Thätigkeiten
noch ihren ungestörten Gang fortgegangen, so würden
sie durch den Erfolg gestärkt und erhoben haben; allein
auch hier trat vielseitig Krankheit dazwischen, so daß
wenn man glaubte man hätte etwas begonnen, man
sogleich wieder abbrechen mußte, so wurde um nur einen
Fall zu erwähnen (zweyer anderer nicht zu gedenken) der
von dem Fürsten von Sondershausen zur Begründung eines
Kindergartens hierher gesandt[e] junge Candidat in
Folge früherer Anstrengung, ernstlich krank. Schon
ein solches zerstücktes und zerstückeltes Leben siehst Du
wohl lieber Langethal muß auf Geist und Gemüth
drücken; nun nimm nun drittens noch des ersteren Streben
die Sache äußerlich nach Möglichkeit zu fördern und Vier[-]
tens die Forderung von beyden geeint den Gegenstand
um den es sich handelt in seiner Wurzel zu erfassen
nach seiner Quelle zu ergründen, eine Forderung die
sich nicht beruhigt bis sie das Ziel errungen. Nimm
nun lieber, theurer Langethal all dieses zusammen,
denke, fühle lebe es wenn Du kannst einen Augenblick
in Dir durch und Du wirst nun nicht mehr fragen: wie
war es möglich daß Du so lange schweigen konntest? -
sondern Du kannst fragen: wie war es möglich daß
Du unter solchen Umständen und Einwirkungen Geistes-
Gemüths- und Körper- gesund bleiben konntest?- /
[353R]
Nur die Macht des Gedankens, nur die Wichtigkeit des
Gegenstandes und das oft fühlbare wie sichtbare Ein-
greifen der schützenden stärkenden und führenden Gottes[-]
Hand vermochte dieß, vermag es noch bis jetzt und
ob wohl oft durch die Lebenserscheinungen tief getrübt und
hart gebeugt, sorgenvollen Geistes und kummervollen
Gemüthes, so bin ich doch, Gott sey ewig Dank, G gesund
an Geist, Gemüth und Körper, wie man in Bezug auf
den Leib Gesundseyn im gewöhnlichen Leben und äußerlichen Sinne
nimmt, und in mir lebt die hohe Freudigkeit und feste Zuver[-]
sicht, daß so scheinbar, isolirt ich auch jetzt da stehe, mich
die Vorsehung doch auf den Weg geführtleitet hat, welcher mich
gerad zu zu dem Ziele führt welches solang ich denken
kann meiner Seele, meinem Geiste vorschwebte zum
Ziele der Menschheit d.h. zum Quell- und Ausgangspunkt
der Entwickelung, der Erziehung und Bildung, des Kund-
machen des Menschen- und Menschheitswesens. Gott
selbst will mich nach den ewigen Gesetzen seiner Lebensof-
fenbarung zu diesem Punkte, zu dieser Quelle leiten,
möge ich ihn ganz beachten möge ich sie treu pflegen
Gott hat mich wieder zur unmittelbaren allseitigen
Pflege des Familienlebens, zur Pflege der Kindheit
und des Kinderlebens in unmittelbarer Mitte des
Familienlebens unmittelbar in dem und durch das
Familienleben selbst, gerufen. Möge nur Gott geben
daß ich den hohen Ruf ganz erfasse, ganz erfülle. Mein
ganzes jüngst verflossene Leben, besonders seit der
Zeit ich gegen Dich schwieg muß ich, so hart es mir auch
wohl oft vorkam, dennoch als unmittelbar dazu vorbildend
erkennen. In mir ruht deßhalb in dieser Beziehung eine Freu-
digkeit welche sich gar nicht aussprechen läßt.- /

[354]
Am 31 Okber Sonntags am lieben deutschen Reformationsfeste.
Allem zuvor Dir wieder einmal im Vereine mit Deiner
lieben Frau einen herzlichen deutschen Morgengruß aus
freyer Brust; mir ist es als müßtest Du und Ihr das
heutige Feste mit uns feyern. Wie schön ist es doch
um gemeinsame Feste und Lebenstage auch in größ[-]
ter Nähe Entfernung fühlen sich dann befreundete Seelen und
Geister besonders nahe. Die <eine> auch nur im Geiste
geeinte Feyer eines solchen Tages wie des heutigen ent-
flammt und stärkt dann nothwendig zur gemeinsamen
Ausdauer im Kampfe und in der Arbeit für der Mensch-
heit höchstes Ziel und höchstes Gut. Kurz: in 14 Tagen
feyern wir alle ein uns persönlich noch näher liegendes sol-
ches Fest, denn der Gründungstag, oder vielmehr der Tag
des ersten leisen Keimens meiner und unserer allge-
mein menschlichen Erziehungsanstalt unseres späteren
höhern Erziehungsvereines, der 13 Novbr 1816 fällt
dieß Jahr nach 25jähriger Wiederkehr auf einen Sonn-
abend, möge er uns allen und noch ganz besonders der
darauf folgende Sonntag eben als Sonntag im Vereine
mit der ganzen Christenheit ein Tag der höchsten und rein[-]
sten Lebens- Gemüths- und Seeleneinigung ein Tag zur
Erreichung des höchsten Menschheitszieles: - Gotteinigkeit im
Bewußtseyn, Fühlen und Handeln, in der Gesammtheit
des Lebens seyn und werden. Bitte Ferdinanden in die-
sen für uns so festlichen als wichtigen Tagen zu Dir;
Du schreibst mir in einem Deiner früheren Briefe (:31./1. 41)[:]
"Fröhlich betrachtet sich ganz als Glied unseres Kreises,
<als eines> Vereines edlen Menschheitslebens <der schön>
<und gut>["], so lade an diesem Tage auch diesen zu Dir ein um
<so geeint> einige festliche Stunden die dieses Tages würdig sind /
[354R]
d.h. solche die von neuem die gediegenen Keime oder viel[-]
mehr nur den gediegenen in sich einigen Keim für Bür-
gerglück, Menschenwohl und MenschheitsHeil enthalten[, zu begehen].
Ferdinand feyert so an diesem Tage auch den nun auch
schon zum 10en mal wiedergekehrten Jahrestag seines
Eintrittes als erziehender Lehrer in Wartensee. Laßt
Euch von ihm zur Erhebung aller erzählen was er noch von
seiner Bestimmung für Griesheim seiner Ankunft und
seinem Leben daselbst weis [sc.: weiß]. Möge dieß dazu beytra-
gen sich dasselbe nochmals ins Gedächtniß zurück zu
rufen wie es in demselben festzuhalten. Da es unmöglich
seyn wird, daß ich vor oder auch nur zu diesem festlichen
Tage einige Zeilen von Euch erhalten kann, so theilt mir
wenigstens bald nach demselben einige Kunde von dessen
Feyer unter Euch mit. Besonders glaube ich daß Ferdinand
in mehrfacher Beziehung mit dem innigsten Dank gegen
Gott dieses Tages gedenken und ihn feyern könne. Zur Ein[-]
leitung dazu kannst Du ihm bey seiner Überkunft diese
Zeilen vorlesen, habe ich Zeit so schreibe ich ihm selbst noch
einige. Die Feyer Eures Festtages bestehe hauptsächlich
darin den innersten so tiefgegründeten und weitumfas-
senden Lebenszusammenhang dessen einigen Ausgangs-
und Rückbeziehungsgrund aufzufinden, zu erkennen,
anzuerkennen, wie jeder von Euch ihn in sich trage, ihn
Euch auszusprechen, ja ists möglich ihn Euch selbst durch
Schrift für Euch selbst und Andere festzuhalten, und dadurch
Euch und Anderen zur ächten Pflege eines solchen Lebens-
Ganzen und wahren Lebenseines, Gemüth, Geist und
Thatkraft zu stärken. Erwähnen will ich hierbey doch, daß
ich jüngst ein Paar recht freundliche, auch mein jetziges
Leben und Wirken wieder freundlich pflegend aufnehmende /
[355]
[Zeilen] von Schnyder von W. erhalten habe. Die gemüthvolle Einig-
ung welche durch das Ganze hindurch geht hat mich recht
erfreut.
Ob und wie Keilhau den 13 Novbr feyern wird, weis [sc.: weiß] ich nicht.
Schon vor Jahr und Tag war von dieser Feyer die Rede,
wie sie aber näher und näher kommt wird's davon auch
immer stiller und stiller. Der Grund davon mag aber
auch wohl Krankheit seyn, welche sich seit einiger Zeit in
Keilhau eingefunden hat namentlich bey den Kindern z.B. bey
Middendorffs Hermann und Barops Thusnelden. Aber
auch Zöglinge sind krank, besonders liegt ganz hart Luis
von Born darnieder, so daß man an dessen Aufkommen ge[-]
zweifelt hat und noch ist dafür keine völlige Gewißheit.
Bey dieser Gelegenheit muß ich Dir doch auch sagen daß seit
Wochen <? >als zwey Schwestern von Barop in Keil-
hau sind, Fr: v. Born, zugleich mit auch zwey Kindern, welche
schon voriges Jahr hier waren und wovon eben der so
gefährlich krank ist, die zweyte davon Frau Schulz. Erstere
wird nun mit sämtlich ihren 3 [sc.: 2] Knaben wenigstens 1 Jahr
in Keilhau bleiben, letztere aber mit einer Nichte von
Middendorff, Sophie Dreyer, welche seit einigen Jahren in Keil-
hau erzogen wurde, nach Westphalen zurückkehren so
bald als Luis v. Born, ihr Neffe außer Gefahr ist.- Da
nun letzteres kaum unter 8 Tage zu erwarten ist,
so wird wohl von einer eigentlichen Feyer des 13 Novbr in
Keilhau gar nicht die Rede seyn. Ich habe auch gar nichts
dagegen denn ich hoffe mit Gott es persönlich auf irgend[eine]
Weise doch noch würdig zu feyern, daß ich wieder Saamen
für ächte Familienerziehung ausstreuen und selbst pfle-
gend als Gärtner dafür eintreten und so <von einer Familie>
aus <einen> ächten Kindergarten zugleich <für ächten Familien[garten.]> /
[355R]
Ich bin dazu auf selten vertrauensvolle und großmü-
thige Weise von der Famile des Herrn Erdmann
Scheller
in Hildburghausen eingeladen worden, und
wenn das Ganze so ruhig f wie es bis jetzt begonnen hat
sich fortentwickeln wird, so gedenke ich am 13 Novbr z in der
und durch die Pflege des erziehenden Familienlebens
den Saamen zu einem neuen deutschen Erziehungs<bunde>
auszustreuen, den Grund zu einem neuen deutschen wie
menschlichen, erziehenden Wirkens [sc.: Wirken] zu legen. Dieß soll
meine Feyer und ich glaube die ächteste Feyer des 13. N. seyn.
- Ja mein lieber Langethal, es geht jetzt durch ganz Deutsch-
land ein gewaltiges und doch stilles Streben nach Lebens-
erneuerung, Lebensgesundung und Lebens Heil, ein tiefer-
greifendes Wagen [sc.: Wogen] durch Alles besonders in Hinsicht auf
Erziehung und ganz namentlich in Beziehung auf die erste
Kindheit- und Jugendpflege. Ich kenne zwar Dein Wirken
im Einzelnen seit einem halben Jahr gar nicht und die Fr.
von Ahlefeld
hat mir davon nur Gutes ja Großes und
in Beziehung auf das E Anerkenntniß Deines Wirken[s], d.h.
in Hinsicht auf das Anerkanntwerden desselben nur ganz
Vorzügliches ausgesprochen doch dieß alles kann die For-
derung der Zeit, d.h. die Menschheit in der Zeit nicht befrie[-]
digen wenn Ihr nicht macht daß Ihr endlich zur entsprechen-
den frühesten und ersten Kinderpflege d.i. Ihr mögt es
nun nennen wie Ihr wollt doch dem Geiste und Wesen
nach zu ächten und wahren Kindergärten herabsteigen.
Gestern und ehegestern war auf Veranlassung der Frau Prinzeß Karl
zu Schaumburg Lippe
ein junger Mann aus Bückeburg
selbst Familienvater und Eingeweyheter in sorgsamer
Kindererziehung und er war in sich wahrhaft verwundert
über die Wirkung entsprechender u planvoller Kindheitpflege, die /
[356]
ihm hier entgegen trat; er war obgleich selbst aus der
sorglichsten und zugleich menschlich freyesten E elterlichen
Erziehung hervorgegangen und sie nun wieder an und
bey den eigenen Kindern ausübend, dennoch so über
das was er sahe, eben weil er es so in allen Beziehungen
durchblickte und durchblicken konnte, verwundert, daß
ich selbst über sein Verwundern, eben als eines so Eingeweyh[-]
ten erstaunt war, er konnte kaum begreifen, wie bey diesen
Kindern in so kurzer Zeit mit so wenigen Mitteln und auf
so einfache Weise solches was er sahe: Freyheit und Sinnigkeit,
Friedsamkeit und Regsamkeit, Ordnung ohne das sichtbare
Wirken eines hervorragenden Ordners u.s.w. erreicht
werden könnte. Er mußte und konnte nur den ächten Lebens-
geist welcher in dem ganzen herrscht als das dieß alles
Wirkende erkennen. Warum zaudert Ihr nur, warum
zauderst Du nur, der Du das Vertrauen von Hunderten
von Eltern besitzest so lange ehe Du die Kleinen und Kleinsten
von deren Kindern in diesen wiedergefundenen Paradieses-
garten einführst?- Wahrlich schon jeder Tag, ges wie viel
mehr noch jede Woche und jeder Monat geschweige denn gar
jedes Jahr ist ein Raub, ein wahrer Raub den Ihr an der
Kindheit Eurer Stadt wie der Kindheit besonders Eures eige-
nen Erziehenden Vereines begeht. Und das Gefühl könnt
Ihr ertragen und das Gefühl kannst Du ertragen, oder viel[-]
mehr die Erwachsenen welche sich durch Leben, Natur, Schrift
und Offenbarung selbst belehren konnten drängen sich zur
Lehre und da belehrst Du aber Kleinen, <der> Unmündigen die
davon nichts kennen, die umgeht Ihr. Wahrlich Deine
Lage bey der Kraft die Du besitzest, bey dem Vertrauen das
Du genießest würde ein Hundert> < ? > <versetzen lassen und>
<noch> zum kleinsten Kinde <werden>, das erst wieder verlassen /
[356R]
bey leerer Kindsmagd sitzt. Da sitzt's lieber Langethal, das ist
der faule Fleck im Leben den wir gesund machen müssen.
Ich will keinen Vergleich machen weder zwischen Staaten, noch
Ländern noch Menschen; aber was ist darf und muß man
sagen durch Deutschland geht zi[e]ht der Geist der Menschheit er
ergreift pflegend die Me Kindheit selbst in ihrer Unmündig-
keit und er vollendet so an der Menschheit das zweyte Erlö-
sungswerk Jesu welches mit den Worten begann: "Den
Kindern ist das Himmelreich rc, rc.["] Langethal! was hilft
das lange Vorpredigen der Erwachsenen, das Handeln für das
Leben für die und mit den Kleinen macht es. Sage den Eltern
Eurer Kinder und den Bürgern Eurer Stadt Ihr glaubt ihr habt
Gutes und Großes gethan daß i Ihr für die Erziehung Eurer
heranwachsenden Töchter sorgt und ihr habt Recht; allein es
ist noch Besseres und Größeres zu thun: die sorglichste Pflege
für die noch un mündige Kindheit, thut <nun ja es>, man
lege ihnen ans Herz was ein Deutscher sagt: - "Wenn in einem
"Lande das Schulwesen mit den Kleinkinderschulen anfängt, dann
"geht es von seinem wahren Anfangspunkte aus und befolgt
"von Grund aus das Naturgesetz der Stetigkeit; es erwächst
"sonach in seiner Wahrheit und Kraft. .... So errichte man
"denn in Gottes Namen solche Kinderhäuser (:Kindergärten:) -
"sie sind eine Wohlthat für Stadt und Land, ein Heil für das
"Volk und im Reiche Gottes eine Befolgung des heiligen Zurufes:
""Lasset die Kindlein zu mir kommen, solcher ist
""das Himmelreich!["]" (:S. Wirth Mittheilungen über Klein-
kinderbewahranstalten und aus denselben. Augsburg 1840.:).
Und Abbé Raphael Lambruschini sagt ebendaselbst S. 185 [sc.: 184]:
"Die Stiftung der Kleinkinderschulen schließt Keime gesell-
"schaftlicher Wiedergeburt in sich und trägt augenscheinlich den
Charakter eines jener großen Mittel [Wirth: Mittels], die von Gott ange- /
[357]
gewendet [sc.: angewendet] werden, um in gewissen Zeiten [Wirth: Zeitpunkten] die Vervollkommnung
des Menschengeschlechtes zu befördern".-
Und Ludwig Tieck sagt: "Die Kindlein in deren Geistesglanz der
"dunkle Schatten der Erdgegenstände noch nicht hineingerückt ist,
"stehen wie große Propheten unter uns, welche uns in verklärter
"Sprache predigen, die wir aber nicht verstehen." Gut! sollen sie denn
ewig Prophetenstatuen bleiben, sollen wir ihre Sprache nie versteh[-]
en und so die Forderungen ihrer Aussprüche zu unserm Heile
anwenden lernen.-
Karl W. E. Scheider sagt in seiner Schrift "Die Schöpfung und der Schöp-
fer
(Leipzig in der Weygandschen Buchhandlung, <Heldburg> <1841>.)
S. 320 und 321 in Beziehung auf die Kleinkinderschulen<:> "<Dabei>
"sollte es aber nicht bewendet bleiben, denn es mußte auch für den
"Geist gesorgt werden. Es wurde eine neue Anstalt gegründet die
“den Namen Spiel- und Beschäftigungsanstalt führt und genau
“<diesem dienen> kann und soll, diese Anstalt ist aus des Erziehers
"Fr. Fr. Geist und Gemüth hervorgegangen und in Blankenburg
"wo er lebt rc von ihm gegründet worden. Durch dieselbe wird,
"wenn einmal Fr's rühmliches Bestreben von der Welt genug-
"sam erkannt seyn wird, das Bestreben der Zeit, das Wohl der
"Kindheit und dadurch menschheitliches Wohl im allgemeinen
"zu begründen, seine höchste Richtung erhalten und die Kleinkinder[-]
"schulen werden erst dann zur Vollkommenheit gelangen. Und.s.w.
S. 322 "Es kann in der That keine Kleinkinderschule geben deren
"Zweck ersprieslicher seyn könnte, als der der Fr'schen Musteran-
"stalt, die wenn sie noch in den sogenannten Kl. Kd. bew. Anstalten
"Nachahmung fände, nichts mehr zu wünschen übrig ließe["] rc.
Und Seite 334 u 335. "Da das Edelste in dem Menschen der Geist
"ist, so sind diejenigen Erziehungsmittel die wichtigsten, welche Gei-
"stesbildung zum Zweck haben und verdienen am ersten erkannt
"und beachtet zu werden. Von allen gehört den Fr‘schen der Vorzug /
[357R]
"weil sie dem Wesen des kindlichen Geistes vollkommen angemessen sind
"und dessen Förderung ganz und gar entsprechen." u.s.w. bis S. 339
wo es heißt: "In dieser Erziehungsweise tritt es klar hervor,
"daß das ganze Wesen des Kindes erfaßt und seine Kräfte in jeder
"Beziehung d.i[.] allseitig und in gleichmäßiger Weise entwickelt
"werden und dieses muß dem Zögling für sein ganzes Leben heilsam
["]seyn."- Und Herr Karl Schneider, der Gründer und Vorsteher einer
eigenen Spiel- und Beschäftigungsanstalt zu Frkfurt a/m macht im
Septbr in den Frankfurter Tagesblättern bekannt: - "Daß er bey
Gelegenheit "des allgemeinen Geburtstagsfestes" welches er
am 12en Septbr (:wie in Keilhau:) mit seinen Kleinen gefeyert habe,
seiner Spiel- und Beschäftigungsanstalt den erfassenderen, sinn-
und bedeutungsvolleren rc. Namen "Kindergarten" gegeben habe.["]
Siehe mein theurer Langethal und all Ihr andern Lieben zusammen.
Ferdinand namentlich rc so eine rückt das Ganze immer näher und näher
zum Ziele, zum schönen klaren, lebenvolle Ziele der Menschheit.
Da ist nun da nun während ich alles dieß Dir und Euch mittheilend
niederschrieb ein Gedanken ganz lebenvoll vor die Seele getreten
den ich Dir und Euch nun doch auch noch als wirklichen Schlußstein des
Ganzen mittheilen muß; sagt: wie wäre es, und wäre es nicht
schön und höchst zweckmäßig wenn Ihr zur doppelten Feyer des 13 Nov.
(in Beziehung auf Keilhau u Wartensee) wenn es nicht weiter möglich seyn
sollte wenigstens zunächst unter Euch Geeinten und Euch gegenseitig Ver-
stehenden durch Vorsatz und Entschluß am 13 Nov. einen Kindergarten in Bern
gründetet. Der stille feste Wille würde bald zur
That werden; überdieß glaube ich daß der Herbst und der Winter
wo sich alles Lebendige gern zusammen schaart der von der Natur
bestimmte Anfangspunkt zur Ausführung eines Kindergartens [ist].
Denke zunächst die Sache klar in Dir und dann denket sie gemeinsam
durch; ich wollte Euch wenigsten den Gedanken nicht vorenthal-
ten darum habe ich denselben unmittelbar und ganz in derselben
Form ausgesprochen wie er in mir selbst entstand.-
Ich breche mit Gewalt ab; damit Du die Nachricht von uns bekommst Dein FrFr.
[355VR]
(Nachschrift)
Middendorff ist so eben nach Keilhau zum Geburtstag seiner Alwine und grüßt Euch alle herzlichst fröhlich mit einem Gruß.-
Kannst Du mir nicht, wenn Du mir schreibst, Abschriftl. das Verzeichniß der letzteren Sende an Dich schicken leider ist es mir abhanden gekommen.