Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Joseph Meyer in Hildburghausen v. 25.11.1841 (Hildburghausen)


F. an Joseph Meyer in Hildburghausen v. 25.11.1841 (Hildburghausen)
(BN 398, Bl 111-112V, undat. Reinschriftfragment (Abschrift) ¾ B 4° 3 S. ohne Adressatnamen. Der rechte Rand von S.111 ist abgebrochen, Ergänzungen in eckiger Klammer. – Adressat: Es handelt sich um Joseph Meyer, Begründer bzw. Leiter des Bibliographischen Instituts in Hildburghausen und Herausgeber des berühmten Konversationslexikons, den F. persönlich kannte. Für Meyer sprechen zwei briefliche Indizien: Zum einen die im letzten Abschnitt erwähnten „durchgreifenden Bestrebungen“ zur Verbesserung der Volksbildung, - dies eine Anspielung auf das Lexikonprojekt, - zum anderen F.s Appell an die geschäftlichen Verbindungen seines Briefpartners nach Pest. Meyer unterhielt Geschäftsverbindungen nach Pest, wie aus F.s Brief an Pivany vom 16.4.1842 zu entnehmen ist. - Zur Datierung: F. teilt im vorliegenden Brief 111V mit, er habe „gestern“eine Anfrage von Nanette Pivany v.14.10.1841 erhalten. Im Brief an Middendorff v.25./29./30.11.1841 schreibt F. am 25.11. [22R], er habe „heute Nachmittag“ an Meyer geschrieben.)

Hochverehrter Herr und Freund.

Im hohen und festen Vertrauen auf Ihre menschheitlichen und volkliche[n]
Gesinnungen und Bestrebungen komme ich heut mit einer eigentümlich[en]
Anfrage und einem solchen Gedanken zu Ihnen, welche beyde Ihnen zur
Prüfung vorzulegen mindestens als daseyend Ihnen mitzutheilen mir [in]
mehrfacher Beziehung gerad zu als Pflicht erscheint, denn Harmonie ist in der
Natur, Einklang im Leben als Ganzes und Einheit im Fühlen und Denken als solchem
nur muß sie nach meiner Überzeugung, und dieß ist die wahre Forderung und
Aufgabe an die Menschheit und die Völker in der Zeit zur Erkenntniß und Eins[icht]
gebracht und mit Bewußtseyn im erscheinenden wirklichen Leben zur Anwen[dung]
und Ausübung gebracht werden. Doch, ohne weitere Einleitung zur Sache selb[st.]
Ein Brief welchen ich gestern wieder aus Ungarn von der Ihnen vielleicht noch [in]
der Erinnerung bekannten Fräulein Nanette Pivany, empfangen habe zeigt [mir]
wieder das regeste vaterländische Bestreben für frühe und entsprechende Kindheit[-]
und Kinderbeachtungs-Pflege und Führung und von einem bestimmten Kreise da-
selbst, an dessen Spitze die schon mehrgenannte Gräfin Theresia Brunswick
zu stehen scheint, spricht mir dieser Brief zugleich den lebvollsten Antheil an meinen
Kindheit pflegenden Bestrebungen, und den Wunsch aus, sich recht gründlich und
allseitig für unmittelbare Anwendung damit bekannt zu machen. Überdieß
scheint der Kreis oder Verein den Plan zu haben wie im Lande umher eine Mehr[-]
heit von Kinderpfleganstalten so in Pesth, der Hauptstadt des Landes auch eine
Hauptanstalt der Art zu errichten. Dieß alles vereint rief in mir sogleich ei-
nen Gedanken hervor, welchen ich nun Vertrauensvoll Ihnen zur Prüfung vor-
zulegen komme. Er hat die vielseitigsten Beziehungen zum Leben in der Man-
nigfaltigkeit seiner jetzigen Strebungen die ich vielleicht hier gar nicht einmal
alle auch nur andeuten kann.
Reges Interesse für die Angelegenheiten der Menschheit, des Volkes und Vater-
landes muß meines Erachtens auf das sorgsamste gepflegt werden gleichgelte /
[111R]
wo, in welchem Lande es sich nur zeigt die Düfte der Blüthen, die Früchte und Seegnungen
davon kommen am Ende jedem Volke und zuletzt selbst jedem Einzelnen zu gute.
Nun läßt aber ächte Begeisterung die sich unmittelbar auf Anwendung, Einführung
und Ausübung im Leben bezieht, schwerlich durchs Wort, namentlich in Beziehung
namentlich auf die Form, Gestalt und das eigenthümliche Leben dieser Anwendung,
nähren u leiten, meinem Wesen ist aber solche unmittelbare Wirksamkeit im Geiste
der Einheit und bey Allseitigkeit der Richtungen Bedürfniß, ja ich muß sie als meinen
Lebens Beruf erkennen; daher kam mir gleich bey Lesung des Briefes der Frl. Pivany
der Gedanke: - Entweder sollten sie aus Ungarn einige fähige, ihr Vertrauen verdienende
junge Leute und Männer zu mir nach Blkbrg senden um ihnen den Geist und die Ge-
wandtheit dieser Kinderpflege und Beschäftigung mitzutheilen; allein das weit und
überwiegend Bessere, weniger Kostspielige und doch über allem Vergleich Wirksame-
re wäre mich zu veranlassen nach Pesth zu reisen, oder vielmehr mich gerad zu
dahin zu rufen um dort eine Musterkinderpfleganstalt nach der Idee des
deutschen Kindergartens als einen Kindergarten Ungarns auszuführen, und um
damit zugleich einige Vorbereitungs- und Begründungsschulen in Verbindung zu
bringen, dann soll das Leben das Ganze, Einige werden wozu es von dem in sich einigen
Gotte der einzigen Quelle alles Lebens in die Erscheinung, ins Daseyn gerufen ist, soll
Einklang, gegenseitiges Verständniß und Anerkenntniß, soll wechselseitige förderliche
Mitwirkung und liebevolle Hülfleistung und zum Ziel und Zweck führende Unterstützung
ins Leben, in die Wirksamkeit im Leben kommen; so muß ganz vor allem Einheit
Einklang, sich gegenseitige Erklärung Förderung und Hebung gleich in die allerfrühe-
ste und erste Kindheit- und Kinder- Menschheit- u Menschenerziehung kommen. – Gott
selbst zeigt, sagt und offenbart uns dieß im Leben und durch das Leben, denn welche
Menschen welcher Bildungsstufe sie sonst angehören mögen – verstehen sich am
Leichtesten und Besten? – diejenigen welche in gewisser Beziehung (d.h. in großer Allge-
meinheit genommen) eine gleichartige Erziehung, einen gleichartigen Unterricht ge-
nossen haben, ich meyne ganz vor alle dem, der Lebens- der Selbsterziehung und Erfahrung.
Dieß ist meines Erachtens der Grund, der Ausgangs- der Quell-
und Keimpunkt aller ächten Menschheitserziehung: - man suche dem Menschen
frühe durch Selbstthätigkeit in der innersten Einheit des Menschen und des Lebens ge- /
[112]
gründete Selbsterfahrungen zu verschaffen, so dünkt es mich, kann die Einheit und der
Einklang des Lebens auch nicht ausbleiben. Eine solche Erziehung scheint mir
nun vor allem das deutsche Wesen, der deutsche Charakter zu fordern. Daran
nun hinzudeuten und es zu beweisen habe ich nun schon seit fast ¼ Jahrhundert
gesprochen; allein es scheint ein eigener Schicksalsschluß auf den Deutschen zu
ruhen – welcher von irgend einer Seite her auch seine Auflösung finden wird -
daß erst alles nach Außen, nach der Fremde hin gehen, gleichsam erst für die Heym[ath]
das Vaterland sterben und dann von dort in einem fremden Kleid – fast scheint
es nun thatsächlich erst zu beweisen daß die Idee, der Gedanke sich auch einen Rock
verdienen und verschaffen könne – zurück kehren müsse um im Vaterland An-
erkennung zu finden. Nun so will ich denn auch herzlich gern, wenn es nun einmal
die unumgängliche Bedingung wäre um ächte Kindheitpflege, und Kinderführung u
Unterricht in Deutschland allgemein und zur Volkssache zu machen, für einige Zeit
wieder für Deutschland ste für meine Heymath sterben. Es fragt sich nun nur wie
in Ungarn der oben ausgesprochene Gedanke zu wecken wäre der Gedanke unter
meiner Mitwirkung in Ungarns Hauptstadt nicht nur eine Musteranstalt für
Kindheitpflege bis zum schulfähigen Alter nebst Vorbildungs- und Begründungs-
schule, sondern auch eine Bildungsanstalt für Kinder- und Kindheitpfleger u Pflegerinnen
und für Lehrer in den Vorbildungs- und Begründungsschulen [einzurichten]. Da dachte ich denn, ob
vielleicht durch Ihre Geschäftsfreunde in Pesth ein solcher Gedanke dort anzuregen
wäre; diesen Gedanken Ihnen nun zur Prüfung vorzulegen ist der eigentliche und nur
einzige Zweck dieses Briefes. Er lag als eine ganz einfache Frage mir vor als
ich mich entschloß den Brief zu schreiben, allein während des Schreibens selbst
drängten sich mir so viele andere verwandte Gedanken auf, daß ich derselben
kaum Herr werden konnte darum die Weitschweifigkeit des Briefs um welcher
willen ich Sie um Verzeihung bitte.
Einen Gedanken muß ich mir aber doch noch erlauben Ihnen mitzutheilen; es ist der.
Würde für die Erwachseneren, schon Erfahrenen wie Bewußteren, deren Aus- und Fortbildung
besonders durch Ihre so umfassen[den] und durchgreifenden Bestrebungen gewirkt [wird], würde in
Einklang damit zunächst mit aller Kraft auf die frühe Kinderpflege als Volks- und Na-
tionalsache gewirkt, so dünkt mich müßte es möglich seyn die Völker auch als Massen
fortzubilden; und die Kindheit und das Kindesspiel ist zum Heil der Menschheit der Diplomatik noch zu klein [bricht ab]