Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 15.12./16.12.1841 (Hildburghausen)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 15.12./16.12.1841 (Hildburghausen)
(BN 566, Bl 39-41, Brieforiginal 1 ½ B 8° 6 S.)

No X

[Nachbemerkung am Anfang des Briefes, schräg links oben:]
NB Lies zuerst das am Donnerstag Niedergeschriebene

Hildburghausen. Mittwoch am 15 Xbr 1841.


           Gottesseegen zu Deinem Wirken.

Obgleich jedes gute Wirken seinen wahren Lohn in sich selbst hat, so ist
es doch des Menschen Pflicht auch seinen Dank dafür auszusprechen, beson-
ders da wo es ihn namentlich mitbetrifft, und so hole ich denn hier für
Dich den so lebenvollen Dank nach als Dein Wirken dem er gilt lebensvoll
war, welchen ich im vorigen Briefe zwar keinesweges vergessen, denn
er gieng, was Du hoffentlich durchgefühlt haben wirst, jedem Worte
was ich Dir schrieb zur Seite oder vielmehr jedes Wort was ich Dir
schrieb gieng aus demselben hervor; nur hatte ich keine Zeit Dir den-
selben besonders auszusprechen; damit es mir nun bey dem heutigen
Briefe nicht wieder so gehe, so will ich was in mir lebt, und was mir Be-
dürfniß ist auszusprechen, so wie ich es, wie gesagt, für menschlich unum-
gänglich nothwendig zur wahren Förderung des Menschheitszweckes halte,
gleich in die Spitze dieses Briefes setzen. Nochmals: Mögen die Men-
schen Dein Wirken erkennen und Gott es seegnen!-
Nach meiner Ansicht muß[t] Du aber auch darinn einen ganz anderen
Charakter, und das darinn finden was ich immer Deinem Handeln
und Wirken wünschte: das bestimmte Erfassen unseres Lebenszweckes
an seiner Wurzel und das Wegwenden vom productlosen Contempliren
und Spindisiren. Dasselbe gilt auch Deinen Dichtungen, Deiner Muße
deren Producte werden immer kräftiger wirksam werden, wie
Du überhaupt Deinem Geiste u Gemüthe kraftvollere Nahrung und <reich->
<ere> Thätigkeit ein bestimmteres allgemein menschheitliches Ziel giebst. Ich wollte
dieß schon einigemal aussprechen, so wie noch einen Punkt den ich mir
heut aber für ein andermal aufheben muß.
In meinem jüngsten Briefe habe ich gar meines hiesigen und
jetzigen Wirken[s] nicht gedacht und Ihr könnt doch wohl fragen
was steht Dir nun seit einem 4 wöchentlichen Wirken als Ergeb-
niß desselben vor?- Ohne das Urtheil darüber in ein Wort zu[-]
sammen zufassen [sc.: zu fassen], was ich erst wollte, will ich lieber die Sache selbst /
[39R]
reden zu lassen. Im Allgemeinen scheinen die Menschen hier so außerordent[-]
lich viel mit ihren laufenden Berufs- und Lebensgeschäften zu thun
zu haben, daß sie sich um etwas, was diese nicht ganz unmittelbar
berührt, gar keine Zeit zu haben scheint; wenigstens habe ich nur ein
Paar Menschen die ich Euch genannt habe bey mir gesehen und alle lassen sich
immer entschuldigen, daß sie gar keine Zeit zu einem Besuch gewinnen konn-
en. Mehrere arbeiten außer ihren Berufsgeschäften für Meyer und
andere haben ein 3[-] u mehrfaches Amt. So wollte z.B. auch der sich sehr
für Bewahranstalten auf dem Lande interessirende Oberamtmann
Koß, welchen ich auf Aufforderung des Herrn Dr Bamberg aufsuchte
zu mir kommen; allein auch dieß ist noch nicht geschehen. So scheint
sich also für die Stadt selbst schlechterdings auch gar kein Anknüpfungs[-]
punkt zu zeigen; die Verhältnisse sind zu verschiedener, sich gegen-
seitiger aufhebender Art.
Der einzige Mann der in der Stadt wohl reges und aufrichtiges, wie
warmes und wahres Interesse an der Sache nimmt ist wohl Meyer.
Ich selbst habe ihn zwar auch nur das eine mal gesprochen, welches ich Dir
mittheilte; allein ich höre, was ich so eben aussprach, von einem
Manne welcher mich zum öfteren nun schon theilnehmend besucht hat
und dessen ich gleich wieder gedenken werden [sc.: werde], dieser sagte mir
auch heut, daß er vor einigen Tagen den ganzen Abend mit ihm
über den Gegenstand gesprochen und mit ihm die beyden ersten
Heftchen zu der 1n u 2n Gabe durchgegangen habe; auch hielte
er den Gedanken fest die Sache durch das Conversations Lexi-
con vor das große Publikum zu bringen.
Dieser zweyte Mann nun welcher gleichfalls wahres Interesse
an der Sache hat, welcher wirklich für die Einführung derselben
mindestens in seinem nächsten Kreise u ist es auch möglich
für die Einführung in seinem Dorfe thätig ist und wie erwähnt zu
gleich der Vermittler zwischen Herrn Meyer und mir ist, ist
der schon oft genannte Herr Dr Bamberg, Pfarrer in Heßberg. /
[40]
Leider hat derselbe zu Haus ein ganzes Lazareth, wie er sagte, Frau und
Kinder (2) sind krank erstere schon seit 14 Tagen, und dennoch kam
er heut um 11 blos deßhalb in die Stadt um nur die Ballspiele
zu sehen. Dieser hält es nun ganz fest die Spiele wenigstens bey seinen
2, (:2½ und 5jährigen:) Kindern in Verbindung mit einigen Kindern
des Ortes in Ausführung zu bringen. Er hat zunächst 1 Ex. aller
Spiele bey mir fest bestellt. Durch diesen Mann hoffe ich nun auch
Meyern stets für die Sache rege zu erhalten. Es ist eigen dieser Mann
hat wie in seinem Gesichte so auch sonst in seiner Regsamkeit und Be-
tragen für mich gar vieles mit Meyern gemein. Auf diese beyden
Männer beschränken sich nun aber auch, außer meinem Hause, die
Ergebnisse meines hiesigen Wirkens, doch sind mir beyde keineswe-
ges unwichtig ob sich gleich die eigentlichen Thatsachen davon erst
in der Zukunft zeigen müssen. Die Früchte der Wirksamkseit
sind ganz besonders die meiner eigenen Erfahrung und ganz nament-
lich an dem noch ganz kindlichen, frischen kräftigen Kinde, dem kleinen
2½jährigen Wilhelm. Das allseitige For menschliche Fortwachsen desselben
sieht man wie an einer gesunden Pflanze. Dieß Kind gehört in Hinsicht
auf die Gemüth- Geist- und Lebenvolle, aber einfach kindliche Erfassung
oder vielmehr Einwirkung des der H Sache, zu den schönsten, ja ist gerad zu die
schönste Erscheinung meines Wirkens.- Der Kleine hat sehr
viel Ähnliches mit dem kleinen Gustav Örtel all in Gestalt; allein
viel lebhafter, rothe, volle Wangen wie ein paar Stettiner Äpfel
sagte jüngst ich glaub der Dr Bamberg. Die Äußerungen dieses Kindes
welches sich ganz frey, oft mit seinem kleinen (jetzt leichteren) Trotz)
und seinem "ich mag nett" sind mir sehr viel werth. Auch die Äuße[-]
rungen vom (5jähri[gen]) Max sind mir wohl lieb, doch sind sie nicht mehr
so rein natürlich weil er schon mehr störende Erfahru Einwirkungen erfah-
ren hat.
Noch bekomme ich additionell für mich noch manches recht nutzbare
durch das Lesen von Schillers Briefe[n] über ästhetische Erziehung, welche ich /
[40R]
zu Zeiten Abends mit der ältesten Tochter vom Hause lese (die Mutter
ist durch Unwohlseyn öfters abgehalten daran Antheil zu nehmen)[.]
Wir suchen uns dann den Inhalt durch die nächsten Erscheinungen
des Lebens klar und so wirklich fürs Leben nutzbar zu machen,
was mir gar manche Klärung und besonders Bekräftigung meines
Lebens wie aber auch Weg und Mittel zeigt.- Leider wird
es nur immer wenig.- (-Gute Nacht schon wieder 12½ Uhr)

Donnerstags. Guten Morgen. Gestern Mittags besuchte mich Herr K. Schneider [sc: Scheider.]
Er war eben auf dem Wege von Heldburg nach Meiningen um den reisenden Buch-
händler in seinem Werke zu machen. Er ist noch immer der lebensfrische und
lebensmuthige, sich, seinem Unternehmen und Gott vertrauende - aber, wie
es mir scheint auch etwas [{]übereilige / übereilte} Mann; was vielleicht auch in seiner Spra-
che liegt. Ich fragte ihn natürlich zuerst wie es mit seiner Aussage stünde daß
ich an seinem Werke unmittelbaren Antheil gehabt habe. Er gestand mir
daß er es gegen Nonne, weil ihm [sc.: ihn] dieser so unerwartet gefragt und er gar
nicht geglaubt habe, daß er das Buch allein geschrieben, gesagt habe.
Ich mußte ihm gerad zu sagen, wie sehr er mir und sich geschadet habe indem
ja mehreres darinn zu wenig begründet und zu allgemein sey, als daß ich
es hätte stehen lassen dürfen wenn ich Mitarbeiter an demselben
gewesen sey. Aber so viel ist gewiß: er ist ein < ? > mit dem von ihm erfaßten
Gegenstande es ernstlich meynender rühriger Mann. Er denkt schon
an eine 2e Auflage seines Buches. Es ist wirklich unglaublich wie thätig
er für den Verschleiß seines eigenen Werkes gewesen ist. In Heldburg
was ein Städtchen B wie Blankenburg seyn muß hat er 65, denke Dir 65
Exemplare abgesetzt. Zum Verschleiß für sich hat er 300 Ex für sich
behalten und diese wie er sagt bis auf 75 abgesetzt. Jetzt hatte er wieder
15 Ex. bey sich um solche in Meiningen rc abzusetzen. 400 Ex: hatte
er an den Buchhändler abgegeben und 300 hatte er noch in Coburg bey
dem Buchhändler welche er nach Neujahr nach Leipzig nachzusenden ge-
dachte.- Ich leugne es nicht, und ich wollte es Dir auch bey Gelegenheit
der Äußerung der Fr: Sch. über ihn aussprechen - ich hätte ehe ich ihn /
[41]
so in seinem Wirken sahe, den bestimmten Gedanken, ihm den Antrag zu
machen sich mit mir und uns zur Förderung der Sache zu verbinden
allein ich weiß wirklich nicht ob seine Thätigkeit für ein tiefer liegendes
Werk und Wirken, welches zugleich Wurzeln, Stamm, Blüthe und
Frucht treiben soll geschickt ist, ob er dazu eigentlich wirklich Tiefe
und Ruhe ich möchte sagen auch Kritik genug hat. So viel ist gewiß, rüstig thätig ist er, und hat
eigentlich alles das was uns mangelt
in Beziehung auf das ich möchte fast sagen kecke seines Auftretens.
Ich möchte sogleich von Dir und Barop Eure Meynung über die Sache hören
ja ich möchte Euch selbst den Scheider in seinem jetzigen Stehen Euch vorführen.
Er könnte dabey fort an seinem Buche arbeiten; wir könnten uns ihm
klar über den Gegenstand mittheilen, er könnte zugleich den Verschleiß
unserer Sachen mit besorgen gleichsam dafür reisen. Er könnte die schrift-
lichen Mittheilungen an Anfragende über die Sache ausarbeiten vorzüglich aber
die Ausführung der Sachen, die eigentliche Geschäftsführung besorgen.- Ich
werde diesen Brief nun heut auf die Post geben, dadurch bekommst Du Mid-
dendorff ihn spätestens Sonnabends Abends - kannst die Sache noch am
Abend dem Barop mittheilen, könnt es im Allgemeinen besprechen, Euch
die Sache, wie man zu sagen pflegt beschlafen, Sonntags früh dasselbe noch-
mals in ernste Berathung nehmen, dann kannst Du schnell mir das Er-
gebniß Eurer Berathung schriftlich mittheilen und den Brief wie gewöhnlich
Sonntags zur Post besorgen, so könnte ich ihn Montags, der Ordnung nach
bekommen, und so den Gegenstand Montags Abend - wo Herr Scheider
auf seinem Rückwege von Meiningen mich wieder besuchen [wird] -
mit Herrn Scheider besprechen.- Es käme bey der Verwirklichung
dieses Gedankens freylich darauf an, daß er sein Streben mit dem
meiningen und unserem einigen, oder vielmehr das seinige in dem un-
seren wiederfinden könnte. Er fragte mich zwar ob es wahr sey
daß Berger nicht mehr bey mir, doch darf daraus wohl nicht geschlossen
werden, daß er einen ähnlichen Gedanken heege.- Im Gegentheil sagte
er mir wie er auf eine Schullehrerstelle in Salzungen hoffe, welche aber /
[41R]
immer nicht besetzt werde, jedoch stände er unter den Vorgeschlagenen
oben an. Ich hatte daran gedacht ob ich ihn [sc.: ihm] vielleicht vorschlagen sollte
um die Neujahrszeit, oder vielleicht auch gerad zu Neujahr, mit
mir Blankenburg und Keilhau zu besuchen?- Es sind dieß zwar
alles nur Gedanken, allein ich wollte solche Euch doch mittheilen
lieb wäre es mir, wie gesagt, wenn ich darüber mit umgehender Post
(Sonntagspost) Eure Ansichten hören könnte.
- Nächsten Donnerstag Mittags 2 Uhr denke ich mit der Eildiligençe
nach Schweinfurt zu fahren um endlich einmal das Verhältniß
mit Wetzstein zu klären und - weil er mir gar nicht schreibt
auch sonst auf keine Weise in Beziehung auf die Sache ein Lebens[-]
zeichen von sich giebt - das ganze Verhältniß aufzulösen; doch
kann ich dieß eben nicht einseitig thun, weil ich sehen muß
was er dafür gethan hat. Es ist mir nicht angenehm allein ich
weiß nicht, ob ich je näher an Schweinfurt komme.- Um wieder Und dann ist
noch es mir verlegentlich gerad in der Weihnachtszeit hier
zu seyn. [*Zeichnung: Sternchen*] Um wieder auf Schneider [sc.: Scheider] zurück zu kommen, so könnte
man sich mit ihm auch so stellen, daß er Prozente bekäme.
Über ObrC. N. und Prof. K.-g. sprach Schneider [sc.: Scheider] gerad zu
aus, daß er in sich fest überzeugt sey - daß sie im Stillen meine
und unsere bestimmtesten und vielleicht heftigen Gegner seyen
so freundlich als sich beyde auch außen mächten. N-e ist auch
hier in der Freymaurerloge Meister vom Stuhl; in welcher Beziehung
Meyer (wie Ihr Euch vielleicht erinnert) im Regierungsblatte be-
kannt machen ließ: wer von seinen Leuten in Lichtscheue Verbin[-]
dungen trete was von einem geschehen war, den werde er sogleich fortschicken.- Da nun N.-e
ganz gewiß unsere Neigung für Meyer
und Meyers für uns kennt, so könnt Ihr hieraus abnehmen, [daß]
schlechterdings hier auf diesem Weg nicht durchzukommen ist. Ebenso
soll Hermann Sup: in Heldburg, ein Fr[eun]d N-s, gegen uns seyn.-
Ich eile den Brief zur Post zu geben. Jetzt will ich zum Semind: Kern und
diesen einen Besuch machen.- Allen die herzlichsten Grüße und besten Wünsche zum Christfeste. DFrFr.-