Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Bern v. 3.1./8.1.1842 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Bern v. 3.1./8.1.1842 (Blankenburg)
(UBB 120, Bl 364-373, Brieforiginal 5 B 8° 18 S. + Adresse)

       Blankenburg bey Rudolstadt am 3en Januar 1842.


Gottes liebend leitendes Vaterwalten und seines Geistes
Klarheit und Sicherheit
Dir theurer Langethal zum Freundes Gruß und Wunsch
im neuen Jahre.

Dein lieber Brief vom 21 Christmonat, welchen ich so lange
ersehnte, hat mich nun aber auch um so höher erfreut,
ja ich darf sagen beglückt; durch denselben, durch das
was Deine treue Freundes-, Bruder-, ja Sohnesliebe
in demselben mir ausspricht, wurde einer der höchsten
Lebenswünsche, der, ich möchte sagen, mir selbst unbe-
wußt, ja ungeahnet in meiner Seele schlummernd
lag, mir ebenso ungeahnet erfüllt. Gott weiß es,
daß ich in meinem Leben nichts, auch wenn man es
das Höchste nennen könnte, auch nicht um des leise-
sten Dankes willen gethan habe; dieß Bewußtseyn
kann durch nichts getrübt werden und erhebt mich über
alles, worinn man mich in meinem Leben nicht ver-
steht, dennoch, obgleich ich ihn nie bezweckt erkenne ich
Dank und Dankbarkeit als die schönste der menschlichen
Tugenden und im Verein mit Liebe und Treue als den
schönsten {Drey[-] / Ein[-][}]klang der Menschen-Würde. Wie muß
es mich nun hoch erfreuen in dem Herzen des aufrich-
tigen Freundes jene hehre Blume duftend blühend,
und von dem Haupte des treuen Bruders jenen
herrlichen Kronenkranz strahlen zu sehen. Ja, lie-
ber Langethal ich will es keinesweges leugnen,
wohl ist mir <Dein> Ausspruch um meinet selbst wil-
len lieb, aber wahrlich noch vielmehr lieb um Deines
und um unserer Einigung <und> des Gegenstandes unse- /
[364R]
res Strebens und unseres Kampfes willen. Eine solche
reife erquickende Frucht, wie Du mir deren eine reichst, ein solches, das
ganze Wesen durchdringendes Dank- Freun[-]
des-, Bruder- und Sohnesgefühl, muß das Ergebniß
ächt gemeinsamen Zusammenlebens und Vereinswir-
kens für der Menschheit höchste Zwecke und Güter,
muß das Ergebniß ächter Menschenerziehung seyn;
und freue Dich, Langethal! mit mir, um unseres Er[-]
ziehungszweckes und Vereinsleben[s] und dessen Grund[-]
gedanken willen, solche Lebensfrüchte reichte mir dis die
jüngste Zeit einige. Doch davon nachher, denn auch Dir
duften sie ja mit; jetzt zurück zu dem Freundes- Bruder[-]
und gleichsam Sohneswort in Deinem jüngsten Christfest-
Briefe. Ja theurer Langethal! die gesunde, kräftige
große, frische und volle Natur mit der mir die Schweiz
zum öfteren in die Erinnerung tritt, hat besonders in
der jüngsten Zeit eine recht tiefe Sehnsucht nach einem
einmaligen Wiedersehen derselben in meiner Seele
geweckt und wenn uns junge Schweizer besuchen, wie
dieß noch in diesem verflossenen Christfest der Fall
war, oder auch wenn ich nur mit unseren Herren
Zeller aus Neuveville spreche, so kann ich ein <ordent->
liches Heimweh empfinden; darum wenn es in Ein[-]
klange mit meinen hiesigen Lebensentwickelungen
ist d.h. wenn ich der deutschen Vereinzelung und Äußer-
lichkeit unterliege, dann komme ich künftiges
Frühjahr gewiß nach der Schweiz und die gesammte
Lebensentwickelung daselbst wird dann zeigen, was
zu thun ist; einstweilen kannst Du still die Verhält-
nisse darauf ansehen; ja sogar in Beziehung darauf
still und von Außen <ungeahnet> pflegen. Darüber nachher mehr. /
[365]
Jetzt zurück zu den erquickenden Lebensfrüchten welche mir
auch hier das jüngste Leben reichte. Obenan stehen die aus
Middendorffs Leben und Wirken. Dieser schafft für den
Zweck und die Ausführung ächter Kindheitpflege und die
wirkliche Ein- und Ausführung wahrer Kindergärten
überhaupt für die Verwirklichung meines und unseres
Lebensgedankens, mit unermüdlichem Fleiße, treuer Aus-
dauer und voller Hingabe das was er Dir hoffentlich in
seinem jüngsten Briefe an Dich über Feyer und Behandlung
des 25jährigen Jubelfestes Keilhaus über die Einführung der
Kindergärten zu Keilhau, Eichfeld und Schaale geschrieben
haben wird, wird Dich von alle dem über ihn a Ausgesproche-
nen überzeugen; so wie er jetzt, ohngeachet seiner unmit-
telbaren Lehrer- und Erzieherthätigkeit hier und in Keilhau,
dennoch auf das angestrengteste mit Niederschreibung der
Hauptmomente der Keilhauergeschichte beschäftigt ist.
Diese unermüdliche Thätigkeit, und der reine kindliche Sinn
mit welcher er für die Idee nach allen Seiten hin thätig
ist, würden Dich gewiß rühren wenn Du Zeuge derselben
wärest, umsomehr freue ich mich, daß Ihr beyde in ein-
ander gleichgesinnte Freunde und Brüder begrüßet und
umarmet; dabey hat sich ein Wahrheitssinn wie Ernst, eine
Festigkeit und Gediegenheit in Middendorff entwickelt, die,
wenn es ihr möglich werden wird Wurzelgrund und Ackerboden
zu finden, zu den [sc.: dem] schönsten Erfolg Hoffnung macht. Ich
schreibe Dir dieß zu Deiner eigenen Freude, denn Hohes
muß es Dir geben < ? > zu sehen, wie sich im Frieden das Klee-
blatt bewähret, was im Kriege entkeimte.-
Und nun die zweyte Frucht welche mir jüngst das Leben
reichte, sie ist eine wahre Dankes Frucht und Ernst Luther,
welcher uns mit seinem Pathen auch einem Ernst Luther in /
[365R]
dieser Weyhnachts- und Neujahrzeit besuchte, brachte sie mir.
Schon in der Mitte Septbr verflossenen Jahres schrieb mir dessen Frau:
"Gott erhalte und segne Sie, theurer l. Frd. Fahren Sie in Gesundheit und
"Freudigkeit des Geistes fort guten Saamen in junge Herzen zu säen, was edler
"ist als Korn in das Feld zu streuen, da die Erndte des Herzens <ewig> ist.-
"Eine große Freude war uns der Besuch des lieben He. Barop (:auf der Herbst-
"reise der Anstalt:)[.] Ich schreibe in fliegender Eile diese Worte, worinn
"ich ein wenig Moos und ein Stückchen Holz von der zertrümmerten Lutherbuche
"einwickele, das sicher den Werth der Ächtheit hat; da wir es mit eige-
"ner Hand abgelöst. Wir haben beynahe der ganzen Umgegend davon
"mitgetheilt daher nur dieß Bröcklein.-
"Luther grüßt mit der Liebe, Dankbarkeit u. Ehrerbietung eines Sohnes
"dem g der gute Vater durch Erziehung und Leitung die Mittel schenkte
"seinen Weg - wenn auch ungleich, doch makellos durchs Leben
"zu gehen-! Wien. Dieu. Charlotte Luther."
Und jetzt in der Festzeit bringt er sich selbst dankbar und dankend
als Festgabe. Ich mußte ihm sogleich aussprechen:- "Dein Kommen ist mir
das schönste Festgeschenk." (:Deinen Brief empfing ich durch Umstände erst nach
Neujahr:); Er antwortete: ["]ich bringe auch noch ein anderes". Und er gab
mir bald darauf einen aus Holz der Lutherbuche gedrehten Stock
dessen Ächtheit durch das Kirchensiegel noch besonders beglaubigt ist; auf
dem Stocke standen von Ernst L. die Worte geschrieben ..........
Was Du dem Bruder, was Du mir gewesen kann Dankbar-
keit in unsern Herzen lesen. Der Stock als ein Erinnerungs-
Unterpfand, aus Holz der Luthersbuche wahr gefügt, wird Dir
von Deinem Pflegesohne, Ernst Luther, aus treuer Lieb gesandt.
Die LutherBuche ward am 18 July 1841 durch einen Oxen zertrümmert.-
Ich gestehe Dir offen daß dieser Stock an welchen sich durch die Veranlassung warum diese
Buche den Namen Luther erhielt sehr viel Erhebendes
anknüpft mit diesen Worten ein
sehr liebes ja
theures Geschenk
war. Ernst L. bewahrt die Gesinnung, welche ich in jeden meiner
Zöglinge, namentlich meiner Verwandten, als ganz natürlich, voraussetzte. /
[366]
Du erinnerst Dich vielleicht, daß mir, als ich meinen Erzieherberuf
wählte und ihm folgte, prophezeiet wurde: ich würde einst Bettler
werden. Dieser Gedanke fiel mir, da ich mich sonst durch das Leben sehr
gedrückt fühlte, sogleich beim Empfang des Stockes ein. "Gut, sprach ich,
"wenn es nur geschiehet so hast Du doch einen, von der Dankbarkeit
für Dein erziehendes Wirken, Dir gereichten Stock auf welchen Du Dich,
solang Dir ihn das Schicksal läßt, stützen kannst wenn Du alt und
arm bist." Und bald darauf kam in Deinem Briefe Deine noch höhere
Gabe. Daß uns Leopold Teske im verflossenen Jahre und jetzt Fer-
dinand Weißer
auf längere Zeit mit innig dankbarem Gemüthe
besucht haben, wird Dir Middendorff berichtet haben. Obgleich beyde
wacker, so scheint doch der letztere ein sich ganz besonders im Ganzen
und im Leben sich rein erhaltener Jüngling zu seyn. Er glich einer eben
aufbrechen wollenden Rosenknospe. Siehe Langethal! so reicht uns
die unzerknickte und ungetrübte Menschennatur für unser Wir-
ken, doch <noch späten> Dank. Doch nach diesen Herzensergießungen
zurück ins Lebens wie es als ein Ganzes und äußerlich dasteht
und so auch zur besonderen Beantwortung Deines Briefes.
Es ist wahr, das deutsche und das schweizerische namentlich das Ber-
ner Leben sind die reinsten Gegensätze. Das deutsche Volk und
deutsche Land ist wie ein Löwe mit einem Netze um[-] und <überstrickt>,
so, daß es sich, kaum bis in die kleinste Commune und einzelne Familie
hin, sich in sich frey bewegen kann, aber die Herzen besonders in der
eigentlichen Masse und dem Mittelmanne sind im Ganzen gut und
frisch und schlagen sich auch in und unter äußerlich trennenden Fesseln,
so schlagen sie sich doch menschlich und brüderlich, als die Herzen
eines Volkes und eines Stammes, immer mehr warm entgegen.
Das deutsche und menschheitliche wie volksthümliche Familien-
leben möchte sich wohl, wie die Keime im Frühlinge unter der
noch fesselnden Schneedecke; als ein grünendes, blühendes und
frisches einst noch frey machen. Ganz dem deutschen Leben entgegengesetzt, /
[366R]
erscheint mir das schweizerische oder vielmehr im engeren
Sinne das Bernerische. Diese Entgegensetzung durchzuführen
überlasse ich Dir, welcher Du jetzt so in der Mitte des schweizer-
schen d.h. Bernerischen Leben[s] stehst. Können die deutschen,
stillen und doch strebenden Gemüths- und Familienleben so freye
Institutionen und ganz namentlich so frey sich bewegendes und
Freyheit gebendes und lassendes Erziehungsstreben entgegnen
wie das Eures Erziehungsrathes, was könnte und würde in
<einigen> Jahren das deutsche Volk seyn und umgekehrt, käme
dem [sc.: den] strebenden schweizerischen Regierungen ein solcher rein
menschlicher Familiensinn und Leben wie das deutsche entgegen, was würde
dann die so einträchtige und einmüthige Schweiz in ein paar
Jahren seyn; wahrlich die Schweiz und Deutschland ergänzen sich
gegenseitig und gehören wie ein Ganzes, wie Krone u Saamen
und Wurzel, zu einem großen Lebensbaum der Menschheit.
Du bist in Deiner Stellung und in Deinem Leben, obgleich Deutscher,
dennoch in einer gewissen Beziehung Vertreter u Repräsentant der
S schweizerischen u Berner, wie ich, mit meiner Liebe und auch Sehn-
sucht nach der Schweiz, Vertreter des ächten deutschen Lebens
bin; damit Du mich nicht unrecht verstehst ich meyne ich es so: Du
kannst Dich frey bewegen, allein Dein Herz ersehnt das mit-
wirkende, deutsche Gemüth, und mein Gemüth ersehnt dem deutschen Leben die
freye Entfaltung, welche die Lebensformen,
besonders Berns biethen. Siehe so stehen wir wieder, merk-
würdig von beyden Ländern in gewisser Beziehung festgehalten,
gleichsam zwischen beyden Ländern vermittelnd; sollte dieß
nicht für beyde Länder bedeutungsvoll und wenn wir unsere
Stellung richtig erkennten für beyde Länder seegenbringend
seyn?- Siehe lieber Langethal! ich kann nicht von der Über-
zeugung zurück weg, muß vielmehr immer und immer auf
dieselbe zurück kommen?. Wärest Du jetzt hier, wären wir /
[367]
drey und wenn Du willst vier mit Keilhau vereint wie ein Mann,
wir würden in einigen Jahren die Eis- und Schneedecke, welche
auf dem deutschen Volks- und Familienleben lastet, durchthauen
wie im Norden das Gras unter dem Schnee wächst, bey uns
die Saat unter demselben grünt und am Ende vereint und einig
mit der immer höher steigenden Frühlingssonne die Schnee- und Eisfessel
zur eigenen Stärkung vernichten u zwar von d. Stufe der Kindheitspflege, des Kinderlebens und des allgem: Menschenstrebens aus. Ich spreche Dir, lieber Langethal,
dieß <aus>, nicht etwa um dadurch eine Veränderung der Verhältnisse
herbey zuführen, dieß ist jetzt, wie Deine Stellung in der Schweiz
d.h. in Bern mir erscheint, ganz unmöglich und ich bin darüber
ganz ruhig; sondern weil es meine tiefste Überzeugung ist.
Wir sind aber - warum sollte ich es nicht frey und offen aussprechen
wenn ich in mir tief überzeugt bin - berufen auf dem Wege
die Kindheitpflege und frühere Kindererziehung durch Selbstkraft unser Volk, und von diesem aus, die Mensch-
heit zu heben;
wir <vereinigen> dazu in uns als ein Ganzes alle Mittel, denn
das was jetzt geschehen soll, kann nicht auf eine Weise und nur durch
ein Mittel geschehen: das Literarische, das Industrielle beydes;
mit Einschluß der Kunst oder vielmehr der Künste und hervorge-
gangen aus dem Leben, und durch das Leben erklärt und gedeutet.-
Dieses dreyes in Einklang niemals ein einziges wie einiges Ganze,
wie wir drey <als> ein Mann, müssen und müßten darum zusammen-
wirken, wenn erreicht werden soll was die Zeit, was unser Volk
was die Kindheit, was die Menschheit in diesem und durch dieses
fordert. Auf die Einheit und Lebensfülle der Idee, auf die Klarheit
und Kraft des Gedankens und auf die treue Hingabe und Aus[-]
dauer des Thuns und des Lebens darauf müßten wir uns auch noch in unsern jetzigen verschiedenartigen und äußerl. getrennten Verhältnissen stützen,
und nicht auf etwas Fremdes außer uns; wie bey der Grün-
dung von Griesheim u Keilhau müßten wir es wagen außer
jenem dreyen mit nichts, als uns selbst zu beginnen; <nur uns>
<sollten> wir haben und haben wollen. Siehe l. Lgethal! wie die /
[367R]
Sachen nun jetzt stehen können wir recht unpartheiisch und
ruhig zu einander sprechen, denn keiner von uns vermag eigent-
lich auf das Leben des andern, wie es jetzt steht einzuwirken und
nochweniger es bewegen; jedes steht, wie in sich eingemauert,
fest. Siehe l. Lgthl! was uns von Außen gereicht wurde
hat bis jetzt die Sache der Kindheit und Menschheit im Allgemeinen wenig gefördert
denn Du hast z.B. die Verhältnisse in B.- gemacht, die Verhält-
nisse nicht Dich. Es mag seyn und ich gebe es im reichsten Maaße
zu Deine jetzige Wirksamkeit in B. mag Dir im hohen Grunde
viel gegeben haben, allein durch Deine Wirksamkeit ist dem
großen Menschheitsganzen weniger geworden als ihm hätte
werden können und sollen. Du, lieber Langethal! stehst mit
Deiner Wirksamkeit, wie mit Deiner Fortbildung vereinzelt
da, und wenn das erstere auch die ganze Stadt Bern umfaßte,
es findet kein eigentliches Pulsiren zwischen Deinem und dem allge-
meinen Volks-, ja ich darf sagen allgemeinen MenschheitsLeben
statt; die Menschheit und das Volk wird zwar durch das Individuum
gehoben, allein das Individuum muß auch und fast zuvor von
Deinem Wirken in B. müßte in dieser Beziehung darum nothwendig mehr Allgemeingültigkeit <gegeben> werden
dem allgemeinen Menschheitsleben ergriffen und erregt werden[.]
Deinem Wirken in B. müßte darum in dieser Beziehung nothwendig mehr Allgemeingültigkeit gegeben werden.
Es ist wahr die Producte und Ergebnisse meiner Wirksamkeit sind
gegen die Deinen ein reines Nichts; könnte und möchte ich
auch einzelne nennen, so zerfließen sie im großen Ganzen rein
wie ein Nichts; allein die Wirksamkeit selbst, rein als solchen [sc.: solche] seinem
Zwecke und Ziele nach, erregt gegen meine Erwartung nach den
verschiedensten Richtungen hin ein gewisses Interesse, sey es dafür
oder auch dagegegen und es wird jetzt als ein bewegendes Moment
(Kraft-Element) in Beziehung auf das Volks- und Menschheits[-]
leben, und sey dieß auch noch so klein, von manchem [sc.: manchen] Hellseher
vielleicht auch selbst von denen das Dunkel und den Still-
stand liebenden anerkannt, wenn auch nur geahnet und
in dieser Ahnung entgegenwirkend. Siehe darum l. Lgthl /
[368]
in unserm beyderseitigen Leben als einem in sich einigen Ganzen
müßte dem Deinigen, als einem besondern, und der Wirksamkeit
des Deinigen mehr Allgemeinheit gegeben und dem meinen mehr
Production möglich gemacht, das meine mehr zum Erzeugen erhoben
werden[.] s Siehe Lgethal! so wäre uns beyden, selbst in unserm unbewuß-
ten Streben geholfen und unsere Wirksamkeit würde gleich see-
egensreich auf das Ganze wie auf den Einzelnen einwirken.
Darum sollte nicht nur unser beyderseitiges, sondern das Leben von
uns dreyen von Dir Middendorffen und mir ein innig einiges
seyn, innig einig und Eines in Wollen und Thun. Alle wahre Le-
benseinigung hat aber ihren Grund und Quelle, ihren Ausgangs[-]
punkt wie ihr Bestehen nur indem und durch das, wie aus dem in
sich einigen LebensEin Gott; nur dadurch wird die Wirksamkeit
des Einzelnen wie des Ganzen für das und den Einzelnen, wie für
das Allgemeine wahrhaft seegensreich. Hier aber ist nicht von
einer Auffassung und Anerkennung dieser Einigung vom und im
dunkeln unbestimmten Gefühle, sondern vom klaren Erkennen, noth-
wendigen Einsehen und völligem aber in das Leben wirksam eingreifenden Bewußtseyn die Rede; wie es denn
nothwendige Forderung der jetzigen Menschheitsentwickelung ist,
daß alles durchs klare Erkennen, volle Bewußtseyn und reines
Denken hindurch gehe, wie denn auch jedes Ding, und so vor allem
der zur Vernünftigkeit und vollem Bewußtseyn bestimmte Mensch,
in der Vollendung des Vernehmens und Denkens zu jenem Be-
wußtseyn kommen muß. Wie es ja auch nichts andres ist
als das in individueller (persönlicher) Beziehung erkannte
Paulinische: "In Gott leben, weben und sind wir." In jener Einig-
ung in Gott, aus Gott und durch Gott und dem ganz klaren Bewußt-
seyn derselben, hat nur einzig jedes wahrhaft seegensreiche
Wirken eines Vereinsleben[s] seinen Grund. Hier ist nicht
von etwas an und in sich Dunkelm (Mystischem, wenn Du willst) die
Rede; die Sache läßt sich ganz klar anschauen: Denke Dir, wir /
[368R]
oder alle drey hätten einen Vater, einen leiblichen irdischen Vater,
wie wir ja alle einen Gott und Vater haben. Nun denke
Dir ferner daß unser gemeinsamer, irdischer und leiblicher Vater
eine bestimmte Idee, einen bestimmten Gedanken zum Wohle
seiner Familie, seiner Com[m]une, seines Stammes, seines Volkes
oder der Menschheit habe; (:wie ja Gott nur, um mit dem Buche
der Bücher zu reden, will, daß allen Menschen geholfen werde
und sie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen:) müßten wir
uns nicht recht innig einig als die Söhne dieses irdischen und leib-
lichen Vaters fühlen, nicht wenn wir gemeinsam, wie Ein Mann,
als für die Verwirklichung seiner [sc.: seines] die Familie, sein Volk oder die
Menschheit beglückenden Gedankens und seegensreich wirken wollen?- Wahr-
lich in Beziehung auf das Verhältniß der
Menschen zu Gott, ist unter einer ähnlichen Voraussetzung dasselbe.
Wie sich nun unter diesen drey Söhnen, wenn sie sich nur recht
innig einig, als die Söhne dieses einen Vaters fühlen, erkennen,
gegenseitig beachten und behandeln, alle Entgegensetzungen
in Hinsicht auf die Ausführung des Vaters Willen lösen
und deuten lassen, so muß dasselbe nothwendig auch von
drey Menschen und drey Männern in Beziehung auf Gott mög-
lich seyn. Übrigens ist das, was ich hier ausspreche und forde-
re auch gar nichts anders als was unsere Religion täglich
und immer, allein immer in der Sprache der Allgemeinheit von
uns fordert, weßhalb es auch so wenig wirkt; ich aber fordere
und setze es in einem ganz bestimmten concreten Fall, weßhalb
vielleicht das Fremdartige in der Forderung; soll nun aber jene
allgemeine Forderung irgend einmal in der Wirklichkeit
und in einer gewissen Ausdehnung in Erfüllung gehen, so muß
sie ganz unerläßlich auch zuerst durch einzelne und ganz be-
stimmte concrete Fälle hindurch gehen. Das Erwecken, Nähren
und Festhalten der gedachten Überzeugung, wäre also das erste /
[369]
Erforderniß eines wahrhaft seegensreichen gemeinsamen Wirkens;
gleiches Vaterland, gleiche Sprache, selbst gleiche positive Religion,
alles dieß ist erst abgeleitet. Gleich von dieser Erkenntniß aus
ebnet, eint sich und gleicht sich vieles aus, ja schwindet sogar die
Trennung und nun kann auch erst ein wahrer Lebensplan im
Bewußtseyn, aus Überzeugung und mit Überlegung möglich
werden und so auch bey uns. Ja ich ahne und sehe sogar schon, wie
sich von diesem Punkte aus, was unser Geist in seiner Reinheit
wirklich ersehnt, sich alles, unter den bestehenden Verhältnissen,
sie recht erkannt, <was> sorgsam erwogen und beachtet, erreichen
läßt, selbst das was uns entgegen zu seyn scheint, muß uns
am Ende auch dienen - darum <auch> <jene> Einigung unter uns vorausgesetzt zu dem Einzelnen des Lebens
wie es ist. Du schreibst z[.]B.
am Schlusse Deines Briefes: Ein flüchtiger Gedanke: ["]Könnten wir nicht in einer kleinen Stadt wir sollten
sehen das gesammte Elementar[-] und Kleinkinderschulwesen [zu]
"bekommen, um darinn ein Muster für Volksbildung
"aufzustellen und dabey junge Leute in dasselbe ein[zu]führen."-
Siehe lieber Lgthl! in Deutschland ist dieß rein unmöglich. Die
Consistorien, die Schulvorstände, die Schullehrerbildner, Seminarien-
directoren sind, ich weiß nicht wie ich es nennen soll, zu eifersüchtig
sie sind, genug! alle schlechthin feindlich gesinnt gegen eine neue ent-
wickelnde Gestaltung der Erziehung und des Unterrichtes; indem
sie alle Schulen und Erziehungsanstalten nur als Bildungsanstalten
für die Zwecke des Staates betrachten; rein allgemein menschliche
Bildung sie aber dabey schlechterdings nicht im Auge haben. Wenn
man nun aber erkennt, daß demohngeachtet den Schulmännern
und Geistlichen dennoch wohl manche Freyheit frey gegeben ist,
so sieht man auf der anderen Seite, wie sie in der empfangenen
Bildung so <wie mechanisirt> und abgetödtet sind, daß an ein frey[-]
thätiges Erfassen der Sache von ihrer Seite, gar nicht gedacht
werden kann; genug! der deutsche Schulzunftzwang macht, was /
[369R]
Du andeutest und ersehnst, in Deutschland unmöglich; die Schullehrer
wie die Geistlichen fürchten sich aus ihrem Schlendrian gerissen
zu werden; und, wie sollte, ohne das Eingreifen dieser, jenes
irgend wo erreicht werden. Also an die Ausführung dieses Ge-
dankens läßt sich in Deutschland gar nicht denken, darum die Idee
des - "deutschen Kindergartens" - durch und mit dessen Aus[-]
führung, vielleicht in einigen Jahren jenes in einem Städtchen
wie Blankenburg, auf indirectem Wege, hätte erreicht werden
können. Doch ohne die Verwirklichung dieser Idee, welche sich <aber>
bis jetzt noch nicht zeigt, ist die Ausführung [{]eines / jenes} Gedankens-
ob er auch gleich Dir klare und bestimmter Gedanken <beystimmender>
Deutscher z.B. des Senator Beckers in Gotha ist - in Deutsch-
land nicht möglich. Auch die Idee des deutschen Kindergartens
wird sich, wenigstens schwerlich jetzt schon verwirklichen lassen,
weil man die Sache von oben her nicht wünscht und will, und
weil man von unten <hinauf> das seegensvolle <Einwirken>
dieser Anstalt in alle Lebensverhältnisse noch nicht klar ge-
nug und lebensvoll durchfühlt.
Nun schreibst Du weiter: In der Schweiz wäre so etwas "Hier wäre so etwas ein Leichtes. Letzthin
leicht auszuführen und <Ris> hat mir in Beziehung auf Brgdrf schon Andeu[-] erst gab mir wieder <Ris> bedeutende Andeutungen für Brgdf pp."
tungen gemacht." Wenn dieß ist, so halte die Verhältnisse prüfend
und beachtend fest; denn es kommt in der jetzigen Zeit nicht so viel
darauf an, wo die Sache aus- und durchgeführt wird, wie darauf, daß sie, und auf die
Art wie sie ausgeführt wird. Vielleicht daß
sich die Sache gerad in der Schweiz und namentlich in Bern und Burg-
dorf, wo das eigentliche Familienleben nicht so wie in Deutschland
zu Hause ist, am erfolgreichsten ausführen läßt. In Deutschland
meynt man, wegen einer gewissen Ausgebildetheit des Kinderfa-
milienlebens, das eigentliche Wesen des Kinderlebens in den
Familien schon zu haben, und dieß thut ist der pflegenden und ein zu
führenden Anerkenntniß des Gegenstandes ein großes Hinder- /
[370]
niß. Denn ich muß nach einer ausdauernden und vielseitigen Prüf[-]
ung des deutschen Kinderfamilienlebens, wie es nur eben jetzt wirk-
lich ist, einsehen, daß es im Allgemeinen keinesweges den Forderungen
entspricht welches der gegenwärtige Stand der Menschheitsentwicke-
lung verlangt. Im Gegentheil ich muß, jemehr ich mit dem deutschen
FamilienKinderleben wie es gerad jetzt wirklich ist bekannt werde - und wo-
zu ich seit einigen Jahren vielseitig Gelegenheit hatte - einsehen daß
es vielseitig den Bedingungen ächter Kindererziehung gerad entge[-]
gen ist. Man spricht viel von dem Nachtheile welche eine längere
tägliche Entfernung der kleinen Kinder aus dem elterlichen Hause u
aus der Nähe der Eltern haben soll, im Gegentheil muß ich erkennen
daß das ununterbrochene Bewegen und Leben der Kinder im häuslichen
Kreise wie er nun einmal ist, nicht wohlthätig auf die Bildung derselben
einwirkt, welches dagegen nach meiner sich immer gleichbleibenden Erfahrung
in dem Vereinskinderleben, welches ich "Kindergarten" nenne, wirk[-]
lich der Fall ist. Eines scheint mir noch für die erste Ausführung dieser
Anstalten in Deutschland zu sprechen, es ist wie ich glaube das mehr re-
ligiöse Gemüth und Sinn in Deutschland und in den deutschen Familien
doch könnte es seyn daß er [sc.: es] in Deutschland leichter und mehr oberflächlich
in der Schweiz d.h. im Bernschen mehr tiefer und nachhaltiger sey.
Du mußt darüber entscheiden können. So viel ist wohl gewiß
man muß das Germanische Leben als ein Ganzes, als ein Glied
des Menschheitslebens und in seinen Gegensätzen deutsch und schweize[-]
risch erfassen und so es als ein Ganzes, die eine Seite durch die andere
zu heben. Ich glaube mein theurer Langethal! es muß nothwendig,
soll ein sicheres Ziel erreicht werden, ein einfacher aber klarer und
allgemeiner Plan in Übereinstimmung der Verhältnisse wie sie sind
und dem Gange und den Erscheinungen der Lebens- und Menschheitsent-
wickelungen gemacht werden. Denn alles wirkt gewiß nach dem
Plane der Vorsehung zum Ziele der Menschheit hin, und so kann denn
auch unser Wirken in dem großen Einklangsganzen und Gange nicht /
[370R]
vereinzelt stehen wenn wir es nur nicht selbst vereinzeln und
aus demselben herausheben, vielmehr im klaren Zusammenhange
mit demselben erkennen und wirksam machen. So sprichst
Du z.B. von der großen Entfernung u Kluft zwischen der Schweiz
und Deutschland d.i. besonders zwischen Deinem Wirken und dem
unsrigen; siehe die Eisenbahnen scheinen uns bald einander
näher zu bringen und die Dampfbothe. Siehe l. Langethal so <ließe>
sich vielleicht vom künftigen Frühjahre, ja <w[ie]> jetzt sogleich von diesem
Briefe an und mit demselben das Berner, Burgdorfer, Keilhauer
und Blankenburger Leben, jedes in seiner Selbstständigkeit an[-]
erkannt als ein großes Ganzleben betrachten. Ein Verknüpfen
des außer dem oben angedeuteten anerkannten einigen geistigen
Leben[s] könnten unsere gegenseitigen Erfahrungen und deren wech[-]
selseitige Mittheilungen, so also das Literarische, - dann das
Industrielle - und endlich da ich der freyeste bin mein Leben seyn[.]
- Unser gemeinsames Verhältniss zu einander und unser Stehen
zu der Zeit und zu bestimmten Raumes- und Lebensverhältnissen
ist kein gewöhnliches, laßt es uns in unserer seiner Bedeutsamkeit
erkennen, laßt es uns in dieser beachten und pflegen. Ihr müßt
nun immer mehr mein und unser Wollen und Streben als ein solches
erkennen; worinn sich das Streben der Menschheit in der Zeit kund[-]
machen und offenbaren will und es darum auf eine nothwendige
Lebenseinheit zurückführen und in derselben erkennen. Ver-
einzelt gehen wir alle gegen das was wir sollen und können
bey allem einzelnen Guten was wir wirken unter, vereint
können wir Wohlthäter der Menschheit zunächst unseres Volk[e]s
werden. Langethal! Nimm die Summe Deiner Lebenserfahrungen
zusammen; ließ lies in derselben und sieh ob das was Du darinn
erkennst den meinen <rc entspricht>. Ich glaube es ist unmöglich[.]
Sollen wir uns selbst das Ziel vernichten, welches zu erreichen
wir berufen sind?!-?!- Ich dächte wir hörten was das Leben sagt, und
fordert und folgten ihm.- /
[371]
Du sagst in Deinem Briefe: "Der Gedanke wenn Du hier in unserer Mitte wärest, gab unserem Leben Flügel."
Siehe so geht es mir ganz nach dem Empfange desselben; daraus geht nun
wohl, dünkt mich sattsam hervor, daß unsere Wirksamkeit zusammen,
zu Einem Ganzen gehört. Es dünkt mich, wir haben auch zur Genüge
bewiesen, daß jeder von uns einer deutschen Eiche gleicht. Auf! laßt
uns nun zusammenstehen zu einem deutschen Eichenwald und heiligen
Hayn der das Göttliche in der Erscheinung schützt, pflegt und offenbart.
Siehe mein theurer, lieber Langethal! die Menschen wollen es zwar nicht
verstehen und erfassen, allein es muß ein höheres bleibenderes Band
auch schon auf der Erde sie einen, die gewöhnlichen äußerlichen Verhältnisse
und Interessen genügen nicht mehr, selbst Vaterland, Sprache ja nicht
einmal positive Religion genügt mehr man hat einmal erkannt daß
der Himmel auch auf der Erde seyn soll und ist und daß die Erde auch
ein Theil des Gottes Himmels ist da fordert denn das Leben auch höhere
Interessen nicht in der Form sondern in dem Geiste ihrer Betrachtung.
Die Kundmachung und Erkenntniß Gottes in seinem Wirken und Werken
sowie die Erkenntniß des Wesens aller und jedes einzelnen Dinges, also
auch die Kundwerdung unseres eigenen Wesens und unserer eigenen Be-
stimmung und die Einigung der Geister in Gott u d[urc]h Gott erkennen wir ja alle als die Erscheinungen und Gaben eines Jen-
seits, warum sollen wir
Menschen und Männer aber erst bis in ein Jenseits verschieben was
uns in dem Dießseits in all seinen Erscheinungen, Bedingungen und Forde-
rungen bis in das Kleinste hin schon möglich ist. Eine Einigung zur Er-
kenntniß, Offenbarung und besonders Darlebung des Göttlichen in allen
Dingen bis in das Kleinste u Unbedeutenste hin selbst bis in das und
bis zu dem Spiele der Kinder.- Wir Menschen und Männer selbst l. L.
machen uns das Leben so leer u schwer, daß wir uns mit einem so
markirten Stehen und Verhältniß zueinander genügen. Zwischen 2
und 3 Männern u Menschen müßte doch, wie man zu sagen pflegt, eine
Einigung wie unter Brüdern, zu erreichen seyn und dieß müßte doch
die größten Folgen für das Eid- und Menschheitsleben haben; aber eben wie /
[371R]
unter Brüdern auf Einem Grunde müßte diese Einigung ruhen, aus
Einer Quelle sie fließen. Es ist dieß das was ich im Leben stets
erstrebte, weßhalb ich aber ebensoviel mißverstanden als ange-
feindet worden bin, weil ich es gar zu natürlich und nothwendig
und als von dem Wesen des Menschen, besonders des Kindes Knaben u Jünglinge unzer-
trennlich meynte.- Darum aber nun, weil
ich meinem ganzen Wesen nach aber nicht anders kann als mit Klar-
heit und Bewußtseyn das Höchste zu wollen, was dem Menschen eben
als solchem möglich ist, darum stehe ich auch so ganz allein, da
all mein Wirken bis zum kleinsten Spiele hin jene höchste Lebens-
Ansicht u Lebenseinigung bezweckt so wird es ebensowenig als
ich in demselben verstanden. Doch bescheide ich mich jetzt dessen gern
wenn nur rein die Sache als solche, ohne ein tieferes Eindringen in ihr
Wesen und Ziel, Anwendung u Anerkenntniß findet[.]-

Blknbrg am 8. Jan: Ich wünschte eigentlich den Brief schon in Deiner Hand; doch ist
er noch hier. Du fragst: "Wie ist Deine Wirksamkeit in Hldbrgh gewesen?"
Ich muß wie Du in Beziehung auf Bern antworten: "Ich weiß es in der That
nicht, die Zeit ist noch zu kurz." Die Mad: Scheller wurde nemlich vor der Fest-
zeit sehr hart bettlägerig krank, bey mehreren der Menschen mit welchen
ich über die Sache verkehrte traten Festarbeiten ein, dieß bestimmte mich
zur Feyer des Christfestes nach Keilhau (:und Blknbrg:) zu gehen wo ich denn
auch am 1en Christtag früh, als eben die Feyer begonnen hatte eintraf.
Es war bestimmt den 5 oder 6' d. M. wieder in Hildbrghsen einzutreffen,
da bekomme ich denn gerad in diesen Tagen einen Brief, welcher mir die
noch fortgehende Krankheit der Fr: Scheller meldet und zugleich den
Wunsch ausspricht bis zur Mitte des Jan: die Rückkehr deßhalb aufzu[-]
schieben. Wegen der Geschäfte hier ist mir dieß nun wohl sehr lieb; allein
wegen Hldbrghsen thut es mir gar sehr leid, denn mehreres war dort
recht schön angebahnet mit einem Landgeistlichen, mit < ? > dem Semi-
nerdirector Kern
(einem Preußen) und Anderen; nun muß die Er-
fahrung lehren, ob und was sich in all diesen Beziehungen bewährt.- Die /
[372]
Zeit meiner Rückkehr nach Hldbrghsn ist nun wegen eingetretener Kälte
unbestimmt, doch werde ich wieder hin gehen da ich auch einen größren
Theil meiner Sachen noch dort habe. Einstweilen führt ein junges Mäd-
chen aus Saalfeld welches sich während eines 4 monatlichen Aufent-
haltes bey der Fr. Superint: hier mit den Kinderspielen und Beschäf-
tigungen möglichst bekannt machte die Sache in meiner Abwesenheit
im Hause und mit den Kindern des He. Sch: so gut es geht fort. Das
Mädchen hat Geschick und Liebe dazu wie auch Sinn dafür. Frau Scheller
beabsichtigte einen Vereinskindergarten mehrerer Familien zu be-
werkstelligen, ihre Krankheit verschob dieß, wie nur so die ganze
Entwickelung. Die Erfahrung wird nun lehren ob und was aus dem
Ganzen hervorgehen wird. Bis jetzt ist das Wichtigste, daß der so
thatkräftige und denkfähige Meyer (der Besitzer des bibliogra-
phischen Institutes zu Hldbrghsn[)] sich sehr lebhaft für die Sache inte-
ressirt und, in der engen Sphäre in der es ihm selbst wegen der Aus[-]
gebreitetheit seines allgem. Geschäftes möglich ist, zur Förderung
der Sache die Hand geboten hat und auch bieten wolle.- Wir sind <nur>
<deren> jetzt hier viel zu wenig[e] um die Forderungen welche die Theilnah-
me macht um sie besonders - das ist die Hauptsache - schnell ge-
nug und eigentlich augenblicklich erfüllen zu können. Wetz-
stein
ist, wie es scheint aus wiedergekehrten religiösen Ansichten
auf eine unglaubliche Weise von seinen gezeigten Handbietungen
zurück gekommen; er hat mich im vollsten Gegensatz mit seinem bey
seiner Anwesenheit gezeigten eingehenden und freundschaftlichen Betragen
eigentlich auf eine schnöde Weise im Stiche gelassen und mir sehr viel
Nachtheil gebracht; ich wollte lieber er hätte sich gar nie wieder
zu mir gewandt; allein so ist es mit Menschen deren Herz hinsichtlich
des religiösen Fundamentes des Lebens nicht klar ist. Ich mußte Dir
dieß schreiben, weil Du mich vielleicht von dieser Seite unterstützt glaub-
test und im Gegentheil durch Wetzsteins wortlosen Rücktritt mir <an[-]>
<derer> angeknüpfter Buchhändler Verkehr wie mit der Schweiz abgeschnitten wurde. /
[372R]
Genug alle Verhältnisse hier, d.h. alle Forderungen der Wirksam-
keit sagen und von einigen Punkten wird es klar ausgesprochen: "Wie
wirksam und förderlich für das Ganze wäre es, wäre jetzt La[n]geth[a]l
hier."- Allein ich sehe dazu schlechterdings auch in dem Maaße
als es ersprießlich erscheint, nicht die geringste Aussicht, denn
die Verhältnisse hier können Dir gegen die Deinen gar nichts bieten als
nicht geringere Arbeit und unbestimmten spärlichen Lohn. Ich habe
<es uns> darum auch in gar keiner anderen Hinsicht ausgesprochen,
als daß Dir die Verhältnisse und deren Beurtheilungen hier, be-
kannt werden. Ich muß nun Dein Seyn und Wirken in der Schweiz
in einer höheren Absicht begründet sehen; kann auch an Deine
Rückkehr nach Deutschland, welche sich auch immer mehr verschieben
wird, gar nicht glauben; im Gegentheil meyne ich sollen wir
nun sowohl Dein als Ferdinands Wirken und Leben in der
Schweiz und im Kanton Bern aus einem höheren allgemeinen
menschheitlichen Gesichtspunkt betrachten; und in dieser Beziehung
<mit ächtem> gesammten Streben in einen großen Lebensorga-
nismus bringen. Deßhalb mein theurer Langethal halte ich
bey weitem mehr jetzt in mir den Gedanken fest, daß
ich mit dem Frühlinge zu Euch komme, vielleicht meinen
Geburtstag bey Euch feyre und wir dann das Leben als ein
Ganzes besprechen. Innigst freue ich mich schon jetzt dieser Zeit!-
Jetzt sind wir aber (Middendorff ausführend) damit beschäftigt
eine Eingabe an den hiesigen Magistrat aufzusetzen, die vor-
läufige und vorbereitende Einrichtung des deutschen Kinder[-]
gartens betreffend, hätte unser Blkbrg die Fond's von <Bern>
und Brgdrf den menschlichen und eingehenden Sinn Blkbrgs.-
Bis jetzt sind 130 und etliche Actien unterzeichnet.-
Wird bey Euch in B. der Allgem: Anz: d. Deutschen oder in Brgdrf
gelesen? Frage auf der Post.- Im Monat Novbr (25-26) und
Decbr (5) stehen Aufsätze von und über Keilhau wichtig für Dich[.]
Grüße von allen, lebe recht wohl DFrFröbel /
[373]
[Briefumschlag mit Adresse:]
       Herrn
Herrn Heinrich Langethal,
Erzieher der höhern Töchterschule
in
Bern.
Canton Bern
Schweiz