Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Magistrat Blankenburgs v. 11.1.1842 (Blankenburg)


F. an den Magistrat Blankenburgs v. 11.1.1842 (Blankenburg)
(BlM X,2, Bl 34-37, Brieforiginal 2 B fol 5 S., ed. Schmiedeknecht 1927, 10-12. - Das Brieforiginal ist auf zwei Foliobögen geschrieben, 34V-36V enthalten den Brieftext, 36R/37V waren leer, 37R enthält die Adressierung. Im Briefkopf findet sich ein Eingangsvermerk vom 12.1.1842 von der Hand Friedrich Wilhelm Witz', der auf 36R-37R auch einen Antwortentwurf beginnt, der auf einem zusätzlichen Quartblatt (Bl 38) beendet wird; 38R enthält einen weiteren Text v. 6.5.1842 (vermutlich Antwortentwurf auf F.s Brief v. 5.5.1842) in der Handschrift eines Dritten. Das gesamte Konvolut war wohl in amtlichen Unterlagen der Stadt eingebunden.Zu diesem Brief gibt es in BN 712, Bl 5 drei stark voneinander abweichende Entwürfe vom 6.1., 7.1. bzw. 8.1./11.1.1842. – Briefliste Nr. 1092 nennt als Adressaten irrig den Oberbürgermeister Blankenburgs.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

An den hochedlen, hochweisen Magistrat
               zu Blankenburg


Wohlgeborner Herr Oberbürgermeister!
          Hochgeehrteste Herrn!

Sie haben bisher an unserm Bemühen, noch nicht schulfähige Kinder der Stadt in entsprechende Pflege zu nehmen und für einige Stunden des Tages angemessen zu beschäftigen, so wie besonders in der letztern Zeit an unserm Bestreben für frühe Kinderpflege und Beschäftigung durch Actienbeyträge eine Musterbildungsanstalt unter dem Namen - Deutscher Kindergarten - zu gründen, förderlichen Theil genommen[.] Wir finden uns darum verpflichtet, von dem Stande dieser Unternehmung und dem sich durch sie aussprechenden Bedürfniß Rechenschaft zu geben.
Der Actienunterzeichnungen werden jetzt 130 und etliche seyn. Ungeachtet dieser noch geringen Zahl im Verhältniß der zur Vollendung des Ganzen geforderten, spricht sich doch unter den menschenfreundlichen Theilnehmerinnen, namentlich auch unsers erhabenen Fürstenhauses, der bestimmte Wunsch aus, daß mit der Ausführung des Werkes, in so geringem Umfang es zunächst auch möglich sey, begonnen werden möchte, indem bemerkt wird, daß sich die Theilnahme an der Sache erhöhen werde, /
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 je mehr man aus dem Wirken dafür erkennen werde, woran und wofür Theilgenommen werden soll.
Hier kommt es nun von Neuem in Frage, wo das Werk ausgeführt werden möge, wozu sich verschiedene Punkte wohl darböten. Da aber die Sache bisher in Blankenburg so mit angebahnt ist, und uns von jeder Seite versichert wird, daß man sie hier wünsche und gewiß nach Möglichkeit sie unterstützen werde, so liegt uns ob auszusprechen, was ihre nächste Ausführung für Forderungen macht, worüber sich jetzt zu verständigen ist, damit gleich mit dem kommenden Frühjahr zur Ausführung geschritten werden könne.
Die beabsichtigte Musteranstalt - der Kindergarten - fordert zunächst eine Kleinkinderbewahr- und eine Spiel- und Beschäftigungsanstalt in innigem Verein. Für beydes aber spricht sich wie an jedem andern Ort so natürlich auch in Blankenburg das Bedürfniß aus[.] Was also für das größere Ganze gefordert wird, ist auch Bedürfniß der Stadt. Darum können wir sie, so wohl um des unmittelbaren als um des mittelbaren Urtheils willen zu einer ernsten Mitwirkung auffordern. Denn nur im vereinten kräftigen Zusammenwirken Aller kann die Frucht eines solchen Werkes sicher gewonnen werden.
Was nun die Sache als Forderung ausspricht ist folgendes:
Erstlich die fernere Einräumung des Kellergebäudes für den angegebenen Zweck der Kinderpflege, so wie Spiele und Gartenraum, nach Erfordern in größerer Ausdehnung, wie dieß bereits gewesen, oder schon besprochen ist;
Zweytens eine entsprechende Kindermutter. Diese ist für eine Kleinkinderbewahranstalt wie für geordnete Kinderbeschäftigungen unentbehrlich. Diese bedarf aber Wohnung, Unterhalt. Dieß erfordert /
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Drittens, daß in dem obern Stock des Kellergebäudes, wie auch schon im vorigen Herbst besprochen worden, Stuben, Kammern, Küche eingerichtet, überhaupt aber das ganze Haus, also der Eingang und Vorplatz von der Seite Weidensees klar und rein, so wie das die Abtritte hergestellt würden, natürlich alles dieß in Übereinstimmung mit dem vorliegenden Zweck, wie dieß ebenfalls schon im vorigen Herbst an Ort und Stelle erkannt und festgestellt worden. Ferner ist erforderlich
Viertens, daß die Frau für ihre Person und ebenso im Winter die Anstalt, wie bisher schon geschehen, das nöthige Brennholz erhalte; daß außerdem aber auch noch für den Unterhalt der Kindermutter gesorgt werde.
Wenn dieß letzte der schwierigste Punkt zu seyn scheint, wofür nach den vorliegenden Erfahrungen bey freyem Holz doch die Forderung nicht über 100 rth beträgt, so machen wir aufmerksam, ob vielleicht von mehrern Seiten aus zusammen dafür zweckmäßig gewirkt werden könne. Wir meynen nämlich, ob nicht die Eltern, welche ihre Kinder der Bewahranstalt oder den bestimmten Beschäftigungsstunden der Anstalt anvertrauen, einen verhältnißmäßigen Beytrag dafür geben könnten; (daß diejenigen Kinder deren Eltern, was uns bisher unbekannt war, sich durch ihre Unsittlichkeit der Theilnahme an einer solchen Anstalt unwerth machen und sich durch die Handbietung der Menschenfreundlichkeit nicht zur Besserung bestimmen, davon, wie für nöthig erachtet wird, ausgeschlossen werden, d[a]nn können wir uns Achtung für das Gefühl edelgesinnter Bürger, zur Erreichung eben des sittllichen Zwecks, nicht entgegen seyn;) dann denken wir, daß wohlgesinnte Bürger der Stadt überhaupt für ein solches anerkannt wohlthätiges Unternehmen sich zu wöchentlichen oder monatlichen, zu viertel- oder halbjährigen Beyträgen verstehen /
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werden, wie dieß anderwärts auch geschieht, endlich hoffen wir, daß die städtische Behörde das Fehlende zur Unterhaltung der Kindermutter hinzufügen werde, da es das Wohl der Stadt und der Grundbau der Erziehung betrifft. Daß wir mit unserer Kraft und Thätigkeit, durch unsere Verbindung u Einfluß für das Gedeihen des Ganzen einzeln u vereint wirken werden, liegt durch unser bisherige Handeln wohl am Tage.
Das Schwierige, was die Ausführung der Sache hat, soll nicht daran abschrecken, sondern vielmehr Anlaß werden die Wichtigkeit derselben klarer ins Auge zu fassen; geschieht dieß, so wird man die Anstrengungen nicht fürchten. Vielmehr gehören diese dazu. Denn wenn es eine ächte Mutteranstalt seyn soll, so muß auch das Handeln der Stadt musterhaft u vorbildlich für andre Ortschaften in dieser Beziehung seyn.- Und wenn die Stadt jetzt an den äußern Forderungen nicht zurückweicht, so wird sie sich dadurch selbst ein Vorbild geben für höhere, innere Forderungen. Denn es liegt nicht nur in der Sache, sondern ist auch schon erkannt und offen ausgesprochen, daß eine solche Anstalt veredelnd auf einen ganzen Ort wirken müsse, und daß dieß der eigentliche Taufstein ihrer Tüchtigkeit sey. Und gewiß wird der deutsche Kindergarten in dem Maaß seines Einflusses auf die nächste Umgebung seine Kraft und Wirksamkeit weiter nach Außen verbreiten.
Mit dem innern Gewinn wird der äußere Vortheil sich verbinden. Wer hat, dem wird gegeben. Haben wir bey der schönen Natur ihren klärenden, verschönenden Geist, bey dem für den Leib Genesung bringenden Bade auch das was die Seele erhebt und das Leben erneut, so wird in doppelter Beziehung der Besuch der Stadt sich mehren. Können wir hier die wahre Kinderpflege entwickeln und was sie erfordert zeigen, können sich so ächte Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen hier bilden, so wird /
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der beachtende Zuspruch und die Nachfrage nicht ausbleiben, wie sich durch alles dieß und den vermehrten Absatz der hier angefertigten Spiele der industrielle Verkehr erhöhen wird. Darum glauben wir, darf mit Vertrauen Hand an das Werk gelegt und auch das Schwerere zu überwinden nicht gescheut werden.
Dieß ist es, was wir einem hochedlen, hochweisen Stadtrathe über den Stand unsrer jetzigen Wirksamkeit, insofern sie die Interessen der hiesigen Stadt berührt, zur Beachtung und Berathung mitzutheilen, uns gedrungen fühlten.
Mit wahrer Hochachtung
Eines hochedlen hochweisen Magistrats,
Wohlgeborner Herr Oberbürgermeister,
Hochgeehrte Herren!

        Ihr

ergebenster
Friedrich Fröbel.

       Blankenburg
den 11en Januar 1842.