Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 30.1.1842 (Blankenburg)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 30.1.1842 (Blankenburg)
(BN 566, Bl 42-43, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Blkbrg am 30 Jan 1842.


        Guten Morgen Middendorff.

Bey dem gestrigen Lesen des Aufsatzes ist mir ganz besonders eine schwache, ja unvollkommene und fehlerhafte Stelle aufgefallen. Sie findet sich an dem Orte wo davon die Rede ist, daß der Kindergarten in der Nähe der für dessen Ausführung vereinten Familien seyn müßten. Hier ist dieß Bedürfniß und die Forderung der ersten Kinderpflege als solche, sich gegenseitig in einander verlaufend und zwey ganz getrennte Zwecke oder Leistungen des Kindergartens als in einem verwischt dargestellt, was aber ganz falsch ist und die klare Gliederung des Ganzen stört; der Grund davon daß in beyden gleiche Personen nemlich Mutter und Kinderpflegerin interessirt sind und so vermischen sich in mir die Zwecke und Ansichten[.] Der Gang ist dieser:
Was sind die Bedingungen oder was sind wodurch leistet und erreicht der Kindergarten die ihm vorliegenden Forderungen den ihm obliegenden Zweck?-
I. Welches sind die äußeren Bedingungen dazu?-
        A. Einigung des Kindes mit der Natur:
a. als wegen der allgemein stärkende[n] Eigenschaft u Wirkung des Lebens in der Natur
b. als d wegen der sinnbildlichen E erziehenden Eigenschaft derselben namentlich der Gewächse, in dem diese wegen ihrem still, einfachen, aber dennoch reichgegliederten gleichsam dadurch in der Mitte der Natur stehenden Leben den Menschen u so das Kind ein
     einmal abwärts zu den Stoffen (Irden) und Elementen
     dann aufwärts zu den Thieren und den Menschen leiten und diesen in seinem <ganzen> Wesen zeigen /
[42R]
daher nothwendige und
     Erste Forderung daß der Kindergarten auch wirklich von einem Garten umgeben sey.
       B, Einigung mit dem Menschenleben (:als einem in sich gegliederten Ganzen[:)].
a) einmal wegen der dadurch nur zu erreichenden besonders besondern persönlichen und individuellen Beachtung Behandlung und Erziehung des Kindes
b.) wegen der dadurch zu erreichenden Übereinstimmung in der FamilienErziehung, und
c) wegen des dadurch zu erreichenden Einklanges in der Gesammtheit der Öffentlichen Erziehung daher wegen dieser Einigung
     1. der persönlichen Individuellen
     2) der familien, häuslichen, der privat[en] u
     3 der öffentlichen, gemeinsamen Erziehung
     die nothwendige
Zweyte Forderung, daß der Kindergarten auch in der Nähe der sich dafür geeinten Familien finde, damit jedes Glied zu jederzeit leicht an den Spielen u Beschäftigungen in demselben an den Belehrungen pp pp Antheil nehmen könne[.]
Nun II. Welches sind dazu die innern Forderungen und Bedingungen?- (Hier ist nun die Fehlerhaftigkeit des Aufsatzes daß er dieß nicht scheidet:)
        A. Erkenntniß des Wesens und der Bestimmung des Kindes u seiner Würde
        B. naturgemäße Beachtung, Pflege u Behandlung des Kindes ganz an und für sich, seinem Wesen seiner Würde getreu
a) durch entsprechende leibliche Behandlungen /
[43]
durch gesunde einfache Nahrung durch entsprechende Verknüpfung mit den einfachen den das Lebensstoffelement überwiegend in sich tragenden Elementen: reine Luft, klares Wasser.
b. durch sorgsam freygegebenen Körper[-], Glieder[-] und Sinnengebrauch, d.i. freyer Übung derselben
c durch bewußte und geordnete Pflege der Seelen- und Körperkräfte des Kindes, als eines unbewußten und unbehülflich allein zum Selbstbewußtseyn Selbsthilfe mit A allseitigen Vernünftigkeit und dem angemessenen Thun durch seine Anlagen bestimmtes Wesen - vermittelst
     1) der Rede, des Sprechens gleichsam des vertraulichen und so bezeichnenden rhythmischen und melodischen Umtönens,      gleichsam einer Lebensatmosphäre zum Wecken des Vernehmens, des Vernehmen Könnens, der Vernünftigkeit des Kindes
     2., durch Sinnen- und Glieder- Hand[-] u Fingerspiele, begleitet von angemessenen Wort u Ton
     daher 3e F nothwendig
die dritte Forderung
[*alpha*] Belehrung über die Würde u das Wesen des Menschen, und somit der Mutter, des Kindes
[*beta*]. Über die Pflege desselben
[*gamma*]. Verbreitung u Aneign[en] von Sinnen[-] u Gliederspielen u alles dieß begleitet und belebt d[ur]ch erhebendes Wort
[*delta*]. durch entsprechende Mutter- Kinder- Kose- u Spielliedchen, Sprechreim[e] pp pp.
       C. durch naturgemäße Verknüpf[u]ng des Kindes mit der Umwelt
a von sich an }
durch das gemeinsame Leben in beyden
b von der Umwelt aus }
[43R]
und durch einen beydes kundthuenden Gegenstand, durch das Spielzeug die Spiele
     1 Ball
     [*alpha*] an sich [*beta*] Bewegungsspiele aus sich <angewandt> [*gamma*] aus anderen <angew[andt]>
     2 Kugel u Würfel [*alpha*]. [*beta*] [*gamma*].
     2 [sc.: 3] dem getheilten Würfel [*alpha*]. [*beta*] [*gamma*].
So wirst Du aus diesem höchsteilig hingeworfenen erblicken wie sich alles ganz einfach ordnet u gliedert. Allein auch der Eingang des Aufsatzes ist dadurch ganz entsprechend erfaßt daß er vor allem zuerst hinzustellen sucht, was 1) nothwendig die Bedingung einer genügenden Erziehung fordert und dann 2) zeigt was dagegen das Leben wie es nun einmal ist, nicht giebt.
Aber wie der Aufsatz nur {hinstellt / andeutet} was eine gute Erziehung von Seite der Familie als ein Ganzes und hier ganz besonders durch den Vater, durch die Mutter, durch die Glieder der Familie und durch das gesammte häusliche Leben fordert, so hätte hier auch noch, wenn auch nur andeutend aus- und angeführt werden können was ferner zur Ausführung einer guten Erziehung
einmal von Seite des Kindes des Individuums zu dem
dann zweytens von Seite der Allgemeinheit, der Öffentlichkeit gegeben gefordert sey und was nun aber auch ebenfalls das Leben wie es nun einmal ist, nicht giebt.
Also übersichtliche Gliederung des Ganzen
Einleitung. Was fordert die Zeit? - Erziehung
zweit
1) Was fordert eine gute Erziehung, welches sind ihre Bedingungen
2) Diese Forderungen diese Bedingungen werden nicht erfüllt
3) Wodurch können sie erfüllt werden? - d[urc]h Kindergärten
4. Was müssen Kindergärten [er]reichen
I äußerl. A. B. II innerlich A. B. C.
D.FrFr.

Bringe morgen dieses Schema wieder nach herüber. In größter Eil[e] unter vielen Störungen.