Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 22.5.1842 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 22.5.1842 (Blankenburg)
(BlM XIV,19, Bl 88-90, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.; BlM XIV, 19, Bl 91-92 Beilage 1 B 8° 3 S. v. Middendorffs Hand; Brief ed. Lück 1929, 99-100 mit einer Auslassung und ohne Beilage. Die Beilage bietet ein Gedicht zum Todestag Wilhelmine F.s am 13.5.1839.)

[Adresse auf Briefumschlag:]
Ihrer Wohlgeboren
der Frau Mag: Fr. Schmidt
        geb. Hoffmann
in
Gera/
[89]
Blankenburg bey Rudolstadt am 22 May 1842.·.


Liebste Muhme.

Zuforderst Ihnen meinen tief gefühlten Dank für Ihre ungeahnte
stille Theilnahme an meinem innersten Stillleben. Ja, liebe Muhme!
eine solche Theilnahme gehört zu den beglücken[d]sten meines Lebens.
Erlauben Sie mir daß ich Ihnen nun nur als geringes Dankes-Zeichen
das beylegen kann was die Theilnahme der Keilhauer Freunde an
diesen Tagen mir reichte. Gern hätte ich es Ihnen zum Eigenthum abge-
schrieben, doch die Zeit ist mir zu kurz, deßhalb sende ich es Ihnen wie
ich es empfing. Das längere Gedicht ist von Middendorff. Das Sonnett
legten mir die gesammte Keilhauer Lehrer[-] und Zöglingsschaft am
Tage nach dem Begräbnißtage (an diesem selbst gestatteten es die Um-
stände nicht) auf das Grab der Verklärten umgeben von einem Kranz
von Himmelfahrtsblümchen (Polygala amara). Das Grab umwanden sie
g mit einem Gewinde von Buchen- und Eichenlaub mit Blumen untermengt.
Middendorffs Gabe war ebenfalls mit einem Kranz von Himmelfahrtsblüm-
chen Immergrün, Aurikeln rc. begleitet. Ihre Theilnahme verzeiht mir
diese Einzelheiten. Die Gedichte bitte ich mir mit <-> dem beyfolgenden
Manuscript zurück.
Ich komme nemlich schon wieder mit einer mehrseitigen Bitte zu Ihnen.
Ich habe nun auch die Bearbeitung des Balles als erstes Spielzeug
des Kindes von neuem zu einer zweyten erweiterten Ausgabe
begonnen. Der Gebrauch auf der Säuglingsstufe ist vollendet. So
weit nun solcher abgeschrieben ist, bin ich so frey denselben hier
zur gütigen prüfenden Einsicht u Durchsicht sowohl in Beziehung auf
das Ganze als das Einzelne hier beyzulegen: - Ich würde mich /
[89R]
sehr freuen wenn Ihnen im Laufe dieser Woche ein Stündchen
vergönnt wäre um das Manuscript, wie ich bat prüfend
zu durchsehen und ich es vielleicht bis zu[m] nächsten Sonntage
wieder zurück bekommen könnte; doch greift diese Bitte
leise störend in Ihr Leben und dessen Forderungen ein,
so thun Sie als habe ich solche nicht gethan. Vielleicht giebt
sich dann auch Gelegenheit die Bögen zuerst dem Herrn Collegen
Müller oder sonst noch einer Mutter z.B. der Frau Const R.
Wittich zur prüfenden Einsicht, nebst den achtungsvollsten Grüßen
von mir mitzutheilen.- Die Eile Nun unumwunden und
unbefangen aller Urtheile, dieß ist mir das liebste. Später
höre ich sie doch wo sie mir dann unlieber sind.-
Weiter lege ich eine Anzahl des fortgesetzten Unterzeichungs-
verzeichnisses bey, damit Sie gütige Muhme, dadurch alle
die von Ihnen aus zur förderlichen Theilnahme hinzugetreten
sind von dem jetzigen Stande der Unterzeichnungen unterrichten
können. Fräul. <Lajel> u Fr. Const. W. bekommen später
ein Exemplar auf stärkerem Papier. Da ich höre daß die
Frau Cons. R. W. eine so ausgebreitete Familie hat möchte sie sich
in derselbe[n] für das Unternehmen gütigst verwenden.-
Noch lege ich einen Probedruck, der Zeichnung, oder vielmehr
Radirung zweyer Probe Randzeichnungen zu den Koseliedchen bey
damit es Ihnen vielleicht dadurch gelingen mögen das Interesse
dafür rege zu halten. Das Papier wird dasselbe, jedoch
der Rand oder das Format etwas größer werden. Der
Preis für Subscribenten wird ohne Zweifel Rth 2- prCt. /
[90]
sonst vielleicht noch einige Groschen höher werden. Ob eine
geringere oder vielmehr billigere Ausgabe ohne Randzeichnungen
sogleich mitfolgt ist noch nicht entschieden.- Die Nothwen-
digkeit die höhere Frauenwelt auch für das Unternehmen
zu interessiren spricht zunächst stark für diese Ausgabe
zugleich wird es ein sehr unterhaltendes u belehrendes
Mütter- und Familienbilderbuch. Glauben Sie daß sich
im Kreise der Ihnen bekannten Frauenwelt Unterzeichnerinn[en]
dazu finden werden?- Hören Sie doch und schreiben Sie
mir es. Hören Sie auch Herrn Collegen Müllers Meinung
fragen Sie gelegentlich bestimmt einige Frauen. Siehe
Jetzt muß ich eiligst abbrechen damit der Brief zu
Ihnen gelange.- Die Schrift wird hineingedruckt.
Das Aufgeklebte ist blos um den Eindruck zu sehen.
Herzliche Grüße an alle besonders den lieben hochgeehrten
Vetter; ich sehe ihn jetzt immer ganz mit Blumen bedeckt
aus der blumenreichen Natur kommen. Wie schön muß
es jetzt bey Ihnen seyn. Wie gern wäre ich in dieser herr-
lichen Zeit in Ihrem lieblichen Gera. Leben Sie wohl
Ihr

treugesinnter Vetter
FriedrichFröbel

In Hildburghausen geht es lebenvoll fort.
Lesen Sie die Dorfzeitung?- Malchen ist als Spielführerin
an der dasigen Bewahranstalt mit angestellt, sie giebt tgl
4 Std. /
[90R]
[leer] /

Beilage zum F.-Brief v. 22.5.1842: Gedicht Wilhelm Middendorffs zum 13.5.1842

[91]
Zum
13ten May 1842.


*  *
*

Wenn die Blüthen kommen
Ist's, wo Sie genommen
Ward in schön'res Land;
Wenn die Knospen drängend schwellen,
Nieder ziehn des Duftes Wellen
Klingt und grüßet mildrer Heimath Pfand


*

Wenn die Buchen grünen
Und, vom Licht beschienen,
Laden in den Hain;
Wo ins Moos herabgezogen
Durch der weichen Blätter Wogen
Schaut der Wandrer blauen Himmels s Schein.


*

Wenn zu unsern Füßen
Farbig hold entsprießen
Blümchen Himmelfarth [sc.: Himmelfahrt];
Wenn die Kinder liebend wallen
In die grünend frischen Hallen,
Glöcklein bringen duftig, rein u. zart.


*

Wenn am frühen Morgen
Wo noch hält geborgen
Dämmerung die Welt,
Dich erweckt die Grasemücke
Daß aufschließen sich die Blicke,
Ihr Gesang so laut ins Ohr Dir fällt. /
[91R]
O dann nicht mehr frage,
Es sind jene Tage,
Wo die Schwalbe zog;
Ihre Frühlingszeit gekommen,
Ward sie aufwärts hingenommen,
Und sie seelig in die Ferne flog.


*

Wie uns weckt das Singen
Ward von Engel Klingen
Sie dort froh begrüßt:
"Die Du auf de treu warst auf der Erde,
Himmelspflegerin nun werde,
Schirme, leite, die Dein Herz umschließt."


*

Und es ist kein Wähnen
Treuen Herzens Sehnen
Licht es bringt u. Kraft.
So wie in dem Erdengarten.
Treu die tiefsten Keime warten,
Daß dem höhren Frühling Bahn sich schafft.


*

Nein es wird kein <Trauen>
Und kein himmlisch <Bauen>
Hier zu Euerm Spott,
Seht, wie der ward aufgehoben,
Den die Seraphine loben,
Und der Jünger Herz sich hielt in Gott. /
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Schwache, ungerüstet,
Die nur Demuth brüstet,
Werden voll vom Geist,
Und des Pfingstfests heilge Flammen
Rufen einig uns zusammen
Zu dem Bau, dem Erden Sieg verheißt.


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