Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an < ? > [Bekannte der Gräfin Schönburg-Wechselburg] in Wechselburg v. 2.6.1842 (Blankenburg)


F. an < ? > [Bekannte der Gräfin Schönburg-Wechselburg] in Wechselburg v. 2.6.1842 (Blankenburg)
(BN 639, Bl 3-4, hier: 3V-4V, Reinschr. mit Entwurfscharakter 1 B 4° 3 S. ohne Adressatnamen. Bl 4R enthält neben "Schreibübungen" und rechnerischen Notizen noch ein kurzes Entwurfsfragment von 1842 [2.6.1842 oder später] an einen unbekannten Adressaten. Adressatin: In Wollkopf II, S. 97 wird die Gräfin von Schönburg-Wechselburg als Adressatin aufgefaßt. Ermittlung der Adressatin über den eingangs erwähnten Brief v. 26.5.1842 ist nicht möglich, da kein Eingangsbrief von diesem Tag erhalten ist. – Über das Ergebnis dieser Anfrage berichtet F. an Lindig v.3.1.1843 und an F. Schmidt v.20.7.1843: Ab Mitte März 1843 wurde Christiane Samsche aus Penig b.Leipzig in Blankenburg im Auftrag der Gräfin v. Sch.-W. ausgebildet, um in Wechselburg anschließend eine „Verwahranstalt“ zu leiten.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1:1)

Hochwohlgeborne
Gnädige Frau.

In Beziehung auf Ihre ehrende und vertrauende Zuschrift vom 26en v. Mon: welche ich gestern nach meiner Rückkehr von einer im Interesse der Kindheit unternommenen, Reise bey mir vorfand, beeile ich mich folgendes zu erwiedern.
Erstlich: Wie sich bisher schon Mädchen zur Pflege, Führung und Erziehung besonder[s] zur Beschäftigung kleinerer Kinder und selbst zur Wirksamkeit in solchen Anstalten unter meiner Leitung Kenntnisse und Mittel und bey angemessenem längeren Aufenthalte hier auch Übung verschafften und aneigneten; so steht dieß auch der Frau Gräfin Schönburg-Wechselburg zur Benutzung für das von ihr in Frage stehende Mädchen frey.
Zweytens. Der Kostenbetrag kann zwar von der Einrichtung des Mädchens selbst mit abhängen; jedoch haben Mädchen welche unter ganz gleichen Verhältnissen für denselben Zweck wie der von der Frau Gräfin bestimmte, hier lebten für Wohnung und Kost bey anständigen rechtlichen [sc.: redlichen ?] und reinlichen Bürgerleuten monatlich fünf Thaler zu bezahlen gehabt. Die Wohnung besteht in einem ordentlichen Kämmerchen nebst Bett und in dem Aufenthalte in der Wohnstube, wie die Kost an dem Tische der wohlhabenden Bürgerfamilie selbst. In dieser Summe würde nun der ganze monatliche Kostenbetrag bestehen[.]
Drittens. Während des hiesigen Aufenthaltes nun würde das Mädchen täglich in einigen Stunden Unterricht theils über das Wesen und die Behandlungs- besonders aber üb in der Beschäftigungsweise des Kindes erhalten und dann noch ganz namentlich Anweisung zum Gebrauche bestimmter als zweckmäßig erkannter Spiel- und Beschäftigungs-Mittel und Spielweisen und Übung darinn. Zu diesem Ende würde sie besonders auch täglich 2 Stunden an den Beschäftigungen und Spielen der Kleinen in dem hiesigen "Kindergarten" - wie ich (:wegen des sinnig entwickelnden Geistes der darin herrschen soll:) ächte Kinderbewahranstalten lieber genannt wissen möchte - Antheil nehmen.-
Da es mir im Interesse der Kindheit und der Kinderwelt zunächst nur daran liegt, /
[3R]
daß zweckmäßigere Behandlung kleiner Kinder allgemeiner werde, so würde die Vergütigung für diese Belehrung in einer treuen Anwendung des erkannten Bessern bestehen.
Viertens. Die Hauptbedingung der Aufnahme und des Eintrittes wäre jedoch, allein auch wieder ganz zum Gewinne der künftigen Wirksamkeit des Mädchens, daß ihr Aufenthalt hier nicht zu kurz sey. In weniger als 3 Monaten läßt sich nicht wohl etwas nur einigermassen genügendes für den vorliegenden Zweck leisten. Und so wären denn 3 Monate die kürzeste Zeit welche dazu festzusetzen wären.
Machte die Frau Gräfin nach Rückkehr aus der hiesigen Anstalt an das Mädchen verhältnißmäßig nur geringere Ansprüche, nun so kann freylich, besonders bey einer guten Fassungskraft des Mädchens, schon ein Aufenthalt von einem oder zwey Monaten schon von Nutzen seyn. Jedoch liegt es ganz in der Natur der Sache, daß der 3e Monat mehr Gewinn für die Wirksamkeit des Mädchens bringt, als der erste und zweyte Monat zusammen genommen. Ich wollte dieß jedoch auch noch bemerken im Fall nicht zu beseitigende Umstände einen Aufenthalt von 3 Monaten hier ganz unmöglich machten.
Fünftens. Ein ganz unerläßliches Erforderniß einer guten Kinderführerin in einer Bewahranstalt ist, daß dieselbe kleine Liedchen singen kann, und so würde zur Erreichung des vorgesteckten Zieles als wesentlich vorausgesetzt, daß das zu sendende Mädchen außer Liebe zu den Kindern und zur Beschäftigung mit denselben auch besonders natürliche Anlage zum Singen und demgemäß gutes Gehör und, für diese Kinderspielstufe, eine gute Stimme habe; Fähigkeit, welche sich hier fast bey jedem Mädchen ohne Ausnahme finden.
Daß die Frau Gräfin ein Mädchen mit sittig frommen Sinn gewählt hat, läßt sich gewiß voraussetzen.
Mögen Sie verehrteste gnädige Frau! nun die Güte haben diese meine Erklärung der Frau Gräfin Schönburg-Wechselburg zur Prüfung mitzutheilen. Sollte die Frau Gräfin es den Umständen angemessen und sich geneigt finden von meinem hier Mitgetheilten für ihren Zweck Gebrauch zu machen, so ersuche ich mir das etwa weiter deßhalb Nöthige mitzutheilen und die Zeit der Ankunft des Mädchens kurze Zeit vorher zu melden.- /
[4]
Der Herr Candidat Lommatzsch ist Ende vorigen Jahres von seiner Reise nach Dänemark und Schweden zurück gekehrt und lebt jetzt bey seiner Mutter wo er sich zum Anstellungsexamen vorbereitet.- Fräul. Frankenberg ist noch als Gehülfin in meiner Erziehungsanstalt zu Keilhau thätig. Sie erfreut sich jetzt einer guten Gesundheit.
Da Ew: W Hochwohlgeboren so gütig sind, sich nach dem Fortgang meiner Unternehmung zur Ausführung eines deutschen Kindergartens zu erkundigen, so erlaube ich mir das Unterzeichnungsverzeichniß zum zweyten Hundert hier beyzulegen, welches, wenn auch den langsamen doch stetigen Fortgang der Unternehmung bezeugt. Der Wunsch der Frau Gräfin von Schönburg-Wechselburg beweiset mir wiederum, welchen Gewinn es bringen würde, wenn es mir gelänge den Plan eines deutschen Kindergartens auszuführen, dann würde es mir mehrfach möglich seyn dem Wunsche und dem Bedürfniß der Frau Gräfin genügender entgegen zu kommen.
Darf ich wohl so frey seyn zu bitten die beyliegenden Druckblätter Ihrer Antwort an die Frau Gräfin gütigst beyzufügen?-
Meine Unternehmungen und mich, Verehrteste gnädige Frau, Ihrem ferneren geneigten Wohlwollen bestens empfehlend verharre ich mit vorzüglicher Hochachtung
Ew: Hochwohlgeboren

ganz ergebenster
FriedrichFröbel.
Blankenburg
bey Rudolstadt
am 2' Juny 1842.·. /
[4R]
[Enthält neben Schreibübungen und rechnerischen Notizen weiteren Briefentwurf/Fragment von <1842>]