Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann Fürst von Pückler-Muskau in Blankenburg v. 25.7.1842 (Blankenburg)


F. an Hermann Fürst von Pückler-Muskau in Blankenburg v. 25.7.1842 (Blankenburg)
(SBB, jetzt UB Kraków, Brieforiginal 1 B fol 4 S.. Fürst v. PM befand sich derzeit zur Kur in Bl.)

Durchlauchtigster Fürst,
Gnädigster Fürst und Herr!

Ew: Hochfürstliche Durchlaucht haben in dem ehrerbietigst Unter-
zeichneten, Ihrem Wegezeiger bey Ihrem zufälligem Begegnen
hier in Blankenburg ein solches Zutrauen geweckt, daß er sich,
im reinen Interesse der Kindheit mit einer vertrauensvollen
Bitte an Ew: Durchlaucht wagt.
Menschen, und namentlich Kinderfreunde und Freundinnen haben sich,
menschlich getrieben von den Thatsachen und besonders den gegenwärti-
gen Forderungen des Lebens und der Kindheit, vereint, zum Wohle
[der] Menschheit, den Zeitbedürfnissen, insonderheit des deutschen Volkes gemäß,
und zur größern Verallgemeinerung einer sorgsameren und menschen- /
[1R]
würdigen Kinderbeachtung und Pflege, besonders zur entwickelnden Bethäti-
gung und erziehenden Beschäftigung der Kinder vor dem und bis zum schul-
fähigen Alter - eine Muster- u. Bildungsanstalt unter dem Namen
"deutscher Kindergarten" auszuführen. Sie wählten dazu den Weg milder
freywilliger Beyträge, im höheren und inneren Sinne Actien genannt entwe-
der durch unmittelbare persönliche Unterzeichnung edler deutscher Frauen
und Jungfrauen oder den, der Unterzeichnung zum ehrenden und anerkennenden
Andenken besonders solcher würdigen Frauen und Jungfrauen, welche erzieh-
end und menschenfreundlich seegensreich und wohlthätig gewirkt haben
oder noch wirken: Mütter, Gattinnen, Schwestern, Freundinnen.
Der Name "Kindergarten" soll den pflegenden, entwickelnden und bildend-
bethätigenden Geist dieser Anstalt in Übereinstimmung mit den Kräften
und Anlagen des Kindes insbesondere mit dem höheren und höchsten Lebens-
zusammenhange bezeichnen, welcher sich schon in jedem ächten Pflanzen-
gärtner kund thut, in wie viel höherem erfassenderen Sinne bey dem ächten
Kindergärtner, dem Kindheiterzieher und Erzieherin, der liebenden Mutter
und den sorgsamen Familiengliedern kund thun muß.
Diesen Grundsätzen gemäß hat sich nun aber diese Anstalt es sich zur
ganz besondern Aufgabe gemacht, dem vielfach dringenden Zeitbedürf-
niß entsprechend in dem angedeuteten Geiste mit der Musteranstalt des Kin-
dergartens zugleich eine Bildungsanstalt für Kinderpflegerinnen: Kinder- /
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mädgen, Kinderwärterinnen, Kindererzieherinnen und Erzieher, wie für
Gehülfinnen an solchen Kinderbewahranstalten zu verbinden, welche die
Nothwendigkeit erkennen, auch bey der Pflege des Kindes aus dem niedrig-
sten Stande nicht blos bewahrend und schützend dazustehen, sondern auch hier
zugleich, wie der ächte Gärtner, weckend, bildend und bethätigend mitzuwirken.
Edle, erhabene und erlauchte Frauen und Kinderfreunde haben,
wie Ew: Hochfürstliche Durchlaucht hochgeneigt aus den angebogenen
Unterzeichnungslisten ersehen mögen, dieß menschenfreundliche Un-
ternehmen ihrer Unterstützung und Mitwirkung gewürdigt;
möchte es darum auch Ew: Durchlaucht gefallen dasselbe gleichfalls
durch die Unterzeichnung einiger Actien gnädigste zu fördern und so
wie HöchstIhren Aufenthalt hier zu einem erfreuenden, so ganz be-
sonders auch zu einem bleibend seegensreichen zu machen; wie es denn
dem hochherzigen Sinne Ewr Hochfürstlichen Durchlaucht gewiß auch
Bedürfniß ist edlem und erhabenen seegensreichen Frauenwirken, des-
sen Ihr so erfahrungsreiches Leben gewiß vielfach Zeuge war und
Zeugniß giebt, ein stets seegensreich fortwirkendes Denkmal zu setzen.
Sollten sich Ew: Durchlaucht gern selbst persönlich von dem frohen
und sinnigen Kindesleben so geführter Kinder und von den Wirkungen
solcher Kindesbehandlung überzeugen wollen, so bin ich so frey
HochSie zu morgen oder übermorgen Nachmittag in unsere /
[2R]
vorläufigen Spielstunde von 3 bis 5 Uhr hier in Blankenburg
ehrerbietigst einzuladen.
Ew: Hochfürstlichen Durchlaucht
ehrerbietigster

Friedrich Fröbel, Erzieher.

Gründer der allgemeinen deutschen Erziehungsanstalt z. Keilhau
und Stifter der Kindergärten, insbesondere des "deutschen
Kindergartens"
Blankenburg bey Rudolstadt
am 25en Juli 1842.·.