Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 4.8.1842 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 4.8.1842 (Blankenburg)
(BN 634, Bl 41-46, Brieforiginal 3 B 8° 12 S.)

Blankenburg b. Rudolstadt am 4 Aug. 42.·.
Sie meine theure Muhme suchen mir wo Sie
nur können die reinsten Seelenfreuden, ja ich möch-
te sagen den Frieden der Seeligen zu verschaf-
fen indem Sie mir das Thautropfenhelle
Leben der Kinder erkennen und anschaulich
es mir nachleben und nachfühlen machen;
Sollte ich nun nicht wünschen etwas dagegen
geben zu können? - allein was?- Einem
Gemüthe wie das Ihrige kann man dem wohl
etwas Erfreulicheres geben als Thatsachen
aus dem Leben mitzutheilen welche die Hoffnung
an der Hand mit sich und heraufführen, daß
die Bestrebungen welche sich bemühen der Kind-
heit Himmel zu sichern, in Unschuld ihr Leben
zu entfalten und in Reinheit ihren Geist und
ihr Gemüth zu entwickeln, daß diese wohl
oft fast vernichtenden [sc.: vernichteten] Bemühungen doch end- /
[41R]
lich Blüthen treiben und allgemeiner Früch-
te bringen werden. Wie im vorigen Jahre
die Tage in welchen Sie liebste Muhme hier
lebten und so seelenvoll mitwirkten beson-
ders für das innere Leben unseres Kinder-
gartens beglückend war, so scheinen die-
selben Tage in diesem Jahre sich besonders
durch ihr seegensreiches Wirken nach Au-
ßen in ihrem treu pflegenden Sinn wieder
bewähren zu wollen. Noch nie bin ich als
Kindergärtner, noch nie ist mein Kindergar-
ten seitdem er besteht: von solchen die Bestre-
bungen desselben theilenden und das golden
Flies der Kindheit mit zu erringen fest ent-
schlossenen Männern besucht worden als in
der größeren zweyten Hälfte des verflosse-
nen und in den ersten Tagen dieses Monats.
Des Herrn Prediger Schumanns aus Schwein-
furth, welcher als Apostel menschenwürdiger /
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Kindheitspflege von hier gegen das Ende des
vor: Monats ausgerüstet mit dem nöthigen
Materiale wie es Zeit und Umstände ver-
statteten aber in reiner Begeisterung dahin
zurück kehrte, habe um wo möglich gleich am
1en August die ihm zur Leitung anvertraute
Kinderverwahranstalt in diesem Geiste zu
eröffnen, dieses jungen Mannes habe ich
wohl schon in meinem vorigen Briefe ge-
dacht. Auch wohl schon der beyden Herrn
Dr Dr Deinhard und Rättig, Lehrer vom
Gymnasium in Wittenberg. Diese Män-
ner nahmen die Sache so gemüthswarm, so
geistesklar und thatkräftig auf, daß es
sich bald nach der früheren Heimkehr des erste-
ren entschied, daß eine gebildete Jungfrau
entsprechenden Alters noch im Laufe dieses
Monats auch 1/4 Jahr hierher kommen soll um
sich so weit es in dieser Zeit bey genügender /
[42R]
Vorbildung nur immer möglich ist, sich mit
dem Geiste und Wesen Materiale und Weise
zu unmittelbarer thatsächlichen Anwendung
in einem Vereine mehrer gebildeten Familien
in Wittenberg, bekannt zu machen.- Eben
als sich dieses entwickelte trat eines Nachmittags
ein junger vielmehr 20jähriger junger Mann
mit dem Tornister noch auf der Schulter in un-
ser Spielhaus und ihn im Vorplatz ablegend in
die Spielstube ein um sich im Vorübergehen auch
mit einer Sache bekannt zu machen mit wel-
cher er erst auf der Reise bekannt geworden
war. Doch das Vorübergehen sollte ein Wieder-
kehren werden und er kam Tags darauf von
Sch[war]zb[u]rg u P[au]l[in]z[e]lla zurück um noch eine ganze
Woche zu bleiben damit er sich sogleich be-
fähige den Saamen der Kindheitpflege in die
Stadt seines jetzigen Wirkens: Weißenfels
zu tragen wo der junge Mann Namens Kröber /
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Lehrer an einer dasigen Mittelschule ist. Heut
Nachmittags hat er sich mit dem nöthigen Spiel-
stoff, als Fußgänger wirklich bestückt; bis
10 Uhr Abends saß er vorhin bey mir um
sich auch Wort u Ton anzueignen und in dem
er aufstand sagte er mir daß er noch den
morgenden Tag fast ganz zugeben wolle
damit er sich wenigstens mit dem Wesentlich[-]
sten ausrüsten könne.- Eben war ich nun
gestern mit der Belehrung dieses jungen Mannes
und einiger Töchter und Mädchen welche sich
gerad jetzt auch hier für Kinderpflege ausbilden be-
schäftigt trat abermals ein Fremder zu mir
auch um vorübergehend einzusprechen und
im Fluge zu sehen. Doch bald entschied er sich
auch Keilhau zu besuchen. Heut von daher
zurück gekehrt spricht er mir aus, daß er
spr zwar versprochenermassen jetzt seine /
[43R]
Reise fortsetzen müsse, daß er aber dem-
nächstens mit seinem Freunde welchen er
in Elgersburg nächst Ilmenau besuchen wolle
zurück kehren werde um sich mit dem Ganzen
vertrauter zu machen. Und schon wurde man-
ches ernste Wort zur Ausstreuung des Saamens
ächter Kindheitpflege in seiner Stadt gesprochen
Und wer war dieser Mann: ein genauer Freund
der beyden oben genannten Dr Dr D. u. R. (welchen
letzteren er eben hier aufsuchen wollte welcher
aber schon abgereiset war) es war der Dr
Bohnstädt aus Bitterfeld ohngef: 7 Stunden
von Wittenberg, wohin er durch Geschäftsreisen
off [sc.: oft] kommt, zwar kein Lehrer aber ein sonst
vielseitig mit Stadt u Land als sogen: Öko-
nomieCommissarius in Verbindung stehender
Mann. Was also das Beachtungswertheste
ist die drey Dr Dr D. R. u. B. so wie der Lehrer
K. sind semtlich aus dem sächsischen Preußen /
[44]
einer Gegend und Provinz Deutschlands aus
welcher mir bisher fast gar keine Theilnahme
wurde und nun mit einemmale so viele
und so eingehende und so lebenvoll vielsei[-]
tig verschlungene, welches ich nur ebenso
andeuten kann. Ich bin wirklich recht be-
gierig auf das Ergebniß dieser Erscheinung.-
Von dem jetzt der Verwirklichung entgegen-
reifenden Plane unserer Fr. Fürstin Mut-
ter
Durchlaucht in Rudolstadt einen vollstän-
digen Kindergarten durch die Unterschrift
mehrerer wohlhabenden Bürger und den
Ankauf eines eigenen Hauses, auszuführn
habe ich Ihnen wohl schon geschrieben. 71 oder
75 Kinder sollen dazu schon unterzeichnet
seyn. Menger soll der Führer dieses Kin-
dergartens unter unserer Oberleitung
werden. Morgen wird mir Middendorff
darüber Näheres von Rudolstadt bringen. /
[44R]
Daß gegenwärtig auch ein paar Töchter hier sind
habe ich schon erwähnt habe aber auch wohl schon
gesagt daß die älteste schon verlobt und für Ei-
senach als eine Vorsteherin bestimmt ist. Das
zweyte ist ein junges 15jähriges Mädchen aus
Posneck, von welcher ich glaubte daß sie einmal
hier Gehülfin werden könnte. Sie hat für meinen
Zweck manches Gute ob sie jedoch zur ausschließen-
den Pflege kleiner Kinder und zwar eines einzigen
zu empfehlen ist weiß ich noch nicht; ich will sie
darauf prüfen; stark genug dünkt sie mich ein
Kind tragen zu können. Freuen sollte es mich könnte
ich sie vorschlagen. Was die Jugend betrifft, so
ist es erstaunend wie noch so junge Mädchen hier
auf ihre Weise wirklich mit großer liebender
Sorgfalt die kleinsten Kinder pflegen; es ist wahr
es scheint ihnen fast angeboren. Ich werde mir
Mühe geben Ihnen mit Bestimmtheit Ihnen Nachricht
zu geben und Bald. Ich dächte fast ein feines Bauern /
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mädchen, wie es hier auch sehr kinderliebende
und kindliche giebt wäre das beste. Ich werde
mit der Fr. Superintendentin deshalb Rückspra-
che nehmen. In Keilhau haben Barops jetzt
ein gutes Mädchen aus Weida, die zweyte
Schwester derselben dient bey Starks, jetzt
auf der Weißenburg.
Wie ich Ihnen nun im Vorhergehenden aus-
sprach so sind die inneren Entwickelungen mei-
ner Bestrebungen jetzt recht erfreulich;
auch mein Manuscript zum "Ball als erstes
und bleibendes Spielzeug des Kindes und
als Einführungsmittel desselben ins Leben
in die Natur, wie zur Selbstbeachtung und
innersten Lebenspflege rc. ein Haus- und
Familienbuch["] - liegt beendet vor mir,
mit dem im Widerspruch steht aber gerad
jetzt mein äußeres Leben, so daß ich wie
wir gemeinsam durch die Umstände und /
und Zeit bestimmt es nicht bewegen können
Gelder die mir seit Jahren gefällig und zahlbar
sind gehen mir nicht ein, gerad jetzt wo ich
das Unternehmen bey der steigenden Theil-
nahme an ihm mit verhältnißmäßig wenigen
Mitteln fördern könnte. Wäre der liebe Vet-
ter Geschäftsmann so würde ich Sie, Muhme
bitten mir von demselben gegen Realunter-
pfand einige Hundert auf kurze Zeit und gegen
entsprechende Zinsen zu verschaffen; denn ich
bin, bey dem jetzigen Stande der Theilnahme und
der Nachfrage nach Schrift und Gegenstand,
in mir überzeugt daß ich meine Verbind-
lichkeit würde sehr bald lösen können. Ich
mußte mir schon erlauben Ihnen l. M.
dieses auszusprechen, weil es mir gar
zu unangenehm ja störend ist, immer noch
so etwas Fremdartiges in mir mit her-
um zu tragen, wovon nicht zur vermeiden /
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ist, daß es nicht fesselnd u.s.w ins Leben
eingreife.
Doch ich wollte Sie oben noch um etwas
anderes bitten was ich im Fortgang der
Mittheilungen von hier vergessen habe.
Sie schreibste [sc.: schreiben] liebste Muhme in Ihrem
Briefchen, daß die Kinder E-s beym
Spazierengehen mehrfach die Reimchen
angewandt hätten. Zwey dieser Anwen-
dungen theilen Sie mir zwar mit vom
Fischlein allein Sie deuten noch mehrere
an und solche Anwendung ist mir gar
zu wichtig, daß ich gar sehr bitte mir
solche ja im Einzelnen nicht vorzuenthalten
indem ich durch solche wie durch die Gesammt[-]
heit Ihrer Mittheilungen gar zu viel ler-
ne.
Daß ich, ich glaube Anfangs v.M. einen so
sehr freundlichen Brief von der Fr: N. Pivany /
[46R]
und so verbindliche Mittheilungen von der
Fr: Gräfin Brunsvick von Korompa
aus Ungarn empfangen habe, habe ich Ihnen
doch geschrieben. Weil ich aber eben jetzt
mein ganzes Leben überschaue, so tritt mir
dieß auch wieder ganz frisch vor meine Seele,
da es ja doch auch zu den Entwickelungen der
letzteren Monate gehört.
Nun endlich ist es doch auch Zeit aufzuhören
den Kleinen lieben für die Blumen, so wie
der lieben Winderin u Binderin für das Sträus-
chen dankend legte ich den lieben Kleinen gern
wieder etwas Erfreuliches bey; allein ich
bin jetzt so arm an Blumen als ich es kaum
noch gewesen bin.
Seyn Sie doch ja so gütig mir auch etwas
von dem vielen Schönen mitzutheilen was
der liebe Vetter und die Vetterchen von der Reise
erzählen werden.- Gute gute Nacht von
Ihrem Vetter
FrFröbel.