Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v. 9.12.1842 (Blankenburg)


F. an Friederike Schmidt in Gera v. 9.12.1842 (Blankenburg)
(Brieforiginal nicht überliefert; ed. Pösche 1887, 98-104. Bei Pösche gesperrte Passagen hier unterstrichen [außer in der Anrede und in der Unterschrift so wohl im Orig.]; bei Pösche Fettdruck hier kursiv [im Orig. wohl auffällig groß geschrieben]. Aufgrund der sonstigen Editionspraxis Pösches ist damit zu rechnen, daß auch hier Passagen unangemerkt ausgelassen wurden und die scheinbar vollständige Edition eigentlich unvollständig ist.)

Blankenburg, den 9. Debr. 1842.


       Liebe, teure Muhme!

Es war mir gar sehr erfreulich, daß Sie mir die Ursache Ihres jetzt öfteren langen Schweigens bestimmt aussprachen. /
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Ich will Ihnen offen gestehen, ich konnte es mir gar nicht deuten und wollte doch auch nicht glauben, daß die freundschaftliche Gesinnung in Ihnen sich vermindert hätte, nun freut es mich, daß die Ursachen offen vorliegen.
Ich glaube, daß die unsichtbare Nähe Leben teilender Freunde immer wohlthätig auf unser gegenwärtiges Leben wirkt und so bitte ich Sie, mir und meinem Leben und Wirken diese Gegenwart so oft zu schenken, als Ihre ernsten Lebenspflichten es gestatten. Schon das Glauben, vielmehr noch das Wissen, solcher leben teilenden Nähe ist stärkend.
Meine Antwort folge nun Ihrem lieben Briefe.
Recht sehr dankbar bin ich Ihnen, l. Muhme, daß Sie meinen Wunsch: "ein hier vorgebildetes Mädchen möchte eine brave und billig denkende Familie finden, in welcher es ihr nicht erschwert würde, die Prüfung zu meiner, zu ihrer eignen und zur Ehre der guten Sache zu bestehen" mich verstehen und für die Erfüllung desselben wirken wollen. Zunächst hat sich in Rudolstadt eine sehr achtungswerte Dame gefunden, welche bereit ist, mir das zu reichen, was ich für eine der bei mir ausgebildeten Töchter gebrauche.
Dies ist ein kräftiges, gesundes Mädchen und hat sie in dem gedachten, sehr achtbaren Hause, als einem Frauenspiegel, ihre Probe überstanden, so können Sie, l. M., wo sich Gelegenheit bietet, sie empfehlen.
Lassen Sie es sich nicht leid sein, daß ich Ihren von Ihnen einfach aufgestellten Erziehung bezweckenden Fragen, namentlich wegen eines von mir zu bildenden jungen Mädchens so bestimmte Folgen zugeschrieben habe; das ist einmal so meine Weise. Ich muß alles gleich ernst und fest für den bestimmten Zweck ins Auge fassen; zerrinnt es wie eine Seifenblase, so stört mich dies auch nicht, habe ich mich doch des schönen Rundes und der herrlich spielenden Farben, ja wenigstens des klaren Bildes eines einigen Lebens, erfreut.
Ich sehe und erkenne wenigstens was auszuführen und, den obwaltenden Umständen gemäß, zu leisten, zu erreichen wäre, wenn die Menschen sich gegenseitig und ihr aller Wohl besser verständen - und dies ist mir schon hinlänglich genug. Wenn ich nur in Hinsicht auf die Möglichkeit den Beweis des Richtigsehens habe, die Ausführung, das Geschehen selbst, hängt vom Schicksal und Gott ab, und ich denke nicht daran, meine Sorge bis dahin reichen zu lassen.
Glauben Sie auch nicht, daß solche augenblicklich in nichts zerfließende Äußerungen ganz erfolglos seien, sie sind, wie das Er-/
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scheinen der Eintagsfliegen, sie zeigen wenigstens warmes, fruchtbares Wetter. Darum auch die kleinste Lebensäußerung sorgsam gepflegt, nach und nach tritt schon die alles entfaltende, volle Frühlingswärme ein. Merkwürdig bleibt es aber immer, daß viele Mütter mit[t]leren Bilgungsgrades [sc.: Bildungsgrades] gegen die erzieherische Ausbildung ihrer Töchter sind.
Sie schreiben mir: "Könnt ich Ihnen zu dieser Wirksamkeit, ein mit allen Fähigkeiten begabtes Mädchen im vollen Vertrauen auf das Mädchen zuführen" solche Mädchen sind Perlen. Wir müssen sie sorglich suchen.
Krankheit in Keilhau und meine hiesige, anhaltende Arbeit mit Ausbildung der Töchter, verhinderten uns an der Herausgabe des Berichts über den deutschen Kindergarten; doch hoffen wir bestimmt solche im Anfang des neuen Jahres geben zu können.
Da es Ihnen Freude macht, die Würdigung meiner Bestrebungen nach und nach herauf dämmern zu sehen, so will ich Ihnen doch auch sagen, daß mir jüngst ein sich der akademischen Wirksamkeit widmender Freund, Herr von Leonhardi in Heidelberg, schreibt, daß er die Absicht habe, später einen Kindergarten auszuführen. Herr v. L. steht seit 38 mit uns in Verbindung.
Ihr lieber Brief fragt: "Wie weit ist der Druck der Mutter- und Koselieder?" Der Druck hat noch nicht begonnen; denn dies ist bei dem Unternehmen das Geringste. Die Zeichnungen auf den Stahlplatten und das Abdrucken derselben sind die Hauptsache; bis jetzt sind ein und zwanzig Zeichnungen, auf Stahl geätzt, fertig. Bis Weihnacht hofft der Künstler vierundzwanzig Zeichnungen fertig zu schaffen.
Von jedem der vor mir liegenden Probeabdrücke erlaube ich mir Ihnen hierbei einen zu senden.
Vergessen Sie aber dabei nicht, daß es nur Correcturabdrücke sind. Zwar kann an der, oft noch sehr unvollkomnen, Zeichnung nichts, oder nur sehr wenig, geändert werden, doch wird die ganze Platte durch Politur noch Klarheit bekommen. An der Herausgabe dieses Werkes wird nun mit dem größten Fleiße gearbeitet; doch wissen Sie, Künstler lassen sich nicht treiben und so geht mancher Tag verloren, von welchem der Laie glaubt, daß er zur Förderung des Ganzen angewendet werden könnte. Da hilft nun nichts, als Geduld. Doch wir hoffen, daß mit Ende des Sommers künftigen Jahres das Werk abgegeben werden kann, dessen Förderung auch besonders der Chef des Bibliographischen Instituts in Hildburg-/
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hausen, J. Mayer, pflegt. Machen Sie von diesen Mitteilungen jeden der Sache förderlichen Gebrauch. Der Ankauf soll, hoffe ich, niemand gereuen. Ich hoffe, daß das Buch sich, von Kind zu Kindeskind, als Familienbuch bewähren wird.
Die Koselieder sollen, wie Sie wissen, den Zug der heraus zu gebenden Kinderspiele rc. beginnen und gleichsam das Banner führen. Das Ballspiel ist schon fast in all' seinen Stufen durchgearbeitet und liegt zum Drucke bereit. Auch zu den andern Spielen liegen die Anweisungen ausgearbeitet vor, alles soll dann schnell auf einander folgen und dann, liebes Mühmchen, suchen Sie nur für die verschiedenen Stufen der Spiele in den Familien thatsächliche Teilnahme zu erwecken. Von neu Jahr an werde ich vorwiegend der Ausarbeitung und Veröffentlichung des vorliegenden Materials leben.
Damit Sie sehen, daß die Herausgabe der Lithographien zur sechsten Gabe nun auch besorgt wird, lege ich Ihnen einen Probeabdruck bei. Ende Januar hoffe ich sie vollständig zu liefern.
Lassen Sie nur noch kurze Zeit das Interesse für die Sache bei sich und bei den andern nicht erkalten. Sie sehen ja, und dürfen bestimmt behaupten, daß ich unausgesetzt des Ganze allseitig ganz hingegeben pflege, wenn auch darum bis jetzt nach einzelnen Seiten so wenig.
Ich sage es nochmals, fände ich einen in die Idee eingehenden, sie vor allem würdigenden, jungen Mann, welcher die Geschäftsseite derselben besorgte, ich wollte ihm für seine ganze künftige Familie, durch das ganze Leben hindurch, die Sicherung der menschlichen Bedürfnisse und das reinste menschliche Familienleben von seiten der Idee als Gabe zusichern.
Durch Herrn Ribbes Gruß haben Sie Middendorf[f] und mir große Freude gemacht. Wir erinnern uns seiner als eines lieben Kriegs- und Feldgenossen. Wir erwiedern seine Grüße herzlich und möchten gern Näheres von seinem Wirken hören.
Sagen Sie ihm, bitte, wir wären seit dem Feldzuge noch gar nicht aus dem Kampfe herausgekommen, zwar einem unsichtbaren, zum Teil aber doch immer für Vaterlands-Wohl und Heil in seiner herauf wachsenden Kindheit. Wir würden uns freuen, wenn er auch jetzt als treuer Mitkämpfer für uns eintreten wollte.
Bis hierher bin ich Ihrem lieben Brief, beantwortend Zeile nach Zeile, bis zum Ende gefolgt. Nun aber noch etwas Neues.
Ich erkannte längst als Bedürfnis Farbenspiele aufzustellen, doch war ich zu ihrer Erfindung nie frei genug. /
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Jüngst, in einer glücklichen Stunde, traten mir zwei vor die Seele, eigentlich mehr noch Vermittlungsspiele zwischen der Form und Farbe, und somit Legespiele. Ich übersende sie Ihnen beikommend zur Prüfung, zunächst für Sie und Ihren lieben Kreis. Wenn diese Spiele sich bewähren, sollen sie in der Zukunft eine stehende Rubrik in dem Spielganzen einnehmen. Darum, nachdem Sie sich die Idee derselben klar gemacht haben, eine strenge Kritik.
Die reinen Farbenspiele, als diese Sinnenbildung weiterführend, sollen runde Plättchen in Oblatenform, gleichfalls auf ihren beiden Seiten verschiedenfärbig, sein.
Zunächst einige Worte über das erste Spiel. Die Grundform, von der ausgegangrn [sc.: ausgegangen] wird, ist eine Gevierttafel von vier Würfel Größe. Allen folgenden Teilen liegt diese Gevierttafel normal zum Grunde. Denken Sie sich, es lägen vor Ihnen acht solche Gevierttafeln, analog den acht Würfeln und acht Bauklötzchen; das erste Geviert ganz und ungeteilt. Das zweite durch die Mitte, gleichlaufend mit zwei Seiten, in zwei gleich große Rechtecke geteilt, so die folgenden mit der Zahl steigend in gleich große Rechtecke geteilt.
Diese acht Gevierttafeln werden nun in ihren Teilen senk- oder wa[a]grecht, immer in einer geraden Linie so vor dem Kinde hingelegt, daß die Farben abwechseln. Nun wird mit dem Kinde alles sich zur Beachtung bietende fröhlich und lebhaft durchgesprochen z.B. ein Geviert ungeteilt; ein Mal geteilt gibt zwei Teile u.s.w.- Alles dies ohne strenge Ordnung, wie sich dazu die Gelegenheit und Aufmerksamkeit bietet.
Dann Vergleichen der Teile unter einander, wie zwei Sechstel gleich ein Drittel u.s.w. Daß dies, als die leicht ermüdende und langweilende Erkenntnisseite des Spieles, nur gelegentlich und wie es der Zufall gibt herausgehoben wird, versteht sich von selbst. Die Ordnung lasse man vom Kinde freithätig selbst finden, dies macht Freude, nur stehe man übersichtlich zur Seite.
Dann werden die Teile zum Legen von Schönheitsformen benutzt, auch vergleichend als Längen oder Höhenrechteck, oder auch schief liegend geordnet.
Dann bleibt uns noch der Farbenwechsel. Die Farben auf den Spielen sind sich Ergänzungsfarben z.B. rot und grün, (grün besteht aus gelb und blau), gelb und veilchenblau (veilchenblau besteht aus rot und blau), blau und gold oder orangegelb, dies besteht aus gelb und rot. /
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Sie werden erkennen, daß die beiden, sich gegenseitig ergänzenden, Farben immer alle drei Hauptfarben auf verschiedene Weise in sich enthalten.
Nun können schon bei gleicher Grundform die Farben auf das Verschiedenste verknüpft werden, darum Farbenspiele; denn mit verschiedenen Farben wird gleiche Form verschiedenen Eindruck auf das Auge machen.
Der Geist dieses Spieles ist: - daß jede folgende und neue Verschiedenheit der Form, oder der Farbenzusammenstellung, stetig aus der daseienden und gegebenen Darstellung entwickelt werde.
Erweitern oder Verändern, Entfalten oder Zusammenziehen, Übergehen von einer Grundbestimmung zur andern, z.B. von der Vierseitigkeit zur Zwei- und Drei-Seitigkeit.
Alles und jedes ist vergönnt, nur daß man dabei: stets den Einheitssinn im Kinde zu wecken, und ist es geweckt, immer mehr auszubilden und zum Bewußtsein zu bringen sucht.
Ich habe soeben dies Spiel einem Kinderführer vorgelegt, welcher gleich ein Exemplar zu einer Weihnachtsgabe für ein kleines Mädchen bestimmte. Doch warum habe ich Ihnen dies geschrieben? Es wäre besser ganz beziehungslos Ihr Urteil zu hören. Nun, das Gesagte sollte Sie nur [sc.: zur] Prüfung einladen.
Das zweite und größere Spiel ist in der Hauptsache diesem gleich und enthält gleichfalls die vorbeschriebenen acht Geviert-Tafeln. Außerdem aber noch die schiefen Linien, der ganz schiefen Linie (der Schräglinie in einem Geviert) bis zu fünftel schiefen Linien. Eine ganz schiefe Linie ist die Schräglinie eines Geviertes; eine halbschiefe Linie ist die Schräglinie des Rechtecks eines halben Geviertes, oder eines Rechtecks, dessen kürzere Seite eine Halbe der längeren ist u.s.w., eine viertelschiefe Linie ist die Schräglinie eines Rechteckes, dessen kürzere Seite ein viertel der längeren ist. Dieses Spiel macht den Übergang sowohl zur Kenntnis aller Lagen der Linien in den Ausstechheften, wie auch später beim Zeichnen und ist eine vortreffliche Gesichtsbildungschule. Die lieben jungen Vettern können der geliebten Mutter aussuchen, was in diesem Spiele liegt.
Für Ihre Kleinsten im Institut müßten diese Spiele sehr vorbildend für Zeichen, Form und Zahl, so in Hinsicht auf klaren und bestimmten Ausdruck in der Sprache sein. Dies dünkt mich, wäre eine der Seiten, wo Sie von den Spielen für Ihr Institut Nutzen haben könnten. Könnte der Vorstand des Instituts nicht eine Vorbildungsklasse vorrichten wie solches Herr Schneider in Frankfurt /
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gethan, dann könnten Sie diese Spiele mehr zur Belohnung verwenden. Das Zeichnen auf der Nutztafel ist für Mädchen, zur Bildung des Auges fürs Genaue und Schöne, außerordentlich wichtig.
Nun ist es endlich Zeit, daß ich schließe.
Gott geleite Sie, mit den lieben Ihrigen, segnend aus dem alten in das neue Jahr. Bleiben Sie mir im neuem, wie im alten Jahr freundlich gewogen; vor allem dem Werke treu.
Ihr Vetter
Fr. Fröbel.