Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann v. Leonhardi in Heidelberg v. <Ende 1842/Anfang 1843> (Blankenburg)


F. an Hermann v. Leonhardi in Heidelberg v. <Ende 1842/Anfang 1843> (Blankenburg)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hanschmann 1874, 322-325, undatiert und in Form von drei deutlich unterschiedenen Abschnitten in Anführung. Zäsur zwischen den Abschnitten durch [...] gekennzeichnet, Seitenangaben nach Hanschmann. Datierung: Hanschmanns biografischer Kontext erlaubt lediglich „Ende 1842/Anfang 1843“ als vage Datierung.)

Was Du mir über das öffentliche Kinderleben in Brüssel mittheilst, ist mir
höchst interessant gewesen und ist es noch. Siehe da, ich möchte sagen, auf
Naturwege ein belgischer Kindergarten, wie ich auf dem Kunstwege einen
deutschen Kindergarten erstrebe. Auch ich wünsche die kleinen Knaben und
Mädchen in Gesellschaft älterer Geschwister, Muster- oder Kindermädchen in
dem Kindergarten sich froh, doch sinnig beachtend und allseitig sich entwickelnd,
herumtummelnd. - Auch ich wünsche, daß die Kleinen die Lieblinge jedes
Ortes und so des ganzen Volkes werden und so das verlieren mögen, was
Du geistige Linkischkeit der deutschen Kinder nennst. - Sagt nur, bin ich
denn in und mit der Idee des deutschen Kindergartens gar zu schwer zu ver-
stehen? -
Man sollte die Sache nicht fälschlich als eine Fröbel'sche und als meine
ansehen, sondern im Gegentheil mich blos als das reine Organ einer Idee,
die sich nun einmal in der Zeit frei machen und unabhängig von mir allgemeine
Anerkenntniß verschaffen will, und mich - durch ein zufälliges Zusammen-
treffen von Umständen als den Vertreter derselben. Diese wahre Ansicht des
Ganzen würde für die Gegenwart und Zukunft, für das jetzige und die künf- /
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tigen Geschlechter Heil und Segen bringen. Doch dem ist nun Allen nicht so,
also muß nothwendig ein anderer Weg betreten werden. -
[...]
Bei der Erfassung eines Entschlusses kann man von einem Zweifachen
ausgehen, von der Betrachtung des Wesens des in Frage stehenden Gegen-
standes und von den Ergebnissen der bis jetzt darüber gemachten Erfahrungen.
Ob sich nun beide oft in ihren Forderungen und Bestimmungen zu wider-
sprechen scheinen, so ergänzen, mindestens erläutern sie sich doch oft gegen-
seitig; darum ist es erfreulich und immer ein gutes Zeichen, wenn sie beide
in einem Punkte zusammentreffen. Letzteres scheint mir nun (wozu jedoch,
um es auszuführen, hier Zeit und Raum nicht genügt) bei allseitiger Erwä-
gung und bei ernster Prüfung der vorliegenden Thatsachen bei dem Entschlusse
der Fall zu sein, welchen ich Dir jetzt mittheilen will: - Einen jungen
Menschen, welchen Geschlechtes er sei, der schon die Jahre der Selbstbestimmung
erreicht hat, so mit Absicht für einen höheren Zweck, und sei er der erkannt
und anerkannt höchste und beste zu erziehen, daß das Ergebniß der Erziehung
und Bildung und des Handelns im Geiste derselben gleich sei einem frischen,
freudigen, gesunden und kräftigen Handeln aus freier Selbstwahl und Selbst-
bestimmung, dieß scheint jetzt schlechterdings unmöglich zu sein. Der Mensch
ist jetzt schon gleich von vornherein so gegen alles bestimmt gegeben Werdende
eingenommen, indem er in der Annahme desselben einen bestimmten Eingriff
in seine persönlichen Rechte und Freiheit zu finden glaubt, so daß schlechter-
dings durch Einwirkung auf die Bildung des Einzelnen, vom Einzelnen aus,
nichts zu erreichen ist. Der Mensch fühlt sich jetzt überwiegend mehr, ich
möchte sagen, ohne daß er es weiß und ohne daß er sich davon Rechenschaft
ablegt, als ein freies, sich selbst bestimmendes Wesen, und das Gefühl und Be-
wußtsein, sich selbst zu bestimmen, giebt ihm jetzt überwiegend mehr, als die
Aneignung auch des Höchsten und Besten, aber von Außen noch überdieß mit
Zweck und Absicht Gegebenen und Gegebenwerdenden. Nun ist aber in diesen
Jahren die Zeit der Entwickelung zu kurz, und hat man es ja durch ein gün-
stiges Zusammentreffen von Umständen bis zu einem gewissen Punkte gebracht
und tritt der Mensch in den Strom des entgegenwirkenden Lebens, so sind
die Ergebnisse jener Bildungsweise bald bis zur Spurlosigkeit vernichtet. Nur
was der Mensch unter und in einer Vielheit von Einwirkungen gleichsam
herausgreift, das hält er auch mit Freiheit und Selbstbestimmung zu leben-
voller Anwendung und Ausübung auch unbewußt fest, es wird ihm das so
Ergriffene und Angeeignete leicht und bald zur sogenannten zweiten Natur.
Damit stimmt nun auch eine andere große Lebensthatsache überein. "Ihr sollt
vollkommen sein wie Euer Vater im Himmel!" heißt die große Mahnung an /
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den Christen. Nun heißt dieß doch, auf die Erziehungsweise des Menschen
und des Menschenkindes angewandt, nichts Anderes, als wir sollen in der
Erziehung auch des Einzelmenschen und so des Kindes denselben Weg betreten,
denselben Gang befolgen, welchen Gott in der Entwickelung und Bildung, Er-
ziehung des Menschengeschlechtes befolgte. Welches ist nun aber dieser Bil-
dungsgang Gottes, des Schöpfers und Vaters der Menschen in Beziehung auf
selbige? - Gott hat als Schöpfer und Vater der Menschen einmal und erst-
lich die Gesetze seiner Entwickelung, Ausbildung, Erziehung in dessen Brust
und Geist gelegt, in welchen er sie vernehmen und in tausend und abermal
tausend Dingen, d.h. in Allem und Jedem, was den Menschen nur immer
umgiebt, auf die verschiedenste Weise ausgeprägt und dargelegt, daß sie der
Mensch auf jeder, und welcher Entwickelungsstufe er nur immer stehe, geleitet
von dem eigenen Bildungs- und Entfaltungstriebe wahrnehmen und als sinn-
und vorbildlich erkannt, demselben nachleben kann. So meine ich nun, als
das Ergebniß eines langen prüfend erziehenden Lebens und Wirkens auch: -
der in der Zeit beste, erfolg- und segensreich, der jetzigen Entwickelungsstufe,
besonders der deutscheuropäischen Menschheit entsprechend, wirkende Erzieher
kann und darf auch nicht anders handeln. Im Vertrauen auf und in festem
Glauben an die von Gott als den Schöpfer und Vater der Menschen in das
Gemüth und den Geist desselben und so schon in das Kind gelegten Entwicke-
lungs-, Bildungs- und Erziehungsgesetze, kann er der Zeit, den Eltern, den
Familien und seinem Volke die anerkannt besten äußeren Erziehungsmittel in
ihrem lebenvollen Zusammenhange, gleichsam als eine zweite, aus dem mensch-
lichen Gemüthe und Geiste hervorgegangene Natur in Uebereinstimmung und
Einklange mit der aus Gott hervorgegangenen Natur - der Selbstbestimmung
gemäß zu ganz freier Beachtung, Erforschung und Auffassung ihres Wesens
und zur Nachlebung nach den sich in denselben kundthuenden allgemeinen Ent-
wickelungs- und Bildungsgesetzen hingeben. Diese hier angedeutete Betrachtungs-
weise hat mich nun zu dem festen Entschlusse gebracht: - Alle Ausbildung
des Einzelnen für Kindererziehung und Bildung als erstes pp. Haupt-
geschäft, als priores so lange zurückzustellen, bis es mir gelingt, nach der
Idee des deutschen Kindergartens eine so um- und erfassende Bildungs- und
Musteranstalt für Kinder- und Kindheitpflege und Erziehung, und für und zur
Ausbildung für Kinderpflege und Pflegerinnen, besonders Kindermädchen, hin-
zustellen und auszuführen, welche schon durch ihr Dasein erziehend und bildend
wirkt, welche durch die Vollkommenheit ihres Organismus sogleich auf jeden
Eintretenden erziehend wirkt, und vorwaltend der Herausgabe und Ver- öffentlichung der bis jetzt ausgearbeitet vorliegenden und sich in einer mehr- /
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jährigen eigenen und fremden Anwendung bewährten Bethätigungs-, Spiel- und
Beschäftigungsmittel und Weisen als eines Bildungs- und Erziehungsganzen
zu leben. -
[...]
Diese Spiel- und Beschäftigungsmittel und Weisen haben aber eine
solche Allgemeinheit, haben sich überall da, wo sie mit freiem, kindlichen Geiste
angewandt worden sind, so vollständig bewährt, daß, nach dem mir wieder-
kehrend einstimmig ausgesprochenen Urtheile, gesunde und kranke Kinder sich
stets mit Freude damit beschäftigt haben und, wenn sie all ihre anderen viel
bunteren und schon ausgeprägteren (fertigen) Spielsachen überdrüssig geworden
sind, sie doch stets immer mit neuer Lust zu meinen Spielgaben zurückgekehrt sind.