Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an E. W. Lindig in Zaukerode b. Dresden v. 3.1.1843 (Blankenburg)


F. an E. W. Lindig in Zaukerode b. Dresden v. 3.1.1843 (Blankenburg)
(Autograph nicht überliefert, Abschr. von Hand Friedrich Ungers BlM F 1058/39, 1 B 8° 4 S.)

Herrn E.W. Lindig, Bergverwalter b.[ei] d.[en] K.[önigl] S.[ächsischen] Steinkohlewerke
zu Zaukerode im Plauenschen Grunde b Dresden

Blankenburg b Rudolstadt, 3 Januar 1843
Ihren vertrauensvollen Brief vom 14n v M. früher als heute zu
beantworten wollte wegen der vielen Geschäfte welche das
Weihnachtfest u Neujahr mit sich führten nicht möglich werden;
ob es mir gleich gar sehr freute, daß der Geist unseres
Schriftchens v seit Neujahr sich auch bei Ihnen u Ihren Freunden
sich bewährt hat. Wir freuen uns dessen um so mehr, als der
Geist der Kindergärten, wie er erkannt u wirksam gemacht,
u als die Pflege- Spiel- u Beschäftigungsweise derselben,
wo sie in Ausübung gebracht wird, nach Maaßgabe des Ein-
dringens in die Sache, den gehegten Erwartungen entspricht. Deß-
halb ist aber auch gleich <das erste>, wozu wir uns verpflichtet
fühlen Sie in Ihren schönen [Bemühungen] darin aufzufordern: lassen
Sie sich sämmtlich nur nicht irre machen, wenn Sie im Anfang
mit Mühe u Schwierigkeiten zu kämpfen haben, denn ohne solchen
Kampf ist nichts Gutes, besonders nichts neue Gute ins
Leben einzuführen. Sehen Sie so ergeht es auch mir, obgleich
alle einzelnen u allgemeinen Stimmen, welche mir bis
jetzt nur, sowohl in Privat- als öffentlichen Mittheilungen
darüber bekannt wurden, die Tüchtigkeit, ja die Vortrefflich-
keit der Sache anerkennen, so geht doch die Verbreitung
derselben unsäglich langsam [voran], warum? – Der Grund davon
ist die Schwierigkeit, Menschen zu finden besonders Jünglinge
u junge Männer, welche mit hingebender wahrer Liebe zu
den Kindern, die wenigen noch andere Anlagen nament-
lich Spiel- u Singfähigkeit in sich vereinen u dann noch wie
es ihnen erscheint die Selbstverleugnung in sich tragen sich
diesem Geschäfte wenigstens einige Jahre zu widmen; es
erscheint ihnen dieses als ein <Kreuz> für ihre künftige Lebens-
u Berufsbildung, der Grund davon ist: - wir <wollen> gar
nicht sagen der Staat, nein! nicht einmal die bürgerliche
Gesellschaft erkennt eine eigenthümliche in sich ganz selbst-
ständige Wirksamkeit, die der ausschließlichen Kinderpfleger /
[1R]
ich möchte sagen Kindergärtner an, welcher, obgleich selbstständig
in sich, doch besonders nach oben hinauf in Beziehung auf die Lehrer[-]
fortbildung in unverbürgter lebendiger Verbindung steht. Wie gesagt
jeder reine, gemüthvolle, etwas mit Anlagen begabte, wenn auch
sonst einfache Mensch u Jüngling scheint sich [nicht] der Kinderpflege zu widmen
weil er glaubt dadurch seiner Wirksamkeit für sein künftiges bürger-
liches u somit häusliches Bestehen, Abbruch zu thun, es muß deßhalb
dahin kommen, daß der Stand der Kindheitpfleger „Der Kindergärtner“
ein eben so anerkannter u ins bürgerliche Leben eingeordneter
wird als der, „Der Elementarlehrer“ seit Pestalozzi.
Aus dieser, mit gutem Vorbedacht <vorne> erwähnten Schwierigkeit
welche überall bis jetzt noch die Einführung der Kindergärten
unterliegt, werden Sie nun auch schon die Beantwortung Ihrer
Frage ersehen, welche Sie in Ihrer werthen Zuschrift an uns thun:
daß wir Ihnen nämlich in diesen Augenblick keinen jungen
Mann zur Förderung Ihres Unternehmens zur Ausführung Ihres
schönen Entschlusses nachweisen können; allein dieß darf keineswegs
u <sämmtlich> abhaltend dafür zu thun, was nur immer in unsern
Kräften steht u nach den vorliegenden Verhältnissen möglich ist.
Könnten Sie freilich einen jungen Mann, wie oben bezeichnet
auf die kürzeste Zeit, welche freilich nur nach der Fesselungsgabe u
Lebensgesundheit, wie überhaupt nach dem wahrhaft tüchtigen
Streben desselben bestimmt werden kann, - hierher senden,
so wäre dies das Gerathenste, dann wollten wir wohl sehen
wie derselbe verhältnißmäßig bald in den Stand gesetzt würde,
unter der Bedingung stetig fortgehender lebenvoller Verknüpfung
mit uns u der hiesigen Anstalt Ihre Wünsche in Zaukerode zu
erfüllen. –
Doch auch diesen Gedanken u Plan wollen wir aus den oben
angegebenen Gründen fallen lassen, u uns nach der Seite weiblicher
Hilfe hinwenden, welche sich immer leichter findet als die männliche,
u wie die Erfahrung zeigt auch mit gutem Erfolge.
Hier tritt nun wieder ein doppelter Fall sein, entweder daß
Sie zur Ausbildung für Ihren Zweck ein entsprechendes Frauenzimmer
hierher sendeten. Dieß that z.B. im vorigen Jahre die Frau Gräfin
von Schönburg-Wechselburg
zur Ausführung eines Kindergartens in
Wechselburg u der Erfolg hat ganz entsprochen. Es war ein
einfaches Bürgermädchen mit oben erwähnten Anlagen u ganz ge-
wöhnlicher aber guter Schulbildung, u das Mädchen sowie die /
[2]
Frau Gräfin sind gegenseitig mit der getroffenen Wahl zufrieden.
Oder, wenn auch dieses, wie wir fast annehmen müssen Ihren
Verhältnissen auch nicht zusagte, - daß wir Ihnen dann ein Frauen-
zimmer zur Ausführung Ihres Vorsatzes von hier zuschickten.
Dieses 3e ließ sich denn nun wohl auch am leichtesten ausführen
indem uns da die Wahl unter einigen seit mehreren Monaten
u noch länger dafür ausgebildeten Frauenzimmern offen wäre.
Auf diese Weise dünkt uns nun ließe sich Alles aufs Beste den
Verhältnissen entsprechend ordnen u ausführen. Es käme nun vor
Allem darauf an, daß Sie sämmtlich unter sich diesen Vorschlag
den bei Ihnen obwaltenden Verhältnissen entsprechend, prüften
u uns wohl bald darüber Ihren endlichen Entschluß mittheilten;
um nun diesen so klar u bestimmt als möglich zu fassen, theilen
wir Ihnen noch Folgendes mit.
1, Die Feststellung das Frauenzimmer würde erst dann eintreten, wenn
     dasselbe nach ¼jährigem Wirken in dieser Stelle sich den Forderungen
     derselben u den obwaltenden Verhältnissen entsprechend gezeigt hätte.
2, Freie Reisekosten [von] hier u wenn die Person wider Vermuthen
     den Forderungen u Erwartungen nicht entsprechen sollte, freie Reise-
     kosten zurück müssten jedoch ausbedungen werden.
3, Wollten Sie, um jede weitere Unannehmlichkeit für die Zukunft
     zu vermeiden zugleich angeben, wie Sie die Vergütung für dieses 1te Viertel-
     jahr, so wie später als Jahrgehalt festsetzen können, so wird dadurch
     das Geschäft sehr verkürzt, wenigstens erleichtert.
4, Könnte die Ausführung des Planes binnen hier in 4 Wochen
     geschehen, so würden wir, wenn Sie es wünschen, möglich zu machen suchen,
     daß zugleich ein mit dem Gegenstande vertrauter Mann mit käme, welcher
     mit Ein- u Umsicht der Gesammtverhältnisse die erste Einrichtung des
     Ganzen mache, indem eben von der ersten Einrichtung die lebensfrische
     Fortführung des Ganzen abhängt.
5, Der Zweck dieser Begleitung würde besonders der sein mit eigens
     einem eingehenden Menschen u <Vater> Ihres Vereins sich über den
     Geist über die Mittel u Wege der Fortführung des Ganzen zu
     besprechen, damit derselbe von diesem Geiste getrieben eine Art
     Oberleitung über das Ganze übernehmen könne. Bei dem
     Umfange u der Klarheit mit welcher jetzt schon Bildungsmittel u
     Bildungsweg[e] zur Aneignung vorliegen würde dieses gewiß bei jedem
     Mann von guten Willen u einiger Bildung leicht [möglich] sein.
6, Für diesen Mann, einfach in seinen Bedürfnissen würde für seinen
     Aufenthalt in Zaukerode auf einige Tage höchstens eine Woche nichts
     gefordert werden, als Kostenfreiheit, während dieser Zeit, doch dünkt
     es uns leicht, sich dieß durch Ihren Verein aus[zu]führen indem sich /
[2R]
da wohl bei einem der Mitglieder ein Zimmerchen u sich abwechselnd
     ev.[entuell] im Kreislauf wohl das Weitere fände, wodurch vielleicht noch das Gute
     erreicht würde, daß alle Theilnehmenden möglichst über den Geist, Mittel
     u Wege des ganzen belehrt u so, was höchst wünschenswerth bei jedem <wenn er>
     Unternehmer ist, Einmüthigkeit des Zusammenwirkens erreicht werden
     würde.
Um diesen Gedanken auszuführen müssten wir jedoch in Ihren nächsten
Mittheilungen um die Beantwortung nachstehender Fragen bitten.
  a) Muß man [um] von Altenberg nach Zaukerode zu kommen über
  Dresden reisen? –
  b) Liegt Zaukerode an einer od. vielmehr hat Zaukerode eine
  Post[-] u Straßenverbindung mit Dresden[?]
  c) Wie weit ist von Zaukerode bis Dresden?
Aus allen diesen u selbst aus diesen Fragen wird Ihnen hochgeehrter
Herr u allen mit Ihnen zur Ausführung eines Kindergartens in
Zaukerode Geeinten hervorgehen, daß wir recht gut mit Ihnen
die Wichtigkeit u das weiter segensreich Fortwirkende dieses
Unternehmens <> an den von Ihnen angedeuteten Beziehungen
erkennen , daß wir darum auch
  erstlich die Sache so sicher als möglich begründen
  zweitens, so tüchtig als möglich ausführen wollen; allein auch
  drittens, diese Ausführung so viel als möglich fördern u
  erleichtern u in Beziehung der Rückwirkung auf das
  Ganze u die Durchführung eines der wichtigsten, ja gewiß
  der wichtigsten der jetzt gemäßen Unternehmen
  viertens, selbst keinen Eifer scheuen werden.
Jedoch eine Bedingung wird dabei unwandelbar vorausgesetzt
u deßhalb hier bestimmt ausgesprochen, daß Sie Ihren Gesammt-
willen, Ihre Gesammtkraft u Ihre Gesammtmittel prüfen, hiernach
Ihren Entschluß aber nicht nur fest fassen, sondern ihn dann aber auch
mit deutschen Ernste, deutscher Liebe u deutscher Treue ausführen. Stehen
Sie sämmtlich so zusammen, so kann nichts die Erreichung des sich zum
Wohl Ihrer Kinder zum Heile Ihrer Gesammtverhältnisse gesteckten
Zieles hindern, sei der Anfang auch noch so unscheinbar, noch so
klein, mit noch so viel Schwierigkeiten verknüpft, das Ganze wird kräftig
daraus hervorwachsen u grünen wie die Jahrtausende ausdauernde Eiche
aus dem kleinen Eichkern. Schreiben Sie uns nun möglichst bald!
selbst auf dem Fall einer einstweiligen Verschiebung der Ausführung
Ihres Wunsches, damit dann eine unbegründete Erwartung nicht
störend nach einer andern Seite hinwirke, sonst aber wir dadurch
in den Stand gesetzt werden die hiesigen Verhältnisse einleitend zur
Förderung Ihres Unternehmens zu beachten.
Wir hoffen, daß Sie und die mit Ihnen geeinten geehrten Eltern
in diesen Mittheilungen die Hochachtung ausgedrückt finden, mit welcher
uns Ihre Zuschrift für Sie alle erfüllt hat u mit welcher wir uns
mit Hinzufügung deutschen Grußes unterzeichnen.
Der Verein

für Ausführung eines Erziehungswerkes u durch deutsche
Frauen u Jungfrauen: als eines deutschen Nationalwerkes
für denselben F Fröbel

[1V]
[Randnotiz *-*]
[*] Beigelegt wurden 1 Exp über Erziehung pp
1 Exp Erziehungswesen, die Bildung der Kinder vor dem schulfähigen Alter betr.
<Meyers> Begleitworte
Auszug aus dem Plan u Einladende Worte, Anzeige von den Spielen
u Anzeige von der großen <> [*]