Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera v.21.3.1843 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera v.21.3.1843 (Keilhau)
(Brieforiginal BLV, Kriegsverlust, ed. Lück 1929,108-112, 3 Auslassungen)

Keilhau bei Rudolstadt am 21. März 1843.


        Liebe, teure Muhme.

Durch einen ungünstigen Zufall habe ich Ihren jüngsten,
l. Brief erst gestern Montags erhalten, indem er gerad 8 volle
Tage auf der Post zu Rudolstadt, was noch nie geschehen ist,
liegen geblieben ist; ich beeile mich Ihnen daher schon heut
zu schreiben, wenn es mir auch keinesweges noch möglich
ist, Ihren lieben Brief selbst schon heut zu beantworten.
[Lück: Es folgen Erörterungen über eine Henriette Röhr, die Fröbel als Kinder-
pflegerin für eine befreundete Familie in Gera vorschlägt.]
Ihr lieber, freundlicher Brief hat wegen seines ermuntern-
den frischen Inhaltes mir und meinen Freunden einmal wie-
der rechte Freude gemacht. Ich kann Ihnen gar nicht sagen,
welches liebe Geschenk jeder Ihrer Briefe für uns alle und
besonders für mich ist. Ach, Sie haben nur zu recht, wir
bedürfen gar zu sehr der Ermutigung um im Kampfe nicht
unterzugehen und Muhme, Muhme! Niemand mehr als Ihr,
sich müdgekämpfter Vetter. In Ihnen erkenne ich das mir
jetzt auf der Erde lebende, treuste und eingehendste Wesen,
könnte ich Ihr Gemüt, Ihren Geist und Ihre praktische
Wirksamkeit nur ganz zum Erben alles von mir Erkannten
und Durchgebildeten machen. Doch Sie bedürfen des Ein-
zelnen nicht, Ihre Erfassung des Einigen trägt Sie durch
alles hindurch. Ich möchte wohl wissen, wenn wir ein oder
zwei Jahre unter sonst günstigen Umständen gemeinsam als
Kindergärtner in Blankenburg gewirkt hätten, was alsdann
das Ergebnis wäre; besonders wünschte ich Sie als Mutter
meiner Mädchen und Töchter welche sich zu Kinderpflege-
rinnen und Kindergärtnerinnen unter meiner Leitung aus-
bilden wollen; ich weiß und fühle recht wohl daß diese
armen Wesen in dieser Beziehung, was auch ihnen das Leben
sonst Geselliges gibt, bei mir recht verwaist sind; allein ich /
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kann es nicht ändern. Ich suche zwar in ihnen allen ihren
Genius, den schützenden, zu wecken; allein was ist dies in
der jetzigen Zeit gegen die Macht des Lebens. Daß seit nun,
glaube ich, bald 3 Wochen ein liebes junges Mädchen aus
Nordhausen, Ida Seele (der Name bezeichnet sie wirklich)
hier ist um sich zu einer Kindergärtnerin auszubilden, habe
ich Ihnen ohne Zweifel schon in meinem jüngsten Briefe
geschrieben. Sie wird wenigstens 6 Monate hier bleiben.
Wie glücklich wäre ich wenn ich diesem Mädchen in Ihnen
liebste Muhme zugleich eine Mutter an die Seite geben
könnte. Sie würden sie nicht nur für das Hochheilige ihres
Berufes entflammen, sondern auch zur Ausübung dessen von
Seite der Weiblichkeit befähigen.
[Lück: Es folgen kurze Mitteilungen über Schülerinnen, die er erwartet.]
Daß ich schon seit Ende Monat Januar glaub ich Sonn-
tags Abends nach Tisch während einer guten Stunde Vor-
träge oder Mitteilungen über das Wesen und den Zusammen-
hang der Spiele etc. und über Kinderpflege überhaupt halte,
und daß daran fast alle Glieder des Hauses besonders all die
Frauen und Jungfrauen Anteil nehmen, habe ich Ihnen
wohl schon geschrieben. Die Mitteilungen scheinen anzu-
sprechen, selbst unser Herr Pfarrer ob er gleich im nächsten
Dorfe wohnt (Keilhau ist Tochterkirche) nimmt unaus-
gesetzt daran Anteil. -
Nächsten Freitag werde ich einen ganz gleichen Vortrag
nur kürzer, zusammengedrängter vor einer kleinen Anzahl
von Frauen beginnen und jeden folgenden Freitag so lang
sich Interesse dafür zeigt fortsetzen. Die Frauen werden wie
ich höre sein: die Prinzeß von Schaumburg-Lippe - die Fr.
Majorin Stolze, die Fräulein Taubenheim, die Frau Hof A. R.
Hauthal
, eine gewisse Frau etc. Bamberg und eine Fräulein
Scheller. Es mag dies so ziemlich die Hälfte der Aufsichts-
und Tagesdamen des Rudolstädter Kindergartens sein. Ich /
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nenne Ihnen solche alle beim Namen, soweit ich sie selbst
schon kenne damit wenn Sie in Gedanken auch teilnehmen
wollen (die Stunde ist Abends von 5-6 Uhr) Sie dann wissen
wen Sie finden.
Ob nun Freud oder Leid, Gewinn oder Nachteil für die
Sache aus diesen Vorträgen hervorgehen wird, dies liegt
noch in der Zukunft dunklem Schoß, und wird wesentlich
davon abhangen wie es mir gelingt die Teilnahme zu fesseln
und den Erwartungen zu entsprechen, was aber z. B. bei
einer Prinzeß Caroline zu Schbg.-Lippe schwer ist.
So mag ich Ihnen nun wohl so ziemlich alles Neue im Be-
reiche meiner Kinderpflege mitgeteilt haben, und Sie können
nun doch auch wieder den lieben, verehrten teilnehmenden
Geraern auf ihre Fragen Antwort geben. Auch an den Kose-
Liederzeichnungen wird stetig fortgearbeitet und ich hoffe,
daß bald nach Ostern der Druck beginnen soll.
Sie haben es sogar der Mühe wert gehalten einen Brief
von mir aus Dessau aufzubehalten? -Ich möchte wohl
wissen was er enthielt. Nur eines empfinde ich jetzt noch
ganz lebhaft, daß ich dort von Ihrer aller Güte tief ge-
rührt war; ich möchte wohl wissen, ob dies meine Zeilen
aussprechen. Ich wußte garnicht mehr von D. aus an Sie
geschrieben zu haben. -
Zur Vervollständigung des Ganzen gehören nun eigentlich
noch drei Briefe einer an Ihre frdl. F. Mutter, einer an Sie
und einer an den lieben Vetter, Ihren Bruder, welche ich
im Jahr 1817 von Keilhau aus in Konzept geschrieben
habe, welche aber nie abgegangen sind, - und die sich noch
irgendwo unter meinen Papieren finden müssen. Ein wun-
derbares schwierig zu erklärendes Geschick hat den Abgang
jener Briefe gehemmt; denn ohne Zweifel wäre dann die /
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Entwicklung meines Lebens in seiner Form eine ganz andere
geworden; was ich davon jetzt, freilich nur ins Ungewisse
ahnen, jedoch aus den gesamten Umständen lesen kann ein
mehr friediges wenigstens weniger kampfvolles äußeres
Leben; ich würdeauf eine gewisse mehr innigere Weise mit
dem Leben auf eine noch mehr natürliche Weise mit dem
Leben verwachsen sein, was mir bis jetzt noch gar nicht
recht, nach 26 jährigem Kampf gelingen will. Sehen Sie
teure Muhme, was ich durch meine Spiele und Beschäf-
tigungen durch meinen Kindergarten frühe der Menschheit
geben möchte d. i. zur rechten Zeit Klarheit über das
Leben nach Weg, Mittel und Zweck, dann Mut, Mut, Mut,
dieser erkannten Klarheit gemäß zu handeln. Umstände
haben mir mein Leben, meinen Lebensmut u. s.w. früh ge-
brochen, es ist dies das größte Unglück was dem Menschen
geschehen kann, dieses größte der Unglücke nun mit allem
was damit zusammenhängt von der aufkeimenden Mensch-
heit [Lück: „fernzuhalten“]: Habe Mut, vertraue der in dir leben-
den Gottes Kraft, vertraue der Menschheit, vertraue ihrem
und deinem Gotte, sei ausdauernd! - Dies ist das einfache
Thema was sich durch alle meine Kinderspiele und Beschäf-
tigungen hindurchzieht doch wer ahnet die Große Lebens-
symphonie welche in den Spielen liegt, welche durch sie
hindurch mir ins Ohr Herz und Gemüte tönt und den Geist
durchbebt? - Doch mich wird sie wahrscheinlich zerdrücken,
zermalmen; es ist aber auch das Erwünschteste, das Beste
was mir geschehen kann, wenn es nur bald geschähe. Und
die Menschen können denken, daß mein Spiel, Spielerei sei,
die Toren! Die Erringung des Lebens ist dieser Spiele Ziel,
mein Spiel ist: "Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie
wird euch das Leben gewonnen sein." Doch wohin reißt
und drückt mich das Leben; zurück in das nicht verstandene
Kindheit und Jugendleben.
Sogar nach Nürnberg hin, wo doch der Sitz der Spiel-
warenfabrik ist habe ich Spiele für Kinder namentlich
mehrmals die 5. Gabe senden müssen. Und besonders ein /
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Frauenzimmer welches sie daselbst anwendet dankt mir in
einem heut empfangenen Briefe sie mit den Spielen be-
kannt gemacht zu haben.
[Lück: „Noch einige Worte über F. Röhr und über einen gemeinsamen
Bekannten Ribbeck.“]
Nun ist es auch Zeit daß ich schließe. Die herzlichsten
Grüße an all die lieben teuren Ihrigen auch an Sie von
Ihrem Vetter
Friedrich Fröbel.

[Lück: An den Rand geschrieben]:
Kennen Sie in Markkleeberg bei Leipzig
eine gewisse Fr. v. Funk geborene von Egydi?