Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friederike Schmidt in Gera vom 26.3.1843 (Keilhau)


F. an Friederike Schmidt in Gera vom 26.3.1843 (Keilhau)
(BlM XIV,22, Bl 101-104, Brieforiginal 2 B 8° 6 S.)

[Adresse auf Briefumschlag:]
       Ihrer Wohlgeboren
der Frau Magister Fr: Schmidt
       geborene Hoffmann
in
Gera.
frei!
Recommandirt /
[102]
        Keilhau bei Rudolstadt am 26 März 1843.


Liebste, hochgeschätzte Muhme

Die Jgfr Röhr nimmt freudig und dankbar die ihr von Ihrer
Güte angetragene Stelle an. Ich kann Ihnen gar nicht sagen
wie lieb mir dieß in jeder Beziehung ist. Auch die Frau
Hofamtsräthin Hauthal freut sich sehr darüber. Zuförderst
aber muß ich sagen daß sich das Mädchen nach allen Seiten
hin bleibend ein gutes Lob errungen hat. So ganz nament[-]
lich im Hause ihrer jetzigen Wirksamkeit von Kindern,
Hausvater und vor allem von der Hausfrau. Sie wissen
daß die Prinzeß Caroline von Schaumburg-Lippe in Hauthals
Hause wohnt; auch diese sagte mir verflossenen Freitag
daß sich das Mädchen recht gut mache. Nun will ich Ihnen
nach dieser allgemeinen Expectoration noch wörtlich zu
sagen suchen was mir in Hauthals Hause über das Mädchen
gesagt wurde: Nie habe man im Umgange mit den Kindern
von ihr ein niedriges, gemeines Wort bemerkt, sie gehe
mit den Kindern gut um doch sey sie was bei Knaben
des Alters wie in Hauthals Hause sind auch nöthig sey ernst
und fest. Sie wisse die Kinder gut zu beschäftigen auch durch
angemessene Erzählungen an sich zu fesseln; sie sei eine
strebende Natur, habe Bildungstrieb und Bildungslust für
sich, sie gehe auch in alles was ihr verständig gesagt werde
ruhig ein und nehme es zur Nachachtung auf. Im Hause
habe sie sich auch jeder Arbeit unterziehen müssen, be-
sonders sey sie zur Beachtung der feinern und edleren
Ordnung und Reinlichkeit der Wohnungsräume angehalten
worden; damit sei nun aber keineswegs gesagt, fügte die /
[102R]
die Frau Hofamtsräthin ganz ausdrücklich hinzu, daß das
Mädchen schon so fest durchgebildet sey, daß es gar keiner
Bildung mehr bedürfe, im Gegentheil wäre ihr solche
noch gar sehr zu wünschen, und zwar eine solche mütterliche
Leitung wie Sie gütige, liebe Muhme dem Mädchen in
jeder Hinsicht zu geben im Stande sind; es ist darum
für das Mädchen ein sehr großes, nicht genug zu ver-
denkendes freundliches Geschick, daß es nicht gleich hin[-]
aus unter ganz fremde Menschen geworfen wird, wo
man sie einzig und allein nach dem Maaßstabe beur-
theilt, welchen man sich von ihrer Pflichterfüllung macht;
und wo sie kein freundliches Ge theilnehmendes Gemüth
und Wesen findet welches zwischen ihr, den Forderungen
ihres eigenen Lebens und den strengen Forderungen
des äußeren Lebens und der Weltverhältnisse, den
ausgleichenden Vermittler macht. Darum ist es mir
gar sehr lieb, daß das Mädchen im Anfang nicht gleich
in eine sehr große Stadt, wie z.B. Frankfurt a/m kommt,
wo man hinsichtlich der Forderungen gar sehr preciös
ist.
So scheint es dann als sey das durch Ihre unermüdliche
Güte uns dargebotene Verhältniß nach allen Seiten
hin befriedigend und Gott gebe, daß es sich denn auch
in der Wirklichkeit bestätigen möge. Kräftig erwachsen
gesund ist das Mädchen auch, hat besonders auch in Hand
und Arm feine Bewegungen welche bei fortgehender Bildung
gewiß noch mehr hervortreten werden und welche ich
bei der Behandlung der lieben Kleinen wesentlich achte,
denn es ist mir immer widrig wenn die Kindermädchen
die l. Kleinen <läppisch>, hart u plump anfassen.- /
[103]
Ich habe dem Mädchen, was Ihr lieber Brief einzeln <benennt>
und ich auch dem Mädchen wohl einzeln aufgezählt habe,
im Ganzen 20 Rth pr Ct (:10 und 8 und 4 mal ½ gleich 20:)
jährlich zugesichert und ich bin überzeugt, daß man sich im
Hause des Herr[n] R. R. Hoyel geneigt finden wird derselben
zu nächstem Weihnachten 8 Rth als Geschenk zu geben.
Sehen Sie meine theure l. Muhme, Ihnen ganz offen ge-
standen, so liegt mir wesentlich daran, daß die oder das erste
Mädchen welches von hier in irgend eine Wirksamkeit
tritt auch einen verhältnißmäßig guten Lohn erhalte, kei-
nesweges um des einzelnen Mädchens sondern um der Sache
und um ihre[r] Verbreitung willen, daß sich nemlich dadurch
- denn der Mensch mißt nun eben den Werth, einer Sache
nach seinem äußeren Erfolg, selbst den inneren Werth der[-]
selben - noch andere dazu geeignete Mädchen sich bestimmt
fühlen, sich der angemessenen und sorgsamen Kinderpflege
zu widmen, und diejenigen, welche sich lieber dem gewöhnlichen
Schlendrian hingeben doch auch sehen, daß die anderen nicht
nur im Leben geachteter und anerkannter, sondern auch
wirklich besser belohnt oder gerad zu, besser bezahl[t] da stehen.
Auf der andern Seite müssen aber auch freilich die Eltern
und die Familie welches [sc.: welche] ein solches Mädchen bekommen,
theils um ihrer selbst, theils um ihrer Kinder willen
einiges Opfer übernehmen. Denken Sie liebe, theure
Muhme was ist die jährliche Ausgabe von 3 oder 4 Rth,
prß Ct jährlich mehr gegen den gänzlich hingegebenen halbjährigen Kraft-
Aufwand eines Mannes zur Bildung solcher Mädchen[?]
Und - ist das Viertel- oder Halbjahr vorüber, so muß man
froh seyn wenn von 4 oder 6 solcher Mädchen eines nur
zu einiger wahren Zufriedenheit einschlägt. Ein solches /
[103R]
Mädchen, wenn es nur eben leidlich einschlägt, ist nun
wirklich unschätzbares Kapital und hätte ich eine eigene
und verzweigte Familie, so würde ich ein solches Mädchen
nie aus dem Kreis derselben heraus lassen, denn die
Früchte kommen erst später; und - was habe ich davon? -
kaum einen "Habdank!" Nun diesen will ich gern schenken
denn nie ist dieß das Ziel meines Wirkens, aber dagegen
noch Widriges, selbst wesentliche Opfer, daß ich daran
gar nicht denken mag. Nur die Riesengewalt des Gedan-
kens kann durch alles dieß hindurch dringen machen[:]
"Der Gottheit Rathschluß
Ändert der Sterbliche nie
Auf nachtbedecktem Pfad
Regiert er unsern Fuß
Weiß an des Abgrundsrand
die Strauchelnden zu retten
Raubt Kronen schenket sie
Und giebt u löset Ketten."
Meine Ketten die ich trage wird aber wohl erst das Grab
lösen.- Doch dann lösen sie sich ja gewiß.
Und auch jetzt schon finde ich mich belehrt genug fühle
meine Brust frei u fessellos schlagen wenn eine Frau
wie die Hauthal sagt: Kein gemeines, kein niedriges
Wort habe ich bis jetzt noch nicht aus des Mädchens Mund
vernommen; welch ein Gewinn für die ihm anvertrauten
Kinder, welch eine Achtsamkeit eines Mädchens solchen
Standes welches gewiß solche Ausdrücke viel umgeben.
- Nun zum Schluß: Schreiben Sie mir nur klar und
bestimmt wann das Mädchen in Gera eintreffen soll,
sie kann nun zu jeder Zeit kommen; entweder wird /
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sie mit der Post oder in Begleitung des jeden Donnerstag glaub
ich durch Gera fahrenden Frachtfuhrmannes Franke aus
Saalfeld kommen: doch halte ich das erstere für das Ge-
rathnere obgleich etwas Theurere. Ich werde das Mädchen
an Sie überweisen, denn es würde mir gar sehr lieb
seyn wenn Sie es dann dort einführen wollten.
(Gern hätte) Muß das Mädchen auch einen Paß oder
sonst Legitimations-Papier haben?
Gern hätte ich Ihnen alles dieß schon am verflossenen
Freitag geschrieben - (:Meinen am Dienstag in Rudolstadt
auf die Post gegebenen Brief haben Sie doch erhalten,
und die dort gegebene Antwort hat Sie doch einstweilen
und auch Fr: R. R. Hoyel befriedigt?-:) Als ich zu diesem
Zwecke nach Rudolstadt gieng begegneten mir 3
Ungarn, die, wie dieß jüngst wohl schon mit mehre[re]n
der Fall war, s sich mit unserer erziehenden Wirksam-
keit und meiner Kinderführung hier bekannt machen
wollten; ich nahm sie zurück mit in den Rudolstädter
Kindergarten und so war meine Zeit, welche an und
für sich schon sehr berechnet war, gleich so in Anspruch
genommen, daß an ein Besorgen des Vorgesetzten gar nicht
zu denken war. Gestern war ich hier dadurch von Morgens
gegen 7 bis Abends ganz in Anspruch genommen, so
daß ich als dann erst nach Rudolstadt gehen und das im vorstehen[-]
den Dargelegte im Hauthalschen Hause besprechen konnte;
So geht es mir aber häufig.
Das Bedürfniß des Herrn Pastor Lang, welchen ich
auf das Achtungsvollste zu grüßen Bitte, werde ich
im Auge behalten, wenn er anders nach der Erscheinung
und dem Betragen der Röhr noch wünscht, daß dasselbe /
[104R]
von hier und mir aus befriedigt werde.
Bemerken will ich noch daß die Röhr sich <einst>
wenn noch nicht zu einer selbstständigen Lehrerin
sondern zu einer Gehülfin an einem Kindergarten aus-
zubilden wünscht, was nun unter ihrer [sc.: Ihrer] Mitwirkung
und Leitung so schön geschehen kann; Ließe sich nun
noch Herrn Pastor Langs Gedanke: eine Kinder-
Bewahranstalt in seiner Gemeinde zu errichten aus[-]
führen, so hätten sie dann leicht auch eine Arbeiterin
an [sc.: in] derselben, eine Gärtnerin in ihrem zweiten Garten[.]
Von allen die Sie im hiesigen Kreise kennen die
herzlichsten Grüße an alle Glieder Ihrer lieben Familie[.]
Seyn Sie nun so gütig auch bald mit einer Rückant-
wort zu erfreuen
Ihren
      Vetter
      FriedrichFröbel

Habe ich Ihnen schon gesagt; wie Herr Buri, der
Schweizer sich eine Frau in Deutschland eine Deutsche
zur Lebensgefährtin holte, so wird mein Neffe
Ferdinand Fröbel der Deutsche sich eine Schweizerin
eine Burgdorferin zur Gattin heimholen, jedoch
zunächst und vielleicht ganz in Burgdorf wenigstens
in der Schweiz bleiben. Wir hoffen daß er uns diesen
Sommer seine Verlobte zuführen und sich dann vollends
hier mit ihr fürs Leben einigen wird. Herr
Langethal der alte Keilhauer, wirkt seegensreich in
Bern an der großen Töchterschule und der Bildungsanstalt
für Erzieherinnen fort.-