Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an G. M. Seufferheld in Frankfurt/M. v. 5.6.1843 (Blankenburg)


F. an G. M. Seufferheld in Frankfurt/M. v. 5.6.1843 (Blankenburg)
(BlM XI,3, Bl 21-22, Reinschriftfragment 1 B 4° 3 S.)

      Sr Wohlgeboren Herrn G. M. Seufferheld in Frankfurt a/m


Blankenburg bei Rudolstadt am 5 Juni 1843.·.


Wohlgeborner Herr,
Hochgeehrtester Herr

Herr Stolze wird hoffentlich in dem, unmittelbar nach Empfang Ihres Geehrten an Sie zur Post
gegebenen Briefe, Ihnen von seiner wiedergewonnenen Stellung zum Ganzen Nachricht gegeben,
haben, wodurch denn wohl auch zugleich Ihre geehrte Zuschrift an mich im Wesentlichen beant-
wortet wurde. Hätte ich dieß nicht erwarten dürfen, so würde es mich sehr beunruhigt haben
durch Umstände verhindert worden zu seyn, es Ihnen früher als jetzt erst auszusprechen.
Wohl könnte nun von meiner Seite eine weitere Erwiederung auf Ihr Werthes sehr unnütz
erscheinen, wenn ich nicht erwarten müßte s Sie möchten von mir eine gewisse Bürgschaft
für Herrn Stolzes Wort von mir fordern.
Also erstlich hat sich Herr Stolze schon einige Tage vor Eingang Ihres Briefes an ihn sich
veranlaßt gesehen zu mir zu kommen, und sich dadurch auffordertgefordert gefunden ganz
in sein früheres Verhältniß zu mir und meinem Hause zurück zu kehren. Zweitens hat
mir derselbe dabei bestätigt was ich schon in meinen vorigen Mittheilungen über
ihn aussprach, daß derselbe wohl ein reiner, gemüthvoller, wohlwollender junger Mann,
daß dieß aber keinesweges zu dem gewählten ernsten und so vielseitig verantwortlichen
Berufe eines frühen Kindererziehers genügend ist. Dieser Beruf fordert eine Strenge eine
Entsagung gegen sich, eine stets prüfende Selbstbeachtung und ein Hingegebenseyn
an die Kleinen, eine Beachtung ihres Wesens in sich von denen ein Anderer kaum einen
Begriff hat, allein ohne diese Strenge u Entsagung wird das geforderte Resultat nicht erreicht.
Nun glaube ich wohl, daß Herr Stolze in Beziehung auf sein Können und Wollen Nieman-
den mit seinem Willen teuschen will, denn er sprach mir selbst aus, wie es ihm bei allem
Kampfe mit sich noch gar nicht gelingen wolle aus seiner dichterischen und idealen Phan-
tasiewelt herabzusteigen in die prosaische, ich will nicht sagen Kinderwelt, allein
erste und wirkliche Welt des Erziehers; doch ein Erzieher dessen Denken schon, ja wie
vielmehr dessen Phantasie, ich möchte sagen dessen ganzes Leben stets in andern Regionen
schwebt, ein tüchtiger Erzieher dieser Art ist nicht wohl möglich. Deßhalb fürchte ich Herr
Stolze teuscht sich über sich selbst, und dadurch unwillkührlich andere.- Er sagte mir: - /
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"Dichter muß ich bleiben!" Ich erwiederte: "wer hindert Sie es zu seyn?"- Wenden s Sie ihr [sc.: Ihr]
Talent auf Verwirklichung und Verallgemeinerung ächter Kindheit- und Kinder-
pflege hin.- Herr Stolze scheint aber unter Dichter nur denjenigen zu verstehen
welcher seine Phantasie, wie sie sich nun eben angeregt fühlt - (:bei ihm ohne Rücksicht
auf die, durch seinen gewählten Beruf, ihm doch nahe stehende Kinderwelt:) frei-
en Lauf lassen kann. Dieses freye Gehenlassen der Phantasie ist nun freilich in
der Erziehung nicht gestattet, vielmehr fordert sie die strengste Zügelung eines
phantastischen Geistes.
Weder um Herrn Stolze wehe zu thun, noch weniger um demselben Ihr gütiges
Wohlwollen - welches er in vielen Beziehungen gewiß so werth ist, zu verkürzen
oder auch nur zu verkümmern, sondern nur um denselben nicht etwa in einen
Beruf einzuzwängen, welcher gegen seine eigentliche Natur ist, hebe ich noch eine
andere Äußerung heraus. So sprach er mir, zur Rechtfertigung seines - wie
soll ich es mild genug nennen? - übereilten Handelns aus: - ["]Ich bin Dämagog
und werde es bleiben!" Da wir nun aber das Wort "Dämagogie" nur in dem
Sinn nehmen können in welchem es gewöhnlich gebraucht wird, so dünkt mich
müssen wir einsehen: Dämagogie und Pädagogik, besonders letztere in der
engen Begrenzung früherer, vorschulfähiger Kinderpflege genommen, will
sich schlechterdings nicht miteinander vertragen, indem es die erste blos mit
dem erst zu entwickelnden Kinde in rein menschlicher, die zweite dagegen mit
dem schon entwickelten Menschen schon in staatlichen Verhältnissen zu thun hat.
Statt sich also, sey es auch nur in seinen Phantasien, in dem Leben der Däma-
gogie herum zu treiben, sollte er sich alles [sc.: allen] Ernstes zum gründlichen Studium
der Pädagogik hinwenden; dieß ist ein so großer Mangel in seiner Selbst- und Frei-
thätigkeit, daß ihn auch seine besten Freunde meines erziehenden Kreises alles [sc.: allen]
Ernstes an ihm rügen. Wenn es mir nun auch wirklich möglich wäre ihm von
Morgen bis Abend Unterricht zu geben oder sonst zu beschäftigen, so würde
mir dieß nur wenig nützen, wenn er das gemeinsah gemeinsam Erkannte und Betrachtete
überhaupt das Wesen der Erziehung in sich bearbeitet. Es klingt zwar sehr
grob materialistisch, allein es hat doch etwas sehr Wahres in sich - der Kopf
oder Geist und der Magen haben in ihrer Thätigkeit viel Ähnliches: - Was
kann es dem Magen nützen wenn ich ihn stets mit Speise voll fülle welche er
aber nicht verarbeitet nicht verdaut; So kann es auch dem [sc.: den] Kopfe oder Geiste /
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nicht fördern ihn mit Kenntniß von Dingen zu füllen wenn derselbe sie nicht verarbeitet, wenn
derselbe sie nicht allein zu seinem höheren geistigen Eigenthum macht, sondern sie auch mit
den übrigen Lebensforderungen in Zusammenhang und Einklang bringt. Bei Herrn
Stolze scheint nun dieses fast gar nicht der Fall, wenig bearbeitet er den Gegenstand
außer den Unterrichtsstunden und statt sich mit Erziehung und den Forderungen
und den Mitteln ächter Kinderpflege durch Übung, Schriften und Nachdenken zu beschäf[-]
tigen, bringt er seine Zeit mit, seinem Berufe fremdartigen Dingen hin, und, wenn
er ja etwas gethan hat, wie er mir wohl Kleinigkeiten zeigte, so ist es ohne Zusammenhang
und ohne eigentliche Bedeutung für Kinderpflege und Bildung. Ich bin tief in mir
überzeugt, daß Herr Stolze außer den Stunden, wo er unmittelbar unter meiner
Leitung arbeitet, sich, sogar nur in sich und seinem Geiste wenig dem Nachdenken
über seinen Beruf und dem ernstlichen Streben und Willen, sich dazu gründlich
auszubilden, hingiebt; es dünkt mich, er glaubt in sich fest, mit dem Amte komme
auch zugleich der dazu nöthige Verstand und ganz vor allem die dazu nöthige Über-
sicht bei Kenntniß des Einzelnen und der ganz unerläßlichen Übung und Fertigkeit;
dieß ist nun aber keinesweges der Fall: jedes Geschäft hat zugleich seine technische
und selbst mechanische Seite, diese will angelernt und eingeübt seyn. Ob nun gleich
der hiesige Ort und die gesammten Verhältnisse wenig Aufforderung zum zer[-]
streuenden geselligen Verkehr geben, wenn man sie nicht wirklich sucht, so giebt
sich doch Herr Stolze demselben, ich möchte sagen aus leerer Angewohnheit, überwie-
gend mehr hin, als es die Forderung des von ihm, wie er doch sagt, freithätig ge-
wählten Berufes erlaubt, darum leben denn auch beständig fremdartige Gedanken
allein nie solche in ihm, wie es die Ausbildung für seinen Beruf ihm zur Pflicht macht
und wie es der Fall seyn sollte, wenn er den ersten Vorsatz hätte, den , unter
vielen Tausenden bevorzugt glücklichen Verhältnissen zu entsprechen, welche ihm durch
Ew: Wohlgeboren menschenfreundliches Wohlwollen geboten werden und Ihr[e] Güte
ihm bereiten will. Von solchen Verhältnissen durchglüht sollte nur ein Gedanke in ihm
leben sich denselben entgegen zu bilden, während dem ich ihn treiben und ihn für sein
Ziel festhalten muß, und wie kann ich dieß da er auf der andern Seite so empfindlich
ist und freundschaftliche Vorstellungen gar nicht verstehen will[.] [Text bricht ab]